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Flüchtlings-Odyssee: "Cap Anamur hat mir das Leben gerettet"

Was geschah an Bord der Cap Anamur? Wer sind die Flüchtlinge und was trieb sie zur Flucht? Eine Repotage über das Schicksal verzweifelter Menschen, die in Europa ihr Glück suchen wollen.

Als er das Boot am Strand liegen sah, schickte Benjamin Robat Stoßgebete gen Himmel. 1000 Dollar hatte er bezahlt. Eine sichere Überfahrt war ihm versprochen worden auf einem großen Schiff. Aber alles was Benjamin sah, war ein Schlauchboot, acht Meter lang, drei Meter breit. Er stand mit 36 anderen West-Afrikanern um zwei Uhr früh an einem Strand an der Küste Libyens in der Nähe der Stadt Zuhara, und es gab für niemanden mehr ein Zurück an diesem 18. Juni: "Da habe ich mein Leben in Gottes Hand gegeben."

"Mein Leben war bisher ein einziger Krieg"

Acht Monate zuvor war Benjamin Robat aus Nigeria geflüchtet. Muslimische Milizen hatten seine Frau auf dem Weg in die Kirche umgebracht. Benjamin musste sich schon als elfjähriger alleine durchschlagen, immer in Angst vor den Konflikten zwischen Christen und Muslimen in Nigeria: "Mein Leben war bisher ein einziger Krieg." Am zweiten Dezember erreichte er Libyen, putzte für fünf Dinar im Monat 45 Appartements. Hier sah er keine Zukunft für sich. In Europa erhofft er ein besseres Leben, ob Italien, Deutschland oder Malta ist ihm egal. Einer der Männer, mit dem er am Strand steht, weiß, wie man den Motor im Boot anwirft. Er hat einen Kompass und keine Ahnung, wie man ihn bedient. Die Schlepper geben ihnen zwei Anweisungen mit: "Sagt, dass ihr aus dem Sudan kommt, sonst werdet ihr zurückgeschickt." Und: "Fahrt nach Norden, immer geradeaus." Niemand hat Trinkwasser dabei.

Zur gleichen Zeit Mitte Juni liegt die Cap Anamur im Hafen von Malta. Seit Februar hatte der Motor des 20 Jahre alten Containerfrachters Probleme gemacht. Ein Matrose fand auf der Fahrt zurück von Westafrika handtellergroße Metallspäne im Öl unter den Zylindern. Cap Anamur wollte dem Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) helfen, Menschen aus Liberia in ihre Heimatländer zurückzubringen. Daher ist das Schiff notdürftig ausgerüstet für die Aufnahme von Passagieren, es gibt Toilettencontainer und Matratzen an Bord.

"Ich hatte mit Gott abgeschlossen"

Die nächstgelegene Werkstatt für die Maschine des Schiffes befindet sich auf Malta. Die Zylinder werden ausgetauscht, mehrfach startet die Cap Anamur zu Testfahrten, auch am 20. Juni. Südlich von Lampedusa sichtet der Kapitän ein Schlauchboot voller Menschen, ein Mann schwenkt ein Hemd, die anderen rufen, springen auf. Zwei Tage waren sie unterwegs, hatten die Orientierung verloren: "Die Wellen waren so hoch. Ich hatte mit Gott abgeschlossen", sagt Benjamin. Der erste Mann, den die Cap Anamur an Bord nimmt, bricht sofort zusammen. Insgesamt nimmt die Krankenschwester Birgit Geiger fünf der Schiffbrüchigen ins Hospital. Sie erholen sich jedoch schnell.

Nach internationalem Seerecht ist ein Kapitän verpflichtet, Schiffbrüchige aufzunehmen. Dieses Recht stammt von 1910 und wurde 1979 das letzte Mal präzisiert. Doch das Gesetz sagt nicht, wann und wo die Schiffbrüchigen wieder an Land gebracht werden müssen. Üblicherweise ist dies der nächstgelegene Hafen oder der nächste Hafen auf der zuvor festgelegten Schiffsroute. Gesetzlich verpflichtend ist dies jedoch nicht. Die Cap Anamur hielt sich nicht an Gepflogenheiten, fuhr mit den 37 Afrikanern an Bord sogar größere Strecken, bevor sie in Porto Empedocle einlaufen wollte. Illegal ist dies nicht – doch wurde daraus ein "gefährlicher Präzedenzfall", wie die deutschen und italienischen Innenminister Otto Schily und Guiseppe Pisanu übereinstimmend verlauten ließen.

