Pressestimmen "Debakel für die Union und ihre Kandidatin"


Die Presse geht nach der Bundestagswahl hart mit Angela Merkel ins Gericht und prognostiziert ihr eine ungewisse Zukunft. Weitere Verlierer: Rot-Grün sowie die Demoskopen, die mit ihren Prognosen meilenweit daneben lagen.

Süddeutsche Zeitung

"Noch bevor die Koalitionsverhandlungen starten, werden die Intrigen gegen Angela Merkel beginnen. Womöglich sind ihre Tage auch als CDU-Chefin gezählt. Sic transit gloria, so vergeht der Glanz des Wahlkampfes. Kandidatin Merkel ist von Nachfolgern umstellt. Sie ist Angela Ohneland. Die Koalitionsbildung wird noch spannender werden als der Wahlkampf: Es ist vieles möglich und wenig ausgeschlossen. Ein Wahlergebnis, das so viele, zum Teil verwegene Koalitionsspiele eröffnet, hat es in der Geschichte der Republik noch nie gegeben. Das ist nicht bedenklich, das ist nur neu. Die politischen Verhältnisse in Deutschland sind ins Tanzen gekommen. Das Ganze wird wohl schließlich auf eine große Koalition hinauslaufen oder auf eine Ampel, also auf SPD/FDP/Grüne - die für die SPD den Charme hätte, dass Schröder Kanzler bleiben könnte."

Frankfurter Allgemeine Zeitung

"Dieses Wahlergebnis ist ein Debakel für die Union und ihre Kanzlerkandidatin. Zwar war nicht damit zu rechnen, dass der Frühjahrs-Höhenflug von CDU und CSU bis in den Herbst hinein anhalten würde. Es war auch keine Überraschung, dass der Herr, der der Union damals diesen Vorsprung gegeben hatte, ihn ihr zum Ende hin in Teilen wieder nehmen würde. Schröder hat sich noch nie kampflos dem Schicksal ergeben, und er tat es auch diesmal nicht. Doch dass die Union weit hinter ihr Ergebnis von 2002 zurückfallen würde, das hatte kaum jemand für möglich gehalten. CDU und CSU werden den Hochrechnungen nach die stärkste Fraktion im neuen Bundestag stellen. Das ist ein Regierungsauftrag, auch wenn er nicht überdeutlich ausfiel. Angela Merkel nahm ihn am Wahlabend an. Kanzlerin ist sie damit noch nicht. Denn der amtierende Kanzler gibt sich nicht geschlagen."

Bild

"Sein Neuwahl-Kalkül ist am Ende aufgegangen: Nach einer Serie von katastrophalen Niederlagen bei den Landtagswahlen hat er die SPD aus dem Tal der Tränen herausgeführt und die Partei vor dem Absturz bewahrt. Angela Merkel dagegen hat eine bittere Niederlage hinnehmen müssen. Die Frau aus dem Osten hat deutlich weniger Stimmen geholt als Edmund Stoiber vor drei Jahren. Sie hat gewonnen, und doch verloren. Der Sensations-Sieger ist Guido Westerwelle. Der Riesen-Wahlerfolg für die Liberalen zeigt: Klare Konzepte und das Bekenntnis zu Reformen zahlen sich aus! In dem Wahlergebnis, so überraschend es die Wähler der Politik beschert haben, liegt durchaus eine Chance für Deutschland. Bei allen Unterschieden, es gibt sie doch: eine Reform- Mehrheit im Lande! Das Wahlergebnis kann den erhofften Reformschub bringen - wenn Union, FDP und die reformfreudigen Kräfte der Grünen in Ruhe über das gestern Abend vielleicht noch Undenkbare nachdenken: die schwarze Ampel! Sie wäre einer großen Koalition, in der Betonköpfe den Stillstand zementieren, allemal vorziehen!"

Die Welt

"Völlig überraschend kam diese Wahl über das Land und das Ergebnis auch. Die Deutschen konnten sich zwischen zwei klar markierten Wegen in die Zukunft entscheiden. Gewählt haben sie einen dritten, den in der Mitte doch der kann überall hin führen, sogar zu Neuwahlen. Noch nie haben zwei Parteien zugleich den Auftrag zur Regierungsbildung für sich reklamiert. Die eine, die SPD, trotz des zweitschlechtesten Abschneidens seit den 50er Jahren, aber mit einem Kanzler, der vor Selbstbewusstsein strotzt. Die andere, die Union, aus der Position der wohl stärksten Fraktion heraus, aber mit einem Ergebnis, das meilenweit hinter dem Erwarteten zurückblieb. Angela Merkel wird um ihren Anspruch kämpfen müssen. Viele, sehr viele, werden sie zum Sündenbock machen."

