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Joschka Fischer: Das neue Leben des Jo-Jo Fischer

Seine strenge Obst-Diät hat er aufgegeben, die Sakkos spannen wieder. Der Ober-Grüne ist trotz ungewisser Zukunft ein entspannter Mann geblieben. Das verdankt er der Liebe zu Minu Barati.

Seine Hände werden tief in den Jeanstaschen stecken, er wird sich breitbeinig zwischen die Sitzreihen stellen und uns misstrauisch taxieren, aus sorgenvollen Augen. Wahrscheinlich hat er kurz vor dem Abflug noch mit Colin oder Kofi telefoniert, und die werden ihm bestätigt haben, dass der Globus in viel größerer Gefahr schwebt, als die bequemen Deutschen es ahnen. Dann wird jemand die erste Frage stellen, und Fischer wird ausdauernd gähnen.

So beginnen eigentlich alle Reisen mit ihm. Wenn er normal gelaunt ist, also schlecht, hält er die Hand vor den Mund, wenn er richtig schlecht drauf ist, und das war im Jahr 2003 ziemlich oft so, lässt er die Hand weg. Dann setzt er sich auf eine Armlehne und starrt gedankenverloren auf die Bordleinwand, wo stumm eine US-Komödie läuft. Man sieht, wie es in ihm arbeitet. Mein Gott, jetzt könnte ich schnell noch einen Friedensplan für den Sudan entwerfen, signalisiert die zerfurchte Stirn, stattdessen sitze ich mit acht Ahnungslosen in einem Luftwaffen-Airbus nach Windhoek und muss mir Fragen zur Praxisgebühr anhören.

Für die Konkurrenz viel Spott übrig

Manchmal rettet eine Frage zu Friedbert Pflüger die Situation. Der außenpolitische Sprecher der CDU, der gern sein Nachfolger wäre, reizt Fischer zum Spott wie wenig andere: "Wenn die Amerikaner morgen den Mond zur Scheibe erklären, wird er das auch behaupten." Oder Schäuble, die "badische Nebelwand". Oder "Angie". Aber die kessen Sprüche über Frau Merkel werden zahmer, je mehr Machtinstinkt sie zeigt. Wenn man Fischer wirklich aus seinen düsteren Grübeleien befreien will, muss man mit ihm über Fußball reden. Das "Wunder von Bern" hat er zwar nicht gesehen, da kämen zu viele alte Geschichten hoch. Als die Ungarn 1954 überraschend gegen Deutschland verloren, hat sein Vater, der noch in der ungarischen Armee gedient hat und 1946 aus Budapest vertrieben wurde, geweint. Aber wenn Fischer das Finale Real Madrid gegen Benfica Lissabon mit leicht hessischem Akzent nacherzählt, blitzen seine Augen. Das Spiel fand vor 42 Jahren statt, da waren die meisten Mitreisenden noch nicht geboren.

Er macht nach, wie Eusébio sich durch die Real-Abwehr schlängelt. Sein schwarzer Wollpullover mit dem Zopfmuster, der wohl noch aus schlankeren Zeiten stammt, sitzt dabei so stramm über dem Bauch wie ein Nylonstrumpf über dem Kopf des Bankräubers. Madrid führt bis kurz vor Schluss, doch am Ende heißt es 5 : 3 für Lissabon. Zweimal Eusébio!

Fischer strahlt rauflustig. So dreht man Partien um, die schon als verloren gelten! Glaubt das mal dem Fachmann für hoffnungslose Fälle. Ihr könnt uns tausendmal beerdigen, sagt er, am Ende wird Rot-Grün auch 2006 gewinnen. Wie Benfica. Ich habe eure Nachrufe vor der letzten Wahl noch im Kopf, der Westerwelle hat sie ja geglaubt und schon Möbel für das neue Büro bestellt. Ha, wie viele Leute haben damals nach der Wurst geschnappt und standen dann mit leerem Mund da! Der Metzgersohn schnappt in die Luft, dass die Zähne laut aufeinander klappern. Dann lächelt er boshaft. Sein mitternächtlicher Ausflug durch Schöpfung, Hartz IV und Bundesliga ist zu Ende, jetzt geht er schlafen.

