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11. Februar 2003, 15:13 Uhr

Der Kriegsherr

Keiner streitet so beharrlich für einen Feldzug gegen den Irak wie Donald Rumsfeld. Zur Not zieht der Haudegen aus dem US-Verteidigungsministerium auch allein in die Schlacht gegen Saddam Hussein.

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld: "Der Mensch und die Schildkröte haben vieles gemeinsam"© dpa

"Der Mensch und die Schildkröte haben vieles gemeinsam", pflegt Donald Rumsfeld gern zu sagen. "Keiner der beiden kommt wirklich vorwärts, ohne den Kopf nach vorn zu strecken." Aus der Nähe betrachtet hat der Boss der gewaltigsten Militärmaschinerie der Welt tatsächlich Ähnlichkeit mit den runzligen Kriechtieren. Tief sind die Falten, die sich vom Mund bis zur Nasenwurzel und quer über den Hals ziehen. Wie ein knittriger Beutel wabbelt er über den blau-weißen Krawattenknoten des 70-Jährigen.

Tatsächlich hält der US-Verteidigungsminister auch jetzt, am Podium im Bayerischen Hof in München, seinen Kopf nach vorn gestreckt, als wolle er noch einer weiteren seiner Lieblingsmetaphern Ausdruck verleihen: "Leaning forward", sich nach vorn neigen, heißt der Begriff aus dem Kalten Krieg, den amerikanische Soldaten, Spione und auch Donald Rumsfeld gern hervorkramen, wenn sie ihre Bereitschaft zur Aggression unterstreichen wollen; ihren Willen, Risiken einzugehen. Rumsfeld benutzt den Spruch bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Er sagt: "Ich möchte, dass jedermann weiß, wie weit wir nach vorn geneigt sind." Und um jeden Zweifel an seiner Entschlossenheit zum Krieg gegen den Irak auszuräumen, erklärt er: "Gemeinsames Bluffen kann keine Sicherheit für alle bringen."

Das war seine Botschaft bei der Münchner Konferenz für Sicherheitspolitik am vergangenen Wochenende: Finale in seinem Werbefeldzug für das große Bombardement auf das Reich des Bösen, die "letzte diplomatische Phase". Rumsfeld hat keine Angst vor militärischen Abenteuern. Und schon gar keine Angst vor den neuerdings friedensbeseelten Deutschen, die er nur zwei Tage zuvor mit Libyen und Kuba eingereiht hatte in die üblichen Verdächtigen, wenn es um antiamerikanische Umtriebe geht. Für Rumsfeld sind das asoziale Totalverweigerer, die er jetzt trotzdem noch schnell auf Kurs bringen möchte. Sonst kennt er kein Pardon.

Donald Rumsfeld, der oberste Kriegsherr im Pentagon, ist der schillerndste Frontmann im Feldzug gegen den Terror. "Ein Krieg gegen Irak wäre Rumsfelds Werk", schreibt das Nachrichtenmagazin "Time". "Gewinnen oder verlieren, dies wäre Rumsfelds Krieg." Als Verteidigungsminister in Krisenzeiten hat er die Rolle seines Lebens gefunden.

Mit seinen Lageberichten aus Afghanistan ist er vor einem Jahr eine Art Showstar im amerikanischen Fernsehen geworden. Dem Publikum erläuterte er, dass man den Feind mit Worten nie und nimmer zur Besinnung bringen könne. "Das ist, als ob man einen Alligator füttert in der Hoffnung, er frisst dich als Letzten." Solche Sprüche machten "Rummy", wie ihn Freunde nennen, zum Zuschauermagnet. In der Heimat wurde er vom Gesellschaftsblatt "People" zum "Kabinettsmitglied mit dem meisten Sexappeal" gekürt, die "Washington Post" ernannte ihn zu "Amerikas neuem Rockstar". Daneben darf er sich rühmen, als 43-Jähriger einst jüngster Verteidigungsminister in der Geschichte der USA gewesen zu sein. Heute, mit 70, ist er der älteste, den das Land je hatte. Und der schärfste.

Einst hat Rumsfeld versucht, sich gegen Bush senior als Präsidentschaftskandidat der Republikaner durchzusetzen. "Damals kannte ich ihn als extrem ehrgeizigen Mann", sagt Henry Kissinger. "Heute steckt in ihm eine sehr große Ruhe und die Gewissheit, dass sein Job die absolute Erfüllung ist." Der ehemalige Außenminister der USA zweifelt nicht daran, dass der Verteidigungsminister seinen Krieg bekommen wird: "Keiner der Despoten, mit denen wir es zu tun hatten, war unnachgiebiger als Donald Rumsfeld."

Höchstpersönlich lässt sich der Chef nahezu jeden Morgen, wenn er um 6.30 Uhr sein Büro im E-Ring des Pentagon betritt, den Aufmarschbefehl für den nächsten Golfkrieg an sein Stehpult bringen. An der Wand hängt als einziger Schmuck eine schwere Bronzeplakette, die er sich einst auf einem Flohmarkt in New Hampshire gekauft hat. Eingraviert ist ein Zitat des ehemaligen US-Präsidenten Theodore Roosevelt, der im Kubakrieg 1898 an der Spitze einer Truppe von Abenteurern eigenhändig einen Spanier erschoss. Sein Motto auf der Plakette darf durchaus auch als Rumsfelds Leitmotiv gelten: "Aggressiv für das Richtige zu kämpfen ist der edelste Sport in den Angelegenheiten der Welt."

Akribisch kontrolliert der Verteidigungsminister an seinem Pult das umfangreiche Dokument Nr. 177, den Schlachtplan gegen Saddam Hussein. Normalerweise geben sich Minister mit solch genauer Lektüre von Nachschubwegen und Verlegung einzelner Regimenter nicht ab. Aber mit jedem Schritt, den Amerika dem Krieg gegen den Irak näher kommt, fragt Rumsfeld noch genauer, drängt noch öfter auf Klärung, fordert noch mehr Information. Mehr, besser. Und vor allem: schneller.

Ungeduld, sagen die engsten Mitarbeiter, ist eine seiner ausgeprägtesten Eigenschaften. Rumsfeld hasst Verzögerungen jeder Art. "Keiner, der ihn je wirklich erlebt hat, würde ihn einen Kavalier nennen", sagt I. Lewis Libby, der Stabschef von Vizepräsident Dick Cheney. Rumsfeld ist getrieben von der Angst, dass seine Befehle auf der Strecke bleiben könnten, dank irgendwelcher übervorsichtiger Militärs. Immer wieder lässt er seine Generäle alles noch einmal durchexerzieren, Invasionspläne völlig überarbeiten. Der erste Entwurf des Vier-Sterne-Generals Tommy Franks, der den Krieg gegen den Irak von Katar aus befehligen soll, gilt längst nicht mehr. "Franks ist bestenfalls der Zeichner", sagt ein hoher Pentagon-Offizier. "Der Architekt ist Rumsfeld."

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