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Taliban-Sieg in Afghanistan "Ein derart komplettes Fiasko ist selbst im historischen Vergleich schockierend"

Schwer bewaffnete Taliban-Kämpfer in Mehtarlam, der Hauptstadt der Provinz Laghman
"Ein Sieg für den weltweiten Dschihad": Schwer bewaffnete Taliban-Kämpfer in Mehtarlam, der Hauptstadt der Provinz Laghman
© DPA
"Naivität, Inkonsequenz und Fehleinschätzungen": Nachdem Afghanistan endgültig wieder in Taliban-Hand ist, analysieren die Kommentator:innen in den Medien die Gründe und gehen dabei mit den USA und ihren Alliierten hart ins Gericht.

Die militant-islamistischen Taliban haben nach dem Truppenabzug der USA und ihrer Alliierten im Eiltempo Afghanistan überrannt und nach 20 Jahren die Kontrolle über das Land wiedererlangt. Viele Menschen haben Angst, von den Taliban getötet zu werden. Deutschland und andere westliche Staaten haben Rettungseinsätze zum Schutz deutscher Staatsbürger und örtlicher Hilfskräfte, die mit dem Westen zusammengearbeitet haben, begonnen.

So kommentiert die deutsche und internationale Presse die Rückeroberung Afghanistans durch die Taliban  

"Weser-Kurier" (Bremen): "Das Desaster von Afghanistan muss dem Westen eine Lehre sein: Man kann ein terroristisches Regime zwar mit militärischen Mitteln von der Macht vertreiben, man kann aber keiner Gesellschaft gegen ihren Willen und ihre Traditionen fremde westliche Werte aufzwingen. Es mag durchaus sein, dass die Taliban sich gewandelt haben. Ein demokratisches und an humanistischen Werten orientiertes Regime aber wird künftig in Kabul nicht zu erwarten sein, sondern ein islamisches Emirat."

"Märkische Oderzeitung" (Frankfurt/Oder): "Es ist eine Katastrophe für die Menschen in Afghanistan. Viele, die die mühsam erkämpften Freiheiten in den vergangenen 20 Jahren für sich genutzt haben, werden dies mit dem Leben bezahlen müssen. Und es ist eine Kapitulation der afghanischen Armee und des Westens insgesamt. Natürlich geht es jetzt zunächst darum, so viele Menschen wie möglich wohlbehalten aus dem Land zu holen. Danach aber muss die Frage beantwortet werden, wie es passieren konnte, dass die mühsame und teure Aufbauarbeit, die auch Deutschland geleistet hat und bei der auch deutsche Soldaten den Tod fanden, binnen Tagen zu afghanischem Staub zerfiel."

"Hannoversche Allgemeine Zeitung": "An Afghanistan sind schon viele Großmächte verzweifelt. Ein derart komplettes Fiasko, wie es die USA und ihre Verbündeten, darunter die Bundesrepublik, am Hindukusch erlebt haben, ist aber selbst im historischen Vergleich schockierend. Das Tempo der Taliban-Offensive sei nicht abzusehen gewesen, sagt jetzt der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums – und macht den Afghanen schwere Vorwürfe. Sie hätten nicht kämpfen wollen, kritisieren die Verbündeten im Pentagon. Es ist ein Offenbarungseid."

"Es ist unfassbar, was in Afghanistan passiert"

"Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Noch in der Stunde des Scheiterns können sich europäische Politiker hinter Amerikas Rücken verstecken und mit dem Finger auf Joe Biden zeigen. Dabei sprach der amerikanische Präsident vorige Woche den Verbündeten aus dem Herzen, als er die Afghanen aufrief, endlich für sich selbst zu kämpfen. (...) Der Westen steckte in einem Dilemma: Je länger seine Truppen blieben, desto länger ruhte sich die afghanische Regierung darauf aus. Als sie abzogen, kollabierte das Aufbauwerk. (...) Der Westen hat sich in Afghanistan hoffnungslos überhoben. Dieses Eingeständnis ist überfällig, aber kein Freibrief zur Flucht aus der Verantwortung. Amerika und Europa müssen zur Kenntnis nehmen, dass schon die zuletzt überschaubare Truppenpräsenz genügte, um das Patt mit den Taliban zu perpetuieren. Eine Strategie war das nicht."