Frankfurter Rundschau

"Eines aber hat diese Wahl nicht erbracht: einen eindeutigen Gestaltungsauftrag. Die Bürger haben sich einfach der Aufgabe verweigert, eine klare Richtungsbestimmung vorzunehmen. Sie sind eben, was Merkel zu leugnen trachtete und Gerhard Schröder schmerzlich in seiner SPD erfahren hat, zerrissen. Neben der Einsicht, dass Veränderung nötig ist, um das Sozialgefüge zu erhalten, steht der feste Wille, vom Hergebrachten zu retten, was irgend möglich erscheint. Und keine der Volksparteien hat es geschafft, die Trennlinie zwischen beiden berechtigten Bedürfnissen scharf zu ziehen und überzeugend zu vermitteln. Ob eine Regierung, gebildet unter solch unsicheren Vorzeichen, vier Jahre überdauern kann, mag füglich bezweifelt werden."

Stuttgarter Zeitung

"Die Union und Angela Merkel haben den Wahlkämpfer Gerhard Schröder unterschätzt und reihenweise Fehler gemacht. Schröder hat mit seinem Wahlkampf die realen politischen Verhältnisse an den Rand und die siegestrunkene Opposition in die Defensive gedrängt. Dem Kanzler ist es gelungen, die eigene Partei und einen überraschend großen Teil des Wahlvolkes vergessen zu machen, warum es diese vorgezogene Wahl überhaupt gegeben hat. Er war nämlich mit eben jener Reformpolitik am Ende, für deren angebliche Fortsetzung er dann im Wahlkampf geworben hat. Der Union und ihrer Spitzenkandidatin ist es nicht gelungen, diesen um sich greifenden Gedächtnisschwund zu bremsen."

Westdeutsche Allgemeine Zeitung

"Merkels persönliche Zukunft ist ungewiss. Der Union steht eine turbulente Woche bevor, in der offen oder auch verdeckt über fast alles diskutiert werden wird, auch über eine Ablösung Merkels. Diese Chance werden sich ihre starken Gegner, die Ministerpräsidenten, aber auch Hoffnungsträger-Figuren wie Merz, kaum nehmen lassen. Das gilt selbst dann, wenn Merkel Kanzlerin werden sollte in einer großen Koalition, denn das wäre, gemessen an den hohen Erwartungen innerhalb der Union, fast ein Eingeständnis des Scheiterns."

Neue Westfälische

"Die eigentlich tragische Figur bei der Wahl ist die Siegerin. Ob sie als Frau gegen konventionelle Schranken stieß, oder ob ihr der Wähler die Umsetzung der Unions-Politik nicht zutraute, Angela Merkel hat ein Debakel erlebt. Wer einen solchen Vorsprung verspielt, wer seine Partei nicht hinter sich bringen kann und dann mit dem Steuerexperten Paul Kirchhof für völlige Verwirrung sorgt, wer in dieser wirtschaftlichen Situation ein schlechteres Ergebnis einfährt als 2002 Edmund Stoiber, der kann und darf eigentlich nicht Kapitän auf der Berliner Regierungsbrücke sein. Doch was nun? Der Bundesrat wird die Pläne einer von Gerhard Schröder geführten Koalition weiterhin blockieren. Andererseits muss Angela Merkel mit der SPD eine andere Politik machen, als sie ihren Wählern versprochen hat. Deutschland hat gewählt, das Problem ist: Es hat sich nicht entschieden."

Neue Osnabrücker Zeitung

"Dass Schwarz-Gelb keine Mehrheit fand, ist für die Liberalen zwar bedauerlich. Doch die Perspektive, im Falle einer großen Koalition mit dem Chef der stärksten Fraktion den Oppositionsführer zu stellen, muss die FDP beflügeln. Hier bieten sich mittelfristig Perspektiven zur Profilierung, von denen Guido Westerwelle und sein Team bislang kaum zu träumen wagten. Einen schweren Rückschlag haben dagegen die beiden großen Parteien erlitten. So liegt das Wahlergebnis von Angela Merkel weit unter den selbstgesteckten Zielen. Der vor Wochen noch beträchtliche Vorsprung in den Umfragen ist dahingeschmolzen wie Schnee in der Sonne. Trotz seiner furiosen Aufholjagd heißt aber der eigentliche Verlierer des Wahlabends Gerhard Schröder. Was von ihm als Befreiungsschlag nach dem Urnengang in Nordrhein-Westfalen gedacht war, erwies sich als dramatische Fehleinschätzung und Todesstoß für Rot-Grün."

