HOME

Entlassen: Der Job ist weg ...und jetzt?

Die Allianz streicht Tausende Stellen. Bei Siemens sieht es nicht besser aus. Millionen Deutsche verlieren jedes Jahr ihren Arbeitsplatz. Was wird aus ihnen? Wie geht es weiter? Eine Reise zu Menschen, die erlebt haben, was fast alle fürchten: Kündigung, Abfindung, Arbeitslosigkeit - und oft einen neuen Anfang.

Von Stefan Schmitz

Es ist keine Krebsdiagnose, niemand ist gestorben, das Leben geht weiter. Es ist nur ein Job - und der ist weg.

Hendrik Kaufel, Diplomkaufmann in einer feinen Privatbank, erfuhr es im Januar im Büro seines Chefs: "Wir können nicht länger mit Ihnen zusammenarbeiten." Seine Frau war da gerade schwanger geworden. Sicherheitsingenieur Axel Fliege erfuhr es am Werkstor. Da stand nach Feierabend ein Fernsehteam und fragte: "Was sagen Sie dazu, dass Infineon den Laden hier zumacht?" Matthias Lehnertz hockte mit 100 Arbeitskollegen in einer Besprechung, und ein Schlipsträger sagte, dass Daimler-Chrysler der Abgang jedes Arbeitnehmers lieb und teuer sei. Angelika Ziser bot das Management an, nach mehr als 30 Jahren im Büro an die Stanze in der Produktionshalle zu wechseln - oder zu gehen.

Jobs werden gestrichen und aufgespalten, in den mehr oder weniger fernen Osten verlagert oder künftig von Maschinen erledigt. Millionen Deutsche verlieren jedes Jahr ihren Arbeitsplatz. Vor nichts haben sie so viel Angst. 47 Prozent sorgen sich nach der Online-Erhebung "Perspektive Deutschland" um ihre Stelle. Nur 43 Prozent bangen um ihre Gesundheit. Die meisten halten den Jobinfarkt für wahrscheinlicher als den Herzinfarkt. Sie haben Recht. Vergangene Woche war es die Allianz, die trotz hoher Gewinne ankündigte, dass sie 7500 Stellen im Versicherungsgeschäft und bei der Tochter Dresdner Bank streicht. Kurz zuvor hatte Siemens die Beschäftigten mit der Nachricht geschockt, dass die Telekommunikationssparte in einem Gemeinschaftsunternehmen mit Nokia aufgehen soll - was Tausende Jobs kosten wird.

Kein Monat, kaum eine Woche vergeht, ohne dass irgendein Unternehmen Stellenstreichungen ankündigt. Im vergangenen Jahr machte Infineon den Anfang, im Februar folgten die Deutsche Bank und die Hypo-Vereinsbank, ebenso wie Henkel und Miele. Im März dann IBM, Siemens und die Deutsche Telekom, im April Karstadt-Quelle und die DBV Winterthur. Im Mai Linde und Smart, im Juni Continental sowie Hewlett-Packard. So ging es weiter und weiter. Quer durch alle Branchen. Die eine Firma baut ein paar Dutzend Stellen ab, die andere ein paar hundert oder tausend. Gestrichen wurden Handlangerjobs genauso wie hoch bezahlte Arbeitsplätze von Investmentbankern.

Wo aber bleiben all die Entlassenen und Abgefundenen, die nicht übernommenen Auszubildenden und die befristet Beschäftigten ohne Chance auf einen Dauerjob? Wer die Nachrichten sieht und die Zeitung liest, der kann sich nur wundern, dass die Arbeitslosigkeit zwar unerträglich hoch ist, aber nicht immer weiter steigt. Der Grund ist so einleuchtend wie überraschend: Zwar verlieren jedes Jahr mehrere Millionen Deutsche ihren Job - aber es finden auch Millionen einen neuen. Für Mai etwa meldete die Bundesagentur für Arbeit, dass 211 900 Menschen, die zuvor Lohn und Gehalt bezogen, arbeitslos geworden sind. Aber: Im selben Monat fanden auch 346 500 Arbeitslose eine neue Stelle.