"Süddeutsche Zeitung" (München): "Biden hat zuletzt so getan, als entlasse er ein gefestigtes Land in die Selbständigkeit. Stattdessen musste nun der Staatspräsident fliehen. Bescheidene Erfolge des 'nation building' sind verschenkt. Es ist das unwürdige Ende eines Unterfangens, das einerseits enorme Kraft und Opfer erfordert hat, andererseits geprägt war von westlicher Naivität, Inkonsequenz und Fehleinschätzungen im Umgang mit einem der ältesten Krisenherde der Welt. Wenige Wochen vor dem 20. Jahrestag der Terrorangriffe von 9/11 ist dies eine bittere Niederlage – für Biden, die USA und nicht zuletzt für die Bundesrepublik."

"Augsburger Allgemeine": "Sehenden Auges hat die internationale Gemeinschaft Afghanistan den Islamisten überlassen – politisch ein Armutszeugnis, strategisch ein Offenbarungseid und menschlich für Millionen Afghanen eine Tragödie. Ihr Land wird jetzt erst recht in Chaos und Gewalt versinken."

Vor zwei Rollen Nato-Stacheldraht stehen viele dunkelhaarige Männer, dahinter stehen Flugzeuge und Soldaten, die sie bewachen

"Nordwest-Zeitung" (Oldenburg): "In Afghanistan ging es nie um Frauenbefreiung und Demokratieexport. Diese Verwirrung geopolitischer Wahrnehmung geht auf das Konto unserer Regierungen. Sie mussten den Einsatz ihres Militärs der Öffentlichkeit verkaufen und den Tod von Soldaten rechtfertigen. Das funktionierte natürlich besser mit humanistischen Schlagworten wie 'Demokratie, Brunnenbohren, Frauenemanzipation' als mit der schnöden Wahrheit, dass es von Anfang an nur darum gehen konnte, islamischen Terror zu bekämpfen und Terroristen zu liquidieren. Vielleicht haben in den Bundesregierungen der vergangenen 20 Jahre viele tatsächlich ehrlich an diese hehren Ziele geglaubt. Historiker werden später das Ausmaß solcher Selbsthypnose zu analysieren wissen. In der Öffentlichkeit allerdings weckten diese Propaganda und die immer längere Dauer des Krieges völlig falsche Erwartungen und nun umso größere Enttäuschungen."

"Nur eine Frage der Zeit, bis das Land wieder zu einer Terrorbasis wird"

"Stuttgarter Zeitung": "So wie viele andere Akteure auch hat die Bundesregierung zuletzt die Dynamik in Afghanistan völlig unterschätzt. Sie versäumte es, mehr Helfer auszufliegen. Verteidigungsministerium, Auswärtiges Amt und Innenressort schieben sich bereits gegenseitig die Verantwortung zu, die Kanzlerin ist abgetaucht. Unrühmlicher hätte das Kapitel Afghanistan kaum zu Ende gehen können."

"Stuttgarter Nachrichten": "Eilig hat die Bundesregierung Flugzeuge und Fallschirmjäger zurück an den Hindukusch beordert, um deutsche Staatsbürger aus Afghanistan zu retten. Warum das erst jetzt unter großen Risiken geschieht, sagt alles über die Qualität der deutschen Afghanistan-Politik: Seit Jahren warnen Wissenschaftler davor, dass die afghanische Regierung zusammenbrechen wird, wenn die internationalen Truppen abziehen. Sie kritisierten die mangelhafte Ausbildung afghanischer Polizisten und Soldaten. Warnten davor, dass viele längst auf der Soldliste der Taliban standen. Geglaubt hat ihnen niemand. Die Allahu Akbar-Rufe der Gotteskrieger begleiten das Totalversagen auch der Bundesregierung. Die macht sich jetzt hoffentlich schnell bewusst, dass der Gottesstaat Afghanistans zu einem neuen Hort des islamisch motivierten Terrorismus wird. Dessen siegesbeseelte Krieger bald auch dort wieder zuschlagen werden, wo jene herkommen, die jetzt in letzter Sekunde fliehen: im verhassten Westen."

