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Athen 2004 stern-Serie: Machtspiele

Die Wettkämpfe des Aufbruchs sind 1920 in Antwerpen noch vom 1. Weltkrieg gezeichnet, die Deutschen dürfen nicht teilnehmen. 16 Jahre später lädt Hitler die Welt nach Berlin, um ihr "arische" Überlegenheit zu demonstrieren.

Von Teja Fiedler

Der Kardinal trug standesgemäßes Kardinalsrot, Belgiens König Albert seine Generalsuniform und jeder der 29 Kriegsveteranen ein lorbeerbehangenes Schild mit dem Namen einer der 29 teilnehmenden Nationen. Zum ersten Mal wehte die Flagge mit den fünf Ringen über den Köpfen der Athleten, zum ersten Mal sprach ein Sportler den olympischen Eid, und zum ersten Mal flatterten Tauben als flüchtiges Friedenssymbol hoch in den Himmel.

Bei den Spielen 1920 in Antwerpen feierte die olympische Idee ihre Auferstehung. Coubertins Schöpfung hatte das Massensterben der europäischen Jugend in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs überlebt. Doch der Waffenstillstand lag keine zwei Jahre zurück, und die tiefen Wunden, die der Krieg geschlagen hatte, waren noch lange nicht vernarbt. So fehlten bei diesem Neubeginn die Deutschen, die Österreicher und die Ungarn. Die Gastgeber hatten die Verlierer zu den sechsten Olympischen Spielen nicht eingeladen - sie konnten den Überfall des Deutschen Kaiserreichs auf ihr kleines Land und die vier Jahre grauenhaften Gas- und Grabenkrieges vor Verdun oder Ypern nicht vergessen. "Gott sei Dank sind wir keine Wilden, aber wir haben die Absicht, die zu zivilisieren, die es lange waren", rief Kardinal Mercier der Jugend der Welt aus der Siegerperspektive zu. Auch den nächsten Spielen, 1924 in Paris, mussten die Deutschen fernbleiben. Erst 1928 waren sie wieder "zivilisiert" genug, um in Amsterdam teilzunehmen.

Auch wenn der Völkerbund den Frieden auf Erden predigte, ging es in den Arenen von Antwerpen schnell wieder kriegerisch zu. Im Finale des Fußballturniers 1920 beharkten sich Belgien und die Tschechoslowakei erbittert. Als der 60-jährige englische Schiedsrichter John Lewis den Belgiern einen umstrittenen Elfmeter gab und dann auch noch ein klares Abseitstor anerkannte, verließen die Tschechen nach einer halben Stunde geschlossen den Platz. Sie wurden disqualifiziert.

In Paris hatte das Boxen seinen großen olympischen Skandal. Der Lokalmatador Roger Brousse war schon im ersten Kampf von seinem argentinischen Gegner beschuldigt worden, ihn in die Schulter gebissen zu haben. Im Viertelfinale zeigte Brousse erneut viel Biss. Nach einem fragwürdigen Punktsieg gegen den Briten Harry Mallin zierten den Engländer die Spuren von Brousses Zähnen an Brust und Schulter. Die Jury disqualifizierte nach langem Hin und Her den Mike Tyson der frühen Jahre. Die englische Presse nannte daraufhin Brousse den "Menschenfresser", der "zuerst argentinisches Fleisch und dann gute Ware aus Old England verdrückt".

Ebenfalls in Paris gab der Fechter Oreste Puliti dem ungarischen Kampfrichter György Kovacs erst eine Ohrfeige und forderte ihn dann zu einem Duell auf scharfe Säbel heraus. Kovacs hatte Zweifel am Finalsieg des Italieners geäußert. Puliti wurde disqualifiziert. Vier Monate später fand auf freiem Felde das Gefecht statt. Die beiden Gentlemen schlugen sich dabei so ausreichend blutig, dass beider Ehre als wiederhergestellt gelten konnte.

