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Angst vor Muslimen: Die deutschen Gesichter des Islam

Islamistischer Terror macht Angst vor Muslimen. Wir haben Bilder im Kopf von langbärtigen Glaubenskriegern. Doch das sind nicht die Muslime, die mit uns leben, als Nachbarn, Kollegen, Geschäftspartner. Was denken sie? Was fühlen sie?

Von Stefanie Rosenkranz

Reda Seyam sitzt in seiner Wohnung in Berlin-Charlottenburg auf einem Kunstledersofa, grau. Über ihm hängt die Fahne Saudi-Arabiens, grün, auf der über einem Schwert mit langer Klinge das islamische Glaubensbekenntnis Schahada geschrieben steht: "Es gibt keinen Gott außer Gott, und Mohammed ist der Gesandte Gottes." Am liebsten würde Seyam daneben noch die afghanische Fahne nageln, schwarz-rot-grün, zum Zeichen seiner Sympathie für die Taliban, doch leider sei die "in ganz Berlin nicht zu bekommen, und an der WM hat Afghanistan auch nicht teilgenommen".

Der fromme Rauschebärtige, laut Verfassungsschutz "schlau und gefährlich", ist ein Mann im Visier: Seit Jahren läuft ein Ermittlungsverfahren gegen den 46-jährigen Deutschen aus Ägypten wegen "Verdachts der Unterstützung der terroristischen Vereinigung al Qaeda". Als 2002 ein Anschlag auf eine Diskothek im indonesischen Bali verübt wurde, bei dem mehr als 200 Menschen ums Leben kamen, war er dort und saß neun Monate in Jakarta in Untersuchungshaft. Man warf ihm vor, Geld für das Attentat weiter- geleitet zu haben. Doch die Beweislage war dünn, und für einen deutschen Haftbefehl hat es nie gereicht.

Zwar haben ihn Geheimdienste schon mal als "Nummer fünf der europäischen al Qaeda" eingestuft, und die Staatsschützer zählen ihn zu den knapp 300 sogenannten Gefährdern, die sie in Deutschland geortet haben wollen - doch nachweisen konnte man ihm bisher nichts.

Das Leben ist derzeit schön für Seyam, denn kürzlich hat das Amtsgericht Schöneberg ihm mitgeteilt, dass das jüngste seiner sechs Kinder endlich unter dem Namen Dschihad ins Geburtenbuch eingetragen worden ist, 14 Monate nach der Geburt des Jungen. Ein Beamter hatte sich geweigert, das Baby "Heiliger Krieg" zu nennen, woraufhin der Vater prozessierte und recht bekam, denn Dschihad ist ein durchaus geläufiger Name in der arabischen Welt.

"Ich bin kein Terrorist", sagt Seyam, der sich glücklich fühlt, in Deutschland zu sein. "Hier bewege ich mich freier als in islamischen Ländern." Er schätzt das Grundgesetz, die "Harmonie", die hierzulande herrsche, und Eva Herman, die er jüngst im arabischen Sender al Jazeera gesehen hat. "Eine kluge Frau", meint er, "denn wenn Mütter arbeiten, laufen die Kinder aus dem Ruder." Weil die Bundesrepublik kein islamisches Land sei, würden strenggläubige Muslime wie er auch großzügig auf die Anwendung der Scharia verzichten. "Niemand kommt auf die Idee, in Deutschland eine Frau wegen Ehebruchs zu steinigen."

Doch weil der Prophet vorausgesagt habe, dass Rom erobert und der Papst abgesetzt werde, ist die muslimische Republik Deutschland für ihn nur eine Frage der Zeit - allerdings einer womöglich sehr langen Zeit. Unterdes gedeihe der Islam ohnehin auf das Prächtigste, "weil junge Leute in dieser Gesellschaft keine Werte mehr entdecken und keinen Halt haben". Zum Gedeihen trägt Seyam das Seine bei. Nicht mit dem Schwert, sondern mittels Filmen, in denen er zum wahren Glauben einlädt. "Anschläge will ich nicht, denn ich habe Kinder, und außerdem fällt das nur zurück auf die Muslime." War das Attentat am 11. September 2001 also ein großer Fehler? Der Gefährder lächelt freundlich. "Wir sagen: ,Alles, was passiert, ist gut für den Islam.' "