"My dear friend Joschka" wird überall gebraucht

Noch vier Stunden bis Bamako/New York/Taschkent oder Islamabad. Egal wohin - "my dear friend Joschka", wie Colin Powell und zirka hundert weitere Außenminister ihn nennen, wird überall gebraucht. Wenn man Joschka Fischer so reden hört, könnte man glauben, die Umfragen und Wahlergebnisse der letzten Monate seien spurlos an ihm vorbeigegangen.

Die rot-grüne Ära geht zu Ende. Und wenn nicht alle Anzeichen trügen, bereitet er seinen Abschied aus der Bundespolitik vor. Der Herbst des grünen Patriarchen hat begonnen. Noch rast er "wie eine Flipperkugel durchs Weltganze", fand die "Zeit", nicht einmal Genscher ("Was? Schon Freitag? Dann muss das hier Bombay sein.") ist so rastlos umhergejettet.

Vergangenen Sonntag reiste Fischer in den Sudan, kam am Montag zurück nach Berlin, packte neue Hemden ein und flog Dienstag weiter nach Peking. Doch irgendwas ist neuerdings anders. Mitte April 2004, auf dem Weg nach Kabul, irgendwo in elftausend Meter Höhe über Russland. Fischer besucht die mitreisenden Journalisten. Er gähnt nicht. Er kaut nicht auf dem Brillenbügel. Er hat gute Laune. Das hat man lange nicht erlebt, aber in letzter Zeit ist es nicht mehr zu übersehen - er wirkt entspannt. Die Welt mag noch immer ein postmoderner Saustall sein, aber der deutsche Außenminister sieht nicht mehr so aus, als laste ihr Gewicht allein auf seinen immer breiter werdenden Schultern. Fischer ätzt nicht mehr so oft. Er lächelt jetzt gelegentlich. Er trinkt sogar wieder Alkohol. Zum ersten Mal, seit er Außenminister ist, bestellt er bei den Luftwaffen-Stewardessen eine Flasche Rotwein. Sein scheeler Blick auf das Etikett sagt zwar: Solch ein schäbiger Tropfen würde nie in meinem Keller liegen. Aber dann schenkt er ein.

Die mageren Jahre sind vorbei

Acht Jahre lang hatte er "kein Erbarmen" mit sich und nur "das gute Mineralwasser" getrunken und, wenn er sich was richtig Gutes gönnen wollte, eine Apfelschorle. Früher schnitt er sich sorgfältig ein Äpfelchen klein und brach in Begeisterung aus über einen "wunderbar anzusehenden Obstteller". Jetzt sind die mageren Jahre vorbei, den Brotkorb hat er meist schon leer gegessen, bevor die erste Vorspeise kommt. Noch im vergangenen Herbst, beim Besuch in Namibia, verschmähte er die Steaks, die sein Gastgeber Sam Nujoma ihm auf den Teller häufen wollte: "Sie werden es kaum glauben, die Fischers waren sechs Generationen lang Metzger, aber ich esse kein Fleisch mehr." Vorbei. Neulich, im Oman, hat er die Lammspieße, Rinderkebabs und Hackbällchen schneller vertilgt als irgendwer sonst am Tisch. Mit der neuen Frau in seinem Leben ist er wieder auf den Geschmack gekommen. "Allein", sagt er, "hat's einfach nicht geschmeckt."

Die neue Frau in seinem Leben: Sie heißt Minu Barati, ist 28 Jahre alt, trägt lange Locken und kurze Röcke, hat braune Augen, und ihre Haut hat einen leicht bronzenen Teint. Sie ist halb so alt wie ihr neuer Freund und wiegt auch eher halb so viel. Sie hat gar nichts von einer zarten Elfe, die sich an einen mächtigen Mann lehnt, sie wirkt unbekümmert, fröhlich und weiß, dass sie hübsch ist. Den Presserummel rund um ihre Person kann sie "überhaupt nicht verstehen. Wen geht denn das was an?" Die Blitzlichtorgien der Fotografen übersteht sie "nur meditativ", wie sie dem stern anvertraut. In diesem Sommer wird die Studentin der Filmakademie in Babelsberg ihren Abschluss in Filmproduktion machen, was danach kommt, steht in den Sternen. Noch hat sie keinen Job. Erst will sie ein Drehbuch fertig schreiben, an dem sie schon lange sitzt.

