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Beste investigative Leistung: VW-Affäre

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Erschienen in FOCUS vom 27.06.-07.11.2005 (8 Artikel)

Kayhan Özgenc

VW-Affäre - Ein Zulieferer packt aus


Skoda-Vorstand Helmut Schuster soll Schmiergelder verlangt und sich lukrative Aufträge vom VW-Konzern erschlichen haben

Helmut Schuster hatte eine wichtige Mission bei Volkswagen. Der Personalvorstand der VW-Tochter Skoda sollte den Wolfsburger Autobauern zum erfolgreichen Einstieg in den Wachstumsmarkt Indien verhelfen. Denn anders als die Kernmarke VW hat sich Skoda dort bereits als Premiumanbieter etabliert. Richtig Gas gibt Volkswagen seit Monaten, um in Indien Marktanteile gegen die vorwiegend asiatische Konkurrenz zu erkämpfen. Ab 2006 soll ein neues Werk Kleinwagen für die Boomregion produzieren. Skoda-Vorstand Schuster übernahm bei dem Projekt eine Schlüsselrolle.

Die Karriere des Top-Managers endete vergangene Woche abrupt. Schuster verlasse die tschechische Automarke auf eigenen Wunsch, teilte Skoda in einem knappen Statement mit. Ein Nachfolger wurde nicht benannt. Hinter der scheinbar harmlosen Personalie verbirgt sich womöglich ein spektakulärer Raffke-Fall, der die Chefetage von VW, Europas größtem Autobauer erschüttert. Der 51-jährige kassierte offenbar gleich mehrfach ab. Neben seinem Vorstandssalär soll er Schmiergelder von Zuliefererfirmen verlangt und sich mit einer besonders dreisten Masche am eigenen Konzern bereichert haben. Mit Hilfe von Strohmännern soll Schuster laut internen VW-Ermittlungen verdeckte Geschäfte mit seinem Arbeitgeber getätigt haben. Volkswagen schloss so genannte Generalimporteursverträge für Indien und Angola mit Firmen ab, die Schuster kontrolliert haben soll. Allerdings tauchten weder sein Name noch er persönlich bei den Verhandlungen auf. Die Wolfsburger, so ergaben die internen Nachforschungen, wussten nicht, dass sie die lukrativen Aufträge offenbar ihrem Skoda-Vorstand in Prag zuschanzten.

In der Branche gilt der Status eines VW-Generalimporteurs als eine Art Hauptgewinn, gerade wenn es sich um einen begehrten Absatzmarkt wie Indien. Der Generalimporteur betreibt den exklusiven Zwischenhandel. Als einziger Anbieter dar er in der Regel bei VW die Wagen von sämtlichen Konzernmarken für das jeweilige Land ordern und diese an die Autohäuser verteilen, denen er Lizenzen geben und auch wieder entziehen kann. Die Monopolstellung beschert dem Generalimporteur meist ein Millionengeschäft: Zwischen zehn und 25 Prozent vom Wert eines jeden verkauften Autos streicht der Zwischenhändler ein.

Schusters Karriere-Aus konnte auch dessen prominentester Fürsprecher nicht verhindern. Der Manager galt als ein enger Vertrauter von VW-Personalvorstand Peter Hartz und auch als sein Ghostwriter. So formulierte Schuster als Mitautor seines Förderers die Arbeitsmarktreformen Hartz I-IV. die Vorwürfe und Indizien gegen Schuster in der Abzocker-Affäre scheinen allerdings schlicht erdrückend. Ohne Widerstand räumte er seinen Vorstandsposten bei Skoda. Ein Zulieferer von VW hatte sich in der Wolfsburger Zentrale gemeldet und vom angeblichen Versuch Schusters berichtet, Schmiergelder für die geplante Autoproduktion in Indien zu kassieren. Nur wenn die Firma Provisionen an Schuster zahle, könne er sie am Geschäft beteiligen. Dem Zulieferer zufolge sollte ein Strohmann die geforderte Summe in bar abholen.

Fast zeitgleich ging bei VW ein Tipp von der Commerzbank ein. Deren interne Revision war auf geheime Geschäfte von Mitarbeiter X. gestoßen, der in der Düsseldorfer Filiale für Kredite zuständig war. Gemeinsam mit X. und weiteren Komplizen soll Schuster Tarnfirmen in der Schweiz und in den USA gegründet haben, die sich die lukrativen Verträge als VW-Generalimporteur angelten. Banker X., dem die Commerzbank inzwischen kündigte, hatte demnach die Finanzierung des Millionengeschäfts mit Volkswagen abgewickelt. Die beiden hatten sich kennen gelernt, als Schuster bei VW noch die Pensionsfonds verwaltete.

VW-Chef Bernd Pitschetsrieder fürchtet nun, der überaus peinliche Filz-Fall Schuster könne sich noch ausweiten. Seine internen Konzernprüfer gehen derzeit dem Verdacht nach, dass weitere VW-Manager in das Raffke-System involviert waren. Die Staatsanwaltschaft schaltete die Autobauer allerdings noch nicht ein. Auf Focus-Anfrage teilte Volkswagen mit, man könne sich zur Sache derzeit nicht äußern. Helmut Schuster selbst war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Nur wenige Wochen vor dem Rausschmiss war Schuster seinen Vorgesetzten in Wolfsburg schein einmal unangenehm aufgefallen – allerdings in einer weitaus harmloseren Angelegenheit. Ende Mai hatte es der Skoda-Mann in die Klatschspalten des tschechischen Boulevardblatts „Spy“ geschafft. Die Illustrierte hatte über eine angebliche Liebesaffäre zwischen Schuster und der prominenten Schauspielerin Katerina Brozova berichtet, die vorzugsweise Beziehungen mit reichen Männern eingeht. Nach Schusters Demission bei Skoda leugnete der blonde Fernsehstar vergangene Woche die deutsch-tschechische Liaison: „Das ist Unsinn. Wir kennen uns nur flüchtig.“

VW-Affäre - Verfahren molto delicato


Betriebsratschef Klaus Volkert stürzte offenbar auch wegen dubioser Zahlungen an eine geheimnisvolle Brasilianerin. Der Volkswagen-Konzern produziert derzeit reichlich Negativschlagzeilen. Volkswagen feuerte Skoda-Vorstand Schuster, Betriebsratschef Volkert erklärte seinen Rücktritt. Ob VW-Personalvorstand Hartz sich halten kann, bezweifeln Insider

Offiziell steht Adriana B. in Diensten des Volkswagen-Konzerns. Doch niemand will derzeit offiziell sagen, welche Arbeit die attraktive Dame aus São Paulo in den vergangenen Jahren eigentlich zu verrichten hatte. In welchem Auftrag die Brasilianerin auch immer unterwegs gewesen ist - ihre mysteriöse Mission spielte beim Rücktritt von Klaus Volkert als Gesamtbetriebsratsvorsitzender bei VW offenbar eine entscheidende Rolle.

