Ein Aufsteiger, der von oben kommt - das gab es in der deutschen Politik noch nie. Mit rasender Geschwindigkeit hat sich Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) bei den Deutschen beliebt gemacht. Schon fragen die ersten: Kann er auch Kanzler? Von Axel Vornbäumen

In der größten Krise vertrauen 61 Prozent der Deutschen dem jungen Wirtschaftsminister© Michael Trippel
Der Seehofer hat dann doch noch eine Mail geschickt. Mitternacht ist schon vorbei, und Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg muss tatsächlich noch mal an seinen Blackberry. Für ein paar Minuten kehrt jetzt Stille ein im Fond des Audi, der mit 160 Sachen durch die bayerische Nacht brettert. Der Wirtschaftsminister hat die Innenbeleuchtung angeknipst. Guttenberg tippt konzentriert. Der 17-Stunden-Tag soll schließlich korrekt zu Ende gehen.
Der Seehofer ist wichtig. Er ist Guttenbergs Mentor gewesen. Er hat ihn erst zum CSU-Generalsekretär und dann zum Bundeswirtschaftsminister gemacht. Bayerns Ministerpräsident hält Guttenberg für "den Besten unter den Guten" - und irgendwann einmal sogar für höchste Aufgaben tauglich. In seinen wenigen Amtswochen hat der junge Polit-Aufsteiger aus Oberfranken den Politikbetrieb in Berlin aufgemischt wie lange kein anderer mehr.
Es ist, als ob das frische Gesicht mit dem markanten Kinn beim Wahlvolk in eine Marktlücke gestoßen wäre. Nach Monaten der Krise, nach fast vier Jahren zäh vor sich hin werkelnder Großer Koalition, nach den ewig nörgelnden Westerwelles und den notorischen Lafontaines ist da plötzlich jemand auf die Überholspur gezogen, der anders ist als die anderen: jung, korrekt gekleidet und mit blumiger Sprache. Ein Adliger ohne Allüren, millionenschwer, mit einer Familientradition, die bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht, verheiratet mit der Ururenkelin von Bismarck. Ein Aufsteiger, der von oben kommt. Das gab es noch nie.
Und die ungewöhnliche Mischung zeigt Wirkung. So schnell war schon seit Langem niemand mehr so beliebt. Wie ein Popstar wird Guttenberg dieser Tage fast überall im Land empfangen, ob beim Wirtschaftstag der Union im noblen Interconti in Berlin, in Bayerns Bierzelten oder in der Berliner Kongresshalle. Dort will bei der Verabschiedung des Wahlprogramms von CDU und CSU der Beifall kein Ende nehmen - dabei ist er lediglich zur Diskussionsrunde aufs Sofa gebeten worden.
In der aktuellen stern-Umfrage liegt Guttenberg hinter der Kanzlerin auf Platz zwei. 61 Prozent der Deutschen haben Vertrauen in den jüngsten Wirtschaftsminister, den dieses Land je hatte - und das mitten in der größten Krise, die dieses Land je hatte. Mit seinen stetig steigenden Beliebtheitswerten hängt er mittlerweile nicht nur verdiente Polit-Schlachtrösser wie den Krisenmanager Peer Steinbrück (SPD) und Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier ab. Er hält auch Horst Seehofer deutlich auf Distanz. Seehofer, seinen Gönner.
So richtig erklären kann er sich das alles selbst nicht. Der junge Minister lächelt ein wenig in sich hinein. Im Profil erinnert er in manchen Momenten an Lothar Matthäus, aber das kann es ja nun wirklich nicht sein. Guttenberg grübelt. Vielleicht, sagt er nach einer kleinen Pause in typischem Guttenberg-Deutsch, sei es doch "der Neue-Gesichts-Faktor". Er will jetzt auch nicht allzu viel sagen. Er ist gerade in einer Phase, in der er die Euphorie, die um ihn herum entstanden ist, ein wenig steuern muss. Das ganze Gewese, das derzeit um ihn gemacht wird, hat auch seine Schattenseiten. Er kennt die "exponentiell steigende Unruhe", die auch im eigenen Lager entstanden ist, weil er längst auf dem Weg zum "Liebling Krise" ist. Kritisch wird beäugt, wie einer da die Leiter emporstürmt - auch ein stern-Titelbild ist da schon ein Problem.
Nach dem Ausscheiden des farblosen Vorgängers Michael Glos hatte Horst Seehofer ihn eigentlich als seine Stimme an Angela Merkels Kabinettstisch installieren wollen. Doch das ist, nun ja, schiefgegangen. Zu verschieden sind die Grundauffassungen, wie Politik in Krisenzeiten betrieben werden sollte. Der Freiherr ist längst so frei, die Dinge gelegentlich anders zu sehen. Mit jedem Tag im Amt wächst das Selbstbewusstsein. Statt "his master's voice" zu sein, ist er plötzlich auf dem Weg zum Kanzler der Herzen.