Bevor sich Tennis nach 1924 wegen seiner Unvereinbarkeit mit den Amateurregeln für mehr als 60 Jahre aus dem Programm der Spiele verabschiedete, betrat rechtzeitig die so geniale wie bizarre Französin Suzanne Lenglen die olympische Szene. Zweifaches olympisches Gold im Einzel und Mixed-Doppel gewann Lenglen in Antwerpen eher nebenbei, viel wichtiger waren für sie die sechs Wimbledon-Titel ihrer Karriere. "Die Göttliche", wie ihre Bewunderer sie nannten, sah nicht aus wie eine Göttin. Dazu war schon ihre Nase viel zu wuchtig. Doch die Millionärstochter, die ihr Leben lang Ballettstunden nahm, bewegte sich auf dem Platz mit fast überirdischer Leichtigkeit und auf dem gesellschaftlichen Parkett mit der Nonchalance eines Megastars. Dichter schrieben Hymnen an Suzanne und ihren großen, kirschroten Mund, Modeschöpfer inspirierte sie zu Haute-Couture-Modellen.

Nach dem Match ließ sich Lenglen gern mit einer Pelzstola über dem Outfit ablichten. Ihr Olympiaauftritt blieb einmalig, 1924 war sie nicht mehr dabei. Angeblich hatte sie bei Turnieren kräftig Startgelder eingesackt.

Starqualität ganz anderer Art hatte Paavo Nurmi, der 1920, 1924 und 1928 insgesamt neun Goldmedaillen im Langstreckenlauf gewann. Schweigsam und unnahbar war er, bis zur Schroffheit. Der Finne schien meist mehr gegen sich selbst als gegen die Konkurrenz zu laufen. Beim Rennen hielt er eine vernickelte Stoppuhr in der Hand und kontrollierte so seine Geschwindigkeit auf die Zehntelsekunde. Kurz vor dem Finish ließ er dann die Uhr auf den Rasen des Innenraums fallen. Für seine Gegner war dieses scheinbar achtlose Wegwerfen ein entmutigendes Zeichen: Der verwünschte Nurmi hatte wieder alles richtig gemacht auf dem Weg zum Sieg.

1924 in Paris vollbrachte er sein Meisterstück. Innerhalb von 55 Minuten bestritt er die Finalläufe über 1500 und 5000 Meter und gewann beide. Die französischen Organisatoren hatten die zwei Rennen absichtlich so dicht hintereinander gelegt, um die Vorherrschaft der Finnen mit Nurmi an der Spitze auf den Langstrecken zu bre- chen. Die Presse führte das nordische Laufwunder übrigens wahlweise auf die "Erbschaft der asiatischen Steppe" oder die finnische Diät aus "rohem Fisch und Schwarzbrot" plus der "Schwitzbäder namens Sauna" zurück.

Zwei Tage nach seinem Doppelsieg gewann Nurmi den Geländelauf. Er kam, unbewegt wie immer, nach einem Rennen über Stock und Stein bei über 30 Grad Hitze im Stadion an. Die Läufer nach ihm dagegen waren über die Hindernisse mehr gekrabbelt als gesprungen und taumelten meist nur noch ins Ziel. 23 von 38 Startern blieben auf der Strecke. Die enorme Ausfallquote bewog das IOC, den Geländelauf aus dem Programm zu streichen.

Auch Nurmi, den alle Welt den "fliegenden Finnen" nannte, wurde schließlich vom Olymp verbannt. Die Gralshüter des Amateurtums sperrten den 35-Jährigen 1932 für seine vierten Olympischen Spiele, weil er bei Sportfesten Startgelder angenommen hatte. Als er von dieser Entscheidung erfuhr, soll Nurmi das einzige Mal in seinem Leben geweint haben.

Coubertins olympische Schöpfung war in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen allmählich gereift. Zwar trug man in Antwerpen die Schwimmwettbewerbe noch im ehemaligen Festungsgraben aus, war das Leistungsgefälle bei manchen Wettbewerben noch immer grotesk (Indiens Hockey-Team schlug 1932 den Silbermedaillengewinner Japan 11:1), und vor allem in der britischen Oberschicht gab es noch immer Freizeitsportler, die "das göttliche Recht, nicht zu trainieren", als Ideal beibehielten (wenn auch zunehmend erfolglos). Doch Spitzenathleten wie Nurmi bereiteten sich bereits mit modernem Intervalltraining vor.

