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Fußball-Wettskandal: Das Spiel geht weiter

Der Betrugsskandal im europäischen Fußball nimmt immer größere Ausmaße an. DFB und DFL sind machtlos. Die Verbände können dem illegalen Wettspiel nichts entgegensetzen.

Von Marcus Bark, Andreas Förster und Lukas Heiny

Burkhard Benecken ist Rechtsanwalt und Strafverteidiger. Ein wenig bekannt ist der Anwalt geworden, als er die beiden Jugendlichen verteidigte, die in die Villa von Dieter Bohlen eindrangen. Und Anfang des Jahres saß er neben dem sogenannten "Chatroom-Mörder" vor Gericht. Benecken trägt Scheitel und blauen Anzug, spricht offen und direkt. Hinter dem Schreibtisch seiner Kanzlei in Marl hängen Bilder alter Zechen, am Samstag war er auf Schalke beim 2:0 über Hannover, Ehrensache. Benecken ist Schalke-Fan, ansonsten hatte er mit Fußball nichts zu tun. Bis jetzt. Denn nun vertritt er wieder einen prominenten Klienten: Deniz C., einen der mutmaßlichen Drahtzieher des Wettskandals, der seit Freitag den europäischen Fußball erschüttert.

Deniz C. zählt zu den 15 Männern, die am Donnerstag während einer deutschlandweiten Großrazzia der Polizei festgenommen wurden. Mehr als 300 Beamte hatten 50 Häuser durchsucht, die Schweiz und Österreich leisteten Amtshilfe, auch Scotland Yard war eingebunden. Es war der bislang wohl größte Schlag gegen die organisierte Kriminalität im Fußball, gegen ein Kartell aus Wettbetrügern. Die Uefa spricht sogar vom "größten Betrugsskandal in der Geschichte".

Die Uefa spricht vom "größten Betrugsskandal in der Geschichte" Über Monate hatten die Spezialisten der Staatsanwaltschaft Bochum die Telefone von Deniz C. überwacht. Nur durch Zufall waren sie auf den 30-jährigen Türken aus Herten bei Recklinghausen gestoßen. Doch was sie mithörten, ließ sie aufhorchen. Deniz C. führte sie zur dunklen Seite des Sports. Mitten hinein in einen Wettsumpf, offenbar aus Deutschland gesteuert.

Der Vorwurf der Ermittler: Deniz C. soll sich mit fünf anderen Männern aus dem Ruhrgebiet des gewerbsmäßigen Bandenbetrugs schuldig gemacht haben. Er soll regelmäßig mit einem Kroaten aus Nürnberg telefoniert haben, einem weiteren Kopf des Wettkartells, soll ihm sogar Geld gegeben haben, um Spieler zu bestechen. Und er soll im Kontakt mit dem Kroaten Ante S. aus Berlin gewesen sein, dem Strippenzieher vom Café King, der schon in den Skandal um den Schiedsrichter Robert Hoyzer verwickelt war, verurteilt wurde - und nun wieder im Gefängnis sitzt.

Foltermethoden zur Begleichung von Wettschulden

Deniz C., so der Vorwurf, soll insgesamt acht Spiele manipuliert haben. Und mehr noch: Im Durchsuchungsbeschluss werden nach Angaben seines Anwalts weitere Vorwürfe gemacht. Deniz C. soll einen Wettanbieter aus Nürnberg "verschleppt, gefangen gehalten und mit Schlägen gequält haben, um 100.000 Euro Spielschulden einzufordern".

Benecken, der Anwalt, will zu diesen Vorwürfen jetzt noch nichts sagen. "Wenn wir die Akten haben, werden wir versuchen, alle Vorwürfe zu entkräften", sagt er. Er kennt Deniz C. aus einem "ganz anderen Fall". Ja, spielsüchtig sei sein Mandant, und in Zocker- und Wettkreisen, da kenne er selbst sich auch aus, sagt Benecken. "Da wird erzählt ohne Ende." Insgesamt, so vermutet die Staatsanwaltschaft, sollen in ganz Europa allein 2009 etwa 200 Spiele manipuliert worden sein. Viele davon abseits der Fernsehkameras, in unterklassigen Ligen im Ausland. Aber eben auch drei Champions-League-Spiele, zwölf Europa-League-Partien - und Begegnungen der zweiten Liga und der Regionalliga in Deutschland. Ein Desaster.

"Wir müssen gucken, warum wir nicht gewarnt worden sind"

Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, so Reinhard Rauball, der Chef des deutschen Ligaverbands, "wird der Fußball gigantisch belastet". Und DFB-Präsident Theo Zwanziger sagte, der Fußball sei eben keine heile Welt, nicht besser oder schlechter als die Gesellschaft. Man müsse jetzt nur klar handeln. Doch wie?

Die Verbände und die Profiligen stehen dem Treiben oft hilflos gegenüber. Zwar haben sie inzwischen Frühwarnsysteme installiert, um auffällige Wetten im Vorfeld von Spielen zu enttarnen. Mithilfe spezialisierter Unternehmen wie Sportradar analysieren sie die Quotenveränderungen der Wettanbieter.