"Es ist einfach einiges schief gelaufen"

Bierdel ist am 20. Juni nicht an Bord. Er ist an Land mit organisatorischen Fragen beschäftigt. Er möchte zunächst, dass die Cap Anamur den nächstgelegenen Hafen anläuft, Lampedusa auf der gleichnamigen italienischen Insel, 120 Kilometer vor der Küste Afrikas. Doch die Cap Anamur ist mit 90 Meter Länge zu groß für den Hafen. Über die weitere Entwicklung gibt es nun zwei Versionen. Der zuständige italienische Staatsanwalt Ignazio di Francisci sagt, die Küstenwache in Lampedusa habe der Cap Anamur angeboten, die Flüchtlinge mit ihren kleineren Schiffen abzuholen und zur Insel zu bringen. Dies sei vom Schiff abgelehnt worden. Bierdel sagt, dieses Angebot habe es nie gegeben. Er habe vielmehr fieberhaft nach einem anderen Hafen gesucht. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen empfiehlt Pozzallo, die Crew auf dem Schiff sucht nach Port Salo – ein Missverständnis. Als sie den richtigen Hafen endlich finden und kontaktieren, stellt sich heraus, dass auch der zu klein ist. "Auch wenn das jetzt komisch klingt - es ist einfach einiges schief gelaufen."

Für die Einfahrt nach Porto Empedocle auf Sizilien braucht die Cap Anamur einen Agenten, wie in jedem Hafen üblich, der größere Schiffe empfängt und alle Formalien regelt. Bierdel findet ihn in Palermo, für die Abwicklung muss eine Garantiesumme überwiesen werden – wegen des Wochenendes verzögert sich dies bis zum Montag, dem 28. Juni.

Als die Cap Anamur die Stelle erreicht, ist der Kahn schon halb gesunken

Inzwischen kreuzt die Cap Anamur in den Gewässern zwischen Sizilien, Libyen und Malta. Der Kapitän erhält wie alle Schiffe ständig Meldungen über "unbekannte Objekte". Er läuft die gemeldeten Positionen an, sieht treibende Holzteile, Rettungswesten. Ein Fischer meldet ein Boot mit 33 Menschen in Seenot. Als die Cap Anamur die Stelle erreicht, ist der Kahn schon halb gesunken und verschwindet vollends unter Wasser. Daneben treiben leere Coladosen und Käseschachteln. Es ist kein Mensch zu sehen. Als der Kapitän ein Holzboot sichtet, fährt er näher. Elf Somalier sind an Bord, auf dem Weg nach Malta. Der Kapitän hält das Boot nicht für seetüchtig. Obwohl die Männer keine Hilfe wollen, entscheidet er, das Schiff zu begleiten. Die Cap Anamur gelangt dabei in maltesisches Hoheitsgebiet. Bierdel will aber weiterhin die Flüchtlinge in Italien von Bord lassen – seiner Ansicht nach das Land mit dem nächstgelegenen Hafen zur ursprünglichen Fundstelle der 37 Afrikaner und damit zuständig für die Schiffbrüchigen.

Bierdel hat inzwischen auf Djerba ein Schnellboot gemietet, um zur Cap Anamur zu kommen. Er nimmt Journalisten mit, darunter Christoph Fleischer, der eine Dokumentation über 25 Jahre Cap Anamur dreht. Zu diesem Zeitpunkt sind neben der Schiffsbesatzung drei Cap-Anamur-Mitarbeiter an Bord, die sich fast zwölf Stunden am Tag um die nervösen und ängstlichen Afrikaner kümmern. Mike Bratzke arbeitete mehrere Jahre in Nordkorea, beschreibt sich selber als unemotional und erfahren in der Lösung von Problemen. Doch die Situation auf dem Schiff macht ihn hilflos. Ein Mann fängt mitten in einem Gespräch an zu weinen und fragt immer wieder: "Warum hat Gott uns eine schwarze Haut gegeben? Warum ist mein Leben eine Hölle?" Elias Bierdel, so Bratzke, war der neue Hoffnungsträger: "Es war wichtig, dass er an Bord gekommen ist." Die Cap Anamur nimmt Kurs auf Porto Empedocle. Doch als sie dort am 1. Juli eintrifft, ziehen die Behörden die Genehmigung zum Einlaufen zurück. Die Cap Anamur liegt elf Tage vor Sizilien fest.