Coca-Cola begann

sein Sponsoring der Spiele 1928 in Amsterdam mit 1000 Kisten Coke, die reißend Absatz fanden. Die Zahl der Teilnehmer einer Disziplin wurde pro Land auf drei begrenzt. Die Spiele waren professionell geworden - nur die Sportler durften es nicht sein. Zumindest nach außen. Sie mussten weiterhin vorgeben, nur aus Lust und Liebe um den Lorbeer zu kämpfen, ansonsten, siehe den Fall Nurmi, waren sie olympischer Ehren nicht würdig.

Die Bemühungen um den lupenreinen Amateur nahmen teilweise groteske Formen an. So durfte ein Lehrer mit dem Hauptfach Turnen nicht nach Olympia, verdiente er doch mit Sport seinen Lebensunterhalt! Unterrichtete er Leibesübungen jedoch nur im Nebenfach, so verletzte dies seinen Amateurstatus nicht. Im Fußball, der in vielen Ländern bereits Profiligen kannte, hatte sich der Weltverband Fifa eine besonders clevere Lösung ausgedacht. Die Fifa ließ zu, dass die nationalen Verbände nicht die Kicker selbst bezahlten, sondern deren Arbeitgeber, also die Vereine, die dann das Geld diskret an ihre "Angestellten" weitergaben.

Als das IOC diese Praxis auf den Protest anderer Sportverbände hin untersagte, löste sich die Fifa von Olympia und veranstaltete mit großem Erfolg von 1930 an ihre eigene Weltmeisterschaft im Vier-Jahres-Turnus. Das olympische Fußballturnier als reiner Amateurwettbewerb war von da an zweitklassig und sollte nach dem Zweiten Weltkrieg über Jahrzehnte von den "Staatsamateuren" aus den sozialistischen Ländern beherrscht werden.

Wollten Athleten ihren Ruhm offen versilbern, dann mussten sie Profi werden. So wie "Babe" Didrikson, die überragende Leichtathletin der Spiele von Los Angeles. Mit Statements wie "Ich breche alle Rekorde, wenn man mich nur lässt" zeigte die Texanerin bei Olympia den wahren amerikanischen Geist und qualifizierte sich so für Auto-, Baseball- oder Mundharmonika-Reklame. Didrikson sattelte auf den lukrativeren Sport Golf um und gewann sogar noch 1954 die US Open der Professionals. Noch glamouröser gestaltete der Schwimmer Johnny Weissmuller seine postolympische Karriere.

Sehr zum Missvergnügen des alternden Coubertin war 1928 eine letzte Bastion der olympischen Männerwelt gefallen. Der Baron hatte ganz im antiken Sinne wenigstens das Kernstück der Spiele, das Stadion, frauenfrei halten wollen, da ja das schwache Geschlecht zu seinem Bedauern sowieso schon in Sportarten wie Schwimmen, Kunstspringen oder Bogenschießen antreten durfte. Doch in Amsterdam gingen auf internationalen Druck erstmals Leichtathletinnen an den Start.

Den Deutschen, nach 16 Jahren endlich wieder dabei, bescherte ausgerechnet eine Frau den ersten Sieg überhaupt in der Leichtathletik, dem Königssport der Olympischen Spiele. Lina Radke setzte sich über 800 Meter im Spurt durch. Als die Sportlerin aus Breslau mit dem modischen Bubikopf und der neckischen Locke über einem Auge auf dem Siegerpodest stand, sangen Tausende deutscher Schlachtenbummler die Nationalhymne mit, die Weimarer Republik feierte den Sieg als Symbol der Wiedergeburt Deutschlands nach dem verlorenen Krieg.

Nach den rassistischen Spielen von 1904 in St. Louis kamen 1932 mit Los Angeles erstmals wieder die USA zum Zug. Bürgermeister Garland hatte die kalifornische Metropole durchgesetzt, auch deshalb, weil er den italienischen Staatschef Benito Mussolini auf seine Seite zog: Er pries den eitlen Diktator als "neuen Napoleon". Mit dem Coliseum baute man ein Großstadion, das 1984 noch einmal Olympiastätte werden sollte. Doch 1929, nach dem Schwarzen Freitag an der New Yorker Börse, platzte die Weltwirtschaftskrise mitten hinein ins olympische Hochgefühl der Neuen Welt. Globale Arbeitslosigkeit und Verarmung waren die Folgen.