Doch in den vergangenen Jahren hat sich der Wettmarkt gewandelt, die Zocker setzen vermehrt auf Livewetten, die erst mit Anpfiff einer Partie beginnen. In diesen Fällen sind selbst aufwendige, Datenbank gestützte Warnsysteme wie sie DFB, Fifa und Uefa eingeführt haben, kaum geeignet, um Manipulationen zu verhindern. Das System hat Mängel. "Ich will jetzt noch nicht sagen: Es hat versagt", gibt selbst DFB-Chef Zwanziger zu. "Aber wir müssen gucken, warum wir nicht gewarnt worden sind."

Jedes Jahr werden 100 Milliarden Euro auf Fußballspiele gewettet

Jedes Jahr, schätzt der Weltfußballverband Fifa, werden mehr als 100 Mrd. Euro auf Fußballspiele verwettet. Vor allem in Asien, wo es im Gegensatz zum europäischen Markt relativ wenig Beschränkungen gibt. Hier vermuten die Funktionäre auch die meisten illegalen Wetten: Neun von zehn Manipulationsversuchen laufen über Asien, erklärt die Fifa. Und so gut die Warnsysteme auch seien, "den Schwarzmarkt werden sie schwer überprüfen können", sagt Fifa-Experte Wolfgang Feldner. Von Firmen, die es offiziell gar nicht gebe, könne man wohl kaum Informationen erhalten.

Es ist ein dunkles Geflecht aus illegalen Wettbüros, Mittelsmännern und Geldboten, dem die Ermittler gegenüberstehen. Nicht selten laufen die Wetten über Spielhöllen in den Hinterhöfen von Hanoi, Bangkok oder Schanghai. Kontrolliert von organisierten Banden, werden dort Milliarden Dollar verzockt, meist in Livewetten. Bei ihrer letzten Großrazzia gegen die Wettmafia, der Operation "Soga II" im Sommer 2008, hob die internationale Polizeiorganisation Interpol in Asien mehr als 1000 solcher illegaler Wettbüros aus. 1300 Verdächtige nahmen die Fahnder fest. Doch es ist wie bei einem Kampf mit einer Hydra: Kaum ist dem Ungeheuer ein Kopf abgeschlagen, wachsen zwei neue nach.

Wohl auch hier in Deutschland. Seit dem Hoyzer-Skandal 2004 hatten die deutschen und österreichischen Behörden ihre Ermittlungen gegen die Wettmafia verstärkt. Das hessische Landeskriminalamt war kurz vor der WM 2006 einem malaysischen Betrügerring auf der Spur. In Österreich sollte im Landeskriminalamt Steiermark die Sonderkommission "Alpha" Strukturen und Vorgehen der international organisierten Wettbetrüger aufklären. Offenbar stießen auch sie auf dunkle Netzwerke. Nach einem Aktenvermerk eines österreichischen Ermittlers existierte bereits im November 2007 ein Geflecht von Wettbetrügern aus Süddeutschland, Österreich, Kroatien und Vietnam, das Hunderttausende Euro Gewinn aus verschobenen Spielen in "deutschen Bundes- und Regionalligen, verschiedenen österreichischen Ligen, osteuropäischen Ligen" erwirtschaftet habe.

Deutschland rückt in den Mittelpunkt

Zentrale Figur in diesem Geflecht war dem Vermerk zufolge ein in Süddeutschland lebender Kroate names "Dragan", der enge Kontakte nach Vietnam und Malaysia hatte. Er agiere als Mittelsmann und sorge dafür, "dass Fußballer in den verschiedensten europäischen Ligen bestochen und für ein bestimmtes Verhalten auf dem Spielfeld bezahlt werden", heißt es in dem Vermerk.

Nun rückt abermals Deutschland in den Mittelpunkt. Denn offenbar agierten die Betrüger aus dem Ruhrgebiet, aus Berlin, aus Nürnberg. Von hier aus sollen sie Spiele in ganz Europa verschoben haben.

Etwa jene Partie in der zweiten Schweizer Liga, in deren Manipulation Deniz C. verwickelt sein soll. Sein Anwalt Benecken redet ganz offen darüber. Am 26. April 2009 gewann Yverdon-Sport mit 5:1 gegen den FC Thun. Im Vorfeld sollen die Spieler von Thun insgesamt 15.000 Euro erhalten haben, um bitteschön mit vier Toren Unterschied zu verlieren. Dank eines späten Tores in der Nachspielzeit ging die Wette auf die Tordifferenz auf.

Ähnlich vor der Partie FC Gossau gegen FC Locarno vom 24. Mai, ebenfalls zweite Schweizer Liga. 20.000 Euro erhielten Gossauer Spieler, damit sie mit mindestens zwei Toren Unterschied verlieren. Endstand war 4:0, es ging um 149.400 Euro Wetteinsatz. Und, so die Ermittler, Deniz C. habe wie Ante S. und der Kroate aus Nürnberg, auch Spiele in Deutschland manipuliert. Vom VfL Osnabrück etwa. Dort gerieten auch mehrere Spieler unter Verdacht.

Welche Rolle genau Deniz C. spielte, ist noch unklar. Wer seine Hintermänner sind, ebenfalls. Seit Donnerstag jedenfalls sitzt er in Wuppertal in Untersuchungshaft. Sein Anwalt bereitet sich auf den Prozess vor.

Diesen Artikel haben wir für Sie in der Financial Times Deutschland gefunden

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