HOME

George W. Bush: Die Bush-Dynastie

Sie sind mächtiger als die Rockefellers oder die Kennedys. Mit seiner zweiten Amtszeit hat ausgerechnet der langjährige Nichtsnutz George W. die Bushs zu Amerikas erfolgreichstem Clan gemacht.

Es war ein Spätsommerabend im September, im Madison Square Garden von New York, als sich die Augen des 80-jährigen Altpräsidenten George H. W. Bush mit Tränen füllten. Er saß in der Ehrenloge, an der Seite seiner Frau Barbara, und blickte in die Menge, die seinem Sohn zujubelte wie einem Messias. Die Republikaner hatten Präsident George W. Bush gerade für die Wahl nominiert, und nun stand im Konfettiregen sein erstgeborener Sohn, den er als Familienclown und Playboy, als Großmaul und Trinker, als erfolglosen Geschäftsmann und wieder- geborenen Christen erlebt hatte. Der Alte griff nach der Hand seiner Frau und sagte: "Kannst du es glauben? Er ist Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika."

George W. war schon

seit dreieinhalb Jahren Präsident. Er hatte die Steuern drastisch gesenkt, die sein Vater nicht senken konnte, und den Diktator Saddam Hussein gestürzt, den sein Vater nicht zu stürzen wagte, und einen Krieg fast im Alleingang geführt, den "der alte Mann", wie George W. seinen Vater nennt, so nie geführt hätte. Doch noch immer schien der Alte, der Kosmopolit aus dem liberalen Nordosten, es nicht glauben zu können: Da bekleidete einer das wichtigste Amt der Welt, der eine Aversion hat gegen Kosmopoliten wie ihn, der so breit und fehlerhaft spricht wie ein texanischer Rancher, der 40 Jahre seines Lebens in der Kindheit verbrachte, weil ihm die Spielwiese besser gefiel als die Realität. "Es ist so", sagte Bush senior einmal, "als wenn du fürchtest, dein Kind fällt durch alle Prüfungen - und dann kommt es mit lauter Einsen nach Hause."

Dieser Satz des Alten gibt einen Einblick in ein Vater-Sohn-Verhältnis, das von tiefen Enttäuschungen und unermesslichem Stolz geprägt ist. In eine Familie, die sich als perfekt begreift, aber von Sexskandalen über Drogenexzesse bis zu tragischen Todesfällen alles durchgemacht hat. In eine Dynastie, die Hochmut und Glamour verabscheut, aber mächtiger ist als all die Familien, mit denen sie entfernt verwandt ist, mit den Washingtons und Lincolns, den Roosevelts und Kerrys und sogar den Windsors des britischen Königshauses.

In nur drei Generationen haben die Bushs zwei Präsidenten hervorgebracht, einen Vizepräsidenten, einen CIA-Direktor, zwei Gouverneure, einen Senator und einen Botschafter. Sie werden, am Ende der nun beginnenden Amtszeit von George W., fast ein Vierteljahrhundert im Weißen Haus verbracht haben. Mit jeder Generation wurden sie ehrgeiziger und konservativer und volksnäher, und sie breiteten ihr Netzwerk über alle Bundesstaaten aus. Die Kennedys mögen mehr Glanz ausgestrahlt haben, regierten im Weißen Haus aber nicht mal drei Jahre. Die Rockefellers mögen wohlhabender gewesen sein, waren aber politisch unbedeutender. Das Ausland mag sich grämen und die Hälfte der Amerikaner verzweifeln, doch nach der Wiederwahl von George W. führt kein Weg vorbei an der Erkenntnis: Die Bushs sind die erfolgreichste Dynastie in der Geschichte Amerikas.

Der Mann, der das womöglich hätte verhindern können, sitzt in einem französischen Restaurant in Manhattan. Doug Wead ist ein guter Freund der Familie. Er arbeitete als Berater für den alten Bush und für dessen Sohn. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein frisch gedrucktes Exemplar seines neuen Buches "The Raising of a President", eine detaillierte Abhandlung über die Eltern der US-Präsidenten. Wead sagt: "Mein Verleger glaubt, dass ich mindestens eine Million Dollar verloren habe, weil das Buch nicht vor der Wahl auf dem Markt war. Aber ich wollte W. nicht schaden." Doug Wead schlägt Seite 305 auf. Der Präsident, steht da, habe in jungen Jahren seine Erfahrungen mit Kokain gemacht und noch während des Wahlkampfes 2000 befürchtet, seine Gegner könnten die Geschichte ausgraben. Wead bezieht sich auf seine Gespräche mit Bush junior, mit anderen Vertrauten und Freunden des Präsidenten, die dem rieten: "Mach reinen Tisch." Aber George W. blieb stur. Und gewann.