Aus Geldnot reduzierten

fast alle Länder ihre Teams. Viele kleinere Staaten strichen den weiten Trip an die US-Westküste völlig. Schließlich traten nur etwa 1300 Sportlerinnen und Sportler an. Vier Jahre vorher in Amsterdam waren es doppelt so viele gewesen. Ihre Teilnahme finanzierten manche Mannschaften auf abenteuerliche Weise. Die Brasilianer etwa hatten Säcke mit Kaffee im Gepäck, den sie vor Ort verkauften. So bezahlten sie Kost und Logis.

Im sittenstrengen Amerika mussten die Männer in Los Angeles ein eigens in Fertigbauweise errichtetes olympisches Dorf beziehen, die 134 Frauen dagegen wohnten weitab vom Testosteron in einem Luxushotel. Dort hatten sie, sicher ist sicher, nach zehn Uhr Ausgangsverbot. Doch Los Angeles bedeutete auch damals schon Hollywood. Und so hieß es: Sports meet Showbiz. Marlene Diet- rich etwa munterte das deutsche Team auf. Douglas Fairbanks jr., der Herzensbrecher der Epoche, ließ sich an der Seite von Nurmi oder Didrikson sehen. Ansonsten aber gab es noch keinen VIP-Status für die Athleten. Ein amerikanischer Sportler: "Kaum hatte ich in der Mitte des Coliseums meine Medaille bekommen, ging ich hinaus, streckte meinen Daumen zum Autostopp hoch und kriegte eine Fahrt nach Hause."

Sportlich brachten die Spiele 1932 außer den Taten und Sprüchen von Miss Didrikson den ersten einer langen Reihe schwarzer Sprint-Olympiasieger, Eddie Tolan. Eine Polin mit herben Zügen gewann den 100-Meter-Lauf; wie sich Jahrzehnte später bei der Obduktion der Leiche herausstellen sollte, war sie eigentlich ein Pole. Noch einmal erhielten in diesem Jahr zwei Alpinisten Klettergold: die Deutschen Franz und Toni Schmid für die Erstbesteigung der Matterhorn-Nordwand. Als die Spiele der Weltwirtschaftskrise zu Ende gingen, rief das IOC die Jugend der Welt mit einem Seufzer der Erleichterung nach Berlin. Dort stand ein Herr namens Adolf Hitler bereit, sein "Tausendjähriges Reich" zu gründen.

Noch 1931 hatte Hitler Olympia als "Erfindung der Freimaurer und Juden" bezeichnet. Der "Völkische Beobachter", sein Parteiblatt, hetzte nach der IOC-Kür Berlins ein Jahr später: "Neger haben auf der Olympiade nichts zu suchen." Doch als im Frühjahr 1933 die Nationalsozialisten die Macht ergriffen, erkannten sie schnell den hohen Propagandawert perfekter Spiele für ihr Regime. Hitler ließ unter internationalem Beifall in Berlin ein brandneues Stadion bauen. Sein Sportfunktionär Carl Diem erdachte ein feierliches Ritual, um die Spiele noch weihevoller zu gestalten: den Fackellauf vom antiken Olympia auf dem Peloponnes zum aktuellen Austragungsort Berlin. Er führte durch Griechenland, Jugoslawien, Ungarn, Österreich und die Tschechoslowakei - ironischerweise alles Länder, die wenige Jahre später von Hitler vereinnahmt werden sollten.

Bei der Zurschaustellung von so viel olympischem Geist sahen die Herren des IOC über die menschenverachtende Politik Hitlers, wie die Nürnberger Rassengesetze von 1935, die aus Juden minderwertige und fast rechtlose Subjekte machten, großzügig hinweg. "Darüber in Deutschland zu diskutieren steht mir genauso wenig zu, wie einem Deutschen, sich in den Streit über die Situation der Neger im Süden der USA einzumischen", erklärte ein amerikanisches IOC-Mitglied. Avery Brundage, damals Chef des Olympischen Komitees der USA und später IOC-Präsident, befand, wer diese Diskussion anfache, "ist ein hoffnungs- loses Werkzeug jüdischer Propaganda".

