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Taliban übernehmen Afghanistan Chaos am Flughafen in Kabul, Evakuierung deutscher Staatsbürger hat begonnen

Vor zwei Rollen Nato-Stacheldraht stehen viele dunkelhaarige Männer, dahinter stehen Flugzeuge und Soldaten, die sie bewachen
Sehen Sie im Video: Dramatische Szenen am Flughafen von Kabul: alle wollen raus aus Afghanistan.




Dramatische Szenen am Sonntagabend auf dem internationalen Flughafen von Kabul. Menschen strömten auf das Flugfeld, nachdem Taliban-Kämpfer in die afghanische Hauptstadt eingedrungen waren. Vereinzelt kam es zu Rangeleien, da Abflüge gestrichen worden waren. Die Nato hatte zuvor erklärt, der Airport sei für den zivilen Flugverkehr geschlossen worden. Zahlreiche Minister, Regierungsbeamte und andere Zivilisten warteten verzweifelt auf Flüge ins Ausland, darunter auch deutsches Botschaftspersonal. Lokale Fernsehsender meldeten, dass mehrere Explosionen zu hören waren. In Kabul selbst war es am Sonntag eher ruhig geblieben. Damit sind die radikal-islamischen Taliban nach nur gut einem Vierteljahr nach Beginn des internationalen Truppenabzugs am Ziel. Die Kämpfe haben sie für beendet erklärt. Der Krieg im Land sei vorbei, sagte ein Taliban-Sprecher. Bald werde klar sein, wie das Land künftig regiert werde. Präsident Ghani schrieb auf Facebook, er habe das Land verlassen, um Blutvergießen zu vermeiden. Wie der Sender Al Dschasira unter Berufung auf einen seiner Leibwächter berichtete, war Ghani auf den Weg in die usbekische Hauptstadt Taschkent. Viele Afghanen hatten zuletzt befürchtet, die Taliban könnten mit der Rückkehr an die Macht erneut eine sehr strenge Auslegung des islamischen Rechts durchsetzen. Ein Taliban-Sprecher sagte Al Dschasira, man wünsche sich Beziehungen zur internationalen Staatengemeinschaft. Er fügt hinzu, die Taliban respektierten die Rechte von Frauen und Minderheiten sowie die Meinungsfreiheit, wenn sie der Scharia entsprächen.
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Die Taliban haben Kabul eingenommen – und die Menschen flüchten vor ihnen. Am Flughafen bricht Chaos aus, zugleich hat die Evakuierung der deutschen Staatsbürger und afghanischer Ortskräfte begonnen – viel zu spät, wie die Opposition bemängelt.

Nach der Übernahme Kabuls durch die militant-islamistischen Taliban spielen sich dramatische Szenen am Flughafen der afghanischen Hauptstadt ab. Hunderte Menschen sind seit Sonntag zum Flughafen gefahren und versuchen, auf Flüge zu kommen, wie in sozialen Medien geteilte Videos und Bilder zeigen. Menschen kletterten über Drehleitern, um in ein Flugzeug zu kommen. Auch Afghanen, die nicht einmal Reisepässe hätten, würden ihr Glück versuchen, sagten Bewohner von Kabul.

Es gab zudem am Sonntag erste noch unbestätigte Berichte, dass Menschen am Flughafen zu Tode gekommen seien. Davor hatte es Berichte gegeben, US-Soldaten, die den Flughafen absichern, würden Warnschüsse abgeben.

40 Botschaftsmitarbeiter ausgeflogen

Mittlerweile hat auch die Evakuierung deutscher Staatsbürger aus der afghanischen Hauptstadt begonnen. In der Nacht zu Montag landeten nach Informationen der Nachrichtenagentur DPA 40 Mitarbeiter der deutschen Botschaft mit einem US-Flugzeug in Doha im Golfemirat Katar.

Wenige Stunden später startete am frühen Morgen die erste Bundeswehr-Militärmaschine mit deutschen Soldaten an Bord, die die Evakuierung absichern sollen. Die Fallschirmjäger der Division Schnelle Kräfte sind speziell für solche Einsätze ausgebildet. Zudem sind deutsche Militärpolizisten ("Feldjäger") und Bundeswehrsanitäter beteiligt.

Es ist der bislang wohl größte Evakuierungseinsatz der Bundeswehr – und ein besonders brisanter. "Fest steht: Es ist ein gefährlicher Einsatz für unsere Soldatinnen und Soldaten", schrieb das Verteidigungsministerium. Die Bundeswehr war erst Ende Juni nach einem 20-jährigen Einsatz aus Afghanistan abgezogen.

