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Bürgerkrieg in Syrien Übergelaufener Regierungschef will nach Katar fliehen


Die Luft wird dünn um Syriens Machthaber Baschar al-Assad: Sein Regierungschef Riad Hidschab hat sich der Opposition angeschlossen und will über Jordanien nach Katar ausreisen.

Der zur Opposition übergelaufene syrische Regierungschef Riad Hidschab will von Jordanien aus nach Katar weiterreisen. Hidschab werde womöglich bereits am Dienstag oder in den folgenden Tagen nach Doha reisen, "wo die internationalen Medien ansässig sind", sagte sein Sprecher Mohammed Otri am Montag in der jordanischen Hauptstadt Amman der Nachrichtenagentur AFP. Ein Mitglied der syrischen Opposition in Amman sagte, Hidschab werde bereits "in den kommenden Stunden", voraussichtlich noch am späten Montagabend, in Richtung Katar aufbrechen.

Hidschab hatte sich in der Nacht zu Montag nach Jordanien abgesetzt. Sein Überlaufen zur Opposition begründete er nach Angaben seines Sprechers mit den "Kriegsverbrechen und dem Völkermord" in seinem Heimatland. „Ich gebe hiermit bekannt, dass ich mich vom mörderischen und terroristischen Regime abgewandt und mich der Revolution der Freiheit und Würde angeschlossen habe", hieß es in einer Erklärung. Das syrische Staatsfernsehen hatte berichtet, Hidschab sei entlassen worden.

Katar nahm bereits mehrere Überläufer auf

Hidschabs Weiterreise von Jordanien nach Doha begründete das syrische Oppositionsmitglied in Amman damit, dass Jordanien angesichts der "bereits angespannten Beziehungen" zu Syrien "keine Probleme" geschaffen werden sollten. Es handle sich um eine "sensible Angelegenheit" für Jordanien. Sieben Begleiter Hidschabs würden in Jordanien bleiben, sagte der Oppositionelle, der Hidschab nach eigener Darstellung bei der Flucht aus Syrien geholfen hatte. Zuvor hatte ein Vertreter des oppositionellen Syrischen Nationalrats AFP gesagt, Hidschab habe sich mit seiner Familie, zwei Ministern und drei Armeeoffizieren abgesetzt.

In Katar haben bereits mehrere übergelaufene Mitglieder der syrischen Führung Zuflucht gefunden, so etwa der bisherige Botschafter des Landes im Irak, Nawaf Fares. Das Golfemirat ist einer der schärfsten Kritiker von Syriens Staatschef Baschar al-Assad.

Hidschab stand sein Leben lang hinter Assad

Mit der Flucht Hidschabs wird die Luft um den syrischen Machthaber Baschar al-Assad dünner. Bundesaußenminister Guido Westerwelle sprach von einem Zerfall des syrischen Regimes. "Diese Nachrichten zeigen, wie weit der Erosionsprozess des Assad-Regimes vorangeschritten ist. Die Ereignisse belegen auch, wie notwendig ein sofortiges Ende der Gewalt und die Bildung einer Übergangsregierung ohne Assad sind."

Al-Ottris Erklärung zufolge plante Hidschab seine Flucht bereits seit mehr als zwei Monaten. Bewerkstelligt wurde sie mit Hilfe der aufständischen Freien Syrischen Armee. Zu seinem Nachfolger wurde der bisherige Vize-Ministerpräsident Omar Galawandschi bestimmt.

Hidschab war erst im Juni zum Ministerpräsidenten ernannt worden. Davor hatte der 46-Jährige sein ganzes Leben treu dem Assad-Regime gedient. Er bekleidete hohe Funktionen in der herrschenden Baath-Partei. Als im Frühjahr 2011 die Proteste gegen Assad begannen, war er Gouverneur der Mittelmeerprovinz Latakia, aus der die Assad-Familie stammt.

Assad verliert vor allem den Rückhalt der Sunniten

Nach Angaben von Oppositionellen setzte sich auch Syriens erster und einziger Kosmonaut Mohammed Achmed Faris in die Türkei ab. Der aus Aleppo stammende Luftwaffenpilot habe sich den Oppositionskräften angeschlossen, hieß es. Faris war 1987 mit den Sowjets ins All geflogen.

Assad verliert einem Regimekenner zufolge in Armee und Sicherheitsapparat vor allem den Rückhalt der Sunniten. Die sunnitischen Muslime stellen mehr als 60 Prozent der Bevölkerung, im Militärapparat allerdings nur 4000 der insgesamt 33.000 Offiziere. Der Assad-Clan und die Spitzen des Regimes gehören der schiitischen Gemeinschaft der Alawiten an, während die meisten Aufständischen Sunniten sind.

25.000 Soldaten sollen in Aleppo auf die entscheidende Schlacht warten

Mit Blick auf die nördliche Geschäftsmetropole Aleppo sprachen die Staatsmedien von einer bevorstehenden Entscheidungsschlacht. Angeblich sollen 25.000 Soldaten Stellung bezogen haben, wie der Rebellenkommandeur Abu Omar al-Halebi der Deutschen Presse-Agentur am Telefon sagte.

Die Aufständischen meldeten schweren Artilleriebeschuss des südwestlichen Bezirks Salaheddin durch Regimetruppen. Die Aufständischen selbst wollen einen Armeehubschrauber nahe einem Militärflughafen in Aleppo abgeschossen haben. Die Angaben beider Seiten lassen sich nicht überprüfen, da Journalisten in den Bürgerkriegsregionen kaum arbeiten können.

Kurz vor Bekanntwerden der Flucht Hidschabs wurden bei einem Anschlag auf das Staatsfernsehen in Damaskus mehrere Angestellte leicht verletzt. Das teilte Informationsminister Omran al-Subi mit. Das staatliche Syrische Fernsehen gilt als wichtigstes Propagandainstrument des Assad-Regimes.

Millionen Syrer sind auf der Flucht

Der Syrien-Konflikt hat mehrere hunderttausend Menschen in die Flucht getrieben. Die Bundesregierung sieht derzeit jedoch keinen Grund für die Aufnahme von Flüchtlingen aus Syrien. Ihr Menschenrechtsbeauftragter Markus Löning (FDP) sprach sich dafür aus, den Flüchtlingen besser direkt vor Ort zu helfen - entweder in Syrien selbst oder in Nachbarländern wie dem Libanon oder Jordanien.

Nach Angaben der Syrischen Menschenrechtsbeobachter in London starben am Montag innerhalb weniger Stunden 28 Menschen in Syrien. Zehntausende Syrer brachten sich bereits in Nachbarländern in Sicherheit. In Syrien selbst sollen mehr als 1,5 Millionen Menschen auf der Flucht sein.

lin/AFP/DPA DPA

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