Der stern hat zwischen Schwarzwald und Mecklenburger Seen Ex- und Wiederarbeitnehmer besucht, die Opfer des Stellenabbaus geworden sind. Einige Geschichten sind deprimierend, aber viele machen Hoffnung: Manchen Entlassenen gelingt es gar, mit der Abfindung des Ex-Arbeitgebers persönliche Träume zu verwirklichen. Eine Minderheit - vor allem Ältere und Ungelernte - bleibt ohne Chance, auch wenn sie alles richtig macht. Doch die meisten Ausgemusterten sind nach wenigen Monaten wieder aus der Statistik verschwunden. Der Jobverlust ist für sie nicht der dauerhafte Abschied von der Erwerbsarbeit - und dennoch oft bitter: Denn neue Arbeit finden viele nur zu geringerem Lohn, fern der Heimat, in neuen Berufen oder unter ihrer Qualifikation.

Bei Frank Gerber

klingelte der Wecker jeden Morgen um viertel nach vier. Aufstehen, anziehen, ins Bochumer Opel-Werk fahren - fast 30 Jahre hat er das gemacht. So ungefähr 6000-mal. Er hat Fensterrahmen in den Ur-Ascona montiert, ist in den 80er Jahren Gabelstapler gefahren, und zum Schluss kontrollierte er Teile, die von den Händlern ins Werk zurückgeschickt wurden. Dann beschloss der Opel-Mutterkonzern General Motors, 10 000 Jobs in den vier deutschen Werken zu streichen. Wer ging, kam für ein Jahr in einer Beschäftigungsgesellschaft unter und kassierte eine hohe Abfindung. Gerber nahm das Angebot an - auch, weil die Beschäftigungsgarantie nur für ein paar Jahre gegolten hätte und die Kollegen sagten: "Das ist die letzte Chance, hier mit viel Geld rauszugehen." Von Opel hat er 168 000 Euro bekommen; nach Steuern blieben 120 000. Aber bis zur Rente reicht das nicht.

Gerber ist 53 Jahre alt, hat eine künstliche Hüfte, einen 400-Euro-Job als Schlosser im Tierheim und Angst vor der Zukunft. "Ich bin nicht mehr so locker drauf wie früher", sagt er. Wie sollte er? Im Sommer 2007 endet sein Anspruch auf Arbeitslosengeld, dann muss er seine Abfindung aufzehren und, wenn nichts passiert, anschließend von Hartz IV leben bis zur Rente. Er hat 15 Bewerbungen geschrieben. "Aber da tut sich nichts", klagt er. "Ich würde jede Arbeit annehmen, egal, was es ist." Viele Jahre lang hatte es für ihn keinen Grund gegeben, sich um seinen Arbeitsplatz zu sorgen. Da sitzt der Schock, sich getäuscht zu haben, besonders tief. Der Arbeitsmarktforscher Günther Schmid vom Wissenschaftszentrum Berlin zitiert dazu einen alten Spruch von Karl Valentin: "In der Vergangenheit war selbst die Zukunft besser."

Zumindest waren die Risiken überschaubarer, kalkulierbarer, weniger komplex. Heute konkurrieren deutsche Facharbeiter im Automobilbau mit Kollegen in Polen und bald mit jungen Chinesen. Die Risiken haben sich verändert; früher hinderte die soziale, ethnische oder regionale Herkunft junge Leute daran, den gewünschten Beruf zu ergreifen. Jetzt bedroht die Globalisierung die Lebensentwürfe. Während noch vor ein paar Jahrzehnten allenfalls die Beschäftigten in Krisenbranchen wie Bergbau, Stahl oder Bau unter Druck gerieten, kann es nun quer durch die Wirtschaft jeden treffen. Und die Älteren sind besonders hart geschlagen. Von den 55- bis 64-jährigen Männern hat in Deutschland nur noch gut die Hälfte einen Job, vor 40 Jahren waren es noch etwa 85 Prozent.