Der Absturz des Gewerkschafters katapultierte die von FOCUS zuvor aufgedeckte Schmiergeldaffäre bei VW zur bundesweiten Top-Nachricht. Schließlich war Volkert über Jahre einer der wirklich Mächtigen in einer der größten Firmen der Republik. Und der Wolfsburger Wirbelwind könnte an Stärke noch zunehmen: Schon wird über einen bevorstehenden Rücktritt von Peter Hartz spekuliert, dem prominenten Kanzler-Freund und Autor der nach ihm benannten Arbeitsmarktreformen.

Auf unglaubliche Vorwürfe waren die internen Ermittler in der Wolfsburger Zentrale offenbar kurz vor Volkerts überraschendem Abgang gestoßen. Die Indizien nähren den Verdacht, dass der oberste Kämpfer für die Arbeitnehmerrechte gleich in zwei mutmaßliche Raffke-Affären verstrickt sein könnte. Gemeinsam mit dem wegen Schmiergeldvorwürfen gefeuerten Skoda-Vorstand Helmuth Schuster soll Volkert versucht haben, verdeckte Geschäfte auf Kosten des eigenen Konzerns zu machen und sich auf diese Weise zu bereichern.

Das zweite Problem des einflussreichen Gewerkschafters hieß offenbar Adriana B., die der verheiratete Volkert 1998 im Club Méditerranée in Brasilien kennen gelernt haben soll. Volkswagen hat die Südamerikanerin vermutlich jahrelang großzügig unterstützt, ergaben die konzerninternen Nachforschungen. Die Zuwendungen sollen über einen vorgeblichen Werbevertrag getarnt gewesen sein. Volkerts Club-Entdeckung durfte demnach stets als Erste-Klasse-Passagier nach Deutschland einfliegen (Hin- und Rückflug zirka 6000 Euro), wo ihr jederzeit ein VW-Fahrzeug zur Verfügung stand. Mit dem Betriebsratschef traf sie sich angeblich in einer von Volkswagen bezahlten Wohnung in Braunschweig.

Sogar einen Hauskauf in Brasilien scheint der Autobauer mitfinanziert zu haben. Etwa 60000 Euro seien dafür geflossen, vermuten firmeninterne Fahnder. Offenbar begleitete die Brasilianerin den Aufsichtsrat Volkert häufig auf dessen zahlreichen Auslandsreisen. Zuletzt sollen die beiden Anfang Juni im 5-Sterne-Hotel "Lapa Palace" in Lissabon, einer Luxusherberge aus dem 19. Jahrhundert, für vier Nächte logiert haben.

Geldnöte kannte B. bei ihren häufigen Visiten in Deutschland nicht. Bei der Sparkasse im niedersächsischen Gifhorn existiert ein Konto für Adriana B., auf das VW pro Quartal 23008 Euro einzahlte. Diese Summe bestätigte B. gegenüber FOCUS. Allerdings gibt sie an, für das Honorar auch Gegenleistungen erbracht zu haben: Sie produziere regelmäßig Firmenvideos für VW. Zuletzt will die Journalistin und ehemalige Animateurin einen Werbespot für Volkswagen in der chilenischen Atacama-Wüste gedreht haben. "Ich habe das Geld bekommen und arbeite auch dafür", sagt B. Eine Liebesaffäre mit Volkert bestreitet sie. Über ganz andere Informationen verfügen hingegen die Experten der Wolfsburger Revisionsabteilung. Nach ihren Erkenntnissen soll sich hinter den Zuwendungen für B. ein mutmaßlicher Filz-Fall verbergen. Die Zahlungen an die Brasilianerin soll ein hochrangiger VW-Manager abgewickelt haben, dem der Autobauer in der vergangenen Woche gekündigt hat. Von den ungewöhnlichen Sponsorleistungen wussten offenbar nur ganz wenige im Konzern. Wer zu den Eingeweihten zählte, überprüfen derzeit die VW-Ermittler.

Auf FOCUS-Anfrage teilte VW Brasilien mit, eine Adriana B. sei im Unternehmen nicht bekannt. Unter ihrer Mitarbeit seien weder Werbefilme noch Firmenvideos für das südamerikanische Tochterunternehmen produziert worden. Ein Sprecher der Zentrale in Wolfsburg sagte, ob B. tatsächlich Leistungen für den Konzern erbracht habe, "müssen wir prüfen". Nach seinem Rücktritt tauchte Volkert ab und war am vergangenen Freitag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Wo die Antworten fehlen, grassieren die Gerüchte: Eine höchst infame und eigentlich irrwitzige Spekulation vergiftet derzeit die Gespräche in den Wolfsburger Chefetagen. Demnach könnte der eigentliche Zweck für die Bezahlung der Brasilianerin darin bestanden haben, den wichtigen Betriebsratschef Volkert milde zu stimmen - etwa im Hinblick auf Arbeitszeitverlängerungen und Investitionsentscheidungen im Konzern. Ein ungeheurer Verdacht, der - würde er sich bestätigen - zum GAU beim VW-Vorstand führen würde.

Auch unabhängig von diesem Horrorszenario: Vorstandsmitglied Peter Hartz wird sich bald erklären müssen. Was wusste der Kanzler-Ratgeber über Volkerts mögliches Fehlverhalten?

Hartz soll nach internen Ermittlungen mehrere brisante Volkert-Belege abgezeichnet haben. Auch habe er scheinbar erst vor kurzem seinen Widerstand aufgegeben, die Abrechnungen des Gesamtbetriebsratsausschusses, die in seinen Zuständigkeitsbereich fallen, der Revisionsabteilung zu übergeben. Mit dem geschassten Skoda-Vorstand Schuster und dem zurückgetretenen Betriebsratschef Volkert verlor Hartz gleich zwei enge Vertraute innerhalb weniger Tage. Womöglich muss nun auch der Personalvorstand schon bald den Autobauer unfreiwillig verlassen. "Er wird die nächsten Tage wohl kaum überleben", orakelt ein hochrangiger Manager. Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch dagegen beteuerte am vergangenen Freitag, Hartz werde Personalvorstand bei VW bleiben. Der Aufsichtsrat werde ihm "keinen Aufhebungsvertrag anbieten".

Auslöser der VW-Affäre waren die mutmaßlichen Machenschaften von Skoda-Manager Helmuth Schuster, die FOCUS vergangene Woche enthüllt hat und die mittlerweile auch die Staatsanwaltschaft Braunschweig beschäftigen. Laut Strafanzeige von VW soll der Hartz-Getreue Schuster Schmiergelder von einem Zulieferer für die geplante Autoproduktion in Indien verlangt haben. Auch steht er im Verdacht, über Tarnfirmen lukrative Generalimporteursverträge für Indien und Angola mit seinem Arbeitgeber abgeschlossen zu haben, ohne dass Volkswagen von Schusters Beteiligungen wusste. Der exklusive Zwischenhandel beschert den VW-Generalimporteuren häufig Millionengewinne.

