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Serie Teil 4: "Todesurteil für Europas Juden"

Als Hitlers Statthalter in Prag regiert er mit "Zuckerbrot und Peitsche". Sogar "Führer" will Reinhard Heydrich werden. Tschechische Attentäter beenden die Karriere der "blonden Bestie" - doch der Völkermord "geht immer weiter".

Nur zu ganz besonderen Anlässen werden in Prag die Kleinodien der böhmischen Könige hervorgeholt. Der 19. November 1941 bot so einen Anlass: die symbolhafte Unterwerfung der Tschechen unter die deutsche Gewaltherrschaft. In der Wenzelskapelle, gleich neben der Goldenen Pforte des Doms St. Veit, übergab der tschechische Staatspräsident Emil Hacha dem amtierenden Reichsprotektor Reinhard Heydrich die sieben Schlüssel zur Krönungskammer. Drei erhielt Hacha zurück, wie Heydrich betonte, "als Symbole der Treue Böhmens und Mährens zum Reiche". Dann standen die Männer vor dem Allerheiligsten der Tschechen, der Wenzelskrone. Sie war versehen mit einem juwelengeschmückten Kreuz, besetzt mit einem Stachel, angeblich von Christi Dornenkrone, und belegt mit einem Fluch: Wer diese Krone unbefugt aufsetzt, wird binnen Jahresfrist eines gewaltsamen Todes sterben und danach sein ältester Sohn.

Was sollte ihn schrecken?

Der alte Aberglaube reizte den Draufgänger und Machtmenschen Heydrich. Was sollte ihn schrecken? Ihn, den gefürchteten Befehlshaber über die Häscher der Geheimen Staatspolizei, die Agenten des Sicherheitsdienstes und die Mordkommandos der Sicherheitspolizei. Ihn, der mehr Gewalt in seinen Händen vereinte als alle Würdenträger des Nazi-Imperiums außer seinem "Führer" Adolf Hitler und SS-Chef Heinrich Himmler. Ihn, den Herrn über Leben und Tod von "Reichsfeinden" und Juden. Der 38-Jährige setzte sich kurz entschlossen die Krone auf, zum Entsetzen der Tschechen.

An jenem 19. November fühlte sich Heydrich stärker denn je. Beinahe kindlich hatte er sich gefreut, als Hitler ihn am 24. September im ostpreußischen Hauptquartier "Wolfsschanze" zum Nachfolger des auf "Krankheitsurlaub" geschickten Statthalters Konstantin von Neurath ernannt hatte. Der Diplomat war dem "Führer" zu lasch gegenüber den Tschechen. "Ich bin es geworden", frohlockte Heydrich, wieder in Berlin, vor seinem Vertrauten Walter Schellenberg und ließ Sekt auffahren. Der Posten brachte ihm endlich den ersehnten direkten Zugang zum Führer, von dem im Dritten Reich alle Macht ausging. "In Hitler-Deutschland war keine Maßnahme von irgendwelcher Bedeutung denkbar", bestätigte dessen Leibarchitekt Albert Speer später, "ohne dass Hitler von ihr gewusst, ja ohne dass er sie ausdrücklich befohlen hätte."

Bisher waren Heydrichs Ideen und Vorschläge meist über den "Reichsführer SS" Himmler oder Reichsmarschall Hermann Göring an Hitler gegangen und auf gleichem Weg zurück dessen Wünsche an ihn. Heydrichs Aufstieg vom kleinen NS-Nachrichtensammler 1931 zum Leiter des Reichssicherheitshauptamts (RSHA), der Zentrale des Terrors im SS-Staat, war stets im Schatten Himmlers erfolgt. Nun ergriff Heydrich die Chance, mit ihm gleichzuziehen. Ohnehin glaubte jeder, der verklemmte Germanen-Fan Himmler werde vom smarten Machiavellisten Heydrich manipuliert: "HHHH - Himmlers Hirn heißt Heydrich", ulkten Wagemutige.

