Er ist der amerikanische Traum der iPod-Generation. Er begeistert die Massen nicht nur in den USA - in Barack Obama sehen viele Menschen die Chance auf eine bessere Welt. Und die 1000 Angestellten seines Wahlkampfteams tun alles dafür, dass Zweifel daran nicht aufkommen. Von G. di Grazia, K. Gloger und J.-C. Wiechmann

Die Hallen sind längst zu klein geworden: Fans bedrängen den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama bei einem Auftritt in der Joe-Louis-Arena in Detroit© Alex Brandon/AP
Dieses Kreischen. Warum kreischen sie so? Warum strecken sie ihre Arme gen Himmel, obwohl er noch kein Wort gesagt hat? Warum haben sie Tränen in den Augen, wenn er nur über die Bühne geht? Dabei geht er nicht. Er schreitet. Er wippt im Schreiten. Das Obama-Schreiten. Und dann lächelt er. Darauf haben sie gewartet. Das Obama- Lächeln. Weniger ein Lächeln, eher ein Strahlen. Ein Dauerstrahlen. Er muss gar nicht reden. Er muss nur schreiten, wippen, strahlen. Das reicht für die Ekstase.
Aber Obama redet. Eine große Rede soll es werden. Draußen vor dem Kongresszentrum in San Diego stehen noch Hunderte, die ihn sehen wollen, die sehen wollen, ob er echt ist.
Amerikas Arenen sind längst zu klein geworden für das Phänomen. Er darf nicht einfach reden. Er muss sie mit auf eine Reise nehmen. Wenn man, wie die Lehrerin April Johnson, um fünf Uhr aufgestanden und 300 Kilometer angereist ist, dann will man schweben. Dann will man Geschichte erleben. Um Politik geht es schon lange nicht mehr in diesem Wahlkampf, es geht um Geschichte.
Mögen ihre Eltern weiter von JFK schwärmen und der Großvater vom Zweiten Weltkrieg - April Johnson hat jetzt Obama.
Dann kommen seine Sätze. Worte, die stets bedeutungsschwer im Saal verharren. Glaube, Liebe, Hoffnung, Vaterland. Ob es um Außenpolitik geht, um den Krieg oder die Wirtschaft, wie an diesem Tag - irgendwann münden die Sätze in die eigene Obama-Dramaturgie: Die Lage ist düster, aber ich verspreche euch den Neuanfang. Seit seinem ersten Wahlkampf 1995 beherrscht Obama diese Dramaturgie, die in dem Satz gipfelt: Unsere Gegner sind unerbittlich, aber gemeinsam und gegen alle Widerstände verändern wir das Land, ja die Welt.
Es ist die Hymne auf sein eigenes Leben: Du magst ohne Vater aufwachsen - und doch eine große Vaterfigur werden. Du magst weder schwarz noch weiß sein - und doch deine Bestimmung finden. Du warst auf dem Weg zum Junkie - und wirst nun Präsident. Hope. Change. Believe. Yes. We. Can. Obama.
Man stelle sich den Wahlspruch für einen Augenblick bei Kurt Beck vor. Hoffnung. Wandel. Glaube. Ja. Wir. Können. Beck.
Dann gehen die Menschen. Sie fühlen sich beschwingt, wenigstens für zehn Minuten. Es ist ihr Sprung ins Wellnessbecken. Der Motivationskurs am Morgen. Obama kümmert sich um uns, sagen sie. Wir vertrauen ihm. Doch nicht selten, wie bei April Johnson, klingen die Sätze auffällig banal: "Ich finde ihn cool." Was findest du cool? "Irgendwie was er sagt." Was sagt er denn? "Dass es Hoffnung gibt." Wie gibt er dir Hoffnung? "So wie er von der Hoffnung spricht."
Wer das Phänomen Barack Hussein Obama II, 46, ergründen will, landet nicht bei politischen Großtaten, sondern bei seinem Leben. Es ist der Stoff eines Hollywoodfilms, der Sohn einer Weißen aus Kansas und eines Schwarzen aus Kenia, der bei den Großeltern auf Hawaii aufwuchs. Er hat das Gesicht der Globalisierung. Den Charme von Cary Grant. Genug Jugend für den Jugendwahn. Das telegene Auftreten für die TV-Generation. Seine Soundbites sind Youtube-gerecht, seine Worte zeitlos, sie passen in Poesiealben wie auf Gräber und Glückwunschkarten. Und er profitiert von der Zeit. Von einem Vakuum an Glaubwürdigkeit. Von der Sinnsuche Amerikas.
Aber die grenzenlose Euphorie erklärt dies noch nicht. Warum ziehen mehr als eine Million Freiwillige für ihn durchs Land? Warum würden ihn in Deutschland 76 Prozent wählen? Wie kommt er auf diese Rekordspenden, mehr als 300 Millionen Dollar? Was macht er - mit den Menschen?
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 31/2008
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