Neulich hat sie mit Fischer den Berlinale-Gewinner "Gegen die Wand" gesehen, der Film hat ihr "wahnsinnig gut gefallen", denn im Schicksal der Türkin, die zwischen der archaischen Moral des moslemischen Vaters und dem Lotterleben im Westen mühsam ihren Weg sucht, hat sie "auch ein Stück der eigenen Geschichte erkannt". Ihr Vater ist Perser, die ersten sieben Jahre hat sie im Iran gelebt. Der Zusammenstoß der Kulturen sei bei ihr längst nicht so traumatisch gewesen, denn "mein Vater ist anders als der im Film, ziemlich liberal". Was für ein Glück, denn nun wohnt seine Tochter mit einem Mann zusammen, der schon viermal geschieden ist. Gefragt, ob er bald wieder heirate, kommt von Fischer nur ein gequältes: "Nöö." Aber in der nach oben offenen Skala seiner Dementis rangiert es eher bei Stärke Nullkommafünf.

Der Rummel geht ihm auf die Nerven

Vor den Fotografen würde er seine Neue gern verstecken, denn "der Rummel geht mir so fürchterlich auf die Nerven, dass ich mich ernsthaft zusammennehmen muss, nicht dazwischenzugehen". Neulich, beim ZDF-Sommerfest, gingen sogar Besucher zu Boden, als die Fotografen auf seine neue Frau losstürmten. Ihre Bitten, er möge fürs Foto doch einmal lächeln, wies er brummig ab: "Mir egal, hat es meiner Popularität geschadet?" Als die "Bunte" das Paar im Osterurlaub bis in einen Supermarkt auf Mallorca verfolgte und dann auch noch falsch meldete, er habe seinen Geburtstag ohne die Freundin "mit alten Kumpels an der Côte d'Azur gefeiert", giftete er: "Ja, was führen diese Leute in München denn für Ehen? Sagen die zu ihren Frauen: Schatzi, an meinem Geburtstag flieg ich ohne dich ans Meer?"

Andererseits ist er so stolz auf seine Geliebte, dass er kaum eine Gelegenheit auslässt, sie herzuzeigen. Wenige Tage vor Weihnachten 2003 verabschiedet er sich von den Journalisten, die ihn auf einer Reise in die USA begleitet haben, mit den Worten: "Was bin ich froh, wenn ich euch mal zehn Tage nicht mehr sehen muss. Ich werde zu Hause sitzen und das Haus nicht verlassen." Zwei Tage später geht mittags um halb zwei im "Borchardt" die Tür auf, und ein gut gelaunter Fischer in Freizeitkleidung betritt das Restaurant. Mit ihm seine Freundin. Nur auf dem Bundespresseball trifft man in Berlin mehr Journalisten als mittags im "Borchardt". Wer da hingeht, will gesehen werden. Fischer platziert sie so, dass alle sie gut sehen können. Er strahlt. Schaut her, ist sie nicht hübsch? "Der Politiker lebt nicht zuletzt von, durch und mit den Medien", schrieb Fischer in seinem letzten Buch. Keiner beherrscht diese Kunst so durchtrieben wie er.

Seit Minu Barati mit ihrer kleinen Tochter in seine Wohnung eingezogen ist, wirkt der "hoffnungslose Romantiker" Joseph Martin Fischer, 56, wie ein neuer Mensch. Früher konnte er es kaum erwarten, bis er endlich im Flugzeug nach irgendwo saß, jetzt will er immer schnell wieder heim. Mehr Zeit für Frau und Kind sind ihm plötzlich wichtig. Das war in den vergangenen 30 Jahren selten so, da war er erst mit der Revolution und dann mit der Macht verheiratet, und seine Frauen liefen jedes Mal so lange nebenher, bis sie ihn verließen. Edeltraut, die erste, die er im schottischen Gretna Green heiratete, ging in den wilden Frankfurter Wohngemeinschaftsjahren verloren. Inge, die zweite und Mutter seiner beiden Kinder, beim Einstieg in die Politik. Claudia, die dritte, stürzte ihn in seine tiefste Lebenskrise, als sie ihn 1996 verließ. Die letzte Ehe mit der Journalistin Nicola Leske ist gescheitert, weil sie am Telefon stattfand. Diesmal ist es anders, den "Glücksfall Minu" (Fischer zu Freunden) wird er nicht mehr so leichtfertig ziehen lassen. Diesmal wird er in eine neue Umlaufbahn um die Macht vorstoßen - aber in welche?