Der Fall Schuster hatte sich VW-intern zu einem überaus spannenden Kriminalstück entwickelt. Nach ersten Hinweisen aus Prag vor etwa einem Jahr kümmerte sich die Sicherheitsabteilung um die Aktionen des Top-Managers und stieß dabei offenbar auf erhebliche Widerstände in der Chefetage. Vorstand Hartz, so kolportieren Kreise in Wolfsburg, hielt schützend die Hand über seinen Zögling, der seine Arbeitsmarktideen mit zu Papier gebracht hatte.

Die VW-Detektive ließen nicht locker und entschieden, Schuster zu beschatten. In den vergangenen Monaten hatte der Skoda-Mann zumeist ein Observationsteam im Nacken. Der geheime Spionage-Einsatz endete Mitte Juni. Als die VW-Spitze angesichts der massiven Erkenntnisse den Daumen über Schuster gesenkt hatte, erschien der tschechische Werkschutz beim verdutzten Vorstand und forderte ihn auf, sein Büro unverzüglich zu räumen. Offiziell schied Schuster auf eigenen Wunsch aus dem Unternehmen aus. Vor allem der neue VW-Markenvorstand Wolfgang Bernhard war es, der ohne Rücksicht auf langjährige Seilschaften die Karriere des Skoda-Vorstands zügig beendete.

Der einst als Hartz-Nachfolger gehandelte Schuster ging in seinen verdeckten Nebenjobs äußerst trickreich vor, fanden die Spezialisten der Revisionsabteilung heraus. In Indien kassierte er angeblich über einen Vermittler rund drei Millionen Euro, weil er der Regierung im Bundesstaat Andra Pradesh die Errichtung eines VW-Werkes versprochen haben soll. Auf offiziellem Volkswagen-Briefpapier soll er die Zusage verfasst haben. Allerdings ist die endgültige Standortentscheidung in Wolfsburg bis heute nicht gefallen.

Bei seinen Geschäften in Angola stellte er zur Kontaktpflege, so die VW-internen Ermittlungen, die Tochter eines hochrangigen Regierungsmitglieds in seiner Tarnfirma an, die wiederum den Generalimporteursvertrag mit Volkswagen abschloss. Bei einem weiteren zwielichtigen Deal war Volkert offenbar mit von der Partie. Der IG-Metall-Mann wollte laut internen Volkswagen-Erkenntnissen an einem Skoda-Projekt in Prag mitverdienen. Volkert soll demnach Gesellschafter der Luxemburger Propery Finance S.A. sein. Diese Firma hielt gleichfalls die Anteile am tschechischen Unternehmen F-Bel, bei dem eine Schuster-Vertraute die Geschäfte leitete.

Die zwischengeschaltete Firma F-Belsollte sich einen lukrativen Auftrag von Skoda sichern, offenbar mit heimlicher Unterstützung von Skoda-Vorstand Schuster. Dabei ging es um den 60 Millionen Euro teuren Bau eines Autopalasts in Prag. Bei den Verhandlungen mit Skoda tauchten angeblich weder Schuster noch Volkert persönlich auf. Die erhofften Millionengewinne blieben jedoch aus. Anfang des Jahres stoppte die Skoda-Chefetage überraschend das Prestigevorhaben. Die tschechische Tarnfirma F-Bel wurde daraufhin im April aufgelöst.

Auf die Luxemburg-Prag-Connection stießen die VW-Fahnder erst kürzlich - und dabei auch auf den Namen Klaus Volkert. Als die Konzernspitze vergangenen Mittwoch von den FOCUS-Recherchen in dem Fall erfuhr, erklärte VW-Boss Bernd Pischetsrieder die heikle Angelegenheit zur Chefsache. Der Vorstandsvorsitzende drängte auf lückenlose Aufklärung und zügiges Handeln. Inzwischen kündigte er an, er werde die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG mit der Untersuchung des Falles beauftragen.

Volkert wollte offenbar weitere Enthüllungen gar nicht erst abwarten. Am vergangenen Donnerstag, auf einer Betriebsversammlung in Wolfsburg, erklärte er nach 15 Jahren an der Spitze der Arbeitnehmervertretung seinen Rücktritt. Über die Vorwürfe gegen seine Person verlor der gelernte Schmied, der 1969 als Mechaniker im VW-Presswerk angefangen hatte, vor den Mitarbeitern kein Wort. Stattdessen begründete der 62-Jährige den unerwarteten Abschied mit seinem Alter und der strategischen Neuausrichtung des Betriebsrats. Nachfolger wird sein bisheriger Vize Bernd Osterloh.

Angeblich sei der Stabwechsel von langer Hand geplant gewesen. Mit riesigem Beifall verabschiedete die ahnungslose Belegschaft ihren Vorkämpfer, der als einer der einflussreichsten Betriebsräte der Republik galt. Erst als nach der Betriebsversammlung Vorwürfe gegen Volkert publik wurden, kämpfte der abgetretene Betriebsratsvorsitzende um seinen Ruf: "Ich habe mich keiner kriminellen Handlung schuldig gemacht", beteuerte Volkert. Sein Abschied sei vorgezogen worden, "in Kenntnis der zu erwartenden öffentlichen Diskussion um scheinbare Unregelmäßigkeiten" im Zusammenhang mit seiner Person.

Mit Volkerts Absturz ist die Debatte bei VW freilich noch lange nicht beendet. Ferdinand Gillmeister, Rechtsanwalt des gefeuerten Skoda-Mannes Schusters, machte jedenfalls gegenüber FOCUS klar, dass sein Mandant nicht der alleinige Schuldige in der Korruptionsaffäre sei. Es handele sich um "ein Verfahren molto delicato", so der Jurist sibyllinisch, das "mit dem Bauernopfer Schuster sicher nicht erledigt sein wird".

VW-Affäre - Der Mann, der alles zahlte


Der entlassene Manager Klaus-Joachim Gebauer behauptet, er habe Betriebsräte im Auftrag des Vorstands eingekauft

Als Klaus-Joachim Gebauer am 15. Juni mit dem VW-Firmenjet in Braunschweig landete, wusste er noch nicht, dass dies sein letzter Arbeitstag sein würde. Ein Mitarbeiter der Personalabteilung holte ihn vom Flugplatz ab und brachte den Verdutzten in die Wolfsburger Zentrale. Dort warteten bereits drei Herren auf ihn, zwei aus der Abteilung "Personal Top-Management" und einer von der Revision.