Jeden Tag wird abends gebetet

Die Lage an Bord verschärft sich. Die Afrikaner können nicht verstehen, dass sie ständig vertröstet werden. Kapitän Stefan Schmidt und Elias Bierdel versuchen immer wieder, den Männern klar zu machen, dass sie über ihre Herkunft nicht lügen sollen. Aber auch Benjamin lügt und sagt, er komme aus dem Sudan. Er hat ein schlechtes Gewissen dabei, aber der Gruppendruck unter den Flüchtlingen ist zu groß. Birgit Geiger teilt die Männer in Gruppen ein, sie kochen, putzen, beschäftigen sich. Auch Mike Bratzke versucht, die Männer abzulenken. Er spielt mit ihnen Tischtennis, sie singen gemeinsam. Jeden Tag wird abends gebetet – einmal muslimisch, einmal christlich.

Bis zu sechs Schiffe kreuzen rings um die Cap Anamur. Helikopter kreisen über dem Schiff, Aufklärungsflugzeuge sind zu sehen. Journalisten an Bord beschreiben die Situation als Belagerungszustand. Dabei ist die Anwesenheit der hochgerüsteten Boote der Guardia di Finanza nicht ungewöhnlich, sie fahren jeden Tag die Routen der Schlepper ab. Ihre Aufgabe ist es, die Flüchtlings-Schiffe zur Umkehr zu bewegen. Im vergangen Jahr hat die europäische Union 400 Millionen Euro bereit gestellt, um überall den Grenzschutz zu verstärken. Die Meerenge von Gibraltar wird mit Radar überwacht, in der See vor Italien patrouilliert Militär. Die Hilfsorganisation Pro Asyl warnt schon seit Jahren, dass aufgrund dieser Kontrollen die kleinen Boote der Flüchtlinge immer gefährlichere Wege wählen. Die Schlepper fahren längst nicht mehr mit, das Risiko festgenommen zu werden ist ihnen viel zu groß. Sie überlassen Flüchtlinge, von denen viele zum ersten Mal im Leben überhaupt das Meer sehen, allein ihrem Schicksal. Und weil Italien die Boote beschlagnahmt, werden sie in alten, maroden Kähne auf die Reise geschickt.

Viele Flüchtlinge ertrinken

Fischer finden oft menschliche Überreste in ihren Netzen, an den Stränden von Lampedusa und Sizilien werden Tote angespült. Bis zu 12 000 Menschen schaffen es jedes Jahr italienisches Land zu erreichen, in den vergangenen Jahren sollen 5000 ertrunken sein. Das sind die Toten, die geborgen werden konnten. Flüchtlingsorganisationen fürchten, dass die Zahl der Ertrunkenen mindestens drei Mal so hoch ist.

Inzwischen sind die Afrikaner fast drei Wochen an Bord der Cap Anamur. Die Lage spitzt sich zu. Es gibt nur noch Essen aus der Dose, zwei Pater versuchen an Bord, psychologischen Beistand zu leisten. Zur Beruhigung will der Kapitän die Ersuche der Männer um Asyl nach Deutschland weiterleiten. Die Cap Anamur fährt unter deutscher Flagge. Zwar gibt es keine gesetzliche Verpflichtung für den Staat, dessen Flagge das Schiff trägt, Schiffbrüchige an Bord asylrechtlich zu überprüfen. Aber das UNHCR umschreibt in einem Hintergrundpapier zum Problem der Migration über das Mittelmeer in vorsichtig diplomatischer Sprache, dass der Flaggenstaat eine – zumindest moralische – Verantwortung habe: "Wenn es klar ist, dass die Geretteten in dem Flaggenstaat des Schiffes Asyl beantragen wollen, könnte man sagen, dass dieser Staat verantwortlich dafür ist, einen Zugang zu seinem nationalen Asylverfahren möglich zu machen." Doch Innenminister Otto Schily lehnt jede deutsche Verantwortung ab.