"Kölner Stadt-Anzeiger": "20 Jahre lang wurde den Menschen am Hindukusch eine bessere Zukunft vorgelogen. Und das ist vielleicht das Schlimmste von allem. Wer es jetzt noch irgendwie aus Afghanistan heraus schafft, wird fliehen. Auf diesen Menschenstrom werden wir uns vorbereiten müssen. Wir haben Afghanistan im Stich gelassen. Das wird von 20 Jahren Krieg bleiben."

"Nürnberger Nachrichten": "Drängendste Frage, auch und gerade im Wahlkampf: Auf wie viele Flüchtlinge aus Afghanistan müssen wir uns einstellen? Denn dass da viele versuchen werden, das Land zu verlassen, ist klar. Es sind klassische politische Flüchtlinge, die oft aus Angst um ihr Leben fliehen werden. Gefragt wäre internationale Kooperation. 2014 wurden die Hilfen für Lager nahe der Grenze zu Syrien deutlich gekappt – und auch deshalb machten sich viele auf nach Europa und Deutschland; ein Auslöser der 'Flüchtlingskrise' von 2015."

"Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung": "Der Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch ist gescheitert, all die Opfer, der Blutzoll, den deutsche Soldaten gezahlt haben, die Milliarden, die in das Land geflossen sind: Letztlich war alles umsonst. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Land wieder zu einer Basis für den islamistischen Terror wird."

"Münchner Merkur": "Das geschundene Afghanistan erlebt die Rückkehr zur Schreckensherrschaft der Radikalislamisten. Das ist für den Westen ein Debakel historischen Ausmaßes, auch für die deutsche Politik. All die Schönredner in Parlament und vor allem Verteidigungsministerium, die vom 'erfüllten Auftrag' salbadern, müssen nun eingestehen: Es war alles umsonst, es ist alles verloren – die Menschenleben der deutschen Soldaten im Einsatz, die Tragödien der Verwundeten und Traumatisierten, die ins Land gepumpten und dort versickerten Milliarden. Wie Hohn klingt auch jedes Wort von den Ausbildungsmissionen im Land. Die ach so toll ausgebildeten Sicherheitskräfte warfen sich überall im Land vor den Taliban in den Staub und übergaben kampflos Stadt für Stadt."

"Die Afghanen selbst haben ihre Chance vertan"

"Heilbronner Stimme": "Erst ein Krieg, der nie zu gewinnen war. Dann der Irrglaube, Afghanistan sei in der Lage, den Kampf gegen die Terroristen alleine zu gewinnen. Fragt sich nur wie? Ein korrupter Staat ohne Rückhalt in der Bevölkerung. Soldaten und Polizisten, die den (zumeist unbezahlten) Dienst quittieren, weil ihnen statt Sicherheit nur der Tod droht. Das interessierte die Westmächte bei ihrer Flucht aus dem Chaos reichlich wenig. Genauso wenig, wie das Leid der Bevölkerung, die nun wieder von einem mittelalterlich agierenden Schreckensregime gefoltert, gequält, vergewaltigt und getötet wird. Danke für nichts. Jede unterdrückte Bevölkerungsgruppe wird es sich in Zukunft gut überlegen, sich auf solche "Schutz"-Mächte zu verlassen."

