AFGHANISTAN Wo endet der Bush-Krieg?


Afghanistan war erst der Anfang. Amerikas Präsident will den Kampf gegen den Terror in weitere Länder tragen. Irak, Somalia und Indonesien rücken ins Fadenkreuz. Aus stern Nr. 49/2001.

Nur mit Mühe konnte sich die zierliche Dame aus Manila der Umarmung des großen Verbündeten entziehen. Im Oval Office in Washington bot Präsident George W. Bush seiner philippinischen Amtskollegin Gloria Macapagal Arroyo jede erdenkliche Hilfe gegen den Terrorismus an - US-Bodentruppen, US-Luftunterstützung, US-Marineeinheiten: »Alles, was Sie wollen.« Doch sie wollte nichts davon. »Wir haben eine fähige Armee«, betonte Arroyo. In den Kampf gegen die Muslim-Rebellen von Abu Sayyaf und der Moro-Befreiungsfront sind US-Militärberater ohnehin einbezogen. Pikiert sagte Bush nach dem Treffen: »Sie vertraut darauf, dass ihr Militär mit Abu Sayyaf fertig wird. Na dann viel Glück.«

US-Strategen suchen bereits nach neuen Zielen

Während die Taliban in Kandahar und Kundus noch gegen die Nord-Allianz und die amerikanischen Luftstreitkräfte aushielten, suchten die Strategen des Pentagon und des Weißen Hauses bereits nach neuen Zielen für ihren »Krieg gegen den internationalen Terrorismus«. Die Philippinen, wo aufständische Muslime seit Jahren Bomben legen und Geiseln nehmen - darunter die Göttinger Familie Wallert -, wären ein willkommenes Operationsgebiet gewesen: gut von See her angreifbar, relativ überschaubar, ihre Inseln, wie etwa die Rebellenhochburg Jolo, leicht abzuschnüren. Zudem sind Verbindungen zwischen Abu Sayyaf und Osama bin Ladens Netzwerk al Qaeda nachweisbar (wenn auch laut philippinischer Polizei nur bis 1995). Und die USA, einstige Kolonialmacht des Inselreichs, könnten vielleicht den 1994 verlorenen Luftstützpunkt Clark zurückgewinnen.

Mit Afghanistan, das machte Bush in der vergangenen Woche bei einem Thanksgiving-Truthahnessen mit Soldaten der 101. Luftlandedivision in Fort Campbell klar, ist allenfalls ein »guter Anfang« gemacht worden. Obwohl Terroristenchef bin Laden, das eigentliche Objekt des Rachefeldzugs für den tausendfachen Mordanschlag auf New York City, noch flüchtig war, stimmte der Präsident die »Länder der Welt« auf weitere Bush-Kriege ein: »Wenn ihr Terroristen unterstützt, seid ihr Terroristen und werdet von den Vereinigten Staaten und ihren Freunden zur Verantwortung gezogen. Die Taliban wissen das jetzt.« Tosender Beifall der Truppe brachte ein triumphales Lächeln auf Bushs Gesicht.

Bush gebärdet sich als selbstherrlicher »Globo-Cop«

Der Präsident sieht seit dem 11. September seine historische Aufgabe darin, jede »terroristische Bedrohung« Amerikas zu zerschlagen, ohne Rücksicht auf nationale Grenzen, alte Allianzen und internationales Recht. Der Texaner, anfangs als Isolationist geneigt, die USA aus dem prekären Nahost-Friedensprozess herauszuziehen, gebärdet sich nun als selbstherrlicher »Globo-Cop«, der weltweit aufräumt und jeden als Feind behandelt, der nicht mitzieht. In 68 Ländern war oder ist al Qaeda nach Washingtons Zählung in irgendeiner Form aktiv. Bush: »Es gibt noch viel zu tun.«

Jeder darf sich entscheiden, ob er »Terrorist« oder »Freiheitskämpfer« ist

Die Vereinten Nationen lassen ihm freie Hand: Die Sicherheitsratsresolution 1373 vom 28. September erlaubt jedem Mitgliedsstaat den »Kampf mit allen Mitteln« gegen »Akte des internationalen Terrorismus« - und jeder darf für sich entscheiden, wer - in Tschetschenien, Kurdistan, Tibet oder im Baskenland - »Terrorist« und wer »Freiheitskämpfer« ist.

