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Motorsport: "Das wird keine Dakar-Light"

Sven Quandt besitzt den einzigen privaten Rennstall, der den Werkstruppen von VW und dem Mitsubishi die Suppe versalzen kann. Im stern.de-Interview spricht er über den Umzug nach Südamerika, die Zukunft des Motorsports und warum ausgerechnet Rallyeautos Öko-Vorreiter sein müssen.

Nach 31 Jahren betritt die Rallye Dakar Neuland. Erstmals wird die Marathon-Wettfahrt erstmals nicht in Europa und Afrika stattfinden, sondern in Südamerika. Der Start ist am 3. Januar 2009 in Buenos Aires. Die Strecke führt durch Argentinien und Chile, ehe die Rallye am 17. Januar wieder in Buenos Aires endet. Die Verlegung nach Südamerika ist eine Reaktion auf die Absage der Wüstenrallye 2008. Damals hatte das französische Außenministerium die Organisatoren vor Anschlägen in Mauretanien gewarnt.

Sven Quandt besitzt den einzigen privaten Rennstall, das X-Raid-Team, der den beiden Werkstruppen von VW und dem zwölffachen Seriensieger Mitsubishi die Suppe versalzen kann. Im stern.de-Interview spricht Sven Quandt über die neue Variante der Rallye Dakar, macht sich Gedanken über die Zukunft des Motorsport und äußert auch Kritik am internationalen Automobil-Dachverband F.I.A.

Herr Quandt, Jutta Kleinschmitt hat die Verlegung der Dakar nach Chile und Argentinien aufgrund des fehlenden Offroad-Anteils kritisiert.

Wenn jemand glaubt, dass die Dakar nicht mehr so schwer ist, kann ich nur sagen: Achtung, Achtung. Die Spezialprüfungen sind insgesamt 5.652 Kilometer lang. Das ist eine der schwersten Dakars überhaupt, weil man an fast jedem Tag unterschiedliche Terrains hat. Am Morgen Offroad, dann Schotter, dann Sand. Möglicherweise gepaart mit Regen, der das Ganze dann noch matschig oder rutschig macht. Dann gibt es noch sehr lange Etappen über 600 Kilometer. Das wird sicher keine "Dakar Light".

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Für die Zuschauer definiert sich die Dakar durch die Wüsten-Etappen.

Wir haben Wüsten-Etappen dabei, bei denen die Sand-Dünen vom Einzelschwierigkeitsgrad her den härtesten in Afrika in nichts nachstehen. Aber wir haben keine reinen Wüsten-Etappen, wo wir 400 Kilometer nur im Sand geradeaus fahren. Jetzt haben wir halt geballt Sandplacken, die richtig schwer sind. Morgens fährt man da noch relativ locker durch. Nachmittags um zwei kommt man mit dem Auto gar nicht mehr durch, weil der Sand so heiß und weich ist.

Was bedeutet das für die Strategie?

Wir fahren alle zum ersten Mal dort. Keiner kann die Strategie voraussehen, keiner kann von vorneherein sagen: "Da kann ich pushen und da muss ich strategisch fahren." Früher wusste ich: In Mauretanien gewinne oder verliere ich und in Marokko muss ich mein Auto gut zusammenhalten, das nichts passiert. Diesmal wissen wir nicht, wo wir die Zeit gutmachen können.

Damit werden Sie als Teamchef, der die Strategie vorgibt, sehr wichtig sein. Sie konnten sich ja noch nicht alle Strecken anschauen, ihre Konkurrenten aber schon. Haben Sie dadurch keinen Nachteil?

Wir haben mit Orlando Terranova den einzigen argentinischen Fahrer im Feld als Fahrer und dadurch einen recht hohen Informationsstand. Das ist ein kleiner Vorteil.

Wer sind die Favoriten der Dakar 2009?

Grundsätzlich natürlich Mitsubishi, VW und wir. Bei den Fahrern sind es bei VW Carlos Sainz und Giniel de Villiers. Bei Mitusbishi Stephane Peterhansel und von meinem Team Nasser Al-Attiyah. Die können aus eigener Kraft gewinnen. Robby Gordon (Anmerkung der Redaktion: Team USA mit einem Hummer) kann auch eine Außenseiterrolle spielen, wenn er die ersten drei Tage übersteht und bis zum Ende ohne Probleme durchfährt.