Damit hat er ja auch irgendwie recht. Alles, was seit jenem Tag im September vor fünf Jahren an der weltweiten Front dieses Krieges der Zivilisationen passiert ist - von der Besetzung des Irak über die Attentate in Madrid und London bis zum Karikaturenstreit und der Regensburger Papstrede -, war tatsächlich gut für Seyams Taliban-Islam. Schon deswegen, weil dieser radikale Islam der einzige ist, der wahrgenommen wird. Er macht Angst, und die Angst ist angesichts der Toten berechtigt. Die Folge: In den vergangenen Jahren habe sich das Verhältnis zwischen Muslimen und anderen Bevölkerungsgruppen eindeutig verschlechtert, glaubt fast jeder zweite in Deutschland lebende Türke, wie eine Umfrage im Auftrag des stern ergibt.

Trotzdem: Es gibt 1,3 Milliarden Muslime auf der Welt, und sie sind kein einig Heer von Handabhackern, Frauenschlägern, Enthauptern, Steinigern, mörderischen Märtyrern, geifernden Missionaren und beleidigten Leberwürsten, die allesamt zu "unvorhersehbaren Reaktionen" neigen, wie sich etwa Henryk M. Broder wollüstig gruselt in seinem Buch "Hurra, wir kapitulieren". Mehr als drei Millionen Muslime leben in Deutschland, und weil ein Drittel von ihnen unter 18 Jahre alt ist, werden es in 20 Jahren doppelt so viele sein, mindestens.

Wenig eint sie außer der Tatsache, dass ihre Väter beschnitten sind. Da gibt es die Türken, fast zwei Millionen, ferner Araber aus mehr als einem halben Dutzend Herkunftsländern, des Weiteren Bosnier, Albaner, Pakistaner, Iraner. Außerdem sämtliche islamischen Strömungen: Sunniten, Aleviten, Schiiten und Sufis, die alle ihre eigenen Vereine und Moscheen haben, nach Konfession, Tradition, Grad der Frömmigkeit und besonders nach Sprache getrennt. Auch gibt es Agnostiker und Atheisten. Und natürlich die "Gefährder" - 300 unter über drei Millionen Menschen. Mit ihnen werden wir leben müssen.

"Was meinen Sie mit Islam? Es gibt ihn nicht, den einen und einzigen Islam", sagt die 40-jährige Fulya Kurun, die als Mittlerin für Migranten bei der Hannoveraner Polizei arbeitet und von den zugezogenen Teenagern "Abla" genannt wird, "große Schwester". In ihrem Job beschäftigt sie sich auch mit Generationskonflikten in "Familien mit extrem patriarchalischen Strukturen". "Bei türkischen Straßengangs zum Beispiel wird der Begriff der ,Ehre" inflationär genutzt, um irgendwem eine reinzuhauen."

Aber man müsse sich auch die Zerrissenheit in manchen Familien vorstellen: Zu Hause würden ewig Werte gepredigt, und der Vater sei das unangefochtene Oberhaupt, das keine Argumente brauche, um zu bestimmen. "Zugleich wachsen die Jungen in einem Staat auf, der die Freiheit preist, ihnen aber nicht wirklich das Gefühl gibt, dazuzugehören. Das frustriert. Aber ist das jetzt ein religiöses, ein kulturelles oder ein soziales Problem? Oder vor allem völlige Orientierungslosigkeit?"

Kürzlich kam ein türkisches Mädchen zu einer Sozialarbeiterin und sagte, ihr Vater verprügele sie. Es hörte sich nach einem Klassiker an: Das Mädchen kuscht nicht vor dem Patriarchen. Der Vater sprach kein Deutsch, also begleitete Kurun die Frau vom Jugendamt zum Gespräch und hörte seine Variante: Er war nachts um drei aufgewacht, weil jemand durch ein Fenster kletterte. "Einbrecher!", dachte er. Es war seine Tochter, 14 Jahre alt, die sich vom Feiern zurückgeschlichen hatte. Er knallte ihr eine. Das Mädchen schimpfte, alle seine deutschen Freundinnen dürften in die Disco, nur sie nicht. "Mir konnte sie das nicht weismachen", sagt Kurun. "Aber ihrem Vater wohl. Er weiß so wenig von den Deutschen wie sie von ihm. Ist das ein Problem des Islam?"