"Bluthund" und "des Deutschen Reiches Müllkipper"

Als "stellvertretender Reichsprotektor von Böhmen und Mähren" in Prag, aber zugleich weiterhin Chef des RSHA knüpfte Heydrich seine Drähte zu den Großen des Reiches an Himmler vorbei: Er berichtete laufend an Hitlers Büroleiter Martin Bormann, der den Zugang zum "Führer" kontrollierte und der ihn für den Prager Posten vorgeschlagen hatte. Heydrich beeindruckte sogar Hitlers fanatischsten Gefolgsmann Joseph Goebbels: "Er ist überhaupt ein kluger politischer Kopf." Genau solche Anerkennung strebte Heydrich an: Er wollte seinen üblen Ruf als "des Deutschen Reiches Müllkipper" und "Bluthund" hinter sich lassen, vom Staatsverbrecher zum Staatsmann aufsteigen. Prag bot sich für seine neue Methode "Zuckerbrot und Peitsche" an. Tschechien lebte, während anderswo der Krieg tobte, fast wie im Frieden: Männer - vom Wehrdienst freigestellt - waren zum Abendbrot zu Hause, die Städte blieben von Bombenangriffen verschont, der Widerstand gegen die Besatzer lief lahm. Trotzdem ließ Heydrich reinhauen, damit niemand das Reich "für schwach hält": Kaum hatte er am 27. September den Hradschin, seinen neuen Amtssitz, betreten, ließ er den tschechischen Ministerpräsidenten Alois Elias verhaften. Sofort verhängte er den Ausnahmezustand, unter dem bis zum 29. November 400 Tschechen erschossen wurden. Mehr als 4000 verschwanden in den Gestapo-Kellern. Bald begann auch die Deportation der Prager Juden.

Zugleich erhöhte Heydrich propagandawirksam Lebensmittelrationen und jagte Schwarzhändler. Indem er den Arbeitern "ihr Fressen" gab, hoffte er auf Ruhe in der kriegswichtigen Rüstungsindustrie Böhmens. Bei aller Berufung auf die "Wenzelstradition", die angebliche Wendung der Tschechen "gegen den Osten", machte Heydrich intern aus seiner Meinung kein Hehl, "dass der Tscheche in diesem Raum letzten Endes nichts mehr verloren hat". Das "nicht eindeutschbare Element", etwa die Hälfte der Bevölkerung, könne später am Eismeer, "wo wir ja die Konzentrationslager der Russen übernehmen", sein Dasein fristen. Jeder Deutsche im Protektorat müsse wissen, "dass der Tscheche Slawe ist".

Siegesgläubiger Fanatiker

Vor Protektoratsbeamten zeigte sich Heydrich Ende November als siegesgläubiger Fanatiker, der an einer Karte die Kriegsziele erläuterte. Skandinavier, Flamen, Holländer gehörten zu den "Germanen"; Nahost und Afrika würde man mit den Italienern teilen; die Russen verjagen, ihr Land mit deutschen "Wehrbauern" besiedeln. "Der Ural wird unsere Ostgrenze. Dort werden unsere Rekruten künftig ihr Jahr abdienen und als Grenzwachen im Kleinkampf geschult." Wer nicht "rückhaltlos" mitkämpfe, dröhnte Hitlers Statthalter, könne gehen. "Ich werde ihm nichts tun." Niemand stand auf.

Seinen Doppelposten in Prag und Berlin bewältigte Heydrich mit bewährtem Elan. Zwei-, dreimal die Woche pendelte er mit seinem Stab in einer Ju-52. Er nutzte alle Hilfsmittel wie ein moderner Manager: Funk, Diktafon, Kuriere, Lufthansa-Eilfracht, Diplomatenpost. Stets auf Wahrung seiner Geheimnisse bedacht, die ihn so mächtig machten, verschickte er Botschaften mit Geheimtinte geschrieben, auf Mikrofilm oder chiffriert. Oft beschäftigte er mehrere Sekretärinnen zugleich, denn er ging gern ins Detail - Haftbefehle, Gnadengesuche, Beschaffungen.