Die Taliban hatten in den vergangenen Tagen in einem rasanten Tempo eine Stadt nach der anderen teilweise kampflos eingenommen, waren zuletzt auch in die Hauptstadt Kabul eingedrungen und haben bereits den Präsidentenpalast in ihrer Kontrolle. Die Bundesregierung hatte angesichts der dramatischen Lage am Freitag entschieden, das Botschaftspersonal auf ein Minimum zu reduzieren. Am Sonntag wurden alle Mitarbeiter zum Flughafen gebracht, der von tausenden US-Soldaten abgesichert wird.

Bundeswehr mit "Luftbrücke"

Der erste Evakuierungsflug wurde mit einer US-Maschine absolviert. Fortgesetzt werden soll die Aktion mit den Bundeswehrmaschinen vom Typ A400M. Sie sollen in den nächsten Tagen zentraler Bestandteil einer "Luftbrücke" sein, über die neben den Botschaftsmitarbeitern auch andere deutsche Staatsbürger sowie Ortskräfte, die für die Bundeswehr oder Bundesministerien in Afghanistan gearbeitet haben oder noch arbeiten, nach Deutschland bringen.

Die Maschinen, die Platz für 114 Passagiere bieten und über besonderen Schutz gegen Angriffe beispielsweise mit Raketen verfügen, fliegen die Betroffenen zunächst nach Taschkent im Nachbarland Usbekistan aus. Von dort geht es mit zivilen Maschinen weiter nach Deutschland.

Die Gesamtzahl deutscher Staatsbürger, die bis Sonntag noch in Kabul waren, wurde auf mehr als 100 geschätzt. Um wie viele Ortskräfte es geht, war bis zuletzt unklar. Es ist auf jeden Fall eine Zahl im vierstelligen Bereich. Alleine in der staatlichen Entwicklungshilfe waren zuletzt noch 1100 Afghanen in deutschem Auftrag tätig. Hinzu kommen tausende ehemalige Ortskräfte der Bundeswehr oder der Bundesministerien.

Außenminister Heiko Maas (SPD) sagte, dass die Machtübernahme der Taliban unmittelbar bevorstehe. In dieser Situation müsse die Sicherheit der deutschen Staatsangehörigen und der afghanischen Mitarbeiter der vergangenen Jahre "oberste Priorität" haben.

Nach Angaben von Maas wird ein "operatives Kernteam" der Botschaft in Kabul am militärisch gesicherten Teil des Flughafens bleiben, um die Arbeitsfähigkeit der Botschaft zu erhalten und um die weiteren Evakuierungsmaßnahmen mit begleiten zu können. Das eigentliche Botschaftsgebäude wurde geschlossen.

"Wir setzen jetzt alles daran, unseren Staatsangehörigen und unseren ehemaligen Ortskräften eine Ausreise in den kommenden Tagen zu ermöglichen", sagte Maas. "Die Umstände, unter denen das stattfinden kann, sind aber derzeit schwer vorherzusehen." Deshalb stehe die Bundesregierung auch in einem engen Austausch mit den USA und anderen internationalen Partnern.

Wird Einsatz nachträglich genehmigt?

In der Kabinettssitzung an diesem Mittwoch soll das Mandat für den Bundeswehreinsatz beschlossen werden. Darüber unterrichtete Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Vorsitzenden der Bundestagsfraktionen telefonisch, wie die DPA aus Teilnehmerkreisen erfuhr. In der darauffolgenden Woche soll dann der Bundestag darüber beraten und entscheiden. Am 25. August kommt das Parlament ohnehin zu einer Sondersitzung zusammen, um die Hilfen für die Hochwassergebiete zu beschließen. Dann soll auch der Evakuierungseinsatz auf die Tagesordnung kommen. Bei Gefahr im Verzug können bewaffnete Bundeswehreinsätze wie in diesem Fall auch nachträglich vom Parlament mandatiert werden.

Am Tempo der Evakuierungsaktion gibt es massive Kritik aus der Opposition. Der FDP-Außenexperte Alexander Graf Lambsdorff sagte der "Welt", Maas, Kramp-Karrenbauer und Innenminister Horst Seehofer hätten "auf ganzer Linie versagt". Auch für Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter ist die Aktion zu spät angelaufen. "Man muss sich fragen, warum die Bundesregierung so überrascht wirkt vom schnellen Vorstoß der Taliban", sagte er der DPA. Die Bundesregierung müsse jetzt ganz schnell handeln.

Der Fraktionsgeschäftsführer der Linken im Bundestag, Jan Korte, nannte das Agieren vor allem von Maas "skandalös". Korte warf dem Außenminister vor, damit Menschenleben zu gefährden. AfD-Fraktionschef Alexander Gauland kritisierte in der "Welt", die Bundesregierung habe den richtigen Zeitpunkt für die Evakuierung "verschlafen".

nik DPA

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