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Genussmittel: Weltwunder Wein

In jedem Glas Wein stecken 8000 Jahre Geschichte. Wie aus einer zufällig gefundenen Droge das angesehenste Genussmittel der Welt wurde (und warum es seine große Zeit erst noch vor sich hat), erfahren Sie hier. Zum Auftakt der stern-Weinschule in 24 Teilen

Von Bert Gamerschlag

An einem Gebirgspass in Österreich steht ein Atombunker, verborgen unter dem Hotel "Arlberg Hospiz" in St. Christoph. Dort zerrt an einem Wintertag des Jahres 2001 Direktor Adolf Werner unter Ächzen an einer drei Tonnen schweren Stahltür, die sich laaaangsam öffnet. Hinter ihm: Wladimir Putin. Während über ihnen die Skiweltmeisterschaft tobt - der eigentliche Grund für Putins Anwesenheit - betreten die beiden einen Raum von der Größe eines Krisenzentrums.

Putin erstarrt - er steht vor Wein-Frankreichs Force de frappe: 2750 Großflaschen der besten Bordeaux hängen in stählernen Bügeln von Wänden und Decken oder stapeln sich in Regalen. Putin murmelt die Etiketten ruhmreicher Châteaux wie Angélus, Beychevelle, Canon la Gaffelière, Chasse-Spleen, Cheval Blanc, Haut-Brion, Lafite, Latour, Mouton Rothschild, Pétrus und natürlich Chateau d'Yquem. Und was empfiehlt der Hotelier dem Gast? Werner erfreut den Präsidenten mit sechs Flaschen Vieux Château Certan, normale Größe. Die aber tun ihre Wirkung.

Zwei Jahre später braust auf Cheval Blanc nahe St. Emilion bei Bordeaux eine Staatskarosse vor. Ihr entsteigt - wer wohl - Putin. Auf Staatsbesuch in Frankreich besichtigt der Präsident nicht etwa den Louvre oder die Kathedrale von Reims. Nein, er fährt nach Bordeaux, Wein ist für ihn eine Ikone der Hochkultur, vor ihr leistet er den Kniefall.

Welch ein Kontrast zu dem Besuch des iranischen Präsidenten Mohammed Khatami 1999 in Paris. Nicht nur weigert sich der Muslim, Wein zu trinken, was ihm der Prophet nach Sure 5,90 des Koran verbietet und worauf 40 Stockschläge stehen. Khatami verweigert sogar die Teilnahme an einem Essen, bei dem die Gastgeber Wein trinken. Wein gehört aber zu Frankreich wie Bocuse, die Bardot und das Huhn aus der Bresse. Der Elysée folgert: Ein Staatsbankett ohne Wein ist kein Staatsbankett; nous sommes en France, Monsieur. Ein Staatsbesuch ohne Bankett ist kein Staatsbesuch. Der Trip wird zu einem offiziellen Besuch herabgestuft. Non parlons plus.

Was hat es mit Wein auf sich, dass die einen ihn vergöttern und die anderen verteufeln? Was ist besonders an vergorenem Traubensaft, dass er weltweit auf acht Millionen Hektar angebaut wird und 2005 für 80 Milliarden Euro gehandelt wurde, wobei sich Unterhändler aus fünf Kontinenten stritten? Warum zahlt Otto Normaltrinker für eine Flasche Wein zwei Euro, ein exaltierter Amerikaner für eine ganz spezielle Bouteille aber 105000 britische Pfund? Und wie fing das alles an?