Er wäre gern EU-Außenminister geworden

Für den fliegenden Wechsel nach Brüssel, den er noch im vergangenen Herbst erhoffte, ist es zu spät. Er wäre gern der erste EU-Außenminister geworden, doch der prestigeträchtige Posten wird ab 2007 mit dem Spanier Javier Solana besetzt. Das haben die EU-Regierungschefs gerade in Brüssel beschlossen. Fischer gab, wie man hört, die EU-Ambitionen nur zögernd auf, als Kanzler Schröder ihn bat, auch 2006 noch einmal mit ihm in den Wahlkampf zu ziehen. Er wäre gern gegangen. Er ist amtsmüde. Acht Jahre im Auswärtigen Amt seien eigentlich genug, erzählte er Freunden. Für die Achtundsechziger komme langsam die Zeit aufzuhören. Aber wie hätte es ausgesehen, wenn er abgelehnt hätte? "Dann hätten alle gesagt: Der Fischer setzt sich ab, nicht mal er glaubt mehr an einen rot-grünen Wahlsieg", sagt sein Freund Daniel Cohn-Bendit. Fischer musste in Berlin bleiben, ob er wollte oder nicht, und weil er nicht anders kann, verkündet er mit dem üblichem Furor, das Duo Schröder/Fischer werde auch 2006 noch einmal gewinnen: "Ein Gespann Merkel/Westerwelle? Das werden sich die Leute zweimal überlegen."

Das Verhältnis zwischen den Alpha-Tieren Schröder und Fischer ist voller Spannungen und Machtkämpfe, aber bis heute ist kein Wort ihrer Kräche - zuletzt über die Nuklearfabrik in Hanau, die Schröder eigenmächtig den Chinesen versprochen hatte - nach außen gedrungen. "Jeder weiß, dass er ohne den anderen nicht kann", sagt ein hoher AA-Beamter, "sie stehen zusammen, oder sie fallen beide." Ihr Verhältnis hat Schröder mal mit "Koch und Kellner" definiert, und selten lässt der Kanzler eine Gelegenheit aus, ihm zu zeigen, wer in der Küche steht. Ihn nervt die hohe Popularität, die sein Kellner genießt. Als Schröder in der Wahlnacht befand, seine Genossen in der SPD-Zentrale jubelten dem Grünen etwas zu stürmisch zu, bremste er sie: "Jetzt reicht's!"

Als der stern Fischer zum "heimlichen Kanzler" ernannte, schäumte er intern. Ihn wurmt, dass alle Misserfolge der Koalition bei ihm und den Roten abgeladen werden, Fischer und seine Grünen aber ungeschoren davonkommen. Er wird für seine Brioni-Anzüge fast gekreuzigt, Fischer lässt man seine Cerruttis kommentarlos durchgehen. Weil innenpolitisch derzeit wenig Glanz zu ernten ist, reißt Schröder sich zunehmend auch wichtige Bereiche der Außenpolitik unter den Nagel. Fischer, so scheint es, lässt ihn nicht nur gewähren, er hilft ihm noch dabei. Angeblich hat er "überhaupt kein Problem damit, die Nummer zwei zu sein", von Schröder redet er gern als "mein Chef". Aber wer sich seinen Lebenslauf anschaut, weiß, dass Fischer nicht zum Kellnern geboren wurde. Noch mal vier Jahre hält er das nicht aus. Der Fotografin Herlinde Koelbl, die ihn über Jahre porträtiert hat und die er so nah an sich rangelassen hat wie keinen anderen Reporter, hat er mal erzählt, es seien die Kellner, die "hoffentlich die Rechnung servieren und kassieren". So fern ist der Zeitpunkt wohl nicht mehr.