Doug Wead ist wie George W. ein fundamentalistischer Christ, er ist seriös und historisch bewandert, er recherchierte 15 Jahre für sein erstes Buch. Vor allem aber kennt er Bush hervorragend, bezeichnet ihn als Freund. Warum dann diese Enthüllung? "Weil es zu Georges Geschichte gehört." Einer Geschichte, die davon handelt, wie der Junior dem Senior nacheifert und überall, von der Elite-High-School Andover über Yale, dann in Texas bis hin ins Weiße Haus, dem Schatten des scheinbar übermächtigen Vaters nachjagt. Wie Bush, ähnlich vielen Präsidentenkindern zuvor, an diesem Erbe zu zerbrechen scheint. Und wie er schließlich, so interpretiert es Wead, durch Kokain Befreiung findet: "Du nimmst das Zeug einmal und weißt in diesem Moment genau: Hiermit ist deine politische Karriere ruiniert. Der Druck war weg, die Erbfolge gebrochen, George W. konnte relaxen." Es ist eine wagemutige These.

Wead zerteilt sein Steak. Er denkt lange nach. "Selbst diese Geschichte spricht für George", sagt er. "Es ist ein Triumph. Er hat den Fluch gebrochen. Er hat seinen Vater erst eingeholt und nun sogar überholt. Mich hat das nie überrascht. Er ist ein strategisches Genie, er ist, lachen Sie nicht, brillant und zugleich verkannt." Was er nicht alles schon über Bush gelesen habe, "jeder denkt, Karl Rove ziehe die Strippen oder Dick Cheney". Doug Wead lacht. "Oh boy, was für ein Unsinn. Es ist alles Bush. Alles."

George W. Bush, Jahrgang 1946

, breites Kreuz, loses Mundwerk, schien am wenigsten geeignet zu sein, seinem erfolgreichen Vater zu folgen. Sein Bruder Marvin nennt ihn den Familienclown, sein Bruder Jeb sieht in ihm einen "rabaukenhaften jungen Kerl". "Ich bin das schwarze Schaf der Familie", sagt er selbst einmal zu Queen Elizabeth II. Wenn George in die Kirche geht, grüßt er die Damen nicht höflich, sondern ruft: "Hey, kleine Lady, sexy siehste aus." Seine vier Geschwister beschützt er nicht, sondern lässt sie gern der Reihe nach antreten und schießt ihnen mit dem ungeladenen Luftgewehr in den Rücken. Es scheint ihm Vergnügen zu bereiten, all die Werte, die der Familie heilig sind - Anstand, Höflichkeit, Bescheidenheit - zu demontieren.

Georges Verhalten, so vermuten Freunde, könnte mit dem frühen Tod seiner Schwester zusammenhängen. Die dreijährige Robin starb 1953 an Leukämie. "Ich war in der zweiten Klasse, und ich sehe noch immer vor mir, wie meine Eltern den Wagen parken", sagte er der "Washington Post". "Ich erinnere mich daran, dass ich zum Auto schaute und glaubte, ich würde Robin auf dem Sitz sehen, aber sie war nicht mehr da." Eine tiefe Traurigkeit kehrt ein ins Haus in Midland. So unerträglich für George, dass er sie mit Clownerien zu durchbrechen sucht.

Von Anfang an fördern die Eltern den Konkurrenzkampf unter den Geschwistern. Sie gehen nicht einfach Schwimmen, sondern schwimmen immer gleich um die Wette. Sie spielen nicht Backgammon, sondern nutzen es als Schlachtfeld. Einmal schließt sich Jeb für eine Stunde in der Sauna ein, um als Belohnung fünf Dollar von seinem Bruder Neil zu erhalten. Als der ihm das Honorar verweigert, verprügelt er ihn. "Wir haben ständig Wettbewerbe ausgetragen", erzählte der alte Bush dem "Miami Herald". "Wir schlugen Tennisbälle in die Luft, und wer die meisten fing, bekam ein paar Cent." Später jonglieren die Bush-Jungen mit Firmen statt mit Tennisbällen, aus Cents werden Millionen, und die Frage ist nur noch, wer von ihnen am meisten Millionen fängt.

Wenn einer sich anschickt, den Vater zu beerben, ist dies Jeb, Georges fast sieben Jahre jüngerer Bruder, heute Gouverneur Floridas. Jeb ist eine Kopie des Alten, reserviert, ernst, ehrgeizig, intellektuell. "George mag das anfechten, aber Jeb und Marvin sind die klügsten unter uns Jungen", sagt Neil, der Zweitälteste. George merkt, dass sein Vater Jeb alles zutraut, seinem Ältesten dagegen nichts. "Können Sie sich vorstellen, wie sehr es wehtut zu wissen, dass Papas Vorstellung eines perfekten Sohnes Al Gore war?", bekannte er vor Jahren. Gore war sein Gegner im Kampf um die Präsidentschaft 2000, ein distinguierter Senatoren-Sohn, der stundenlang kenntnisreich über die amerikanisch-taiwanesischen Beziehungen oder die verheerenden Wirkungen von Fluorkohlenwasserstoff auf das Klima parlieren konnte.