"Bäder, Wein und Geschlechtsverkehr zerstören den Körper", steht noch heute in Pompeji an einer Wand, "aber was macht das Leben lebenswert, wenn nicht Bäder, Wein und Geschlechtsverkehr?" Als dies vor 2000 Jahren gekritzelt wurde, um bald unter fünf Metern Vesuv-Asche zu versinken, hatte Wein schon eine weite, lange Reise hinter sich. Von obskuren Südhängen des Kaukasus ins leuchtende Zentrum des Westens - nach Rom. Von den Griechen übers ganze Mittelmeer verbreitet stand Wein in Rom auf der Höhe der Macht. Wein war ein Gott - kurz vor seinem Sturz. Nicht lange mehr, und sein Kult würde unter die Räder kommen, unter die Füße alles zertrampelnder Met-Germanen; und unter die ihrer Komplizen im Plündern, der Araber. Wein war fast tot, geschändet beim Untergang Westroms, geächtet in jedem Strich Land, den Ostrom an den Islam verlor, bis Konstantinopel fiel und die Hagia Sophia, in der 1000 Jahre lang die Messe mit Wein gefeiert worden war, zur Moschee wurde.

Doch er wuchs wieder empor und hat sich heute überallhin verbreitet. Im Norden hinauf nach Gotland. Im Süden hinab nach Tasmanien, nahe der Antarktis. Im Westen blüht er in den Tälern Kaliforniens und im Osten an den Hängen des chinesischen Jangtsekiang. Seine Rebstöcke fußen hinab zum Meer am Kap der guten Hoffnung und klimmen selbst - zaghaft noch - hinauf zu den Gipfeln des Himalaya, von indischen Händen gehegt.

Und alles kontrollieren, steuern und bestimmen die Briten und Amerikaner. Kein Volk hat den Weingeschmack mehr geprägt als die rauf- und sauflustigen Briten, keine Klasse ihn mehr geprägt als Albions Adel, als seine Häupter aus den Häusern der Tudor, Stuart und Hanover, längst Windsor. Denn wer zahlt, schafft an. Englands Herrscher setzten das Muster; was sie vormachten, wurde nachgeahmt. Der aktuelle König der Weintrinker ist Amerikaner. Robert Parker heißt er, und wie er Weine bewertet, danach richten sich weltweit die Preise.

Wenn der Kopf des Weines in London und Washington tickt - sein Herz schlägt noch immer in Bordeaux. Mögen im Altertum die Hänge des Vesuv bestimmend, mag im Mittelalter der Zypern-Wein das Maß aller Dinge gewesen sein; heute ist es Bordeaux, und das seit dem 12. Jahrhundert. Seit Heinrich II. von England Eleonore von Aquitanien warb, seit Südwestfrankreich bis zu den Pyrenäen an England fiel und die Herren aus den Nebeln von Avalon endlich im dichten Wein von der Gironde Trost fanden in ihrem ewigen Schietwetter.

In Wein ist Alkohol, so zwischen 11 und 14 Prozent. Ein wenig davon inspiriert, ein wenig mehr schafft heitere Gelassenheit, ja Scharfsinnigkeit. Zu viel davon, und Mann wird Schwein - wie Mohammed ganz richtig sah. Doch kontrollierte Mäßigung, nicht ängstliche Abstinenz, ist das Zeichen zivilisierten Umgangs mit dem Rauschmittel, das den Menschen begleitet, seit er sesshaft ist. Wenn er nicht gar erst sesshaft wurde, um dieses Rauschmittel anzubauen, denn Wein braucht Ruhe, nicht Wanderschaft. Im Gewand des Weins ist Alkohol unter den Rauschmitteln das kultivierteste.

Vergleichen wir Wein mit dem alkoholisch nur halb so starken Bier - Konkurrent Nummer eins - , dann können wir feststellen: Bier steht, Wein sitzt. Bier kippt, Wein nippt. Bier grölt, Wein spricht. Bier eint, Wein differenziert.

Bier gibt's an der Theke, Wein am Tisch. Er wird nicht in Kästen durch die Gegend getragen, nicht im Stadion getrunken und nicht aus der Flasche. Schon die Umständlichkeit des Genusses, das Hervorholen anständiger Gläser, das nicht mit Zähnen, Feuerzeug oder am Türschloss zu bewältigende Entkorken der Flasche, das Dekantieren in eine Karaffe oder das Aufstellen eines Kühlers, der Umstand, dass man eine Bouteille Wein nicht so schnell leert wie 'ne Pulle Bier, all das führt dazu, sich hinzusetzen.