Nach wie vor witterte er überall Feinde. Ein typischer Befehl: "Ich bitte einmal um Feststellung, was der sog. Historiker Panitzer v. Patzan (o.ä.) für ein Kerl ist. Er soll ein ziemlich schräger Vogel sein, der noch dazu reichlich tschechisch wäre?" Rastlos sammelte er Informationen. Nicht nur wurden Gespräche in seinem Büro in der Prinz-Albrecht-Straße heimlich aufgezeichnet, Heydrich wies sogar SD-Führer Schellenberg an, in der Berliner Giesebrechtstraße 11 ein Edelbordell mit modernster Abhörtechnik einzurichten. Im "Salon Kitty" belauschte der Sicherheitsdienst (SD) Bettgeflüster von Nazi-Bonzen und Diplomaten - ohne großen Erkenntnisgewinn. Einmal wurde Heydrich, den sein Stab als "Don Juan in sexuellen Ausschweifungen" kannte, versehentlich im eigenen Puff abgehört.

Es zeugt von Heydrichs Energie, dass er trotz 16-Stunden-Tagen noch Sport trieb. Auch da wollte er Vorbild sein; der SS verordnete er den Wettkampf als "ständige Mahnung zu körperlicher und charakterlicher Zucht". Seine Erfolge im Fechten machten Schlagzeilen: Noch Mitte Dezember 1941 ging er als "bester Einzelkämpfer" aus einem Fechtturnier gegen die ungarische Säbel-Elite in Wien hervor. "Mitunter unterbrach Heydrich seine Arbeit plötzlich, um zu schwimmen, zu reiten oder zu fliegen", berichtete sein Bekannter Ernst Hoffmann. "Danach war er wieder fit für den Schreibtisch."

Auftrag: "Endlösung der Judenfrage in Europa"

Ständig rangelte Heydrich um mehr Befugnis, vor allem in der "Judenfrage", wo er, so der französische Historiker Edouard Husson, "als ständiger Antreiber der radikalsten Ziele Hitlers" hervortrat. Er versuchte seine Macht auf Kosten des Ost-Kolonisators Alfred Rosenberg, des KZ-Oberaufsehers Oswald Pohl und des Generalgouverneurs für Polen, Hans Frank, auszudehnen. Dem Abwehr-Chef Wilhelm Canaris zwang Heydrich Zuständigkeiten in der Militärspionage ab, obwohl ihm der Admiral, der früher in der Marine sein Vorgesetzter und nun in Berlin sein Hausnachbar war, recht nahe stand. Mit der Wehrmacht stritt er sich über Massaker im Osten und Judendeportationen. Als sich das Militär im Oktober 1941 beschwerte, weil SD-Agenten in Paris Bombenanschläge auf Synagogen verübt hatten, polterte Heydrich, er erwarte kaum Verständnis für solche "Maßnahmen in der Auseinandersetzung mit weltanschaulichen Gegnern", doch wisse er, was er tue. Sein Auftrag sei "seit Jahren" die "Endlösung der Judenfrage in Europa".

Am verschneiten Mittag des 20. Januar 1942 versammelte Heydrich in einer Villa am Berliner Wannsee 14 Staatssekretäre, Abteilungsleiter und Polizeichefs der für "Judenangelegenheiten" zuständigen Ressorts - aber keine Militärs. Heydrich führte das große Wort; sein Konzept hatte die Abteilung IV B 4 des SS-"Judenexperten" Adolf Eichmann vorbereitet. Der fertigte auch auf Weisung Heydrichs das Protokoll der Sitzung an.

"Anstelle der Auswanderung ist nunmehr als weitere Lösungsmöglichkeit nach entsprechender vorheriger Genehmigung durch den Führer die Evakuierung der Juden nach dem Osten getreten", heißt es da. In Straßenbaukolonnen sollten sie vordringen, "wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird". Wer überlebe, müsse als mögliche "Keimzelle" einer jüdischen Wiedergeburt "entsprechend behandelt werden". Zwecks "Endlösung" für bis zu elf Millionen Juden - mitgezählt jene, die 1942 noch nicht unter der Nazi-Knute lebten - werde "Europa vom Westen nach Osten durchkämmt". Als die Israelis 1960 ihren Gefangenen Eichmann fragten, was "entsprechend behandelt" bedeute, stotterte er: "Getötet, getötet, sicherlich."