Auch bei Daimler

in Düsseldorf hatte Gerber angeklopft, sie bauen da den Kleinlaster Sprinter, und wie es in einer Autofabrik zugeht, weiß er nun wirklich. Aber die Daimler-Leute schrieben, er solle sich im Internet bewerben. "Ich habe aber kein Internet", sagt Gerber. Er hat die Sache dann nicht weiterverfolgt, weil er noch auf die vielen anderen Bewerbungen hoffte. Einen Staplerführerschein, der außerhalb des Opel-Werkes gültig ist, könnte er machen, aber das Arbeitsamt zahlt das nur, wenn er eine konkrete Stelle in Aussicht hat. Natürlich kann man sagen, er solle doch ein paar Hunderter von seiner Abfindung nehmen und den Schein einfach auf gut Glück machen. Nur hat nie jemand Gerber beigebracht, dass man eigenes Geld in seine Fähigkeiten investieren muss, auch wenn der Ertrag ungewiss ist.

Dabei ist Qualifikation noch wichtiger als das Alter. "Eine gute Ausbildung schützt nicht nur vor Arbeitslosigkeit", stellen die Sozialforscher Alexander Reinberg und Markus Hummel fest. "Sie hilft offensichtlich, das Arbeitsvermögen bis zum Rentenalter länger und besser zu nutzen." Die Arbeitsmarktstatistik ist ein einziger Appell, jede Chance zur Qualifikation zu nutzen. Im Westen sind nur 3,5 Prozent der Hoch- und Fachhochschulabsolventen arbeitslos; im Osten sechs Prozent. Von den ungelernten Arbeitern dagegen haben 21 beziehungsweise 51 Prozent keinen Job. In den kommenden Jahren wird die Schere nach den Prognosen der Arbeitsmarktforscher noch weiter auseinander gehen. Denn der Anteil der Jobs für nicht oder nur gering qualifizierte Arbeitnehmer schrumpft immer weiter - von fast 40 Prozent aller Stellen 1991 auf unter 30 im Jahr 2010.

Man muss etwas können,

was andere brauchen - und nicht jeder kann. Für viele bedeutet das, als Erwachsene noch einmal von vorn anzufangen. Gerbers Ex-Kollege Wolfgang Späth versucht das gerade. 16 Jahre hat der gelernte Bäcker bei Opel gearbeitet, bevor er wie Gerber mit einer Abfindung ausschied. Erst in der Küche der Werksverpflegung; und als die von einer externen Firma übernommen wurde, ist er ins Werk gewechselt. Er fuhr gerade produzierte Autos vom Band auf Laster und Eisenbahnwagen, mit denen sie dann aus dem Werk rollten. "Die Küche. Die ersten Jahre bei Opel, das war schön", erinnert er sich. Nun will er zurück an den Herd. Vorletzte Woche machte er bei der Industrie- und Handelskammer seine Prüfung als Koch, nun will er sich zum Diätkoch ausbilden lassen. In einem Krankenhaus oder Reha-Zentrum würde er gern kochen. "Wir haben immer mehr Kranke und Fettleibige, das ist ein Zukunftsmarkt", hofft der 42-Jährige. Wenn das nicht klappt, geht er eben in die Gastronomie. Am liebsten macht er sowieso Piccata Milanese und Tiramisu, was nicht unbedingt Klassiker der Diätküche sind.