Wie in einem Verhör habe er sich gefühlt, schilderte Gebauer später seinem Anwalt Wolfgang Kubicki das mehr als zweistündige Treffen. Die VW-Kontrolleure hätten ihn massiv unter Druck gesetzt. Was wisse er von Schmiergeldzahlungen an Skoda-Vorstand Helmuth Schuster, den Volkswagen erst kurz vor dem Gespräch mit Gebauer entlassen hatte? Welche verdeckten Geschäfte habe er mit Schuster betrieben? Wenn er nicht alles gestehe, so die angebliche Drohung, könnte ihm der Konzern nicht mehr helfen. Dann müsse er mit einer Haftstrafe und Regressforderungen seitens VW rechnen.

Gebauer gab sich wortkarg. Die Personalmanager legten ihm einen Aufhebungsvertrag vor, wonach er zum 30. Juni aus dem Unternehmen ausscheiden sollte. Doch der Leiter der Abteilung Personalprojekte, seit 32 Jahren bei VW beschäftigt, unterschrieb nur eine Absichtserklärung. Dann fuhr er nach Hause. Sein Büro durfte er nicht mehr betreten. VW-interne Ermittler hatten seine Unterlagen beschlagnahmt. Am Ende dieses Tages will Gebauer auch über Selbstmord nachgedacht haben.

Der grauhaarige Brillenträger ist eine der Schlüsselfiguren in der VW-Affäre, die seit Wochen die Republik in eine Mischung aus Staunen, Fassungslosigkeit und Wut versetzt. Schmiergeldvorwürfe, Luxusreisen für Betriebsräte sowie Prostituierte und Geliebte, deren Dienste die Firma generös bezahlt haben soll: Das schier Unvorstellbare hatte bei Europas größtem Autobauer womöglich seit Jahren System. Während Bandarbeiter um ihre Jobs bangten, finanzierte der Konzern offenbar private Vergnügungen einer Clique hochrangiger Manager und Betriebsräte. VW-Personalvorstand Peter Hartz und Betriebsratschef Klaus Volkert traten bereits zurück. Gegen die geschassten Schuster und Gebauer ermittelt die Staatsanwaltschaft Braunschweig.

Nach dem Rauswurf verfasste Gebauer seine Darstellung der Affäre. Die umfangreiche schriftliche Erklärung ist eine Geschichte von Sex, Gier und Macht. Es geht darin um käufliche Liebe, bestochene Gewerkschafter und geheime Millionengeschäfte. Seine Aufgabe sei es gewesen, berichtet Gebauer in dem Dossier, für ein gutes Klima beim Betriebsrat zu sorgen. Die Arbeitnehmervertretung ist eine Macht in Wolfsburg. Ohne ihre Zustimmung kann der Vorstand kaum eine wichtige Entscheidung treffen. Besonders auf Betriebsratschef Volkert, der auch im Aufsichtsrat saß, war das Management angewiesen. Um das Wohlbefinden des einflussreichen IG Metallers kümmerte sich in den vergangenen Jahren Gebauer.

Nachdem der verheiratete Volkert die Brasilianerin Adriana B. kennen gelernt hatte, soll Hartz, so behauptet Gebauer, auf Wunsch von Volkert der Dame einen lukrativen Werbevertrag verschafft haben. Für die Abwicklung war Gebauer zuständig. Alle drei Monate überwies VW der Volkert-Freundin 23008 Euro auf ein Konto der Sparkasse Gifhorn. Gebauer will das Geld abgehoben und Volkert in bar ausgehändigt haben. Offiziell beschäftigte Volkswagen B. angeblich als Journalistin für Werbefilme. Die frühere Animateurin beteuerte, sie habe für das Geld auch gearbeitet. Für die Dienste der Brasilianerin zahlte VW neben dem vereinbarten Honorar offenbar noch einiges mehr. Pro Monat soll sie laut Gebauers Aufzeichnungen den Autokonzern durchschnittlich weitere 6000 bis 10000 Euro gekostet haben - etwa für First-Class-Flüge von São Paulo nach Deutschland und Hotelaufenthalte. So flog Adriana B. Anfang Juni 2003, laut Gebauers Notizen, nach Deutschland ein, um anschließend einen einwöchigen Englischkurs in London zu besuchen. Zur gleichen Zeit habe sich auch Volkert in der britischen Metropole aufgehalten.

Weiter ging’s dann angeblich mit dem Flieger nach Antalya: Vom 30. Juni bis 14. Juli soll B. mit einer Freundin einen Urlaub im Hotel "Topkapi Palace" in Aksu an der türkischen Riviera verbracht haben. Auch die Freundin durfte wohl auf VW-Kosten mitfliegen. Für Urlaub und Sprachkurs will Gebauer zusammen 4426 Euro, für die Flüge 6269,98 Euro berappt haben. Wie üblich habe er mit einer seiner vier privaten Kreditkarten gezahlt und sich die Summe von VW erstatten lassen.

Auch etliche andere Betriebsräte hätten, so ist den Aufzeichnungen Gebauers zu entnehmen, vom großzügigen Animateurprogramm des VW-Konzerns profitiert. Bis zu zehnmal im Jahr sei Gebauer zum Beispiel mit Gewerkschaftern nach Barcelona gejettet. Dort hätte die Truppe vorwiegend im 5-Sterne-Hotel "Arts" genächtigt und in exklusiven Nachtclubs gefeiert. Die Rechnungen beglich angeblich Gebauer. Zur Aufbesserung der Reisekasse soll den Betriebsräten gelegentlich auch Bargeld zugesteckt worden sein, meist Beträge zwischen 1000 und 1500 Euro. Der Zielort Barcelona galt als unauffällig, weil sich dort die Zentrale der VW-Tochter Seat befindet. Deshalb seien die Lustreisen häufig mit offiziellen Firmenterminen verbunden worden.

Die Ehefrauen der Betriebsräte hat der Autobauer offenbar ebenfalls bedacht. Zehn Jahre lang organisierte Gebauer die jährlichen Kurztrips für die Mitglieder des Gesamtbetriebsratsausschusses. Die Gewerkschaftergattinnen durften nicht nur mifliegen und in Nobelhotels logieren, sondern oft auch kostenlos shoppen gehen, behauptet Gebauer. Ein Auszug der Reiseziele der vergangenen Jahre: Island, Irland, Schottland, London und Paris. Bei den Ausflügen sei Peter Hartz meist mitgereist. "Es trifft zu, dass auch Ehefrauen von Betriebsräten an einigen dieser Reisen teilgenommen haben", bestätigt ein VW-Sprecher gegenüber FOCUS. Auch ist laut Volkswagen bei diversen Reisen des Gesamtbetriebsratsausschusses Hartz mit dabei gewesen. Weitere Auskünfte verweigert der Konzern unter Hinweis auf die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft.

Der Erfinder der Arbeitsmarktreformen sei es auch gewesen, schreibt Gebauer in seiner Erklärung, der die Belustigungen und Begünstigungen für den Betriebsrat angeordnet und ihn, Gebauer, damit beauftragt habe. Anweisungen bekam er angeblich auch von Volkert sowie vom mittlerweile gefeuerten Skoda-Vorstand Schuster, der bis zum Jahr 2002 Gebauers Vorgesetzter in der Wolfsburger Personalabteilung war. Bis zu seinem Rausschmiss habe es keinerlei Beanstandungen an seiner Arbeit gegeben, beteuert Gebauer und merkt ein wenig larmoyant an: Er habe nur seinen Job gemacht und sich deshalb auch nichts vorzuwerfen.