Hinschmeißen käme nie in Frage

Schmallippig ist er beim Maulhalten geworden. "Politiker, das sind die Menschen mit den schmalen Lippen. Weil man so viel wegstecken muss", sagte er zu Koelbl, "das ist überall so, wo man in eisigen Regionen rummacht. Ein Tritt daneben, und es geht abwärts." Das war vor neun Jahren, heute sind die Regionen himalayisch, aber hinschmeißen, wie Lafontaine oder Gysi, das käme nie für ihn in Frage. Er mag die beiden, aber sie hätten gezeigt, dass sie "exzellente Besetzungen für Talkshows" seien, aber "nicht hart genug" für die Politik. Er ist aus anderem Holz. Deshalb geht er noch mal in den Wahlkampf.

Aber wo lässt er seinen Frust? Offen losbollern kann Fischer im Außenamt nicht. Der Mann, der sich selbst eher "der schweren Infanterie" zuordnet, hat sich früher beim Fußballspielen ausgetobt. "Das waren immer zwei Stunden Gruppentherapie", sagt Freund Cohn-Bendit, "da hat man sich angebrüllt und allen Frust abgelassen." Später hat er sich bei stundenlangen Läufen abreagiert, und seit er auch dazu keine Zeit mehr hat, "frisst er den Frust in sich rein. Man sieht es ja".

Niemand hat in Deutschland sein häufig wechselndes Gewicht so zum öffentlichen Thema gemacht wie Fischer. Ob ihn die Diskussion über seine Pfunde nicht jucke, fragte ihn Fotografin Koelbl 1991. "Überhaupt nicht! Ich kann dieses ganze Sportlichkeitsgetue der Enkel nicht ausstehen", schnappte Fischer zurück. Und wenn seine Frau 190 Pfund hätte, würde ihn das stören? "Großer Irrtum! Auch Fülligkeit hat ihren Charme", log er (alle seine Frauen waren schlank). Sieben Jahre später und 37 Kilo schlanker, verspottete er sein Alter Ego aus dickeren Tagen als "schwer atmendes Fass" und bekannte in seinem exhibitionistischen Bestseller "Mein langer Lauf zu mir selbst": "Es gibt sicher Menschen, die mit ihrem Gewicht im Reinen sind." Er sei es nicht gewesen, denn "die meisten DickenÉ sind meist kreuzunglücklich". Er habe sein Elend "hinter kessen Reden verborgen". Damit sei nun endgültig Schluss, "ein Zurück, ein Rückfall gar in die alten Verhältnisse von "König Dickbauch" war ergo fortan ausgeschlossen". Der schmale Band war kaum als Taschenbuch auf dem Markt, da nahm Fischer wieder zu.

Viel Chuzpe gehörte immer dazu

Das Erfrischende an ihm war immer, dass er alles, was er sagte, auch hundertprozentig glaubte. Das macht seine Glaubwürdigkeit aus, das beschert ihm Popularitätswerte, von denen die Heerschar von ängstlichen Politikern - eine Berliner Seuche - nur träumen kann. Er überlegt nicht bei jedem flotten Spruch, ob man ihm in zehn Jahren einen Strick draus drehen könnte. Viel Chuzpe gehörte immer dazu. Fischer, der auch als Revoluzzer stets Kirchensteuer zahlte, besitzt heute noch die Videocassette, auf der er vor einem Untersuchungsausschuss zu sehen ist. Wohin er denn die Steine geworfen habe, wird er da streng gefragt. Fischer schaut unschuldig nach oben: "In die Luft."