Auch Coubertin ließ sich blenden. 1935, zwei Jahre vor seinem Tod, lobte der 73-Jährige "die Beständigkeit des Führers, seinen Willen, sein folgerichtiges Denken, seine Kaltblütigkeit, seine Fähigkeit, zu reden und zur rechten Zeit stets zu schweigen". Und zog für die Olympiatauglichkeit der Nationalsozialisten das Fazit: "Alle diejenigen, die in Deutschland gewesen sind, kehren mit einer Vision von Ordnung, guter Führung und Höflichkeit zurück."

So präsentierte sich im August 1936 ein scheinbar freundliches, kosmopolitisches Berlin den Besuchern aus aller Welt. Um dem Vorwurf der Rassendiskriminierung zu begegnen, hatten die Deutschen die "Halbjüdin" Helene Mayer, schon 1928 Goldgewinnerin im Florettfechten, ins Team berufen. Die Bevölkerung der Hauptstadt wurde aufgefordert, höflich gegen die Touristen zu sein und im Bus Frauen ihren Sitzplatz anzubieten - "auch wenn sie aussehen wie Jüdinnen". Außerdem erging der Führerbefehl: "Politische Gefangene und Insassen der Konzentrationslager dürfen unter keinen Umständen zwischen dem 1. Juli und dem 1. September auf offenem Felde arbeiten."

Nichts störte also

die olympische Feststimmung, als im Beisein Hitlers die Spiele eröffnet wurden. Über dem Stadion kreiste der Zeppelin "Hindenburg" mit riesigen Hakenkreuzen auf dem Leitwerk, von den Zuschauerrängen reckten sich zigtausend Arme zum "Sieg Heil"-Gruß. Leni Riefenstahl, die geniale Regisseurin und Hitler-Bewunderin, drehte mit einem Stab von mehr als 200 Leuten an ihren monumentalen Olympiafilmen "Fest der Völker" und "Fest der Schönheit", und der spätere stern-Chefredakteur Henri Nannen, damals 22 Jahre alt, war wegen seiner weit tragenden Stimme als Stadionsprecher eingeteilt.

Rassist Hitler hatte in den kommenden zwei Wochen allen Grund zur Freude. Die "arischen" Athleten in ihrer optimalen, sprich deutschen, Version räumten 89 Medaillen ab, 33 davon aus Gold. Deutschland wurde weit vor den USA erfolgreichste Nation. Eins allerdings störte Hitlers Wahn von der "arischen" Überlegenheit: Der größte Athlet der Spiele war ein Schwarzer. Wie konnte dieser Jesse Owens als Angehöriger einer minderwertigen Rasse nur so unglaublich schnell rennen und weit springen, dass selbst die blondesten und blauäugigsten Recken gegen ihn wie Fußkranke wirkten?

Der Modellathlet aus Alabama gewann die 100 Meter, die 200 Meter, den Weitsprung und die 4x100-Meter-Staffel. Zum Missvergnügen der Nazis wurde der 23-Jährige mit den großen Augen und dem schwerelosen Laufstil zum Liebling des Olympiastadions. Zum noch größeren Missvergnügen entwickelte er auch noch eine wunderbare Freundschaft mit dem deutschen Weitspringer Luz Long, einem Germanen aus dem Bilderbuch, den er in einem sensationellen Wettkampf mit einem Acht-Meter-Sprung schlug. Dabei war Owens nach zwei Fehlversuchen in der Qualifikation am Rand des Ausscheidens. Da ging Long zu ihm hin, legte sich neben Owens ins Gras und sagte ihm, dass er von dem Geschwafel über die "arische" Überlegenheit gar nichts halte. Dann riet er ihm, einfach seine Absprungmarke einen Fußbreit nach hinten zu versetzen. Die Qualifikationsweite würde er auch mit diesem Sicherheitsabstand spielend schaffen. Owens tat wie geraten, qualifizierte sich und gewann dann mit 19 Zentimeter Abstand. Der Erste, der ihm gratulierte, war der Deutsche. "Man könnte alle meine Medaillen und Pokale einschmelzen - und das würde doch nur einen dünnen Überzug für die 24-Karat-Freundschaft ergeben, die ich in diesem Augenblick gegenüber Luz Long empfand", sagte Owens später.