Wolfgang Späth lernt, was ihm Spaß macht, in der Küche lebt er auf. Tatsächlich ist das Gefühl für die eigenen Fähigkeiten oft ein besserer Ratgeber als die Zahlenkolonnen der Statistiker. Die können aber zumindest einen Hinweis darauf geben, wie schwer oder leicht der Einstieg in den Traumberuf sein wird: Der künftige Koch könnte unter www.pallas.iab.de nachlesen, dass 2004 auf knapp 380 000 sozialversicherungspflichtige Köche mehr als 122 000 arbeitslose Berufsgenossen kamen. Keine besonders ermutigende Quote; aber wer sieht, wie Späth sich auf den neuen Beruf freut, der traut ihm zu, es zu schaffen. In der langen Datenreihe findet sich vom Augenoptiker bis zum Zahntechniker so ziemlich jeder Beruf. Wer seinen Job verliert und zum Arbeitsamt kommt, für den sucht der Vermittler auch nach Alternativen in anderen, verwandten Berufen, in denen er seine alten Qualifikationen weiter nutzen kann.

Birgitt Thieß hat dazu eine ganze Reihe von Anläufen genommen. Als Ingenieurin für Holzverarbeitung war sie vor der Wende beim Form- und Schnittholzkombinat Schwerin in Crivitz. Sie hat Teile gezeichnet und entworfen. Das hat ihr Spaß gemacht. Dann kam der Kapitalismus. Sie hatte zwei kleine Kinder, ein altes Haus im Dorf Venzkow, und ihr Job ging den Bach runter. Es folgten Umschulungen, Weiterbildungen, Praktika, befristete Jobs. Mal in der Umweltberatung, dann in der Altbausanierung, zwischendurch bei einer Wohnungsbaugesellschaft. Und immer wieder Arbeitslosigkeit. Den Sprung auf einen Dauerarbeitsplatz hat sie in eineinhalb Jahrzehnten nicht geschafft. Jetzt bekommt Birgitt Thieß Hartz IV. In der Linkspartei kämpft sie für ein anderes Deutschland. Zu Hause in Venzkow gegen die kollabierende Elektrik ihres Hauses. Und auf dem Amt gegen Sachbearbeiter, die der Meinung sind, dass sie von ihrem 80-Quadratmeter-Haus als Hartz-IV-Empfängerin nur 45 Quadratmeter heizen dürfe. "Ich habe nicht aufgegeben. Ich will arbeiten", beteuert sie. Ihre Ehe ist an der langen Arbeitslosigkeit zerbrochen. "Wenn man keine Arbeit hat, braucht man einen Partner, der einem hilft", sagt sie.

Das Gefühl, keinen Platz in der Gesellschaft zu haben, ist nicht nur ein ökonomisches Problem. Es ist Stress für die Seele. Auch die Kurzzeitarbeitslosen berichten über schlaflose Nächte, Frust, Ängste. Was bin ich wert?, fragen sich viele Arbeitslose. Wozu bin ich noch gut?

Das ist für alle bedrückend,

wirklich brutal aber für diejenigen, die täglich ihre gesundheitlichen Handicaps spüren. Wolfgang Bührer stand eines Morgens Ende 2003 auf, und sein rechtes Bein war wie gelähmt. Die Ärzte diagnostizierten einen Bandscheibenschaden. "Ich kann nicht mehr schwer lupfen", sagt der kräftige Baden-Württemberger, der fast 20 Jahre Granulateimer in der Folienbeschichtung gestemmt hat. Die ersten Monate stockte ihm die Firma - in der ohnehin Entlassungen anstanden - das Krankengeld auf, im September 2004 ist er dann aus dem Betrieb ausgeschieden. Jetzt arbeitet er als Portier - immer mit befristeten Verträgen und vor allem: für viel weniger Geld. "Mir fehlen gut 1000 Euro im Monat." Der 48-jährige Bührer schlägt sich durch. Manchmal leiht er sich Geld bei seinen Kindern, deren Fotos in der rustikalen Küche an der Wand hängen. Er kämpft darum, das zu behalten, was ihm geblieben ist. In den vergangenen Wochen musste seine Schilddrüse operiert werden. Eigentlich keine große Sache, aber nach seinen Erfahrungen mit dem Rücken findet er den Eingriff bedrohlich: "Ich sitze als Porti am Telefon, da brauch ich meine Stimme." Auch wenn der Rücken zwickt, hält er sich aufrecht. Aber viel darf nicht mehr schief gehen.