Am Ende war Heydrich sehr zufrieden: Keiner hatte seine Richtlinienkompetenz infrage gestellt. Gut gelaunt schlürfte er nach dem Treffen am Kamin der SS-Villa mit Eichmann und Gestapo-Chef Heinrich Müller einige Cognacs.

"Von den Juden selbst bleibt nicht mehr viel übrig"

Die Wannsee-Konferenz bedeutete nicht den Beginn des Völkermords: Den hatte Heydrich mit seinen Einsatzgruppen schon in Polen 1939 und der Sowjetunion 1941 eingeleitet. Die Vernichtungslager Auschwitz, Belzec, Majdanek und Malyj Trostinez waren längst im Entstehen. Gaskammern und Krematorien als effektivste Massenmordmethode waren, nach mehreren Inspektionsreisen Eichmanns in die Todeslager, bereits gewählt, Zyklon B im September 1941 in Auschwitz schon "getestet" worden. Wannsee markiert eine neue Schwelle auf dem Weg zur Ermordung von sechs Millionen Juden - jetzt gab es kein Zurück mehr. Im März begann die Massenvernichtung in Auschwitz-Birkenau und in Belzec. Von März bis Juni wurden weitere 55 000 Juden aus dem Reich nach Ostpolen deportiert, und Goebbels notierte, dort werde an ihnen ein "ziemlich barbarisches" Verfahren angewandt, "und von den Juden selbst bleibt nicht mehr viel übrig".

Bei einem Besuch in Paris nahm auch Heydrich am 7. Mai 1942 kein Blatt mehr vor den Mund. Hohen Besatzungsoffizieren im Hotel Majestic erklärte er, die Gaswagen im Osten hätten sich als "unzureichende Technik" für die Judenliquidierung erwiesen, weshalb nun "größere, perfektere, zahlenmäßig ergiebigere Lösungen" gefunden seien: "Über die Gesamtheit der europäischen Juden ist das Todesurteil gesprochen."

Sogar "Führer" will Heydrich werden

Das besetzte Frankreich wollte sich Heydrich als Nächstes vornehmen - nach Prager Muster. "Mit Paris", sagt der amerikanische Heydrich-Biograf Charles Sydnor, "hätte sich Heydrich das Sprungbrett zu höchsten Positionen gebaut." Intern ließ der durchblicken, dass er einst "der erste Mann im Deutschen Reich" sein wolle. Hitler könne den zeremoniellen Posten des Reichspräsidenten übernehmen. Zwei Sportsfreunden sagte Heydrich am Rande der Fechtmeisterschaft 1941 in Bad Kreuznach sogar, er würde als Erster den Führer unschädlich machen, falls "der Alte Mist baut".

Während ihr Mann Komplotte schmiedete, genoss Lina Heydrich "die schönste Zeit unserer Ehe". Als Gattin des Reichsprotektors lebte die kleinadlige Lehrerstochter erstmals im großen Stil auf der Prager Burg, danach im 20 Kilometer nördlich gelegenen Schloss Jungfern-Breschan (Panenske-Brezany). "Ich bin eine Prinzessin und lebe in einem märchenhaften Land", schwärmte sie. Zum ersten Mal kümmerte sich ihr Reinhard wie ein Vater um seine Kinder und "vergötterte" Töchterchen Silke. Vorbei schien der Frust über die ständige Abwesenheit des Arbeitswütigen, vorbei auch die Angst vor seinen Seitensprüngen. In Prag repräsentierte sie an seiner Seite - wie am 26. Mai 1942 im Waldstein-Palais. Da ließ der musikalische Reichsprotektor seinen 1938 gestorbenen Vater, den Komponisten Bruno Heydrich, mit einem Konzert ehren.