Rhein-Neckar-Zeitung

"Ist der Wahlkampf gestern Abend eigentlich schon zu Ende gegangen? Wenn es nach Gerhard Schröder geht, muss man alle bekannten Arten, Wahlergebnisse zu interpretieren, vergessen. Ein schwieriges Ergebnis, zweifellos. Alle denkbaren Ampeln und sonstige Konstellationen herauf- und heruntergerechnet bleibt unter dem nüchternen Strich entweder eine große Koalition mit einer entzauberten Angela Merkel als Kanzlerin. Oder das, was die beiden SPD-Granden gemeinsam zu ihrem Nach-Wahl-Ziel erklärt haben: Eine Neuauflage der Kanzlerschaft Schröders. Und das ginge nur über eine Ampel mit der FDP. Der Kanzler will sich sich mit dem halben Wunder seiner Aufholjagd nicht zufrieden geben. Die SPD wird, allen Absagen der FDP zum Trotz, die Liberalen ins Boot zu holen versuchen. Dazu müssen Schröder und Müntefering eine Situation herbeiführen, in der ein Bündnis mit der Union scheitert und wo sich die FDP in die staatspolitische Pflicht genommen sieht. Wir dürfen uns auf Überraschungen gefasst machen."

Sächsische Zeitung

Die Union ist zwar stärkste Fraktion im Bundestag geworden und hat gute Aussichten, den künftigen Regierungschef zu stellen. Doch richtig freuen kann sie sich über das drittschlechteste Ergebnis seit 1949 nicht. Die Gründe für das schlechte Abschneiden liegen bei der Kanzlerkandidatin Merkel. Gegen die Popularität von Amtsinhaber Gerhard Schröder kam die erste Frau in Deutschland in dieser herausgehobenen Position nicht an. Ab sofort ist deshalb die Debatte über die politische Zukunft der Kandidatin eröffnet. In der Steuerpolitik hat Merkel durch ihre ungeschickte Taktierei entscheidende Fehler gemacht und viele Wähler völlig verunsichert. Zahlreiche Unions-Anhänger sind außerdem kurzfristig zur FDP übergelaufen, weil sie aus taktischen Gründen eine große Koalition aus Union und SPD verhindern wollten.

Märkische Allgemeine

"Wir haben dir geglaubt Forsa, wir haben dir vertraut Allensbach, wir haben dir jede Zahl von den Lippen abgelesen Emnid. Jede Veränderung hinter dem Komma hat in der politischen Landschaft ein leichtes Erdbeben ausgelöst. Jedes Prozent Veränderung hat es in die Überschriften geschafft. Manch einer hat sogar schon von einer Demoskopie-Demokratie gemunkelt. Noch am Freitag habt ihr uns ein Kopf-an-Kopf-Rennen versprochen. Ihr erinnert euch: Da lag die Union noch stabil zwischen 41 und 43 Prozent und die FDP bei 6,5 bis 7 Prozent. Jetzt gehen alle Vorhersagen den Allensbach runter. Zugegeben, zwischen Freitag und Sonntag lag der Sonnabend, da kann so einen CDU-Wähler schon mal der Mut verlassen. Doch wie stehen wir jetzt da mit unserem Kopf-an-Kopf-Rennen? Gestern Abend haben wir unter dem Eindruck der ersten Hochrechnungen noch schnell eine repräsentative Meinungsumfrage in der Redaktion gemacht. Die Frage: Halten Sie Demoskopen für glaubwürdig? Alle antworteten mit Nein. 100 Prozent ohne Toleranz."