Anders als Long schien den Nazis der Reiter Konrad Freiherr von Wangenheim als ein Beispiel deutscher Disziplin und Selbstaufopferung. Der Offizier stürzte mit seinem Pferd "Kurfürst" beim Geländeritt der Military an einem Wassergraben. Halb bewusstlos gelang es ihm, das Pferd wieder zu besteigen und den Ritt zu beenden. Sein linker Arm hing schlaff und leblos nach unten. Wangenheim hatte sich das Schlüsselbein gebrochen. Trotzdem ging er am nächsten Tag an den Start, um dem deutschen Team eine Medaille zu sichern.

Die Zuschauer im Stadion wussten nicht, dass Wangenheim schwer verletzt war, die straffe Bandage um Arm und Schulter war unter der Uniformjacke verborgen. Wieder stürzten Ross und Reiter an einem Hindernis, wieder lagen beide für lange, lange Sekunden reglos auf dem Boden. Doch erneut rappelte sich der Freiherr auf, schaffte es, auch sein Pferd auf die Füße zu bringen, sich mit leichenblassem Gesicht in den Sattel zu hieven und den Ritt ohne weiteren Fehler zu beenden. Gold für Deutschland. Das Stadion raste, als es von der Verletzung Wangenheims erfuhr: Deutschland, Deutschland, über alles, über alles in der Welt! Was die Zuschauer nicht wussten: Von Wangenheim war kein Nazi. Der preußische Aristokrat verachtete sie und ihre vulgäre, verbrecherische Ideologie.

Er hätte auch nie an einer der wilden Partys teilgenommen, die von den Parteibonzen, Hermann Göring an der Spitze, während der Spiele veranstaltet wurden. Da gab es Champagner ohne Ende und einen Reichsmarschall Göring im schwarzen Kimono und sonst fast nichts, zwischen dessen feisten Beinen leicht geschürzte Mädchen unter dem Tisch herumkrabbelten, wie die US-Sprinterin Helen Stephens aus dem ländlichen Missouri verstört notierte. Stephens: "Die Presse hat das später eine Orgie genannt, und mein Gott, das war es auch!"

Diese Extravaganzen

am Rand drangen kaum nach draußen und trübten nicht das Bild geglückter Spiele. So war die Welt des Lobes voll, als am 16. August 1936 die olympische Flamme im Stadion langsam verlosch. Der greise Coubertin dankte in einer verlesenen Grußbotschaft "dem deutschen Volk und dem Führer für das Erreichte" und rief die Athleten auf: "Sorgen Sie dafür, dass die heilige Flamme weiter brennt! Sportliche Verständigung, wie sie unter der Ägide der olympischen Flagge mit den fünf symbolischen Ringen erreicht wurde, ist stärker als der Tod."

Der Baron irrte. Denn der Führer, dessen Willen Coubertin so sehr bewunderte, wollte viel mehr erreichen als Platz eins in der Medaillenwertung. Und so gingen seine Athleten nicht zu den nächsten Olympischen Spielen, sondern ganz woandershin: Weitspringer Luz Long fiel 1943 in Italien. Freiherr Konrad von Wangenheim starb 1953 als Kriegsgefangener in Russland. Ringer Werner Seelenbinder, der als aufrechter Kommunist schon 1933 bei den deutschen Meisterschaften den Hitlergruß verweigert hatte, wurde 1944 als Mitglied einer Widerstandsgruppe hingerichtet. Und Springreiter Heinz Brandt stand als Generalstabsoffizier am 20. Juli 1944 neben Hitler, als im Führer-Hauptquartier die Bombe Stauffenbergs explodierte. Brandt starb zwei Tage später - vorher hatte Hitler den Goldmedaillengewinner noch zum Generalmajor befördert.

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