"Volksstimme" (Magdeburg): "Nicht die internationale Gemeinschaft, nicht die USA, nicht Deutschland tragen die Verantwortung für die Rückkehr der afghanischen Gesellschaft in die Steinzeit. Die Afghanen selbst haben ihre Chance vertan, sich weiterzuentwickeln. Billionen Dollar sind über 20 Jahre lang geflossen, Schulen und Infrastruktur wurden errichtet, viele Ausländer sind für die innere Sicherheit Afghanistans gestorben. Nichts davon haben die politischen Eliten oder traditionelle Führer aufgenommen, bewahrt und weitergeführt. Für das, was jetzt kommt, tragen sie allein die Verantwortung. Westlichen Politikern ist nur vorzuwerfen, dass sie wider besseres Wissen jahrelang das Spiel dieser korrupten Eliten mitgespielt haben. Sie haben noch Steuergeld verschwendet und Wähler belogen als es schon längst klar war, dass sich nichts Nachhaltiges in diesem Land entwickeln würde. Ihnen ist es nicht einmal gelungen, rechtzeitig eine Sicherheitszone für die Helfer aus dem Westen und aus Afghanistan einzurichten: Ein unwürdiger Abzug."

"Badische Zeitung" (Freiburg): "Die bittere Wahrheit aber ist, dass die korrupte und unpopuläre Regierung, die schwache Armee, dass alle neu geschaffenen Institutionen in dem Moment zu Staub zerfielen, als sie auf eigenen Füßen stehen mussten. Viel spricht dafür, dass dies nicht anders gewesen wäre, wären ausländische Truppen noch fünf oder zehn Jahre geblieben. Insofern war das Ende mit Schrecken wohl nur eine Frage der Zeit. Am Hindukusch endet die Ära einer von Hybris getragenen westlichen Interventionspolitik nun endgültig mit ihrer größten Niederlage. Dieses Scheitern der USA und ihrer Verbündeten wird Folgen haben, auch für das globale Machtgefüge. Für Afghanistan kann man nur hoffen, dass die Taliban tatsächlich so gemäßigt sind, wie ihre Führer sich zuletzt gaben, dass es keinen blutigen Rachefeldzug geben wird. Das freilich ist ungewiss. Siege berauschen – und Todeslisten, Angst und Schrecken zählten bislang zu den effektivsten Waffen der Radikalislamisten."

"Ein ungeheures Versagen der Bundesregierung"

"Schwäbische Zeitung" (Ravensburg): "Es ist unfassbar, was in Afghanistan passiert. Der Nato-Einsatz in dem Land ist offiziell noch nicht einmal beendet, und Taliban haben das Land bereits unter ihrer Kontrolle. Während sie auf die Machtübergabe warten, fürchten Tausende Menschen, die Deutschland schlicht im Stich gelassen hat, um ihr Leben. Dass es so weit kommen konnte, spricht für ein ungeheures Versagen der Bundesregierung. Seit Jahren wird darüber gestritten, welche Ortskräfte in Deutschland eine Zukunft haben sollen. Doch selbst als sich abzeichnete, in welch ungeheurem Tempo die Taliban das Land einnehmen, hat die Regierung gezaudert anstatt zu helfen. Weder in Berlin noch in Washington scheint vor dem Abzug richtig analysiert worden zu sein, was nach dem Abzug passieren wird. Das ist schlimm für die Menschen, die im Vertrauen auf Deutschland der Bundeswehr geholfen haben. Es ist aber auch ein Debakel für all jene, die sich in Afghanistan eine Existenz aufgebaut haben. Ihre Zukunft liegt nun außerhalb des Landes."

"Südkurier" (Konstanz): "Seit Monaten ist der Bundesregierung bekannt, dass zahlreiche örtliche Helfer der Bundeswehr in großer Gefahr sind, von den Taliban drangsaliert und massakriert zu werden. Und nun das: Die Islamisten stehen schon in den Vororten Kabuls – und die Bundesregierung kündigt für den folgenden Tag Hilfe aus der Luft an. Besser lässt sich das katastrophale Missmanagement der politisch Verantwortlichen in Berlin nicht vorführen. Nach Wochen des Wegschauens, der kleinlichen Visa-Diskussion, wird nun vollmundig Rettung versprochen. Aber Rettung für wen? Viele ehemalige Helfer sind – wenn sie denn noch leben – isoliert in den längst überrannten Provinzen des Landes; zehntausend Geflüchtete bangen in Kabul um ihr Leben und ihre Zukunft. Sie alle werden wohl allein gelassen von der westlichen Welt, auf deren Versprechen sie sich verlassen hatten. Für die deutsche Außenpolitik sind es die bittersten Tage."