Ersin Ugursal, 68, pensionierter Architekt im baden-württembergischen Kornwestheim, betet nicht, fastet nicht und war noch nie in Mekka. Er trinkt gern schwäbischen Trollinger, ist mit einer Deutschen verheiratet und Mitglied der CDU. Kann so jemand ein guter Muslim sein? "Aber natürlich", sagt er. Wichtiger als das Befolgen von Ritualen sei die Grundhaltung: Nächstenliebe und Barmherzigkeit. "Im Koran steht: ,Wer weiß, dass ein Nachbar hungrig ins Bett geht, und nichts dagegen tut, der ist kein Muslim.' "

Für ihn bedeutet seine Religion "ein Leben möglichst ohne Lügen, ohne anderen wehzutun", und er will nicht zulassen, dass sie von Islamisten gekidnappt wird. In den 50er Jahren kam er aus Anatolien nach Deutschland, und seither versucht er, Brücken zu bauen zwischen Alteingesessenen und Einwanderern: Er gründete die Deutsch-Türkische Gesellschaft und das Deutsch-Türkische Business-Center in Stuttgart, er trat der CDU bei, um sie "von innen heraus zu verändern", und lange bevor es Mode wurde, forderte er Deutschunterricht für kleine Migranten im Kindergarten. Obwohl er sich ein Eigenheim leisten könnte, lebt er in einer Hochhaussiedlung, mit "den Leuten, die mich brauchen", nämlich Türken.

Weniger der Islam, sondern unterschiedliche Denkweisen seien die Quelle vieler Missverständnisse. So findet er, dass deutsche Lehrer oft zu lasch mit türkischen Eltern umgingen. Wenn seine Nachbarn ihn bitten, Einladungen zum Elternabend zu übersetzen, wählt er deswegen gleich eine andere Tonart. Bei ihm heißt es dann auf Türkisch nicht: "Wir laden Sie freundlich ein", sondern knapp und bündig: "Um acht Uhr sind Sie da!"

Doch bei all seinem Tatendrang fühlt sich Ugursal wegen der "vergifteten Atmosphäre" manchmal "wie im falschen Film". Es werde zu wenig "Klartext" geredet: "Wir haben nur zwei Möglichkeiten, mit Islamisten umzugehen", sagt er, "entweder wir weisen sie aus, oder wir gehen den steinigen Weg und integrieren sie." Doch auf diesem Weg fühlt er sich von seinen Glaubensbrüdern ziemlich alleine gelassen. Während die Fanatiker tosten, blieben die Gemäßigten stumm.

Deniz Sengül schreibt an die Tafel "Islam heißt ,Frieden"". Die aus der Türkei stammende Deutsche macht an einer Grund- und Hauptschule im schwäbischen Schwennigen ihr Referendariat in Deutsch, Englisch - und unterrichtet nebenbei Religion. Sie bringt den Kindern auf Deutsch Werte bei, die überall auf der Welt gelten. Doch sie tut es am Beispiel des Propheten. Oft ist sie verblüfft, wie wenig die Menschen über die Parallelen von Koran und Bibel wissen. "Hüte deine Hände, Zunge und Lende", sei ein islamischer Lehrsatz. Und bedeute: "Du sollst nicht stehlen, lügen oder ehebrechen - genau, wie in den Zehn Geboten". Auf die Frage, ob sie täglich im Koran lese, stellt sie die Gegenfrage: "Lesen Sie jeden Tag in der Bibel?"

Serdar Somuncu liest weder das eine noch das andere. Er ist weder gemäßigt noch stumm, sondern einer der radikalsten Kabarettisten Deutschlands, der immer genau das nicht macht, was von ihm erwartet wird, schon gar nicht den "Quoten-Multikultikanackenwauwau". Er habe "lange genug die Türkennutte gegeben". Sein Tiefpunkt war eine Rolle Anfang der 1990er Jahre in der "Lindenstraße", als er exakt drei Wörter sagen musste: "Kollega, nix verstäh!"