Zudem haben die USA schriftlich hinterlegt, sie behielten sich nach Afghanistan »weitere Aktionen in Bezug auf andere Organisationen und andere Staaten« vor. Selbst vor dem Land mit der größten Muslimbevölkerung, Indonesien, schreckt Washington nicht zurück. Dort betreibt al Qaeda angeblich Trainingslager auf abgelegenen Inseln. »Mit der Jagd auf al Qaeda in Indonesien«, meinte der stellvertretende US-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz, »sollte man nicht warten, bis al Qaeda in Afghanistan ausgerottet ist.« Für Muslime klingt das wie eine Provokation.

»Die Welt und die Iraker wären ohne Saddam besser dran«

Alles deutet jedoch darauf hin, dass sich Amerika in »Phase II«, über die man sich in Washington die Köpfe heiß redet, vor allem den alten Lieblingsfeind Irak vornimmt. Was Bush senior 1991 nach der Befreiung Kuwaits nicht schaffte, soll nun Bush junior erledigen. »Es besteht Einvernehmen«, weiß der rechtsrepublikanische Vordenker Thomas Donnelly, »dass es höchste Zeit ist, Saddam Hussein zu stürzen.« Bushs Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice beflügelte die Hoffnungen der Kriegstreiber: »Die Welt und die Iraker wären sicherlich ohne Saddam Hussein besser dran. Wir brauchten den 11. September nicht, um zu wissen, dass er unsere Interessen gefährdet.«

Konkrete Beweise gegen den Irak fehlen

Soll heißen: Konkrete Beweise für eine Beteiligung Bagdads an den Terroranschlägen auf die USA sind für eine Militäraktion nicht erforderlich, Tatverdacht genügt. So warnte Vize-Außenminister John Bolton erneut, der Irak bedrohe »unbestreitbar« mit biologischen Waffen die »internationale Sicherheit«.

Der in den Westen geflüchtete irakische Nuklearexperte Khidhir Hamza fügte hinzu, Bagdad habe seit dem Ende der UN-Waffeninspektionen 1998 sein Atomwaffenprogramm wieder aufgenommen und werde um 2005 seine erste Bombe fertig haben. Der ehemalige CIA-Chef James Woolsey will sogar nachweisen können, dass Saddam beim ersten Anschlag auf das World Trade Center 1993 die Hand im Spiel hatte: Der Hauptattentäter Ramzi Yousef sei »wahrscheinlich eine Kreatur des irakischen Geheimdienstes«, denn Saddam sehe sich immer noch »im Krieg gegen die USA«.

Den blutigen Bodenkrieg will man den Kurden überlassen

Der Erfolg des »Kriegs auf Distanz« in Afghanistan lässt sich nach Ansicht von US-Strategen auf den Irak übertragen: Teure Präzisionsbomben und -raketen gegen Befehlszentren, massive Luftangriffe auf Truppenkonzentrationen, Kommandoeinsätze gegen Punktziele. Das blutige Geschäft am Boden könnte man, laut Donnelly, wie der Nord-Allianz im Hindukusch den Minderheitsvölkern der Kurden im Norden und der Schiiten im Süden des Irak überlassen, deren Aufstände 1991 Bush senior nicht unterstützen wollte. Pentagon-Berater Richard Perle glaubt: »Der Irak wird viel, viel leichter sein, als viele Leute glauben.«

Somalia könnte Zufluchtsort für den Terrormeister werden

Ein weiteres Antiterrorziel: das vom Bürgerkrieg zerrissene Somalia. Seine radikalislamische Bewegung Al-Ittihad al-Islamija gilt als eng verbündet mit bin Laden, der dort 1993 Drahtzieher der blutigen Kämpfe gegen US-Friedenstruppen war. Somalia wäre ein mögliches Fluchtland für den Terrormeister, sofern er den Häschern der amerikanischen und britischen Special Forces in Afghanistan entwischt. Die U.S. Navy hat sich bereits den Seehafen Berbera als Stützpunkt ausgeguckt.

Den soll als Subunternehmer vor allem die Bundesmarine betreiben und absichern. Berbera liegt in Somaliland, das sich 1991, von aller Welt ignoriert, für unabhängig erklärt hat. Der Flughafen von Berbera eignete sich sogar für B-52-Bomber, die bisher von der fernen Inselbasis Diego Garcia im Indischen Ozean anfliegen müssen. Noch hat keiner gefragt, was die Somalis davon halten, aber schon bieten sich deren Erzfeinde, die Äthiopier, den USA als Hilfstruppen am Boden an.