Stärker noch als Konjunktur, Konsumflaute oder Globalisierung bedroht Krankheit die individuellen Erwerbsbiografien. Das zeigt sich etwa in den Zahlen für die "Abgänge aus Arbeitslosigkeit": Rund jeder sechste der 30- bis 40-Jährigen fällt wegen seiner Gesundheitsprobleme aus der Statistik. Bei den über 50-Jährigen ist es fast jeder Dritte.

In Bührers alter Firma, dem Verpackungshersteller Tscheulin im baden-württembergischen Teningen, hat Angelika Ziser 31 Jahre gearbeitet. Der Betrieb wechselte zwischenzeitlich mehrfach den Besitzer und gehört heute dem kanadischen Alcan-Konzern. Frau Ziser wurde stets mit verkauft. Zwei Jahrzehnte lang hat sie Kapseln für Sektflaschen an den Mann gebracht. "Dann hat die Konzernspitze entschieden, dass das Produkt nicht mehr zum Kerngeschäft passt", sagt sie. Sie wechselte in die Finanzbuchhaltung, aber auch da wurde bald umstrukturiert und rationalisiert. "Mir haben sie einen Job in der Produktion an der Stanze angeboten." Das wollte sie auf keinen Fall. Mit viel Mühe hat sie einen neuen Job in der Region gefunden, aber notfalls wäre sie auch fortgezogen aus ihrer badischen Heimat. Das wäre ihr nicht leicht gefallen. Trotzdem leichter als ein Leben ohne Arbeit.

Die vertraute Umgebung

aufgeben, Freunde und Familie zurücklassen und für einen neuen Job in die Fremde ziehen - dazu sind die meisten Arbeitslosen nicht bereit. In einer großen Umfrage des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) unter rund 20 000 Arbeitslosen sagten nur elf Prozent, sie würden ohne weiteres den Wohnort wechseln. 26 Prozent hätten es - wie Angelika Ziser - mit Bauchschmerzen getan. Und die große Mehrheit von 63 Prozent wäre lieber ohne Arbeit geblieben. Dabei sind die Arbeitslosen durchaus zu Konzessionen bereit: Wechselnde Arbeitszeiten oder einen Berufswechsel würden mehr als 80 Prozent in Kauf nehmen, ebenso wie eine weniger qualifizierte und interessante Arbeit oder einen längeren Weg zur Firma. Immerhin noch drei Viertel würden auch Lärm und Schmutz und weniger Geld als im alten Job akzeptieren.

Mancher arbeitet gar

für weniger, als er vom Arbeitsamt bekommen würde. Das klingt ökonomisch unsinnig, zahlt sich am Ende aber meist aus. Denn nichts ist gefährlicher als lang andauernde Arbeitslosigkeit. Wer über Jahre sucht, findet meist nichts mehr. "Es gelingt nur wenigen, nach längerer Arbeitslosigkeit wieder auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen", stellen Udo Brixy vom IAB und Björn Christensen vom Kieler Institut für Weltwirtschaft fest.

Axel Fliege aus Berlin, der bei Infineon seinen langjährigen Job verlor, reichten schon die acht Wochen, die er danach zu Hause gesessen hat. Von Anfang an hatte er das Gefühl: "Ich muss etwas tun." Beim Arbeitsamt sagte der Berater dem 51-jährigen Sicherheitsingenieur, seine Chancen seien schlecht. Fliege wurde vertrieben aus einer lange besonders gut behüteten Abteilung der Deutschland AG. Noch heute wohnt er in der Berliner Siemensstadt - in einer Wohnung, die bis vor kurzem dem Elektrokonzern gehörte, aus dessen Halbleitersparte Infineon entstanden ist. Die Sozialleistungen des Unternehmens haben den ehemaligen DDR-Bürger in den ersten Jahren nach der Wende überrascht: "Ich habe gestaunt, was die alles für ihre Leute machen - von der Rente bis zu den Sportmöglichkeiten." Die Wohltaten wären aber Schritt für Schritt zusammengestrichen worden. Am 25. Januar 2005 hat er dann erfahren, dass sein Werk ganz geschlossen wird. Heute arbeitet er in einer kleinen Firma, fährt quer durch Berlin bis nach Adlershof zur Arbeit und ist froh, "dass ich etwas gefunden habe".