Das sehen die Braunschweiger Staatsanwälte anders. Denn neben der Bespaßung von Betriebsräten soll Gebauer gemeinsam mit Schuster und weiteren Komplizen ein weltweites Netz von Tarnfirmen aufgebaut haben, um verdeckte Geschäfte mit dem eigenen Konzern zu betreiben. In Prag wollten sie über die Firma F-Bel, an der auch Volkert beteiligt war, einen 60 Millionen Euro teuren Autopalast für Skoda errichten. Doch die Chefetage der tschechischen VW-Tochter blies das Projekt Anfang des Jahres ab. Weitaus ärgerlicher waren für Schuster und Gebauer die geplatzten Geschäfte in Indien und Angola. Die beiden hielten Anteile an Firmen, die lukrative Verträge mit dem VW-Konzern abgeschlossen hatten. In Indien wollten die Manager über einen Generalimporteursvertrag mit dem exklusiven Zwischenhandel von VW-Fahrzeugen Millionen scheffeln.

In Angola sollte die Firma Ancar, an der Schuster und Gebauer verdeckt beteiligt waren, für Volkswagen eine Endmontage und ein Händlernetz aufbauen. Die Verträge waren bereits unterschrieben, am 21. Juni sollte der Konzernvorstand in Wolfsburg die Projekte absegnen. Nur wenige Tage zuvor feuerte VW Schuster und Gebauer und kündigte auch die Verträge. In welcher Dimension sich die eingefädelten Geschäfte bewegten, zeigt das Beispiel Angola. Angeblich sollte der Gewinn durch einen Trick maximiert werden: Um die hohen Importzölle für Autos in dem afrikanischen Staat zu vermeiden, wollte die Firma Ancar die Fahrzeuge vor der Einfuhr in Einzelteile zerlegen und später in einem Werk in der Hauptstadt Luanda wieder zusammenbauen lassen. Für das Jahr 2007 war die Montage von 20000 Wagen geplant. 2500 Arbeitsplätze versprach Ancar und beteiligte Mitglieder der Familie des Staatspräsidenten an dem erhofften Millionen-Deal.

Ursprünglich sollten schon im vergangenen Jahr die ersten Autos in Angola vom Band laufen. Doch Finanzierungsprobleme und Streitereien bei Ancar verzögerten den Start. Ein von Ancar erstellter Business-Plan aus dem Jahr 2003, der FOCUS vorliegt, prognostizierte jedenfalls glänzende Geschäfte. Demnach erwartete das Unternehmen für dieses Jahr einen Umsatz von 396 Millionen US-Dollar und einen Gewinn von 38 Millionen US-Dollar. Im Jahr 2006 sollten sogar knapp 57 Millionen US-Dollar Profit rausspringen.

In Indien und Angola wollte angeblich auch Volkswagens oberster Kämpfer für die Arbeitnehmerrechte, Klaus Volkert, mitverdienen. In seinen Aufzeichnungen berichtet Gebauer, dass Volkert darauf bestanden habe, an den Geschäften beteiligt zu werden. Eine mündliche Verabredung zwischen Schuster, Gebauer und Volkert über die Gewinnaufteilung habe bereits existiert. Der einst mächtige Betriebsratsboss Volkert wollte sich auf FOCUS-Anfrage nicht äußern. Angesichts der Vorwürfe und Indizien gegen ihn klingt die Begründung für seinen Ehrendoktor geradezu seherisch. Die Technische Universität Braunschweig verlieh Volkert 2002 den Titel "in Anerkennung seiner herausragenden innovativen Leistung bei der Gestaltung moderner Unternehmensstrukturen".

VW-Affäre - Deal mit dem Duz-Freund


Die ausführliche Beichte des Ex-Betriebsratschefs Klaus Volkert bringt den früheren Personalchef Peter Hartz in Erklärungsnot

Rund 360000 Euro Jahresgehalt soll Klaus Volkert als VW-Betriebsratschef verdient haben. Doch das Salär scheint dem gelernten Schmied nicht gereicht zu haben. Im Vergleich zum Top-Management fühlte sich Volkert, 62, offenbar unterbezahlt. Denn in seiner Vernehmung beim Landeskriminalamt (LKA) in Hannover räumte er nach FOCUS-Informationen umfangreiche Begünstigungen, wie etwa Lustreisen auf VW-Kosten, ein und rechtfertigte zugleich die teure Sonderbehandlung.

Als oberster Arbeitnehmervertreter und Aufsichtsrat habe er, so berichtete Volkert, viel fürs Unternehmen geleistet und eine hohe Verantwortung getragen. Seine Entlohnung hätte dagegen deutlich unter den Vorstandsbezügen gelegen. Deshalb habe er mit dem inzwischen zurückgetretenen Personalchef Peter Hartz, 64, vor etlichen Jahren die Vereinbarung getroffen, wenigstens bei den Spesen mit den Top-Managern einigermaßen gleichgestellt zu sein.

Den Verdacht, Volkswagen habe auf diese Weise den mächtigen Betriebsratsboss gekauft, wies Volkert entschieden zurück: Auf sein Verhalten bei strittigen Unternehmensentscheidungen hätten die Begünstigungen nun wirklich keinen Einfluss gehabt. Sechs Stunden lang verhörten Staatsanwälte und Ermittler am vorvergangenen Donnerstag den langjährigen Betriebsratsvorsitzenden, der Ende Juni angesichts der Affäre seinen Rücktritt erklärt hatte und gegen den Ermittlungen wegen des Verdachts auf Untreue laufen. Geständig zeigte sich Volkert vor allem in Sachen Spaßreisen.

Mit dem Hartz-Mitarbeiter und inzwischen entlassenen Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer habe er mehrfach gemeinsame Trips auf Konzernkosten unternommen. So sei eine einwöchige und rund 165000 Euro teure Indien-Reise im Januar 2004 hauptsächlich privater Natur gewesen, auch wenn am Rande über geschäftliche Dinge gesprochen worden sei. Mit dabei sei neben weiteren Personen Adriana B. gewesen. In der Vernehmung räumte Volkert ein, dass die Brasilianerin seine Geliebte gewesen sei.

So läuft’s Business. Während derzeit Tausende VW-Arbeiter um ihre Jobs zittern müssen, bekam Volkert-Freundin B. einst auf Zuruf eine generös dotierte Beschäftigung bei Europas größtem Autobauer. In einem Ferienclub in Brasilien, erzählte Volkert den Staatsanwälten, habe er das PR- und Marketingtalent Adriana B. entdeckt. Man sei sich auch privat näher gekommen.