Er verabscheut fundamentalistische Muslime ebenso wie fundamentalistische Deutsche und teilt nach allen Seiten aus. "Ich bin mit einem aufgeklärten Türkeibild aufgezogen worden, und ich werde nicht zulassen, dass die eigenen Leute dieses Bild zerstören." Darum beleidigt er sie nach Herzenslust, zum Beispiel in seiner Nummer "Kopftuch-Stringtanga-Syndrom", in der er sich darüber mokiert, dass fromme Muslime zwar auf das Kopftuch bestehen, aber Stringtangas erlauben - nur weil die im Koran nicht auftauchen. "Mohammed ist 632 gestorben, und ich denke, Stringtangas waren damals eher die Ausnahme."

Vor kurzem habe er in einem türkischen Supermarkt keinen Alkohol bekommen und musste in ein deutsches Geschäft gehen, um türkischen Schnaps zu kaufen. "Das ärgert mich maßlos. Die Türken, die sich muslimisch verkleiden, sind für mich nicht anders als Deutsche, die sich eine Glatze scheren und Springerstiefel anziehen." Diesen Leuten gehe es nur darum, Angst zu machen. "Das sind Monster, diese fehlintegrierten Türken, die auf der Suche nach einer Identität nur ihre Religion entdeckt haben."

Die tiefgläubige Berlinerin Emel Algan, 45, Mutter von sechs Kindern und Aikido-Adeptin, war mit 16 versprochen und mit 19 vermählt. 30 Jahre lebte sie unter dem Kopftuch. Kürzlich hat die Tochter des Arztes und Gründers von "Milli Görü­", Yusuf Zeynel Abidin, das Tuch abgelegt. Für immer. Sie, die einst den ersten islamischen Kindergarten Berlins gründete, einen Frauenverein ins Leben rief und eine islamische Grundschule aufbaute, nennt das Kopftuch heute "eine Uniform zur Abgrenzung", die nur "die Teilung der Welt in Muslime und Nicht-muslime sichtbar machen soll".

Dass sie es ablegte, war auch eine Rebellion gegen das Dogma des "strafenden Gottes", das Angst unter den Gläubigen verbreite. Sie will nicht mehr nur von Menschen umgeben sein, "die unreflektiert befolgen, was andere ihnen als Pflicht auferlegen". Man solle "aus eigener Erkenntnis heraus von seinem Gott ge- leitet werden". Im Verbund habe es keine Freiheit gegeben, schon deshalb nicht, weil Freiheit vor allem Willensfreiheit sei. "Dazu muss man seinen Willen aber erst einmal kennen und zulassen."

Ansichten einer Frau, die in ihrem einstigen Umfeld auf Unverständnis stoßen. Eine einzige Freundin ist ihr aus den vergangenen drei Jahrzehnten geblieben, "eine starke Persönlichkeit", sagt Algan, als verlange der Umgang mit ihr besonderen Mut. Mit ihrem Mann, Arzt und Milli-Görü­-Mitglied wie ihr Vater, lebt sie in Frieden im selben Haus - und in Trennung. Neulich, als sie ihren 17-jährigen Sohn fragte, ob ihm ihr Lidschatten ge- falle, sagte er: "Ach Mama, du bist doch gar keine Muslimin mehr, du glaubst nur noch an Gott." Sie findet, das reicht. "Ich habe meinen Schöpfer im Inneren gefunden."