Von Platos "Symposion" bis zu Werner Höfers "Frühschoppen" - stets ist Wein das Getränk des Diskurses gewesen. Sokrates war der ideale Weintrinker, der, um die Wahrheit zu erkennen, trank, aber nie die Selbstkontrolle verlor. Nazis schwenken keine Weinflaschen, wenn sie Sieg Heil brüllen. Hitler wurde im Bürgerbräukeller stark, bei Bembel und Schoppen ist er nicht vorstellbar.

Bier eint wie Fußball. Alt oder Pils? Spaten oder Salvator? Nie würde eine solche Frage zu Wein gestellt; allenfalls nach rot oder weiß wird gefragt, der Säure wegen. "Ich trinke Bit, mein Bier heißt Köpi" - jede Antwort geht in Ordnung. (Nur wer Heineken sagt, kriegt auf die Fresse. Auch das gehört zu Bier, Bier steht für Nation.) Aber: "Ich trinke Piesporter Goldtröpfchen." Oder: "Ich liebe Chambertin" - klingt wie ein Schwulenwitz oder wird gar nicht erst verstanden.

Wein musste keiner erfinden. Wein macht sich von allein und galt darum als Gottesgeschenk. In jeder Beere steckt Zucker. An jeder Beere sitzt Hefe. Platzt die Beere, mampft die Hefe den Zucker und verdaut ihn. Dabei entstehen Kohlendioxid und Alkohol. Bringt der Mensch die Beeren in Menge und gewollt zum Platzen, etwa in einem Trog, dann ist ein (primitiver) Wein schnell zur Stelle. Von der Urtretmulde, aus der haarige Gesellen lachend schlabbern, bis zum funkelnden Latour, über dessen Farbe, Duft, Geschmack und Abgang distinguierte Connaisseure länglich diskutieren, war es ein weiter Weg.

Wein umspannt die Welt, Wein ist global. In Hajji Firuz Tepe im Nordwesten des Iran liegen seine ältesten Spuren, aus dem 6. Jahrtausend v. Chr. Archäologen fanden dort Krüge mit roter Farbe an den Innenwänden und Ablagerungen von Weinsäure und Weinstein. Fassungsvermögen: 54 Liter, eine ganze Menge - da war schon ein kleiner Fabrikant am Werk. Kaukasus- und Taurusgebirge gelten als Wiege vieler unserer Früchte. Gipfel des Taurus ist der Ararat, auf dem laut 1. Buch Mose Noah nach der Sintflut wieder Boden unter die Füße bekam. In seinem Glück legte er einen Weinberg an, machte Wein, soff sich von den Socken und "lag entblößt in seinem Zelt". Noah, der erste Winzer.

Kaum wusste man, wie, machte man schon so viel Wein, dass er Ware wurde. Vom Kaukasus wanderte er 1500 Kilometer Euphrat und Tigris hinab nach Mesopotamien. Früh war klar: Wein ist begehrt, in Wein steckt Geld, ihm wohnt heiliger Zauber inne, er macht ein göttliches Gefühl. Der Transport erfolgte auf Barken. "Die Schiffe sind am Ende ihrer Reise hier eingetroffen", schreibt 1750 v. Chr. ein Kaufmann per Tontäfelchen aus Sippar, einem Ort 50 Kilometer vor Babylon, an seinen Agenten im Norden. "Aber warum habt ihr mir nicht guten Wein gekauft und geschickt? Ihr bringt mir persönlich welchen, und zwar binnen zehn Tagen!" Wein bedeutet Status und Macht.