Von den Vorzügen der Dame habe er seinem Duz-Freund Hartz berichtet - und prompt gab’s Geld von VW: 23008 Euro pro Quartal überwies der Konzern Adriana B. auf ein eigens eingerichtetes Konto bei der Sparkasse Gifhorn. Einen Arbeitsvertrag benötigte die Volkswagen-Verstärkung aus Südamerika offenbar nicht. Laut Volkert reichte eine mündliche Vereinbarung zwischen ihm und Hartz. Auch Berichte über ihre Tätigkeiten für den Autobauer musste B. demnach nicht vorlegen. Volkert gab an, sie hätte etwa für ein VW-Kinderprojekt in Brasilien gearbeitet. Daneben begleitete die vermeintliche Marketingexpertin den Betriebsratschef auf zahlreichen Reisen. Die Rechnungen beglich stets Gebauer und ließ sich die Beträge von VW erstatten.

In dem Korruptionsverfahren der Staatsanwaltschaft gerät inzwischen auch Volkert-Freund Hartz in die Bredouille. Gebauers Reisekostenabrechnungen wurden laut Ermittlungen über das persönliche Spesenkonto "1860 diverses" von Hartz abgewickelt. Bei der Überprüfung der Belege - darunter angeblich auch diverse Rechnungen für Prostituierte - soll die Konzernbuchhaltung in mehreren Fällen Bedenken angemeldet haben. Die VW-Kontrolleure, das ergaben die Nachforschungen der Staatsanwälte, legten Hartz die strittigen Abrechnungen vor, und er persönlich soll sie dann abgezeichnet haben. Über eine mögliche Verstrickung in die Affäre will die Justiz den Erfinder der Arbeitsmarktreformen voraussichtlich in der nächsten Woche befragen. Noch ist unklar, ob Hartz als Zeuge oder Beschuldigter vernommen wird.

VW-Affäre - Einfach bestechend


Wollte Ex-Skoda-Vorstand Helmuth Schuster mit 100000 Euro den Betriebsratschef einkaufen?

Beruhigende Nachrichten konnten die Wirtschaftsprüfer von KMPG am vergangenen Freitag dem VW-Aufsichtsrat vermelden. In der Affäre um geheime Geschäfte und Lustreisen für Betriebsräte seien fast alle Unterlagen ausgewertet und weitere Verdächtige derzeit nicht in Sicht. Der finanzielle Schaden belaufe sich nur auf ein paar Millionen Euro.

Von wegen Entwarnung. Die Affäre rollt und rollt. Nach Sichtung der Bankunterlagen von Ex-Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer sind die Staatsanwälte überzeugt: Angesichts der hohen Ausgaben für Flüge, Hotels und Bordellbesuche muss der Wolfsburger Chefanimateur neben dem zurückgetretenen Arbeiterführer Klaus Volkert noch weitere Betriebsräte begünstigt haben. Daneben bringt ein neuer Korruptionsverdacht die zweite Schlüsselfigur, Ex-Skoda-Vorstand Helmuth Schuster, in arge Not. Es geht um eine Zahlung von 100000 Euro an den Skoda-Betriebsrat in Prag. Die Summe überwies die Commerzbank am 8. Dezember 2004 auf ein Gewerkschaftskonto der tschechischen VW-Tochter. Das Geld komme von Schuster, bestätigte Skoda-Betriebsratschef Jaroslav Povsik.

Einen Bestechungsfall vermuten die Ermittler. Ihr Verdacht: Schuster soll sich das Wohlwollen der Arbeitnehmervertreter erkauft haben, womöglich auch im Hinblick auf seinen Job. Nur wenige Wochen später durfte er sich über seine Vertragsverlängerung freuen, obwohl ein deutscher Personalchef bei den tschechischen Skoda-Arbeitern nicht gerade als Wunschbesetzung gilt.

Bei der Suche nach der Herkunft des Geldes stießen die Fahnder offenbar auf eine Tarnfirma Schusters in Indien. Vom Bundesstaat Andhra Pradesh soll sich der frühere Top-Manager für den angeblichen Bau einer VW-Fabrik rund zwei Millionen Euro ergaunert haben. Auf FOCUS-Anfrage lehnte Schuster eine Stellungnahme ab - insbesondere auch zu der Frage, woher das Geld stammte. Die 100000 Euro liegen immer noch auf dem Gewerkschaftskonto. Erst als die Affäre publik wurde, soll Betriebsrat Povsik die Zahlung gemeldet haben. Von Korruption will er nichts wissen. Schuster habe das Geld für den Bau eines kulturellen Gewerkschaftszentrums gespendet.

Mehr Klarheit haben die Ermittler inzwischen bei den Geldflüssen von Gebauer. Knapp 55000 Euro gab Gebauer für seine Rotlicht-Sausen mit Betriebsräten aus. Allein im Prager Edel-Etablissement "K5" verprasste die fidele VW-Truppe bei 25 Besuchen 43049,99 Euro. Das Geld erstattete der Konzern Gebauer genauso wie die Ausgaben für Schmuck. Beim Juwelier Stern in Brasilien etwa ließ er knapp 20000 Euro. Alle Schmuckstücke will er für Betriebsratschef Volkert gekauft haben, der damit seine brasilianische Geliebte Adriana B. und die Ehefrau in Wolfsburg beschenkt haben soll. Die Shopping-Touren und Spaßreisen muss Volkert wohl büßen. VW prüft alle Spesen und geht von einer sechsstelligen Summe aus. Ein Konzernsprecher: "Natürlich lassen wir uns den Schaden erstatten."

VW-Affäre - Das Vorzimmer packt aus


Zwei Sekretärinnen belasten Ex-Personalvorstand Peter Hartz und bringen ihn mit einem Liebesnest auf Konzernkosten in Verbindung

Peter Hartz gab sich ahnungslos. Von Begünstigungen für Betriebsräte habe er nichts gewusst, versicherte der langjährige VW-Personalvorstand in seiner Vernehmung bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig Ende September. Auch von Lustreisen und Sexpartys, die über sein persönliches Spesenkonto abgerechnet worden sein sollen, habe er keine Kenntnis gehabt. Seinen Rücktritt im Juli begründete Hartz lediglich damit, dass er die Verantwortung für das Fehlverhalten einzelner Mitarbeiter übernehmen wolle. Kurzum: Mit der VW-Affäre habe er eigentlich gar nichts zu tun.

Nur wenige Tage später ergab sich für die Staatsanwälte ein anderes Bild. Die Ermittler befragten zwei VW-Sekretärinnen, die überaus Brisantes zu berichten wussten. Die Damen, die für den inzwischen entlassenen Hartz-Mitarbeiter Klaus-Joachim Gebauer tätig waren und immer noch beim Autobauer beschäftigt sind, belasteten den prominenten Erfinder der Arbeitsmarktreformen schwer. Demnach hat Hartz vom Verwöhnprogramm für die Betriebsräte durchaus gewusst. Mit ihren Aussagen bestätigten die beiden Frauen auch die Darstellung von Gebauer, der im Auftrag von Hartz etliche Betriebsräte mit Spaßreisen, Geschenken und Bordellbesuchen auf VW-Kosten bedacht haben will.