Ostsee-Zeitung

"Angela Merkel lässt erkennen, dass sie die Regierungsbildung will und wohl auch mit der SPD für möglich hält. Bringt eine große Koalition jenen frischen Wind, den Deutschland braucht? Gerhard Schröder hat es versucht. In dem fremd klingenden Begriff „Agenda 2010“ steckt das Reformpaket, das die deutschen Probleme heilen sollte, den Arbeitsmarkt ankurbeln und die ins Trudeln geratenen Sozialsysteme Rente und Gesundheit auffangen. Es ist gescheitert. Merkel steht mit der Union für mehr Kompetenz in der Wirtschaftspolitik. Aber zu ihrem Konzept gehören auch Lockerung des Kündigungsschutzes und des Flächentarifs, Subventionsabbau, Umbau des Steuersystems und der Krankenversicherung - im Wahlkampf von der SPD als «radikal unsozial» gegeißelt. Wie Feuer und Wasser in einer großen Koalition zusammen gehen sollen, ist zunächst schleierhaft. Das Wahlergebnis ist nicht so, dass es für Deutschland nach Wende und Aufbruch aussieht."

Mitteldeutsche Zeitung

"Jetzt darf trefflich gerätselt werden, welche Regierungskoalition Rot-Grün ablöst. Am wahrscheinlichsten ist eine Zusammenarbeit der beiden großen Volksparteien. Allerdings wird zumindest in liberalen Kreisen eine 'schwarze Ampel' (CDU/FDP/Grüne) in Erwägung gezogen. Dafür wäre aber die Überbrückung fundamentaler politischer Meinungsverschiedenheiten zwischen FDP und Grünen Voraussetzung. Übrigens genau so, wenn auf der anderen Seite eine rechnerisch mögliche - Regierungsbildung von Sozialdemokraten, Liberalen und Grünen in Erwägung gezogen wird. Wer diese Konstellation befürwortet, muss sich allerdings die Frage gefallen lassen, ob das gestrige Wahlergebnis tatsächlich als Auftrag zur Bildung einer Regierung für Schröders SPD taugt."

Thüringer Allgemeine

"Vielleicht versuchen es die Meinungsforscher künftig mit einer Glaskugel. Eine Koalition der großen Verlierer stand nicht auf ihrem Tableau. Auch wenn die Wahlarithmetik manche andere bunte Mischung noch zulässt, die Tendenz scheint absehbar. Kommt es so, entspricht es voll der schwammigen Haltung des Wählers. Der hält von dem Reform- Eifer seiner Volksvertreter offenbar weiterhin reichlich wenig. Bitte alles, nur keine Aufregung scheint das Leitmotiv. Dabei zeigte bereits die Auseinandersetzung am Abend, dass es ganz ohne nicht abgeht."

Westdeutsche Zeitung

"Was für ein vertracktes Wahlergebnis: Die Bürger haben sich entschieden und trotzdem geht der Kampf um das Kanzleramt weiter. Beflügelt von der Schlappe, die die Union entgegen allen Erwartungen einstecken musste, überraschte Gerhard Schröder die staunende Öffentlichkeit mit einer Ankündigung, in Konkurrenz zu Angela Merkel eine Regierung bilden zu wollen. Soviel Unklarheit wahr noch nie nach einer Bundestagswahl. Das ist - ganz gleich wie letztlich die Regierungsbildung ausgehen wird - kein gutes Omen für die nächsten Jahre in Deutschland."

Braunschweiger Zeitung

"Der Verlierer dieser Wahl sind die Volksparteien. Sowohl die SPD als auch die CDU müssen ein ungewöhnlich schlechtes Ergebnis beklagen. Beide sind mehr als zehn Prozent von ihren Bestmarken entfernt. Das Gerangel um den Platz in der Mitte reicht nicht mehr, um eine klare Mehrheit zu bekommen. Die Deutschen haben nicht nur Rot-Grün abgewählt, sie haben auch Schwarz-Gelb verhindert. Sie wollen erzwingen, dass die Großen endlich wieder Profil zeigen und sich nicht im Abwarten und Aussitzen profilieren. Gerade in einer rot-grün-gelben Koalition, aber noch mehr in einer großen Koalition wird sich die Politik in Deutschland nach dieser Wahl verändern: Die SPD wird stärker nach links ziehen, die CDU stärker nach rechts - um eine noch größere Wanderung zur Linkspartei und zur FDP zu verhindern."