Am Tag darauf war alles vorbei. Um 10.32 Uhr lauerten ihm drei tschechische Attentäter an einer Haarnadelkurve im Prager Stadtteil Lieben (Liben) auf. Johannes Klein, der Heydrichs Mercedes 320 mit der Nummer "SS-3" fuhr, berichtete später, beim Abbremsen habe er einen Mann mit einer Maschinenpistole bemerkt, der jedoch "aus irgendwelchen Gründen" nicht schoss. Klein konnte nicht wissen, dass die Sten Gun des Attentäters Josef Gabcik klemmte, weil Kaninchenfutter hineingeraten war. Darunter nämlich hatte Gabcik die zerlegte Waffe in seiner Tasche versteckt. Der Chauffeur weiter: "Plötzlich detonierte im hinteren Teil des Fahrzeugs eine Bombe, die von einer anderen Person geworfen worden ist, die ich nicht wahrgenommen habe."

Heilloses Durcheinander brach aus. Während Heydrich blutend auf der Straße zusammensank, verfolgte Klein den Attentäter Gabcik, der seine nutzlose MPi weggeworfen hatte. Er stellte ihn in der Metzgerei Brauner, doch Gabcik feuerte ihm mit einer Pistole ins Schienbein und entkam. Kubis, aus Splitterwunden im Gesicht blutend, floh auf seinem Fahrrad bergab zum Zentrum. Ebenso entwischte der dritte Mann, Josef Valcik, der mit einem Spiegel Heydrichs Kommen signalisiert hatte. Es bleibt rätselhaft, warum die tschechische Exilregierung in England für das Attentat keine besseren Soldaten ausgesucht hatte. Im britischen Ausbildungszeugnis der beiden Fallschirmjäger, die in der Nacht zum 29. Dezember 1941 von der Royal Air Force bei Prag abgesetzt worden waren, bekamen Schlosser Gabcik und Kaminbauer Kubis schlechte Noten, Kubis im Umgang mit Sprengstoff zudem den Vermerk: "Langsam in Praxis und Reaktion."

"Heydrich! Jesses Maria!"

Am Tatort erkannte eine Frau den verwundeten Statthalter und schrie: "Heydrich! Jesses Maria!" Tschechische Passanten sorgten dafür, dass ein Kleinlastwagen ihn zum nahen Krankenhaus Na Bulovka schaffte; einer trug sogar seine Tasche mit Geheimakten für eine Konferenz mit Hitler hinterher.

Heydrich hätte die Verletzung überleben können, doch in den nächsten zwei Stunden entschied sich auf dem Operationstisch sein Schicksal. Erstmals schilderte der 91-jährige tschechische Chirurg Alois Vincenc Honek im Frühjahr dem stern, was dort geschah. Er war eben bei einer Magenoperation, als ein Spitaldiener in den Raum stürzte: "Es hat ein Attentat auf Heydrich gegeben. Er liegt halb tot in der Ambulanz." Kurz darauf erschien der leitende Chirurg Walter Dick und bat Honek, den OP-Saal frei zu machen. Er schloss die Magenoperation ab und wartete, während SS und Gestapo das Gebäude besetzten. Eine halbe Stunde später wurde er gebeten zu assistieren. Als einziger Tscheche, so Honek, "denn nur ich kannte mich mit dem englischen Narkosegerät aus".

"Als ich in den Saal kam, wurde Heydrich schon ausgezogen. Er trug eine kugelsichere Weste, aber nur vorn. Er hat nicht gezeigt, dass er Schmerzen hatte. Ich fragte ihn: Sind Ihre Zähne fest? Aber er hat nicht geantwortet. Da habe ich seinen Mund geöffnet und alles kontrolliert." Splitter und Rosshaar vom Autopolster waren am Rücken links oberhalb des Zwerchfells eingedrungen und hatten Heydrichs Milz zerstört. Prags bester Internist, Josef Albert Hohlbaum von der Deutschen Klinik am Karlsplatz, leitete die OP. Der Professor begann mit einem großen Längsschnitt oberhalb des Nabels. Honek: "Auf einmal merkte er, dass es so nicht ging. Er hatte Schweiß auf der Stirn. Professor Dick reagierte schnell: ,Ihnen ist nicht gut. Wenn Sie erlauben, werde ich weitermachen."" Hohlbaum trat zurück, und Dick schnitt nun quer zur Seite. Er entfernte die Milz, flickte das Zwerchfell und schloss die Wunde. Erst danach wurde Heydrichs kollabierte Lunge wieder aufgepumpt. "Die Folgen traten ein, weil der Zugangsschnitt zu groß war", erinnert sich Honek. "Wir hatten keine großen Probleme erwartet, weil die eigentliche Wunde so klein war."