Schiff in italienischem Gewahrsam - Verschrottung droht

Am 11. Juli stehen alle afrikanischen Männer an Deck der Cap Anamur. Einer schreitet mit einer Rettungsweste auf und ab, droht ins Meer zu springen. Die Männer diskutieren laut. Einer kollabiert, völlig unterzuckert, weil er nichts mehr gegessen hat. Der Kapitän setzt einen Notruf ab. Die Cap Anamur fährt in den Hafen ein, Elias Bierdel feiert das als Erfolg. Doch kaum ist er von Bord, wird er mit Kapitän Schmidt und dem ersten Offizier festgenommen. Der Vorwurf lautet auf illegale Einschleusung von Migranten. Auch nach ihrer Entlassung fünf Tage später bleibt das Schiff in italienischem Gewahrsam, die Motoren abgestellt, die Aggregate ohne Strom, ein Kühlschrank voller Impfstoffe verdorben. Für die Hilfsorganisation Cap Anamur ist dies eine Katastrophe. Halten die Behörden ihren Vorwurf aufrecht, dass die Cap Anamur Afrikaner nach Italien geschleust hat, droht das Schiff beschlagnahmt und zerstört zu werden. 1,8 Millionen Euro haben Kauf und Umbau des Containerfrachters die Hilfsorganisation gekostet – den größten Teil der vorhandenen Spendengelder.

Benjamin Robat hat die Festnahme Bierdels schwer zugesetzt: "Cap Anamur hat mir das Leben gerettet. Ich habe überall gehört, dass Deutsche Schwarze hassen. Dass sie uns deportieren. Aber die Deutschen an Bord waren anders. Ohne sie wäre ich jetzt tot." Benjamin hat der italienischen Polizei als einziger aus der Gruppe sofort die Wahrheit gesagt. Dass er aus Nigeria stammt und nicht aus dem Sudan. Auch die anderen kommen aus Westafrika, wie die Behörden jetzt mitteilen, aus Niger, Nigeria und Ghana. Benjamin ist in einem offenen Heim in einem kleinen Ort nahe Agrigent untergebracht, kann sich frei bewegen. Schon eine Woche nachdem die 37 Afrikaner an Land gegangen sind, sitzen die ersten 14 in Rom in Abschiebehaft, sollen so schnell wie möglich in ihre Heimatländer zurückgeflogen werden. In normalen Fällen dauert ein Asylverfahren in Italien bis zu vier Jahre, tausende warten auf eine Entscheidung.

"Es wird nie aufhören"

Benjamin bleibt mit den 22 anderen Männern aus dem Schlauchboot zunächst in Sizilien. Einige werden wohl aus humanitärern Gründe geduldet werden, heißt es. In der Nacht, nachdem Elias Bierdel und die Cap-Anamur-Crew wieder in Deutschland gelandet sind, entdeckt die italienische Küstenwache vor Lampedusa 140 Männer auf einem 14-Meter-Boot. Der Alltag ist wieder eingekehrt, die Flüchtlinge werden im Hafen in Busse verteilt und in das Immigrationszentrum gefahren, weit entfernt von den Hotels und Sandstränden. In einer einzigen Woche im Juni kamen so 600 Menschen an. Der Schiffsfriedhof im Hafen wurde erst vor einigen Wochen geräumt, über 50 Holzkähne und Schlauchboote zur Müllhalde in der Mitte der Insel gefahren. Aber es sind schon wieder acht neue Kähne da, zwei dümpeln inzwischen unter Wasser. "Es wird nie aufhören", sagt einer der jungen Hafenpolizisten. Und bringt einen jungen Libyer zum wartenden Bus.

Cornelia Fuchs / print
kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(