Karl-Theodor zu Guttenberg hat seinen Blackberry wieder weggelegt und greift noch mal tief in die Tüte mit sauren Stäbchen. "Die Medien versuchen in diesen Tagen ständig einen Haarriss zwischen Seehofer und mir zu finden", seufzt er, "aber das ist Quatsch."
Doch was es auch immer ist, Haarriss, Emanzipation, Abnabelung vom Chef oder bereits ein ausgewachsener Machtkampf - sogar bis hoch ins Kanzleramt wird mittlerweile interessiert beobachtet, was der Neue im Amt so aushalten kann. Angela Merkel ist optimistisch, dass Guttenberg erhobenen Hauptes den CSU-internen Zwist übersteht.
Und dann? Wo endet die Leiter? Im Internet wächst die Fangemeinde derzeit sprunghaft an. "KAY-T-Free for Bundeskanzler" fordert einer bei Facebook im Gästebuch.
Könnte er Kanzler? Der kleine Jet, der Guttenberg an diesem Samstag von Düsseldorf nach Nürnberg bringt, ist noch im Steigflug. Die Flugbegleiterin will Kanapees mit zwei silbernen Gabeln servieren, aber der Minister sagt: "Machen Sie sich keine Umstände" und nimmt das mit Tomaten und Mozzarella belegte Schnittchen mit der Hand vom Servierteller. Er kann auch unprätentiös sein. Jetzt verhilft das Schnittchen zu einem Zeitgewinn.
Eben ist er noch von Wolfgang Schulhoff, dem Präsidenten der Handwerkskammer Düsseldorf, überschwänglich begrüßt worden. Wie sehr er sich freue, dass Guttenberg auf Platz zwei liege - "ich hoffe, Angela Merkel hält das aus", hatte Schulhoff gleich zweimal gesagt. Beim ersten Mal, unbeobachtet im Zwiegespräch, hatte Guttenberg noch geschmeichelt gelächelt. Beim zweiten Mal, im voll besetzten Saal, wo zu früher Stunde und bei bestem Badewetter Jungunionisten und Mittelständler in gedeckten Anzügen vor sich hin schwitzen, um ihrem ordnungspolitischen Hoffnungsträger zu lauschen, da hat er lieber ungerührt geguckt.
Kann er Kanzler? Die Frage wird auf ihn zukommen. "Nicht den Schimmer eines Gedankens" habe er bislang auf diese Frage verwendet, sagt Guttenberg, als der Jet gerade eine leichte Linkskurve fliegt. Nicht den Schimmer eines Gedankens - das klingt irgendwie anders als beispielsweise bei Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff, der in einem stern-Interview im vergangenen Sommer gesagt hatte: "Kanzler trau ich mir nicht zu."
Guttenbergs Arbeitspensum hat schon Kanzlerdimension. Derzeit reiht sich ein 16-Stunden-Tag an den anderen. Mehr als sechs Stunden Schlaf sind nicht drin. Seine beiden Töchter Anna und Mathilda sieht der Frühaufsteher Guttenberg fast nur noch morgens, bevor die Schule losgeht - immer voller werden nun auch die Wochenenden. Die Familie lebt in einer Villa im Berliner Westend, der Kinder wegen eher zurückgezogen. Seine Frau Stephanie überredet er gelegentlich, auf offizielle Termine mitzugehen, "damit ich wenigstens ein bisschen mit ihr zusammen sein kann". Ihr gehe der Prominentenstatus mittlerweile schon etwas auf die Nerven. Die Gelegenheiten, unerkannt in die Stadt zu gehen - sie werden weniger. Auf dem Flug nach Nürnberg hofft er, am anderen Tag "eine Stunde im Wald spazieren gehen zu können, das wäre mal wieder schön".
Ein Sommer entscheidender Weichenstellungen liegt vor ihm, mit seinen zahllosen Wahlkampfterminen. Es wird mörderisch. Er hat zudem noch ein paar "day-trips" nach Rom, London, Paris, und Ende August muss er für zwei Tage nach Brasilien. "Man geht an seine Grenzen", sagt Guttenberg, "nach dem 27. September werde ich ein Sauerstoffzelt brauchen." Es fällt schwer zu glauben, dass er das alles nur für Gott und das Vaterland und die deutsche Wirtschaft tut - und vielleicht noch für eine CSU, die ihm bisweilen so wesensfremd ist in ihrer gelegentlichen Schlichtheit und ihrem Unwillen, die Dinge differenzierter zu betrachten.
Im Bierzelt ruft er schon mal: "Das mag jetzt saudumm klingen, aber ich denke nicht in Karriereschritten." Im Flieger nach Nürnberg sagt er: "Ich bin kein Polit-Junkie." Doch schon in seinem engsten Umfeld sind sie sich da nicht so sicher. Suchtgefahr besteht potenziell. Im Ministerium staunen erfahrene Mitarbeiter über Guttenbergs "ausgeprägten Machtinstinkt" und seine Risikofreude. "Guttenberg", sagt einer, der schon viele Minister hat kommen und gehen sehen, "ist im Augenblick unangreifbar."
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Stern
Ausgabe 29/2009