Weiter krauchelt der Wein an den Nil, wird dort Getränk der Oberschicht, derweil das Volk Bier per Strohhalm trinkt, was die Gerstenkörner aus dem Mund hält. Im Grab des frühen Königs Skorpion I. aus dem 4. Jahrtausend vor Chr. fanden sich Krüge für 4500 Liter Wein als Trinkvorrat fürs Jenseits. Die Pyramiden sind voll von Bildern des Weinbaus. Bis in die Oasen wird der Wein kultiviert - eine Rebsorte aus El Fayum wurde von Forschern als die identifiziert, die heute im Markgräflerland südlich von Freiburg gekeltert wird: Es ist der gute alte Gutedel, in Schweiz und Frankreich Chasselas genannt.

Die Schrift der Ägypter wird für lange Zeit vergessen, ihr Weinwissen verbreitet sich. Nachdem 1799 der dreisprachige Stein von Rosetta gefunden wurde, der Schlüssel zur Entzifferung der Hieroglyphen, ertüftelt Jean-François Champollion 1822 als Erstes das Zeichen für Wein.

Übers Meer schippert der Wein nach Kreta in die Ägäis, wo er so vorzüglich wächst, dass der Inselwein fortan höher geschätzt wird als der von woanders. Die Griechen trinken stark ritualisiert, nur unter Männern, nur unter Anleitung und nie allein - wie noch heute in Georgien praktiziert. Das moderne Symposion ist der Nachfolger des griechischen "gemeinsamen Trinkens".

Der Weinkonsum dehnt sich auf alle Schichten aus. Autoren wie Hesiod schreiben im 8. Jahrhundert v. Chr. über Wein. Die Spalierreihe mit Pflöcken löst die Rebzucht am Baum ab. Qualitäten bilden sich heraus, Weine werden in eigens gekennzeichneten Amphoren verschifft, ein Beleg für erste Lagenbezeichnungen und für die Entdeckung des Weins durch den Fiskus; jetzt macht der Staat mit Wein Geld.

In Rom ist "Falerner", ein heller Wein aus Kampanien, was heute ein Mouton, Latour, Lafite oder Yquem ist - das kaum bezahlbare Nonplusultra. Mit den Römern wandert der Wein die Rhône hinauf und die Mosel hinab zum Rhein, wo bald so viel Wein produziert wird, dass Kaiser Diokletian ein Anbauverbot erlässt, weil er nur auf italienischen Wein Steuern erheben kann.

Dann kommt der Zusammenbruch. Westgoten, Vandalen und Ostgoten fallen nacheinander ein ins Reich, setzen den Westkaiser ab, plündern die Stadt Rom und die Provinzen. Dann folgen Franken und Burgunder. In diesem Chaos ist Weinbau nicht mehr möglich, der ein Kulturgut ist und Ruhe, Regelmaß und Vorausschau braucht.

Wein ist ein sensibles Lebewesen. Es will den Winzer jeden Tag sehen, heißt es, sonst wird er sauer. Ruhe, Regelmaß und Vorausschau schafft für die nächsten Jahrhunderte nur die Kirche. Das Christentum, seit Kaiser Theodosius Staatsreligion, braucht für die Messfeier Wein und bietet seit Benedikt die Lebensform der Zurückgezogenheit und Ordnung, die mönchischen Orden. Auf Monte Cassino südlich von Rom gründet er ein Kloster; das war im 6. Jahrhundert. Fortan bauen schriftkundige Mönche im Schutz der Klöster in allen ehemals römischen Gebieten Wein an. Besonders die Zisterzienser tragen ihn weiter und pflanzen den Wein im Norden bis an die Ostsee und im Osten selbst in Polen.