Die neuen Zeuginnen gelten bei den Fahndern als glaubwürdig. Schon kurz nach ihren Vernehmungen leitete die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Untreueverdachts gegen Hartz ein und ließ sein ehemaliges Büro bei Volkswagen in Wolfsburg durchsuchen. Die Sekretärinnen werden, so die Einschätzung der Ermittler, in dem Verfahren eine "große Rolle" spielen.

Detailliert hatten sie zuvor erzählt, wie das geheime Abrechnungssystem bei Volkswagen funktionierte. Nach ihrer Darstellung bezahlte Gebauer alle Rechnungen zunächst mit Kreditkarte. Für pikante Spesen, wie etwa Ausgaben im Rotlichtmilieu, wurden Ersatzbelege ausgestellt, die lediglich den Verwendungszweck "Im Interesse des Gesamtbetriebsratsausschusses" enthielten.

Gebauers Ausgaben, die sich pro Jahr auf mehrere Hunderttausend Euro beliefen, reichten die Damen an die Personalabteilung "Topmanagement" weiter. Dort seien dann sämtliche Summen über das Spesenkonto "1860 diverses" von Hartz abgerechnet worden. Die Kosten erstattete die VW-Buchhaltung schließlich auf Gebauers Privatkonto bei der Sparkasse Gifhorn. Beanstandungen hätte es bei den Finanzströmen nie gegeben.

Ins Staunen gerieten die Staatsanwälte, als die Sekretärinnen Details von einem Liebesnest auf Konzernkosten ausplauderten. Gemeinsam mit Gebauer hätten sie in Braunschweig nach einer unauffälligen Wohnung gesucht und seien in der Kurt-Schumacher-Straße 18 fündig geworden. Das Apartment sei aufwändig renoviert und mit neuen Möbeln ausgestattet worden. Dort hätten sich dann angeblich Hartz und auch der ehemalige Betriebsratschef Klaus Volkert mit Prostituierten getroffen. Beide hätten zudem jeweils über einen Schlüssel für die Wohnung verfügt. Hartz hatte Besuche in dem Apartment stets bestritten. Volkert äußerte sich dazu nicht.

An intime Details erinnerten sich hingegen die Sekretärinnen in ihrer Vernehmung. Kurz vor den Sextreffen hätte etwa eine der beiden Volkswagen-Mitarbeiterinnen häufig noch eine Flasche Champagner in der Wohnung kalt stellen müssen. Die Kosten für das Lustdomizil seien wie üblich abgerechnet und von VW anstandslos übernommen worden.

VW-Affäre - 15 Jahre Sexspaß?


Die Schlüsselfigur des Skandals belastet in einem geheimen Vernehmungsprotokoll den Ex-Betriebsratschef Klaus Volkert

Es ist gerade mal ein paar Wochen her, da genoss Klaus-Joachim Gebauer ein denkbar mieses Image bei der Staatsanwaltschaft. Die Braunschweiger Ermittler hielten den entlassenen Personalmanager für einen unglaubwürdigen Plauderer, der abenteuerliche Geschichten erzählte über Urlaubsreisen und Bordellbesuche mit Betriebsräten auf VW-Kosten. Damit wollte Gebauer, so mutmaßten die Staatsanwälte, vor allem von seiner eigenen Verstrickung in die Affäre ablenken.

Der Spaßbeauftragte der Arbeitnehmervertreter hat mittlerweile einen neuen Status bei der Justiz erlangt. Nun gilt der 61-Jährige als durchaus glaubwürdig. Denn seine Aussagen über das Treiben bei Europas größtem Autobauer wurden inzwischen von zwei VW-Sekretärinnen weitgehend bestätigt (FOCUS 42/05). Die Justiz leitete daraufhin etliche Verfahren ein: etwa gegen Ex-Personalchef Peter Hartz sowie die SPD-Politiker Hans-Jürgen Uhl und Günter Lenz.

Insgesamt neun Beschuldigte, inklusive Gebauer, haben die Staatsanwälte aufgelistet. "Die Ermittlungen gehen jetzt erst richtig los", verrät ein Fahnder. Die Nachforschungen gewannen vor allem durch Gebauers erste Vernehmung an Fahrt. Fünf Stunden lang packte er Anfang Oktober aus. Das Vernehmungsprotokoll liest sich wie ein Wirtschaftskrimi mit hohem Sexfaktor. Die Hauptrollen darin spielen nach Gebauers Angaben Ex-Personalvorstand Hartz und der zurückgetretene Betriebsratschef Klaus Volkert. Einmal im Jahr hätten die beiden Duzfreunde festgelegt, wohin die nächsten Lustreisen gehen würden, und Gebauer mit der Organisation beauftragt. Besonders beliebt sei etwa der Zielort Lissabon mit dem Nachtclub "Elephanto Branco" gewesen. "Die Beschaffungsmöglichkeiten für Frauen waren optimal", berichtete Gebauer laut Protokoll.

Irgendwann müssen die weiten Reisen den Herren zu anstrengend geworden sein. Hartz und Volkert hätten Ende 2002 die Idee gehabt, erinnerte sich Gebauer, ein diskretes Liebesnest in Werksnähe einzurichten. Er habe daraufhin eine Wohnung in Braunschweig auf Konzernkosten angemietet. Mit Hilfe eines Zuhälters, eines SPD-Politikers und eines VW-Betriebsrats will Gebauer laut Protokoll das zweite Problem gelöst haben: "Beschaffung und Transport" der Prostituierten. Im Restaurant "Clichy" in Hannover will er sich mit einem Bordellbetreiber getroffen haben. Den Kontakt hätte der Hannoveraner Betriebsratschef und SPD-Landtagsabgeordnete Günter Lenz hergestellt, der "enge Beziehungen ins Rotlichtmilieu" habe. Lenz soll bei dem Treffen dabei gewesen sein. Mit am Tisch sei auch der VW-Betriebsrat Bernd R. (Szenename: "Schorse") gesessen, gegen den inzwischen ebenfalls Ermittlungen laufen.

Bei dem Abendessen soll die Runde laut Gebauer den Huren-Deal verabredet haben: Der Zuhälter solle "die Mädchen liefern", die R. in die Braunschweiger Wohnung chauffiere. Mehrmals seien auf diese Weise Sextreffen von Hartz und Volkert mit Prostituierten arrangiert worden. "Schorse" R. hätte immer im Auto vor dem Haus gewartet und dann von Gebauer den Liebeslohn über 500 Euro pro Stunde in Empfang genommen. Nach Gebauers Vernehmung befragten die Ermittler die Prostituierten "Nina" und "Vivien" zu der pikanten Story. Über ihre Antworten schweigt sich Justizsprecher Klaus Ziehe aus. Lenz-Anwalt Bertram Börner erklärte: "Wir äußern uns gegenüber der Staatsanwaltschaft, und zwar dann, wenn wir die Akten gesehen haben." R.s Anwalt Fritz Willig teilte mit: "Leute, die nur als Fahrer gedient haben, jetzt in die Affäre hineinzuziehen, wird mit Sicherheit eine Bumerangwirkung für die Initiatoren des Spektakels haben."