Nun breitete sich die ursprüngliche Infektion durch Material der Sitzpolsterung zu einer Entzündung im ganzen Bauchraum aus. Diese Perisplenitis war nicht aufzuhalten. Auch Himmlers Leibarzt Karl Gebhardt aus Berlin konnte nichts mehr retten: Am 4. Juni um neun Uhr starb Heydrich.

Sentimentalitäten im Angesicht des Todes

Im Angesicht des Todes war der Gefühllose sentimental geworden. Dem mitleidigen Himmler zitierte er aus einer Oper seines Vaters: "Ja, die Welt ist nur ein Leierkasten, den unser Herrgott selber dreht, und jeder muss nach dem Liede tanzen, das gerade auf der Walze steht ?"

Viele Tschechen glauben noch heute, an Heydrich habe sich der Fluch der Wenzelskrone erfüllt. Denn im Jahr nach seinem gewaltsamen Ende, am 24. Oktober 1943, starb auch sein ältester Sohn Klaus. Der Zehnjährige radelte in einem unbeachteten Moment an der SS-Wache vorbei durch das Tor des Schlosses Jungfern-Breschan auf die Landstraße, direkt in einen Lastwagen. Den Lkw-Fahrer Karel Kaspar ließ die Gestapo bald wieder laufen: Am Unfall trug er keine Schuld. Als Lina Heydrich im April 1945 vor der nahenden Roten Armee flüchtete, heuerte sie Kaspar für den Abtransport ihrer Habe an. Er kehrte nie zurück.

Der Führer fordert Vergeltung

Heydrichs Tod, so berichtet Himmler, traf Hitler "mehr als eine verlorene Schlacht". Er ließ seinem Paladin das prunkvollste Staatsbegräbnis ausrichten, das es im Berlin der Nazis je gegeben hat. Zugleich wetterte der Führer im intimen Kreis, Heydrichs kategorische Weigerung, Eskorte und gepanzerte Wagen zu benutzen, verrieten "Dummheit und reinen Stumpfsinn". Und er forderte Vergeltung: Noch am 6. Juni wollte er 10 000 Tschechen erschießen lassen. Himmler handelte ihn auf 100 herunter. Unter den ersten Hingerichteten war Ministerpräsident Elias. Der sudetendeutsche Staatssekretär Karl-Hermann Frank redete Hitler größere Repressalien aus. Bis Mitte Juni nahm die Polizei 1000 Tschechen fest, aber keinen der Attentäter.

Doch der Prager Sipo-Chef Horst Böhme wollte ein Exempel statuieren: Aufgrund einer irrigen Gestapo-Meldung war die Bergarbeitersiedlung Lidice nordwestlich von Prag in den Verdacht geraten, tschechische Fallschirmagenten aus England beherbergt zu haben. Hitler befahl am 9. Juni, was Böhme ihm vorgeschlagen hatte: SS-Leute exekutierten alle 184 Männer, deportierten die 195 Frauen ins KZ Ravensbrück (aus dem nur 143 heimkehrten) und verschleppten die 105 Kinder nach Lodz (nur 17 kamen zurück). Lidice wurde dem Erdboden gleichgemacht. Am 24. Juni traf es den Ort Lezaky, wo die Gestapo den Agentensender Libuse entdeckte. Hier wurden auch die Frauen erschossen: 33 Menschen starben.