Islam in Deutschland, das ist "das Wunder von Marxloh", wie der frühere NRW-Bauminister Michael Vesper die derzeitige Errichtung der größten Moschee der Republik genannt hat. Der Duisburger Stadtteil hat einen Ausländeranteil von 33 Prozent, viele Arbeitslose und das Etikett "sozialer Brennpunkt". Die katholische Paulskirche um die Ecke hat schon vor Jahren zugemacht, hinter dem Rohbau des Gotteshauses stehen alte Bergarbeiter-Baracken und die qualmenden Schlote der Stahlhütten. Davor ist ein Zelt aufgebaut, in dem die Gläubigen sich zum "Iftar" versammeln, zum Fastenbrechen nach Sonnenuntergang im Ramadan. Wenn sie in einem halben Jahr ihr neues Gotteshaus nutzen können, wird das unter seiner Kuppel Platz bieten für 1300 Gläubige. Genauso viele Mitglieder hat die örtliche Gemeinde, die 1985 von 40 Bergarbeitern gegründet wurde. "Endlich sind wir angekommen in dieser Gesellschaft", sagt glücklich die Kopftuchträgerin Odaba­e Hamiyet. Und Mustafa Küçük, Anlagenwärter bei Thyssen-Krupp und Pressesprecher der Gemeinde, glaubt fest daran, "dass die Mehrheitsgesellschaft uns akzeptiert hat".

Islam in Deutschland, das sind die Sufis von Sötenich, zumeist konvertierte Mystiker, die in der "Osmanischen Herberge" mitten in der Eifel jedem die Tür öffnen, der inneren Frieden sucht. "Allah ist so mächtig, dass er alle Sünden vergeben kann. Selbst wenn die Sünden so groß sind wie die ganze Welt", sagt ihr spiritueller Führer Sheik Hassan Abdul Ahad, der früher Christian-Peter Dyck hieß. Islam in Deutschland, das sind die Aleviten, von den Deutschen als Türken diskriminiert und von den sunnitischen Muslimen als Apostaten, die keine wahren Gläubigen seien, weil bei ihnen Männer und unverschleierte Frauen gemeinsam beten. "Wir sind liberal. Deshalb werden wir seit 500 Jahren verfolgt", sagt Duran Ince, Vorsitzender der Gemeinde Hannover. "Um unsere Religion ausüben zu können, brauchen wir einen starken Rechtsstaat. Aber die Deutschen sind oft zu tolerant gegenüber den Fundamentalisten. Außerdem vergessen sie, dass die meisten Opfer des islamischen Fanatismus Muslime sind."

Islam in Deutschland, das ist Faruk Yerli, der Angst hat, sein Deutsch zu verlernen. In seinem Büro in Frankfurt spricht er nur englisch. Faruk und seine Brüder Avni und Cevat gehören zu Deutschlands erfolgreichsten Computerspiele-Erfindern. Bekannt wurden die Kinder türkischer Einwanderer mit dem Ballerspiel "Far Cry", das selbst Bill Gates ein "amazing" entlockte. Inzwischen haben die Yerlis mit ihren 140 Mitarbeitern, unter ihnen Deutsche, Türken, Japaner und Chinesen, das nächste Spiel entwickelt. "Crysis" heißt es.

Heute fühlt sich Faruk etwas schwummrig, nicht vom Hin- und Her- switchen zwischen Englisch, Deutsch und Türkisch, sondern vom Fasten. Es ist Ramadan, und "da lässt gegen Abend die Leistung ein bisschen nach". Am Freitags- gebet in der Moschee nimmt er regelmäßig teil, nur fünfmal am Tag gen Mekka beten, das schafft er einfach nicht: "Keine Zeit - das Business!"

Der Vater der erfolgreichen Yerlis kam 1971 nach Deutschland und fand Arbeit als Polsterer. Der erste Computer für seine drei spielverliebten Jungs kostete ihn ein Monatsgehalt. Er spricht nur gebrochen Deutsch; seine drei Söhne, die in Coburg aufwuchsen, haben einen starken fränkischen Akzent.

Die Yerli-Brüder, Vertreter einer zweiten Generation wie aus dem Integrations-bilderbuch, schaffen Arbeitsplätze. Sie bilden aus. Und sie zahlen Steuern. So wie viele Muslime in Deutschland.