Nicht, und das betrifft auch das Altertum, dass man im Mittelalter den Wein nur wegen des Genusses getrunken hätte. Er war anders als Brunnenwasser ganz einfach ein sicheres Getränk - durch die sterilisierende Wirkung des Alkohols. Es war ein durstlöschendes, wohlschmeckendes und, mäßig genossen, ein sedierend erheiterndes Lebensmittel. Die heutigen ostdeutschen Anbaugebiete an Saale und Unstrut in Sachsen-Anhalt sowie an der Elbe in Sachsen sind Überbleibsel aus der Zeit, als Wein selbst an Havel und Oder, in Stettin und Schwerin wuchs, wo es noch heute eine Weinbergstraße mit einem Hang gibt.

Deutscher Wein war spitze damals, teurer als Bordeaux! Er hieß generell Rheinwein, auch wenn er von der Mosel oder vom Main kam, und wurde in die damals bekannte Welt exportiert, besonders ins trinkfreudige England, in die Niederlande, ins Baltikum und nach Skandinavien. "Zu Bacharach am Rhein, zu Klingenberg am Main, zu Würzburg auf dem Stein, da wächst der beste Wein" - eine Weisheit, die heute noch gilt. Köln war, vor Bordeaux, der weltweit wichtigste Handelsplatz für Wein.

Unglück und Niedergang deutschen Weins kamen mit dem Protestantismus, dem daraus folgenden 30-jährigen Konfessionskrieg und der Aufhebung der Klöster in den protestantischen Gebieten, wo die aus den Weinbergen gejagt wurden, die sie 1000 Jahre angelegt und gepflegt hatten: die Mönche. Eine irrwitzige Kompetenzvernichtung. Mit kleinen Ausnahmen im Osten blühte der Weinbau nur in jenen Gebieten fort, in denen die katholische Kirche auch nach dem Krieg ihr Land behielt.

Derweil sich die Deutschen über Konfessionsfragen zerfleischten, eroberten Portugiesen, Spanier, Holländer, Briten und Franzosen die Welt. Stets mit auf den Schiffen: Rebstöcke, die sie für sichere Getränkedepots gleich überall anpflanzten. Eine Fahrt nach Hinterindien dauerte ein halbes Jahr; wenn alles gut ging. So wuchs Wein ab 1541 in Argentinien und Chile. Am Kap der Guten Hoffnung pflanzte man ihn 1652, um die Schiffe auf halbem Weg dorthin quasi betanken zu können. 1779 erreichte der Wein Kalifornien und 1788 Australien.

"Zu allem Unglück, was schon da, kam Mehltau aus Amerika", heißt ein alter Schulsatz. Seit der Entdeckung der Neuen Welt wurden nicht nur Nutzpflanzen wie Kartoffeln, Tomaten, Mais oder Tabak ausgetauscht, mit ihr begann auch die Globalisierung der Geziefer, Seuchen und Süchte. Die Eskimos starben an Erkältung, die Indianer an Pocken, die Europäer an Syphilis. Ähnlich auf dem Acker, ähnlich beim Wein. 1863 tauchte neben zweierlei Mehltau, aus Amerika kommend, die Reblaus auf, phylloxera vastatrix, ein Winzinsekt, das die Wurzeln der kaukasischen Rebe genüsslich frisst. Binnen 25 Jahren mampfte sich die Laus von der Rhône aus durch Europa und ruinierte den gesamten Weinbau. Plötzlich wurde der Whisky groß, weil mangels Wein kein Cognac mehr gebrannt werden konnte.

Die Lösung kam wie das Problem aus Amerika. Auch dort wuchs - und wächst - Wein, eine Weinart namens vitis labrusca, die sich seit der Eiszeit getrennt von der kaukasischen vitis vinifera entwickelt hatte und gegen die Reblaus resistent ist. Nachdem Europas verzweifelte Winzer vergebens versucht hatten, der Reblaus mit Chemikalien Herr zu werden, die oft den Rebstock auch noch umbrachten, hatten Botaniker die Idee, europäische Rebenreiser auf amerikanische Wurzelstöcke zu pfropfen. Das war die Rettung. Peu à peu erholte sich der Weinbau, der fortan - wie so vieles in der Welt - ein europäisch-amerikanisches Joint Venture ist. Nur auf drei kleinsten Parzellen, einer im Bordelais, einer in der Champagne und einer in Portugal, haben reine vitis vinifera überlebt, alle anderen wurden ausgerottet.