Sie nennen von Ihrem Team nur einen Fahrer. Bedeutet das, Sie haben eine Team-Order?

Wir haben eine ganz klare Strategie. Unsere Nummer-eins ist Nasser. Er ist auch der Einzige, der ein komplett neues Auto hat. Das bedeutet, dass die anderen Teammitglieder anhalten müssen, um zu helfen, falls Nasser ein Problem hat. Dieses Jahr hat gezeigt, dass die anderen sein Tempo einfach nicht mithalten werden können. Das ist genauso wie bei Sainz, Peterhansel und de Villiers. Gerade weil die ersten Etappen sehr schnell sind, haben die Rallye-Fahrer einfach einen Vorteil.

Was unterscheidet Ihr neues Auto von den Vorjahres-Modellen?

Das Auto fühlt sich einen Meter kürzer an und hat ein extrem gutes Handling. Auch das Sprungverhalten ist besser. Der Schwerpunkt liegt zwischen den Achsen und wir haben fast kein Gewicht hinter der Hinterachse. Das ist ein Riesenunterschied. Es fühlt sich nicht mehr an, als würden Sie 2,2 Tonnen vollgetankt durch die Gegend fahren. Allerdings ist das Auto auch schwieriger zu fahren, weil es nervöser reagiert.

War es richtig, die Dakar nach Südamerika zu verlegen, um sich nicht zur Geisel des Terrorismus zu machen?

Ja. Absolut. So leid es mir um die Leute in Mauretanien tut. Denn sie sind die Einzigen, die wirklich darunter leiden.

Sie sind also rundherum mit Südamerika zufrieden?

Ich bin sogar mehr zufrieden, weil wir in einer Region fahren, die ein hohes Interesse hat, Aufmerksamkeit zu bekommen, um den Tourismus zu fördern. Außerdem haben wir dort eine Mixtur aus hohem Wildness-Charakter und großen Städten mit viel Publikum. Das Interesse ist riesengroß. Manchmal könnte es fast schon zu viel werden. Vor allem beim Start in Buenos Aires könnte es passieren, dass die Menschen uns die Straße versperren.

Warum machen Sie lieber Cross-Country-Rallye-Sport, als ein Rundstrecken-Team (z.B. DTM) zu unterhalten? Was ist für Sie der Kick?

Für die DTM bin ich noch nicht alt genug. Die Herausforderung ein Cross-Country-Rallye-Team zu leiten, ist viel größer, weil sie komplexer ist. Das soll jetzt nicht überheblich oder arrogant klingen. Die logistische und strategische Planung ist bei einer Rallye-Dakar deutlich anspruchsvoller als bei der DTM. Wenn ich bei einem DTM-Rennen einen Schaden habe, rufe ich an und das Ersatzteil ist da. Bei der Dakar muss ich improvisieren können.

Ist dann der Cross-Country-Rallye-Sport ökologisch und soziologisch noch zeitgemäß?

Für eine Region, wie Südamerika ist das sicher eine Möglichkeit, sich zu präsentieren und Tourismus zu erschließen. Ökologisch kann man sich über Motorsport immer unterhalten, aber dann unterhalten wir uns auch darüber, ob wir morgen noch Auto fahren.

Was halten Sie von Regelveränderungen, die in Richtung Hybrid gehen. Wie zum Beispiel das "KERS"-System in der Formel 1?

So was würde ich für die Dakar definitiv begrüßen. Viele Leute sagen, das geht nicht. Ich dagegen sage, das geht!

Also ist die FIA das Problem?

Bei der FIA ist man der Meinung, dass eine Hybridisierung und Energie-Rückgewinnung in unserem Bereich nicht geht. Ich dagegen sage: "Geht nicht, gibt es nicht." In fünf Jahren wird der Motorsport, so wie er heute stattfindet, so überhaupt nicht mehr existieren. Egal auf welchem Gebiet. Wir müssen daran arbeiten, dass wir mit elektrischen Modulen fahren.

Also wollen Sie den Cross-Country-Rallye-Sport zur ökologischen Sperrspitze der Auto-Entwicklung machen?

Das wäre sicher eine wünschenswerte Sache. Wie gesagt: Ändern müssen wir uns in diesem Bereich sowieso. Jetzt muss man nur noch sehen, wo die technologischen Möglichkeiten vorhanden sind.

Interview: Wolfgang Gomoll

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