"Nordbayerische Kurier" (Bayreuth): "Wie geht es also weiter am Hindukusch? Kehrt das Schreckensregime der 1990er-Jahre nach Afghanistan zurück? Zunächst sollte man sich mit den Fakten vertraut machen: Die Taliban kehren zurück an die Macht. Das ist mittlerweile unwiderruflich klar – und war es den USA wohl schon viel früher: Die Konditionen des Machtwechsels waren bereits ein Teil der Doha-Verhandlungen – darunter auch die Wahrung von Frauen- und Minderheitenrechten. Der Taliban-Führung sollte klar sein: Um nicht sofort wieder in die internationale Ächtung zu rutschen, muss die Übergangsregierung inklusiv und international anerkannt sein. Nichts wäre – auch für die Taliban – schlimmer als der Zusammenbruch der Infrastruktur und Institutionen. Genau dort sollte das Ausland ansetzen. Die Formel für die Zukunft muss lauten: Internationale Anerkennung gegen den Schutz von Menschen- und Minderheitenrechten."

Europäische Pressestimmen

"Der Standard" (Wien): "Es gibt keine Worte für die Tragödie, die die Afghanen und Afghaninnen betrifft, die auf eine Republik mit demokratischen Institutionen – mit allen Schwierigkeiten und Defekten – gesetzt haben. Die Auswirkungen werden allerdings über Afghanistan hinausgehen, und da auch wiederum nicht nur durch die vielen Menschen, die Afghanistan, gleich wie und wohin, verlassen wollen. Die meisten von ihnen werden trotz aller Ankündigungen aus dem Ausland in ihrem Elend bleiben, in Afghanistan oder in der Nachbarschaft. Wie die USA und die Nato sie unwissentlich – durch Fehleinschätzung – oder wissentlich in diese Lage gebracht haben, ist Wasser auf den Mühlen aller islamistischen Bewegungen. Schon der Abzug der Sowjets 1989 war eine Inspiration. Der Abzug 2021 ist es noch mehr, haben doch USA und Co. bei ihrem Einzug 2001 die Wörter Freiheit und Menschenrechte im Mund geführt."

"El Mundo" (Madrid): "Die Rückkehr der Taliban bedeutet für Afghanistan die Aufhebung des fragilen Systems der Freiheiten. Es wird eine Unterdrückung von Dissidenten und eine Verfolgung der Zivilbevölkerung, insbesondere der Frauen geben. Das monumentale Fiasko des Westens, in erster Linie des Weißen Hauses, auf afghanischem Boden ist eine sehr schlechte Nachricht für die internationale Gemeinschaft. Man muss nun eine Destabilisierung der Region befürchten, die außerordentlich gefährlich wäre. Die neue Entwicklung stärkt nicht nur die Position Pakistans auf dem geopolitischen Schachbrett. Sie verleiht außerdem dem dschihadistischen Terrorismus Flügel."

"Ein Sieg für den weltweiten Dschihad"

"Irish Times" (Dublin): "Internationale Befürchtungen, dass der Sieg der Taliban zu einer humanitären Katastrophe und einer Flüchtlingskatastrophe führt, von der die Nachbarn des Landes und auch Europa betroffen sein werden, haben sich noch nicht in einer neuen Bereitschaft der Regionalmächte Pakistan, Iran oder China niedergeschlagen, sich ernsthaft mit den Taliban einzulassen. Letztere haben durch ihre Unterhändler in Doha angedeutet, dass ein neues Regime die diplomatische Isolation vermeiden möchte, die sein Vorgänger vor 20 Jahren erlitt. Die Bereitschaft, keine wiederauflebende Al-Kaida zu beherbergen, und die Zusicherung, mit weniger Strenge zu regieren, könnten eine diplomatische Möglichkeit bieten."