Lübecker Nachrichten

"Die Gewinner der Wahl 2005 sind die drei kleineren Parteien, die allesamt mehr als ordentlich abgeschnitten haben, die FDP sogar sensationell gut. Allerdings wächst mit dem Erfolg auch die Verantwortung. Guido Westerwelle und die FDP wären gut beraten, ihre strikte Ablehnung jeder möglichen Regierungsbildung zu überdenken. Auch wenn man sich gedanklich ziemlich weit strecken muss, um sich Westerwelle und Fischer an einem Kabinettstisch vorzustellen, eine Koalition der Verantwortungsbereiten aus Union, FDP und Grünen, wäre im Gegensatz zu einem Bündnis mit Rot-Grün kein Verrat an der liberalen Klientel. Ist es nicht gerade die FDP, die von den Bürgerinnen und Bürgern Mut und Bereitschaft zur Veränderung fordert? Na, also, Führung braucht Vorbild und hätte in diesem Fall mindestens eine Segen spendende Folge: Die große Koalition der Verlierer wäre verhindert."

Weser-Kurier

"Viele wollten ganz offenbar den Wechsel, aber ohne vom Alten zu lassen. Wie das gehen soll, zu reformieren, ohne etwas zu verändern, das ist eine Frage, die wohl kein Politiker beantworten kann. Die Sehnsucht, den Pelz zu waschen, sich aber dabei nicht nass zu machen, ist eine schlechte Voraussetzung für die kommenden schwierigen Anpassungsprozesse, vor denen Deutschland steht. Eine große Koalition aus CDU/CSU und SPD hätte wegen der überdeutlichen Mehrheit im Bundestag, aber auch wegen der Mehrheitsverhältnisse im Bundesrat theoretisch die Kraft, unpopuläre Entscheidungen durchzusetzen. Es besteht aber auch die Gefahr, dass sich die Kräfte lähmen und an den Rändern starke Fliehkräfte auftreten. Alles in allem: Die Republik bleibt auch nach diesem Wahltag eher ratlos zurück."

Kölnische Rundschau

"Es sollte eine Richtungswahl werden, die Wähler haben aber keine vollkommen neue Richtung vorgegeben. Es kommt zwar mit größter Wahrscheinlichkeit zum Kanzlerwechsel. Nur wann das sein wird, das ist noch nicht absehbar. Damit wird es mit oder ohne Schröder nicht zu einer grundlegend anderen Politik in Deutschland kommen. Nach den ersten Hochrechnungen war klar, dass das Wahlziel von Union und FDP nicht erreicht wurde. Ebenso steht fest, dass die rot-grüne Koalition beendet ist. Theoretisch kann es zwar in verschiedenen Konstellationen zu einer Regierungsbildung kommen. Die politische Vernunft gebietet nach dem Stand am Wahlabend nur eine große Koalition. Der Kanzler scheint da anderer Meinung zu sein. Es liegt also nun bei den beiden großen Parteien, ob Deutschland in der Blockade verharrt oder ob Politik wirksam gestaltet werden kann. Die Voraussetzungen dafür sind allerdings denkbar schlecht."

Leipziger Volkszeitung

"Der Osten Deutschlands hat den klaren Ausschlag gegen Schwarz-Gelb und eine ausgeprägte, pointierte Reformpolitik gegeben. Und ausgerechnet eine Kanzlerkandidatin abgestraft, die aus den neuen Bundesländern stammt. Die selbsterklärten Sieger, sowohl Schröder als Merkel, sind die großen Verlierer der vorgezogenen Bundestagswahl. Und die Demoskopen, die mit ihren Prognosen meilenweit daneben lagen. Deutschland könnte nun eine schwierige und turbulente Suche nach einer halbwegs funktionierenden Regierung erleben. Die SPD will sich nicht von der Linkspartei tolerieren lassen und die mit den Leihstimmen der Union aufgepäppelte FDP kann es sich kaum erlauben, kurz nach der Wahl umzukippen und in eine Ampelkoalition einzusteigen. In der könnten die Liberalen so gut wie nichts durchsetzen. Das markiert wohl die größte Ironie des Urnengangs: Die einzigen Wahlsieger müssen auf den harten Oppositionsbänken bleiben."

Mannheimer Morgen

"Beide Volksparteien müssen sich zusammenraufen. Weder Schwarz-Gelb noch Rot-Grün haben eine Legitimation durch den Wähler erhalten. Das muss zwangsweise zu Kompromissen führen. Eine stabile Regierung ist nur möglich, wenn beide Seiten aufeinander zu gehen und Minimalziele formulieren. Schließlich hat die Wahl bewiesen: Ein radikaler Kurswechsel ist derzeit nicht möglich. Eine Große Koalition erscheint ý trotz ihrer Schwächen ý als geringstes aller Übel. Die Alternative wäre die Unregierbarkeit. Schröder und Merkel müssen sich ihrer Verantwortung bewusst sein. Blockade oder Kooperation ý die Zeit für taktische Spielchen ist vorbei."