Er kann verstehen, dass ihm der neue Chef erst mal nur einen befristeten Vertrag gegeben hat, dass das Gehalt niedriger ist und vor allem die Sozialleistungen. "Die Bedingungen, die ich hatte, kriege ich nie wieder. Das ist klar." Fliege wollte nicht auf ein besseres Angebot warten, das vielleicht doch nicht kommt - und hat damit so gehandelt, wie es Experten empfehlen. Nach den von Brixy und Christensen ausgewerteten Daten waren nur 3,4 Prozent derjenigen, die eine neue Stelle gefunden haben, länger als ein Jahr arbeitslos. Und 88 Prozent der wieder Erwerbstätigen nahmen innerhalb von sechs Monaten einen neuen Job an.

Der Verlust des Jobs,

das Ende der gewohnten Überweisungen und der Ausstieg aus dem Sozialgefüge der Firma treiben die meisten erst mal in die Defensive. Sie sind verunsichert, zweifeln an sich und werden von potenziellen Arbeitgebern zurückgewiesen. Aber es gibt Ausnahmen. Matthias Lehnertz gehört dazu. Bei Daimler-Chrysler hat er computergesteuerte Drehmaschinen programmiert. 17 Jahre war er in der Firma. Er gehörte im doppelten Sinne zur Facharbeiterelite: durch seinen generösen Arbeitgeber und durch die eigene Qualifikation. Vielleicht noch wichtiger ist etwas anderes: Der Mann, breit und wohlgenährt, sprüht vor Zuversicht und Optimismus. Als ihm beim Daimler eine fürstliche Abfindung - 38 Monatsgehälter plus 37 000 Euro - angeboten wurde, wagte er den Neuanfang. Jetzt wirbelt er durch eine kleine Halle in Tamm bei Ludwigsburg. Es riecht nach Öl und Schweiß, aber zwischen den ganzen Old-Economy-Maschinen verbirgt sich viel moderne Elektronik. Hier werden NC-Maschinen programmiert und Einzelteile und Kleinserien von besonderen Werkzeugen hergestellt. Lehnertz trägt noch immer das graue Hemd von Daimler-Chrysler mit seinem aufgenähten Namen. Warum auch nicht? Es war eine schöne Zeit. "Und der Abgang wurde mir verzuckert."

Mit dem Geld aus der Abfindung kaufte sich Lehnertz als Teilhaber in die kleine Fünf-Mann-Firma KS-Tuschl ein. Das hat auch Nachteile - so musste er beim Möbelkauf mit seiner Frau erleben, dass ein frisch gebackener Selbstständiger in Deutschland nicht kreditwürdig ist. "Wir haben ein Problem", sagte die Möbelverkäuferin. "Na und?", sagte Lehnertz - und ließ das Null-Prozent-Finanzierungsangebot sausen. Wirklich stört ihn sein Status als unsicherer Kantonist nicht. Er hat Aufträge, er liebt seine Arbeit. Manchmal kommt einer seiner beiden halberwachsenen Söhne vorbei. Lehnertz würde es gern sehen, wenn die beiden irgendwann in der Firma anfingen. Als er das sagt, scheint Daimler ganz weit weg. Er macht jetzt sein eigenes Ding: "Alles hat gepasst. Es war wie ein Sechser im Lotto."