Auch die Attentäter überlebten nicht. Ihr Militärkamerad Karel Curda, der dafür fünf Millionen Kronen kassierte, brachte die Häscher auf ihre Spur. In ihrem Versteck, der orthodoxen Kyrill-und-Methodius-Kirche in Prag, kämpften Kubis, Gabcik und Valcik mit vier anderen Kameraden am 18. Juni sieben Stunden lang gegen die Waffen-SS. Die letzte Kugel gaben sie sich selbst. Vorher noch riefen sie aus der Kirchengruft: "Wir ergeben uns niemals! Wir sind Tschechen!"

Tausende ihrer Landsleute wurden in diesem blutigen Sommer hingerichtet, doch die Exilregierung der 1939 aufgelösten Tschechoslowakei in London wertete die "Operation Anthropoid" als politischen Erfolg. Der Widerstandskämpfer Ladislav Vanek, bei dessen Gruppe "Sokol" Kubis und Gabcik untergeschlüpft waren, hatte noch kurz vor dem Attentat per Funk versucht, den Exilpremier Edvard Benes umzustimmen. Die Repressalien der Nazis würden "Tausende andere Leben" fordern, warnte er zu Recht. Benes blieb hart. Seiner Exilregierung sollte der Mord an Heydrich die Anerkennung als kriegführende Nation bringen. Bedrängt von den Alliierten, vor allem den Sowjets, im friedlichen Böhmen etwas zu tun, nahm sie den Blutzoll in Kauf.

Lidice wurde zum Fanal des Widerstands

Und ihr Kalkül ging auf. Nicht die Massaker von Babij Jar oder Riga, sondern Lidice wurde zum Fanal des Widerstands. "Lidice soll leben" wurde weltweit zum Schlachtruf gegen die Nazis. Kaum hatte die SS das Dorf von der Landkarte gelöscht, entstanden in den USA, in Mexiko, Peru und Brasilien neue Lidices. Der 1933 vor Heydrichs Münchner Polizei geflüchtete Schriftsteller Thomas Mann zürnte im BBC-Radio: "Seit dem gewaltsamen Tode des Heydrich, dem natürlichsten Tode also, den ein Bluthund wie er sterben kann, wütet überall der Terror krankhaft-hemmungsloser als je." Im kalifornischen Exil schrieb sein Bruder Heinrich den Roman "Der Protektor", drehte Regisseur Douglas Sirk alias Detlef Sierck den Film "Hitler?s Madman", dichtete Bertolt Brecht das "Lidicelied" mit dem berühmten Vers: "Heut bist du besiegt und drum bist du der Knecht, doch der Krieg endet nicht vor dem letzten Gefecht."

Bis zum Endkampf sollten noch drei Jahre vergehen, noch Millionen Menschen sterben, bei der "Endlösung" und im "totalen Krieg". Im Osten rollte die Vernichtungswelle, die Heydrich so emsig vorbereitet hatte, nach seinem Tod erst richtig an. Der Holocaust-Forscher Dieter Pohl nennt die Zeit von Juli bis Oktober 1942 "die blutigsten Wochen des 20. Jahrhunderts": In den KZs in Polen wurden mehr als 1,5 Millionen Juden umgebracht. Zu Ehren des Ermordeten bekam das Mordprogramm unter Himmlers schlimmstem Henker Odilo Globocnik in den Lagern Belzec, Sobibor, Treblinka und Majdanek den Namen "Aktion Reinhard". Als sie im Oktober 1943 endete, waren zwei Millionen Menschen "vernichtet".

Kaum auszudenken, was mit Deutschland, Europa und der Welt geschehen wäre, wenn Hitler, Himmler, Heydrich und ihresgleichen gesiegt hätten. Daran, wie sich die Nazis die Zukunft vorstellten, mahnt bis heute ein Gespräch in Auschwitz. 1944, kurz vor dem Untergang des NS-Regimes, fragte ein Häftling den berüchtigten KZ-Arzt Josef Mengele: "Wann hört all diese Vernichtung einmal auf?" Mengele antwortete: "Es geht immer weiter, immer weiter".

Mario R. Dederichs / print