15 Jahre lang will Gebauer, so gab er zu Protokoll, die VW-Truppe mit "Prostituierten versorgt" haben. Die Kosten habe er stets über das Spesenkonto von Hartz abgerechnet. Der Personalchef wollte so angeblich die Betriebsräte verdeckt entlohnen, weil die IG Metall höhere Gehälter für die Gewerkschaftsmitglieder nie akzeptiert hätte. Welche Betriebsräte sich amüsieren durften, darüber soll allein Volkert entschieden haben. In der Vernehmung sagte Gebauer: "Die Devise von Volkert war, man bezieht so viele Personen wie möglich ein." Damit wollte Volkert seine Kollegen angeblich erpressbar machen und sich selbst absichern, wenn die Begünstigungen auffliegen würden. Dann wäre der Arbeiterführer, der sich auch seine brasilianische Geliebte Adriana Barros von VW sponsern ließ, nicht der einzige Profiteur gewesen.

In das Verwöhnprogramm wollte Volkert offenbar auch seinen früheren Stellvertreter Bernd Osterloh involvieren, der inzwischen zum VW-Betriebsratsvorsitzenden aufgestiegen ist. "Volkert hat versucht, Osterloh mit reinzuziehen in diese Mädchengeschichten", heißt es im Vernehmungsprotokoll. Als Beispiel nannte Gebauer den geplanten Besuch in einem Hannoveraner "Saunaclub". Gebauer: "Osterloh muss es möglicherweise geahnt haben und ist nicht gekommen."

Die zweite Sexfalle soll Volkert, der auf FOCUS-Anfrage schwieg, seinem Vize auf einer Mexiko-Reise des Betriebsrats (laut Gebauer) im Frühjahr gestellt haben. Bei einem geplanten Abstecher nach Acapulco sollte Gebauer angeblich Prostituierte für Volkert und Osterloh organisieren. Doch der Strandurlaub in Acapulco mit Damenprogramm fiel kurzfristig aus. Osterloh habe darauf gedrängt, den Trip zu verkürzen. Derart opulente Reisen, so begründete Osterloh laut Gebauer seine Bedenken, würden nicht mehr in eine Zeit passen, in der VW-Arbeiter Nullrunden schlucken müssten. Der nächste Rücktritt in der Affäre steht derweil kurz bevor. Audi-Betriebsratsboss Xaver Meier, gegen den die Justiz ebenfalls ermittelt, will nach FOCUS-Informationen diese Woche abdanken. Freiwillig, wie es heißt, um Schaden von Audi abzuwenden.

VW-Affäre - Die indische Falle


Wie Volkswagen den ehemaligen Skoda-Vorstand Helmuth Schuster in einem Schmiergeldfall überführte

Ein aufgeregter Anrufer alarmierte Anfang Juni Europas größten Autobauer. Der Vorstand eines Logistikunternehmens aus Westfalen berichtete von einem Schmiergeldfall. Ein Top-Manager von VW hätte angeblich mehrere Millionen Euro dafür verlangt, dass der Zulieferer beim geplanten Bau einer VW-Fabrik in Indien den Logistikauftrag erhalten würde. Die Wolfsburger waren wie elektrisiert, als der Tippgeber den Namen des Verdächtigen verriet: Helmuth Schuster.

Den Skoda-Personalvorstand und Indien-Beauftragten des Konzerns hatte die Revision schon länger beobachtet. Es ging um Hinweise auf krumme Geschäfte. Doch die Beweise gegen Schuster reichten nicht aus. Zudem stand er unter dem Schutz seines Förderers, Gesamtpersonalchef Peter Hartz. Die Volkswagen-Falle. Um Schuster endgültig zu überführen, schlug VW der Logistikfirma einen ungewöhnlichen Plan vor. Zum Schein sollte sie auf die Schmiergeldforderungen eingehen. Der Vorstand des Zulieferers willigte ein. Kurz darauf tappte Schuster in die Falle - und musste gehen.

Mit dem Krimi um Schuster begann im Juni die VW-Affäre, die sich auf geheime Geschäfte von Managern und Lustreisen für Betriebsräte ausweitete. Schuster-Intimus Peter Hartz musste abtreten, ebenso Betriebsratschef Klaus Volkert. Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft Braunschweig gegen zehn Beschuldigte. Der Vorfall in Indien, der alles auslöste, blieb bislang geheim. Durch die Scheinverhandlungen des Zulieferers gelangte VW an ein brisantes Schriftstück: eine Vereinbarung zwischen Volkswagen, dem indischen VW-Partner Vashishta Wahan und der Logistikfirma. Laut dem Papier vertrat dabei Schuster die VW-Interessen.

Gemäß der schriftlichen Vereinbarung war folgender Deal geplant: Die Logistikfirma sollte für das indische VW-Werk sieben Jahre lang Autoteile aus aller Welt heranschaffen und dafür 50 bis 70 Millionen Euro pro Jahr kassieren. Die Exklusivität hatte, so steht es in dem Papier, ihren Preis: Zehn Millionen Euro sollte das Unternehmen aus NRW auf Geheimkonten zahlen, die Vashishta Wahan den Deutschen mitteilen würde. Bei Vashishta Wahan handelte es sich um eine Briefkastenklitsche aus Neu-Delhi. Deren Chef Jagadeesh Raja wiederum war ein enger Vertrauter von Schuster.

Zügig forderten die Inder laut Schriftstück das vermeintliche Schmiergeld ein. Die erste Zahlung von 1,2 Millionen Euro sollte demnach bis zum 7. Juni erfolgen, weitere 800000 Euro am30. Juni. Die Restsumme von acht Millionen Euro sollte über die Vertragslaufzeit verteilt überwiesen werden. Wer dabei alles abkassieren sollte, geht aus der Vereinbarung nicht hervor. Kurz bevor das erste Geld fließen sollte, blies VW die Geheimaktion ab und konfrontierte Schuster mit den gesammelten Beweisen. Daraufhin verließ dieser den Konzern. Volkswagen stoppte umgehend das Indien-Projekt und kündigte den Vertrag mit Kooperationspartner Vashishta Wahan. Über seinen Anwalt ließ Schuster FOCUS mitteilen, dass er weder von der Firma "Geld gefordert noch irgendwelche Zusagen gemacht oder gar Vereinbarungen getroffen" habe. Gegenteilige Darstellungen, so beteuert Schuster, seien unwahr.

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