Er steht dazu, "kein Meister der Grautöne" zu sein und immer schon "einen Hang zum Extremen in der persönlichen Lebenshaltung" gehabt zu haben. Seine Vita sei wie kaum eine andere "voller Brüche, Wendungen und Sackgassen", sagt sein Freund, der luxemburgische Ministerpräsident Jean-Claude Juncker. Die Wähler haben honoriert, dass er offen dazu stand. Hinzu kommt, dass er bei aller beruflichen Gier persönlich bescheiden geblieben ist. So sehr ihm die Macht schmeckt, so wurscht sind ihm ihre Insignien. In seiner Vier-Zimmer-Etagenwohnung stehen zwar ausgesuchte Antiquitäten, aber der Boden ist mit Laminat ausgelegt. In den Urlaub fliegt er mit Billiglinien. Als die CDU neulich einen Skandal witterte und glaubte, er habe sich seinen Urlaub bezahlen lassen, hätte er zu gern die Tickets präsentiert. 49 Euro teuer, von der Freundin im Internet gebucht. Und weil das Essen an Bord so mies ist, ließ er sich in den Galeries Lafayette ein Baguette mit Käse belegen, kaufte eine Flasche Wein dazu und speiste mit Minu aus der Tüte.

Mal angenommen, er gewönne mit Schröder die nächste Wahl wirklich und würde zum dritten Mal Außenminister - bliebe er dann vier volle Jahre im Amt? Wohl kaum. Viel wahrscheinlicher ist, dass er zur Halbzeit 2008 ausscheidet, denn wie es der Zufall will, wird im Jahr 2009 der Posten des EU-Außenministers neu besetzt. Die Sache hat einen Haken: So wird es kaum kommen. Wie soll sich die SPD bis September 2006 vom historischen Tiefpunkt, den sie in diesem Sommer erreicht hat, erholen? Schwerlich. Aber was dann?

Enkel müssen zeigen, ob sie ohne ihn auskommen

Möglichkeit Nummer eins: Fischer könnte es machen wie sein Lehrmeister Niccolé Macchiavelli, der sich, als man ihn im Rat der Stadt Florenz nicht mehr wollte, auf ein Gut in die Toskana zurückzog und das Standardwerk über den Umgang mit der Macht verfasste. Macchiavelli riet seinem Fürsten, er solle immer darauf achten, von seinen Untertanen geliebt und gefürchtet zu werden, im Zweifel aber sei die Furcht wichtiger. Fischer hat sich ein Leben lang an diesen schlauen Rat gehalten. Er hat den Grünen ihren Ekel vor der Macht ausgetrieben und sie, manchmal mit den Fäusten, in die Regierung geboxt. Ihr "Gejammere, die Macht könnte schmutzig machen", hat er stets als unpolitisch verachtet. "Ich hätte auch den Pförtner im Kanzleramt gespielt, wenn es die Grünen in die Verantwortung gebracht hätte." Bald müssen die Enkel zeigen, ob sie ohne ihn auskommen.

Möglichkeit Nummer zwei: Erst verliert Bush die Wahl, dann Rot-Grün. In der Wahlnacht legt Fischer sein Mandat nieder. Er setzt sich doch nicht, wie Kohl, ins Parlament, wird immer dicker und grämt sich, dass die Partei nichts mehr von ihm wissen will. Es ist Herbst 2006, und wie es der Zufall will, brauchen die Vereinten Nationen zum 1. Januar 2007 einen neuen Generalsekretär. Das wichtigste Wort dabei haben die Amerikaner. Würde die Regierung Kerry einen Deutschen unterstützen, der in seiner Jugend harte Gegenstände Richtung Amerika-Haus geworfen und ihnen später den Feldzug im Irak vermiest hat? Könnte gut sein. Zu den wichtigsten Beratern von Kerry gehört Madeleine Albright. Die ehemalige US-Außenministerin, die sich vor Fischers erstem Besuch in Washington sorgte, "ob er mit schwarzem T-Shirt und Jeans in mein Ministerium hereinplatzen würde", ist längst eine gute Freundin von ihm.

Und wenn es auch damit nichts wird? Bleibt die Möglichkeit Nummer drei, die sein Freund Juncker gern erzählt: Am Tag des jüngsten Gerichts kommen George W. Bush und Joschka Fischer in den Himmel. Sie sitzen beim lieben Gott im Warteraum. Bush muss als Erster rein, kommt nach zehn Minuten wieder raus und sagt: Ist alles gut gelaufen, ich kann bleiben. Nun muss Fischer rein. Nach einer halben Stunde kommt Gott raus und sagt: Alles klar, ich kann bleiben.

Claus Lutterbeck / print
kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(