Zwar ist ein Viertel aller arbeitsfähigen Migranten - also auch der nichtmuslimischen - erwerbslos, was aber im Umkehrschluss bedeutet: Drei Viertel arbeiten und zahlen Steuern. Allerdings fällt bei türkischen Zuwanderern die höhere Bedeutung staatlicher Unterstützung auf. Während die Deutschen im Alter zwischen 20 und 65 im Schnitt mehr Steuern und Beiträge zahlen, als sie Leistungen erhalten, kommen die Türken erst mit 28 in den positiven Bereich. Mit 57 erhalten sie im Schnitt wieder mehr Geld vom Staat, als sie geben. Der Grund: "Türken sind immer noch vergleichsweise gering qualifiziert. Sie haben als junge Erwachsene mehr Startschwierigkeiten und im Alter ein höheres Risiko, arbeitslos zu werden", erklärt Holger Bonin, Wirtschaftswissenschaftler am Institut zur Zukunft der Arbeit in Bonn. Zugleich aber erwirtschaften die türkischen Unternehmer einen geschätzten Gesamtumsatz von jährlich rund 30 Milliarden Euro und beschäftigen rund 320 000 Angestellte.

Auch darum "ist der Islam Teil Deutschlands, Teil unserer Zukunft", wie Innenminister Wolfgang Schäuble kürzlich anlässlich der längst überfälligen Konferenz über die zweitgrößte Religionsgemeinschaft der Republik sagte.

Man kann jetzt "Huch!" und "Hilfe!" schreien und sich der Horrorvision von "Eurabia" hingeben, die Islam-Kritiker gern heraufbeschwören: Der Okzident nähre fundamentalistische Schlangen an seinem überzivilisierten Busen. Doch das würde nur dazu führen, dass man sich zurücksehnt nach der mörderischen Virilität etwa des Kreuzritters Gottfried von Bouillon. Tatsächlich gehört die überwältigende Mehrheit der Muslime hierzulande keiner diabolischen fünften Kolonne in Gestalt einer fundamentalistischen Internationale an, sondern ist trotz ihres angeblich so wilden und gefährlichen Glaubens gnadenlos spießig und zumeist an der Scharia, den Gesetzen des Korans, ebenso wenig interessiert wie am Grundgesetz - stattdessen vielmehr am Erwerb von schaurigen Polstergarnituren, weißen Ziergardinen und riesigen Flachbildschirmen mit Dolby-Surround-Sound.

Obwohl die in Deutschland lebenden Türken im Durchschnitt weniger verdienen als die Deutschen, konsumieren sie fast ebenso viel. Türken und türkischstämmige Deutsche haben eine jährliche Kaufkraft von rund 16 Milliarden Euro. Unternehmen arbeiten inzwischen sogar daran, ihrem Image eine türkische Note beizufügen: Die Deutsche Bank zum Beispiel will unter dem Namen "Bankamiz", "unsere Bank", ans Geld türkischstämmiger Kunden. Außerdem bietet sie "Scharia-konforme" Anlagen an: Bei denen sind Beteiligungen an Firmen tabu, die mit Schweinefleisch, Tabak, Glücksspiel oder Alkohol Geld verdienen.

Islam in Deutschland, das ist schließlich auch Hassan Dabbagh, lodernd die Augen, wüst und rot der Bart, dazu noch eine Stimme, die sich überschlägt, wenn er inbrünstig betet. Er ist die perfekte Karikatur eines Hasspredigers. "Alles da", sagt der Imam der Al-Rahman-Moschee in Leipzig - "alles außer Hass". Vor zwölf Jahren kam der Vater von drei Kindern aus Syrien zum Medizinstudium nach Leipzig, heiratete eine Deutsche und gründete seine Moschee, weswegen er sein Medizinstudium wahrscheinlich schleifen ließ. Einen Doktortitel führt er trotzdem, doch ebenso wie über sein Alter schweigt er darüber, woher er ihn hat und in welchem Fach.