Tatsächlich sind die Chancen

auf eine erfolgreiche Existenzgründung besser als beim Glücksspiel - aber nicht jeder sollte sich daran versuchen. Das Bundesarbeitsministerium warnt geradezu davor, den Sprung zu wagen, wenn der drohende Verlust des Jobs die einzige Motivation ist. "Die Idee und der Antrieb, sich selbstständig zu machen, sollten bereits während der Berufstätigkeit gereift sein", raten die Experten des Ministeriums. Der Jungunternehmer muss die Finanzen im Blick haben, seine Branche kennen, eventuell Mitarbeiter führen. Und vor allem begeistert und leidensfähig sein.

Dann können sogar so verrückte Ideen eine Chance haben, wie sie Lehnertz' Kollege Guido Keller gerade verfolgt. Auch er diente fast zwei Jahrzehnte dem Unternehmen mit dem Stern ("Ich war verwachsen mit der Firma"). Jetzt macht er in Stuttgart ein Weinfachgeschäft auf, im Oktober geht es los. "Wein und Literatur, das ist meine Perspektive. Wein allein zieht heute nicht mehr. Sie brauchen ein Zusatzelement." Keller ist ein Verkäufer, ein Menschenfänger. Auf dem Neckar in Tübingen bietet er seit Jahren Stocherkahnfahrten an, bei denen er Gedichte vorträgt. Da geht es um Liebe und große Gefühle. So will er auch seinen Wein verkaufen. "Love selling" - der Kunde entscheidet, wann er kaufen will, alles locker und ohne Zwang. Wie Späth und Lehnertz hat er einen Traum, eine Vision. Er will etwas erreichen, und man merkt es ihm an. Das ist wichtig für den Erfolg.

Arbeitsamtsexperten haben nüchterne Fragebogen entwickelt, in denen sie Motivation, Ausbildung, Erfahrung, Flexibilität und manches andere abklopfen. Aber die Papierform ist nicht alles: "Es kommt auch darauf an, wie sich einer präsentiert und ob er gut ankommt", sagt Ulrich Walwei, der stellvertretende IAB-Chef. Das ist menschlich. Und brutal. Arbeitssuchende müssen lernen, sich als günstiges Angebot zu präsentieren.

Für viele ist das schwierig, andere beflügelt es geradezu. Hendrik Kaufel etwa. Als er seinen Job in einer Hamburger Privatbank verlor, hat er sich erst selbst beworben und dann gespürt, dass er ohne fremde Hilfe seine Chancen nicht ausreizen kann. Er ging zu einem Profi - einem Outplacement-Berater, der sich darauf spezialisiert hat, den Ankauf von Arbeitskraft zu vermitteln. Mit seinem Coach trainierte er für den "Marktauftritt", wie er ganz selbstverständlich die neue Bewerbungsphase nennt. In 90 Sekunden kann er sich so präsentieren, dass es wie ein Werbespot wirkt. Er ist dann "der Hanseat" - verlässlich, vertrauenswürdig, ein Mann, dem man gern sein Vermögen anvertraut.

Knapp 5000 Euro eigenes Geld

hat er sich die Investition in seine Vermarktung kosten lassen. An seinem 40. Geburtstag kam die Zusage der Finanz- und Wirtschaftskanzlei André Tonn für den neuen Job. Es war ein Montag. Die Party am folgenden Wochenende fiel größer und ausgelassener aus, als zunächst zu erwarten war. Und auch der Geburt seines ersten Kindes im Juli sieht er nun "viel relaxter entgegen". Wer würde ihm das nicht gönnen? Und doch bleibt eine bittere Erkenntnis: Arbeit ist eine Ware. Sie wird auf einem Markt gehandelt. Die Nachfrage bestimmt den Preis. Letztlich trägt jeder ein Preisschild, das seinen Wert - nicht als Mensch, aber als Arbeitnehmer - bestimmt.

print