Am Nachmittag des 24. mai 1976 trafen sich neun Franzosen in einem Pariser Restaurant zu einer Blindverkostung. Dabei werden Weine probiert, ohne dass die Trinker wissen, was sie im Glas haben. Das Einzige, was man den französischen Testern verriet, war, dass sie die besten Weine aus dem Bordelais und Rivalen aus Kalifornien vor sich hatten.

Organisator der Verkostung war der Brite Steven Spurrier, der damals in Paris einen Weinladen hatte. Ein Reporter war auch dabei, George Taber vom New Yorker Magazin "Time". Taber lief durch die Reihen der Tester, die nonchalant miteinander plauderten. Auf einmal merkte er, dass die Franzosen die Kalifornier für Bordeaux-Weine hielten und ihnen die Bestnoten gaben. Pustekuchen! Als die Geschichte zwei Wochen später in "Time" erschien, erschütterte sie die Fachleute. Sie enthielt den Beweis, dass guter Wein weltweit gemacht werden kann.

Mag sein, reagierten die Franzosen damals, aber unser Stoff hält ewig, er lagert besser. Die kalifornischen Mickey-Mouse-Weine werden sich nach wenigen Jahren in der Flasche zerlegen, während unsere in Würde uralt werden. Wieder Pustekuchen: Im Mai 2006 wurden Schwesterflaschen der damals getrunkenen verkostet, abermals blind natürlich, nach einer Flaschenreifezeit von inzwischen 30 Jahren. Teilnehmende Juroren waren die bekanntesten Weinfexe der Welt, mit Ausnahme Robert Parkers. Wieder gewannen die Kalifornier, mühelos. Die Franzosen waren altersmatt. Frankreich hat die Vormachtstellung bei Wein verloren - wenn sich geschmacklich auch alles noch nach Bordeaux & Burgund richtet. Nicht erst seit jenem Ereignis überschwemmt Neuweltwein Europa.

Der Ruf des deutschen Weins war seit dem Krieg per Sippenhaftung im Keller, Genussartikel aus Deutschland wurden nicht ernst genommen - warum auch, wenn riesige Mengen von Liebfraumilch und Blue Nun exportiert wurden. In Deutschland selbst galten die halbtrockenen und süßen Weine als die Weine der Täter; ein guter 68er trank trocken und rot.

Und als 1985 im österreichischen Wein Diethylenglykol entdeckt wurde, ein Frostschutzmittel für Autos, war lieblicher Wein vollends passé. Einige Winzer gingen in den Knast, ein Weinkontrolleur brachte sich um. In der Folge reformierten sich Österreichs Winzer radikal. Sie haben heute eines der strengsten Weingesetze und sind führend in der Qualitätsweinproduktion. Grüner Veltliner, die Spitzenrebe der Wachau, ist heute in den USA als "Groovie" hoch geschätzt. Und auch deutscher Riesling hat sich langsam den weltweiten Respekt zurückerobert.

Noch immer sind Italien, Frankreich und Spanien die größten Weinerzeuger, doch inzwischen stehen die USA und Australien auf den Plätzen vier und fünf. Südafrika exportiert mehr und mehr nach Deutschland, und auch Chile und Neuseeland sind aus dem deutschen Markt nicht mehr zu vertreiben. Argentinien, das das weit größere Potenzial als Chile hat, beginnt gerade erst, seine Weine nach Europa zu exportieren. Und China und Indien fangen mit dem modernen Weinbau an.