Trierischer Volksfreund

Deutschland hat den Stillstand gewählt. Mithin war dieser Wahlsonntag kein guter Tag für das Land. Es hatte deshalb schon fast surreale Züge, wie sich die Spitzenleute der Parteien am Wahlabend als Sieger gerierten. Denn mit Ausnahme der SED-Nachfolgerin Linkspartei/PDS sind alle Verlierer: SPD und Grüne haben die Macht verloren. Union und Liberale haben sie verfehlt. Mit den politischen Schmuddelkindern um Lafontaine und Gysi will niemand reden, geschweige denn regieren. Und für eine Ampelei unter roten wie unter schwarzen Vorzeichen will die FDP auf keinen Fall zur Verfügung stehen. Somit zeichnet sich ab, was in den letzten Wochen bereits zu befürchten war: eine große Koalition. Daran kann auch der gespenstische Auftritt von Gerhard Schröder am Wahlabend nichts ändern. Doch eine große Koalition bedeutet Lähmung, allenfalls geringfügige Bewegung auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner bei einer hauchdünnen Ein-Stimmen-Mehrheit im Bundesrat.

General-Anzeiger

"Die Verlierer jubelten, und die Sieger trugen Trauer - Deutschland am 18. September 2005. Verkehrte Welt? Nur scheinbar. Denn die Union landete meilenweit hinter dem von ihr erhofften Wahlergebnis, während sich bei den Sozialdemokraten die Hoffnungen der Optimisten erfüllten - zugegeben: sehr bescheidene Hoffnungen. Die rot-grüne Koalition hatte schon vorher nicht mehr mit ihrer Bestätigung durch den Wähler gerechnet. Es ging nur noch um das Ausmaß der Niederlage. Die wiederum fiel weit weniger schmerzlich aus, als man bei SPD und Grünen noch vor ein paar Wochen befürchten musste. Die SPD hat Grund, sich dafür bei Gerhard Schröder zu bedanken. Dieses Wahlergebnis, von dem die Sozialdemokraten noch vor kurzem nicht einmal zu träumen gewagt hätten, ist sein persönlicher Triumph."

Die Tageszeitung

"Ob Schröder oder Merkel: Beide müssen künftig mehr Rücksicht nehmen. Auf Parteifreunde und auf Gegner. Rückenwind haben vor allem die internen Rivalen der CDU-Vorsitzenden, Ministerpräsidenten und andere. Übrigens nicht deshalb, weil Angela Merkel eine ostdeutsche Frau ist. Das war bereits bekannt, als ihr in Umfragen noch ein strahlender Sieg prophezeit wurde. Ihre Niederlage hat politische Gründe. Keine emotionalen. Die Kandidatin erweckte den Eindruck, einen Systemwechsel herbeiführen zu wollen. Weg vom rheinischen Kapitalismus, hin zum Nachtwächterstaat und zur Privatisierung der großen Lebensrisiken. Was sie übersah: der rheinische Kapitalismus ist keine sozialistische Erfindung. Offenbar gibt es einen breiten gesellschaftlichen Konsens, das faktisch bestehende Recht des Stärkeren nicht auch noch ideologisch untermauert sehen zu wollen. Die meisten Anhänger der Union wünschen keinen Manchester- Kapitalismus."

Financial Times Deutschland

Der Souverän hat gesprochen, nun müssen nicht nur die Parteien, sondern auch Investoren und Unternehmer analysieren, welche Folgerungen sich aus dem Urteil der Wähler ergeben kurzfristig für die Konjunktur, vor allem aber langfristig für die Wachstumschancen Deutschlands. Allein mit den Wahlkämpferqualitäten der aktuellen Kandidaten ist solch ein Ergebnis nicht zu erklären. Vieles spricht dafür, dass hier tiefere Trends sichtbar werden: Ein immer noch reiches, aber stagnierendes Land, dessen Wählerschaft immer älter wird, neigt womöglich strukturell zur Defensive. Die Wirtschafts- und Sozialpolitik wird daher auch in Zukunft nur sehr zögerlich und langsam auf die ökonomischen Herausforderungen reagieren, vor die sie etwa durch die Globalisierung und den demographischen Wandel gestellt ist. Neue Argumente, in Deutschland zu investieren, liefert das Wahlergebnis dennoch nicht. Eher ein paar Gründe, es langfristig zu meiden.

DPA DPA

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