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Wikileaks veröffentlicht geheime US-Depeschen: Klatsch, Tratsch und harte Urteile

Afghanistans Präsident Karsai von "Paranoia" getrieben, Russlands Premier Putin ein "Alpha-Rüde": Die US-Depeschen im Besitz von Wikileaks bergen höchst Unschmeichelhaftes über die Mächtigen der Welt.

Mehr als 250.000 diplomatische US-Depeschen im Besitz der Internetplattform Wikileaks enthüllen nach einem Bericht des "Spiegel" Amerikas kritische Haltung auch verbündeten Regierungen gegenüber. Laut "Spiegel" stammen 90 Prozent der Dokumente aus der Zeit seit 2005. Nur sechs Prozent seien als "geheim" eingestuft, 40 Prozent als "vertraulich". In den Depeschen geht es unter anderem um persönliche Einschätzungen der Diplomaten zu Politikern ihres Gastlands, vertrauliche Absprachen und geheime Informationen.

Der aggressive Westerwelle

Die Urteile der Amerikaner über deutsche Politiker sind dabei wenig schmeichelhaft. CSU-Chef Horst Seehofer wird als "unberechenbar" charakterisiert, Außenminister Guido Westerwelle (FDP) als "aggressiv" und mit dem klaren Fazit "Westerwelle NO Genscher" deklassiert. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bescheinigen die Amerikaner, "selten kreativ" zu sein und das Risiko zu meiden. Eine Depesche wird im Spiegel zitiert: "Angela Merkel wird intern "Teflon" genannt, weil alles an ihr abgleitet." Am besten schneidet Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) ab. Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel (FDP) gilt als "schräge Wahl". US-Außenministerin Hillary Clinton entschuldigte sich bereits am Freitag in einem Telefonat mit Westerwelle für den Datenskandal, wie das Auswärtige Amt mitteilte.

Nach Einschätzung des Koordinators der Bundesregierung für die transatlantische Zusammenarbeit, Hans-Ulrich Klose (SPD), werden die Enthüllungen nicht das deutsch-amerikanische Verhältnis belasten. Klose forderte im "Hamburger Abendblatt", in Deutschland "entspannt" mit den Enthüllungen umzugehen.

Von "Schwache Persönlichkeit" bis "Alpha-Rüde"

Aber auch ausländische Politiker bekommen ihr Fett weg. So werde der afghanische Präsident Hamid Karsai als "schwache Persönlichkeit" beschrieben, der von "Paranoia" und "Verschwörungsvorstellungen" getrieben werde, berichtet der "Spiegel". Der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan wird den Angaben zufolge skeptisch bewertet, während beim Urteil über die Regierung Kenias aus fast jeder Zeile der Botschaftsberichte Verachtung spreche. Ägyptens Präsident Husni Mubarak habe den unter George W. Bush begonnenen Irakkrieg für gefährlichen Unsinn und den damaligen US-Präsidenten für unbelehrbar gehalten.

Aus dem US-Außenministerium seien zudem Informationen angefordert worden, ob der italienische Regierungschef Silvio Berlusconi tatsächlich Privatgeschäfte mit Russlands Premierminister Wladimir Putin getätigt habe. Putin werde dabei als "Alpha-Rüde" bezeichnet, Präsident Dmitri Medwedew als "blass" und "zögerlich".

Die Dokumente zeichneten auch das gewachsene Selbstbewusstsein Pekings nach. China stelle sich nach außen mit "Muskelspielen, Triumphalismus und Anmaßung" dar, urteilten US-Diplomaten demnach.

In den Akten finde sich aber auch viel Klatsch und Berichte vom Hörensagen. Über den libyschen Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi heiße es da, er reise praktisch nicht mehr ohne die Begleitung einer vollbusigen ukrainischen Krankenschwester. Medwedews Ehefrau Swetlana soll derweil "schwarze Listen" über Amtsträger angelegt haben, weil sie ihrem Mann gegenüber nicht hinreichend loyal seien.

UN-Führungskräfte im Visier von US-Spionen?

Nach Darstellung der britischen Zeitung "Guardian" haben die USA versucht, die Führung der Vereinten Nationen auszuspionieren. Seit Juli 2009 würden auf Anforderung von Außenministerin Hilary Clinton persönliche Kreditkarteninformationen, Vielflieger-Kundennummern sowie E-Mail- und Telefonverzeichnisse von UN-Diplomaten gesammelt. Wie der britische "Guardian" auf seiner Website weiter berichtet, drängte König Abdullah Washington, den Iran anzugreifen, um das Atomprogramm des Landes zu zerstören. "Spiegel Online" berichtete, aus den Depeschen von US-Diplomaten gehe hervor, dass mehrere arabische Staaten mit den USA gegen den Iran paktierten.

Über Jordanien heißt es demnach in einer Depesche vom 3. Februar 2010: "Während die jordanische Regierung die US-Regierung ohne Zweifel dabei unterstützt, den Druck auf Iran zu vergrößern, werden sie wahrscheinlich eine öffentliche Rolle bei diesem Thema vermeiden." König Abdullah von Saudi-Arabien sagte demnach, Irans Ziel sei es "Probleme zu verursachen" und "der Welt Angst einzuflößen".

USA versuchte Veröffentlichung zu stoppen

Das US-Außenministerium hatte am Samstag mit einem Brief an Wikileaks-Gründer Julian Assange die erwartete Massen-Veröffentlichung zu verhindern versucht. Die geplante Offenlegung der vertraulichen und zum Teil als geheim eingestuften Berichte amerikanischer Botschaften "gefährdet das Leben zahlloser Personen", heißt es in einem Schreiben von Rechtsberater Harold Hongju Koh. Eine Veröffentlichung setze Journalisten, Menschenrechtsaktivisten, Blogger, Soldaten und Informanten Risiken aus, schreibt Koh. Auf dem Spiel stünden außerdem laufende Operationen im Kampf gegen den Terror, Menschen- und Waffenschmuggel. Auch die Kooperation von Staaten werde gefährdet.

Der "Spiegel" wollte die Ausgabe eigentlich erst am Sonntagabend um 22.30 Uhr veröffentlichen. Jedoch waren im Internet-Nachrichtendienst Twitter bereits vorab Hinweise auf Kopien versendet worden. Auch an einzelnen Bahnhöfen war das Magazin mit der Titelgeschichte "Enthüllt - Wie Amerika die Welt sieht" zu kaufen. Weltweit hatten sich Regierungen auf die Veröffentlichung vorbereitet. Die USA warnten auch Deutschland vor.

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swd/AFP/DPA / DPA