Seit der erzkonservative Salafist vom Fernsehen entdeckt wurde, will jeder mit ihm nur noch über das Grundge- setz oder Steinigungen reden. Dabbagh findet das nicht schön, aber wirklich verwunderlich ist es nicht. Sandra Maischberger erklärte er höflich, warum er ihr nicht die Hand geben kann -Êweil sein Glaube ihm verbiete, fremde Frauen zu berühren -, und Sabine Christiansen legte er freundlich dar, was junge Leute zu Kofferbombern macht: "Sie sehen im Fernsehen, dass muslimische Kinder getötet werden". Dabbagh betont immer wieder, dass er jede Form von Gewalt ablehnt. Im Internet aber kommentier- te Dabbagh die Steinigung ehebrecherischer Frauen gemäß der Scharia wie folgt: "Die Strafen, die im islamischen Recht sind, sind nicht von uns, sondern von dem Gott, der uns erschaffen hat. Und es darf nicht so verstanden werden, als ob die Steinigung nur für Frauen wäre."

Offenbar gilt ihm diese mäßig beruhigende Feststellung als weiterer Beweis dafür, "dass Mann und Frau vor Allah gleich sind", wie er gern betont.

Dabbaghs Moschee, regelmäßig von 200 Gläubigen besucht, soll unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stehen, "so wie alle", sagt er, "obwohl nichts gegen uns vorliegt. Aber da fragt niemand, wie sich das mit dem Grundgesetz verträgt". Immerhin haben die Schlapphüte hier keine Übersetzungsprobleme: Weil es in Ostdeutschland weder Ausländerviertel noch alteingesessene islamische Gemeinden gibt, "kommen zu uns alle", so der Imam. Die einzige gemeinsame Sprache ist daher Deutsch, und auf Deutsch und häufig unter Tränen predigt Dabbagh auch - mal gegen die Mohammed-Karikaturen, mal gegen die "Beleidigungen des Papstes", aber auch genauso inbrünstig gegen die Gewaltausbrüche, die solchen Geschehnissen folgten.

Manchmal kommt er sich inzwischen selbst vor wie der Papst: Ständig werde er missverstanden, jedes Wort werde verdreht. "Inschallah, alle Propheten mussten solche Anfeindungen ertragen", spricht der Imam. Und so muss er auch hinnehmen, dass "Bild" kürzlich in verzückter Empörung bohrend fragte: "Wer lässt diesen Mann immer wieder ins TV?"

Tja, wer wohl? Frau Maischberger und Frau Christiansen natürlich, dumme Frage. Und warum? Weil Hassan Dabbagh so perfekt den pittoresken Finsterling gibt, natürlich. Es ist viel spannender, seinen Worten zu lauschen, als irgendwelchen grottenlangweiligen Funktionären der DITIB zuzuhören, dem mitgliederstärksten muslimischen Verband Deutschlands. Die Predigten dieser vom türkischen Staat besoldeten Beamten sind komplett Scharia- und steinigungsfrei und im Allgemeinen so brisant und interessant wie Ansprachen von DGB-Oberen. Das Gleiche gilt übrigens auch für die Anhänger von Milli Görü­, und dennoch wird diese Truppe braver Biedermänner und Biederfrauen seit Jahren vom Verfassungsschutz observiert, weil sie die "schrittweise Schaffung einer Parallelgesellschaft anstrebt".

In Wahrheit sind es vom Verfassungsschutz unbeaufsichtigte deutsche Richter, die der Parallelgesellschaft Vorschub geleistet haben. Dank ihrer Rechtsprechung müssen muslimische Mädchen weder am Sport- noch am Schwimmunterricht teilnehmen, sie können Klassenreisen ebenso fernbleiben wie dem Sexualkundeunterricht. Das ist dosierte Scharia.

Ist das ein Zeichen für unsere "Lust am Einknicken" (Broder) oder gar für eine grassierende "Bereitschaft zur Selbstpreisgabe", wie die Marburger Islamwissenschaftlerin Ursula Spuler-Stegemann wittert? Eher wohl für ganz altmodischen Rassismus, verkleidet als Gutmenschen-Relativismus. Denn wir geben ja nicht uns preis, sondern fremde Frauen, die uns trotz ihres deutschen Passes noch immer herzlich egal sind.
Mitarbeit: Marko Belser, Ingrid Eissele, Gerd Elendt, Flora Jädicke, Kuno Kruse, Oliver Link, Christian Parth, Franziska Reich, Nikola Sellmair, Bernd Volland, Holger Witzel

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(