Vor 20 Jahren hatten Neuweltweine einen Weltmarktanteil von nicht mal 2 Prozent, heute sind es 25. Und noch mehr Konkurrenz drängt. Auch Osteuropa wird sein Angebot verbessern und vermarkten. Rumänien, das nach Frankreich größte Agrarland Europas, will seinen Wein ebenso verkaufen wie Bulgarien. Die Weine der Krim und Moldawiens werden ebenso dazukommen wie die Georgiens im Kaukasus, wo alles einst seinen Anfang nahm.

Gehen Europas Winzer unter? Ja und nein. Gegen die industriell aufgestellte Weinwelt hat der Familienwinzer kaum eine Chance. In Neuseeland kontrollierten im Jahr 2000 vier Großunternehmen 85 Prozent des Weinanbaus, in Südafrika teilten sich zwei 80 Prozent. In Deutschland dagegen mussten sich vier Großanbieter (Oetker, Schloss Wachenheim, Peter Mertes und Rotkäppchen) mit zwölf Prozent des Marktes begnügen. Hier dominieren heute noch Genossenschaften und Einzelwinzer, aber die Konzentration wird kommen. Wer da nicht mit Qualität stechen kann, verschwindet oder wird anonymer Traubenlieferant, der sich gegen die Erzeuger weltweit wehren muss - was nicht gehen wird.

Spitzenwinzer dagegen mit unverwechselbaren Produkten können sich vor Nachfrage schon jetzt nicht retten und stellen sich expansiv auf die Globalisierung ein. Die badischen Winzer Karl und Irene Johner vom Kaiserstuhl besitzen seit 2000 ein Weingut im neuseeländischen Wairarapa, wo sie besonders Spätburgunder anbauen. "Deutschland ist für alle Welt das Land des Rieslings, wir bauen am Kaiserstuhl aber Burgunderweine an", sagt Irene Johner. "Wir können unsere Burgunder weltweit nur vermarkten, wenn wir unseren Namen auf neuem Terrain bekannt machen - und das ist in Neuseeland."

Ihre Hoffnung: als neuseeländischer Johner in den USA bekannt zu werden und dann den Burgunder vom Kaiserstuhl vorbei am Riesling-Vorurteil "durch die Hintertür" an die Weltkundschaft zu bringen. Vom Kaiserstuhl über Wairarapa in die Restaurants von L. A. bis New York - und warum nicht einst nach Peking?! So global denken Winzer heute. Chinesen und Inder sind mehrheitlich keine Muslime. Zwei Milliarden Menschen, die alle keine 40 Stockschläge fürchten, wenn sie Wein genießen.

Im Xintiandi-Viertel, wo sich Shanghais Schickeria amüsiert, kostet ein Glas Rotwein in den Bars ab sechs Euro aufwärts - dafür kann man in den Garküchen der Stadt mindestens zwölf Nudelsuppen essen. Tony Leung ist es das wert. Er sitzt im "CigarJazzWine", hört "Summertime" und beturtelt eine weibliche Begleitung. Vor ihm ein Château Lafite. "Wenn ich mit Frauen ausgehe, trinke ich statt Bier lieber Wein, weil das viel romantischer ist." Mit Festlandchinesen würde der Mann aus Hongkong nie Wein trinken. "Die kippen das, als wäre es Schnaps", sagt er und macht eine Gan-bei-Geste. "Gan bei" bedeutet "auf ex".

Noch Premier Li Peng hatte seinen Landsleuten nahegelegt, die Wirkung von Wein mit Essig zu verstärken - und daher tranken viele Chinesen ihren Wein "sauer-sauer". Inzwischen sind sie so fortgeschritten, ihn nur noch mit einer Zitronenscheibe als Cocktail zu nehmen oder mit Sprite oder Cola zu spritzen. Wenn sie ihn aber erst mal pur konsumieren, kann die Welt gar nicht so viel Wein keltern, wie getrunken wird. Es klingt wie ein fernes, aber wunderbares Grollen: Denn jährlich steigt Chinas Weinkonsum - um satte zehn Prozent.

Mitarbeit: Udo Pini, Anna Marohn

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