Gegen Terrorförderer muss man vorgehen, »solange der Schwung der Ereignisse hilft«

Amerikaner und Briten haben im Arabischen Meer und in Westasien eine beachtliche Streitmacht zusammengezogen: etwa 50.000 Soldaten, mehr als 350 Kampfflugzeuge und fünf Flottenverbände, darunter vier Flugzeugträger. Sie nach dem Abschluss der Kämpfe in Afghanistan, in die am Wochenanfang erstmals massiv US-Marineinfanterie eingriff, ohne weitere Operationen aufzulösen, hält der ehemalige Luftwaffen-Aufklärungschef John Rothrock für unsinnig. Terrorförderer wie Saddam und Libyens Staatschef Moammar Gadhafi hielten die Welt in Angst: »Jetzt ist die Zeit, gegen sie vorzugehen, solange der Schwung der Ereignisse uns hilft.«

Ohne eine Verständigung in Nahost endet das Blutvergießen nie

Nirgendwo aber sind die Verwicklungen, die aus dem undefinierten Krieg Amerikas gegen den Terror entstehen können, riskanter als im Nahen Osten, ob im Irak oder im Libanon, wo die USA das Bekaa-Tal im Visier haben. »Bush will gegen den Terror kämpfen, solange es nötig ist«, sagt der Washingtoner Militärwissenschaftler Anthony Cordesman.

»Das kann im Nahen Osten sehr lange dauern.« Ohne einen ernsthaften neuen Anlauf zur Verständigung zwischen Israelis und Palästinensern endet das Blutvergießen nie.

Amerikas Alleingang schreckt die internationale Diplomatie

Solange Bushs »Krieg gegen den Terrorismus« auf nebulösen Feindbildern und ungewissen Endzielen basiert, wächst Unmut über Amerikas Strategie auch bei seinen Verbündeten, selbst wenn sie wie die Deutschen erst einmal in uneingeschränkter Solidarität mitmarschieren. Siegesparolen ersetzen nicht, was Eliot Cohen, Strategie-Professor an der Johns-Hopkins-Universität, die »intellektuelle Seite der Kriegführung« nennt: »Wir haben bisher nicht dargelegt, was wir tun, und auch nicht erläutert, was wir als Nächstes tun wollen.« Amerikas Alleingang schreckt, auch wenn niemand es offen sagen will, die internationale Diplomatie. »Wenn man so handelt, als ob andere Länder und Völker nicht existierten«, urteilt ein Gesandter bei den Vereinten Nationen, »werden diese Wege finden, um auf sich aufmerksam zu machen.«

Tony Blair hat über den Tellerrand geschaut

Anders als Bush hat der britische Premier Tony Blair über den Tellerrand militärischer Planungen hinauszuschauen versucht und eine Umgestaltung zu einer gerechteren globalen Ordnung verlangt: »Eine sichere Welt entsteht nur aus sicheren Ländern, die mit ihren Nachbarn in Frieden leben. Nur so wird der Terrorismus letztendlich besiegt.«

Doch von einer »Neuen Weltordnung« ist in Washington keine Rede. Schon vor Bush fiel es den Amerikanern schwer, auf komplizierte Weltprobleme passende Antworten zu finden. Dem Kolumnisten Tom Plate kamen die USA zunehmend vor wie eine »geistig beschränkte, muskelbepackte Supermacht mit kaum mehr als Cruise Missiles anstelle eines Gehirns«. Dennoch hat sich das Selbstbewusstsein, stets das Richtige zu tun, seit dem 11. September eher noch verstärkt, auch wenn die angedrohten Bush-Kriege eine weltweite Kettenreaktion von Katastrophen heraufbeschwören: Hegemonie und Gewalt statt Diplomatie und Entwicklungshilfe.

»Das Böse breitet sich besser aus, wo Menschen arm sind«

So blieb auch die Mahnung vor einem Teufelskreis der Gewalt ungehört, mit der sich die philippinische Präsidentin Arroyo aus Washington verabschiedete. »Selbst wenn Armut nicht die Ursache des Terrors ist, breitet sich doch das Böse besser aus, wo Menschen arm sind«, sagte sie. »Der Kampf gegen den Terrorismus nimmt uns Mittel für den Kampf gegen die Armut weg.«

Mario R. Dederichs


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