"La Repubblica" (Rom): "Vier Jahre nach der Auflösung des Islamischen Staates durch Abu Bakr al-Bagdadi, ist die Rückeroberung eines großen Teils Afghanistans durch die Taliban, die nun in Kabul eingezogen sind, ein Sieg für den weltweiten Dschihad, weil sie dem extremeren sunnitischen Fundamentalismus das Gebiet einer Nation zurückgibt, in dem sie ihr eigenes Modell eines Emirats errichten können, das auf der dunkleren Version der Scharia, dem islamischen Gesetz, basiert. (...) Man muss sich fragen, was der Ursprung der Taliban-Rückeroberung ist, sprich, was in Afghanistan schief gelaufen ist. Es gibt keinen Zweifel, dass die Entscheidung der Vereinigten Staaten – von Ex-Präsident Donald Trump getroffen und von seinem Nachfolger Joe Biden bestätigt – die Truppen abzuziehen, die Initialzündung für die aktuelle Eskalation war, die dazu führte, dass die schwache afghanische Nation sich selbst überlassen wurde. Ebenso ist die Nato mit dem offensichtlichen Scheitern der Machtübergabe an die lokale Führung konfrontiert, für die sie enorme Ressourcen bereitgestellt hat."

"De Standaard" (Brüssel): "Dass der Vormarsch der Taliban schneller verlief als erwartet, kann nur daran liegen, dass sie doch Unterstützung der Bevölkerung erhielten. Die Afghanen wollen endlich Ruhe und Stabilität. Viele hoffen, dass die Taliban sie bringen. Wenn dafür ein Preis zu zahlen ist, dann ist das eben so. Dass der Preis vor allem von den Frauen gezahlt wird, ist offensichtlich vielen egal. Die afghanische Gesellschaft ist ungeachtet des westlichen Engagements eine ultrakonservative Männergesellschaft geblieben, vor allem auf dem Lande und in den kleinen Städten. (...) Die Verzweiflung vieler junger Frauen muss groß sein. Zwar haben die Taliban versprochen, dass Mädchen weiterhin zur Schule gehen dürfen und dass die Burka nicht zur Pflicht wird. Doch wer will das glauben?"

"Neue Zürcher Zeitung" (Schweiz): "Ein großer Teil der Verantwortung liegt bei Präsident Joe Biden persönlich. Er hielt nach seinem Amtsantritt an seiner festgefahrenen Überzeugung fest, dass ein weiteres militärisches Engagement am Hindukusch wertlos sei. Er überstimmte die Pentagon-Führung, die für eine fortgesetzte Militärpräsenz eintrat, und ignorierte sämtliche Experten, die mit dem überhasteten Totalabzug eine Katastrophe heraufziehen sahen. (...) Doch Biden unterschätzt, dass Amerika mit diesem Fiasko erneut als unzuverlässiger Akteur wahrgenommen wird – ein Eindruck, den er nach den Wirren der Ära Trump eigentlich korrigieren wollte. Auch verliert Washington weitgehend die Möglichkeit, Einfluss auf die Region zu nehmen. Flüchtlingsströme dürften über Afghanistan hinaus zu Erschütterungen führen. Bedrohlich ist zudem das Szenario, dass sich unter dem Schutz der Taliban wie in den neunziger Jahren Terrorzellen bilden. Mit Blick auf den bevorstehenden 20. Jahrestag der Kaida-Anschläge von 2001 drängt sich daher der Eindruck auf, dass Amerika eine der wichtigsten Lehren aus der damaligen Tragödie bereits vergessen hat."

"The Telegraph" (London): "Was viele [...] Kommentatoren nicht berücksichtigen, ist die Tatsache, dass der Westen 2001 nicht in den Krieg zog, um die Taliban zu stürzen. Hätten die Fundamentalisten nicht den Al-Kaida-Fanatikern, die das World Trade Center angriffen, Unterschlupf gewährt, wären die Mullahs wahrscheinlich die letzten 20 Jahre an der Macht gewesen. Sollte es jedoch Anzeichen dafür geben, dass Afghanistan erneut ein Sicherheitsrisiko für den Westen darstellt, wird eine militärische Reaktion ohne Bodentruppen erforderlich sein, um dies zu unterbinden."

mad DPA AFP

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