"W. war immer ein netter Junge"

, erzählt Robert Mosbacher, ein enger Freund der Familie. "Seine Eltern haben ihn immer geliebt. Aber er schien das Leben nicht sehr ernst zu nehmen. Jeb war der mit den politischen Ambitionen." Mosbacher sitzt im Büro seiner Firma hoch über Houston, der Ölmetropole des Südens. An der Wand hängen Fotos von ihm mit König Juan Carlos und Lech Walesa und dem alten Bush, dessen Handelsminister er vor 15 Jahren war. Einmal in der Woche spielen die beiden Golf und reden dann über ihre Söhne und die Politik. "Ich halte W. für einen großen Präsidenten", sagt Mosbacher. "Er folgt seiner Intuition und lässt sich von Kritik nicht beeindrucken. Wo gibt es solche Politiker heute noch?"

So war er schon immer. George hört Country-Musik, als alle anderen die Stones hören, kaut Tabak, der ihm als braune Soße aus den Mundwinkeln läuft, als alle anderen, auch sein Bruder Jeb, sich Joints drehen. Der Einzige, der nicht in Texas zur Welt kam, sondern an der Ostküste Neuenglands, wird texanischer als alle Kinder. Wenn Preise nach ihm benannt werden, dann höchstens einer wie der im Jahre 1977: für den am schlechtesten gekleideten Mann - mit seinen Cowboystiefeln aus Aalleder und alten Polyesterhosen.

"Es ist das Erstgeborenensyndrom", sagt Bushs enger Freund Joseph O'Neill. "Du willst die hohen Erwartungen des Vaters erfüllen, aber auch deinen eigenen Weg gehen, also trittst und schreist du dich auf denselben Weg, den dein Vater nahm. George wusste seine Energie nicht lange zu kanalisieren."

Das alles ändert sich 1988 mit der Wahl seines Vaters zum 41. Präsidenten der USA. George, der zwei Jahre zuvor dem Alkohol abgeschworen und zu Jesus gefunden hat, mobilisiert mit Erfolg die Christliche Rechte. Er ist der Frontkämpfer, der Papa beschützt und Spaß findet an politischen Intrigen. "Es hat ihn abgehärtet", befindet sein Vater später.

Die Wahl George Herbert Walkers

zum Präsidenten ist der vorläufige Höhepunkt der Familiengeschichte. Um präzise zu sein: zweier Familien, der Walkers und der Bushs. Nachfahren schottischer und englischer Einwanderer, die im 17. Jahrhundert in Neuengland ankamen und es im Laufe der Generationen zu Wohlstand brachten. Die Walkers machten ihr Vermögen mit Finanz- und Handelsgeschäften in Missouri, die Bushs mit Stahlwerken und Eisenbahnbau in Ohio. Die Wege der beiden Sippen kreuzten sich in Kennebunkport, Maine. Prescott Sheldon Bush, Großvater des heutigen Präsidenten, lernt Dorothy Walker kennen, Tochter des Finanzmagnaten George Herbert Walker. Sie heiraten 1921, bekommen fünf Kinder und taufen ihren zweiten Sohn auf den Namen George Herbert Walker Bush. Dorothy ist eine starke Frau und hervorragende Sportlerin. Sie wächst auf in einem strengen Elternhaus, und wenn ihre Brüder streiten, holt Vater Herbert die Boxhandschuhe und lässt sie sich prügeln; manchmal steigt der Alte sogar selbst in den Ring und haut die eigenen Söhne um.

So wird Zwist geregelt im Hause Walker. Ähnliches gilt bei Familie Bush im feinen Greenwich, Connecticut. Wenn andere Mütter in der Nachbarschaft sich sorgen, dass die Kinder nicht so hoch auf Bäume klettern sollten, ermuntert Dorothy ihre Söhne sogar dazu. Ohne Risiko wirst du nichts im Leben.

Der junge George Herbert Walker Bush entwickelt sich zu einem formidablen Sportler, aber wenn er beim Baseball wieder mal einen Home-Run geschlagen hat, fragt die Mutter nur: "Das ist schön, aber wie war dein Team?" Dorothy verabscheut Protz und Prahlerei. Sie will nicht sein wie die Kennedys, die extrovertierte Aufsteiger-Familie, die sich seit den 40er Jahren anschickt, nicht nur auf fragwürdige Weise reich, sondern auch einflussreich zu werden. Sie will das Gegenteil - die Walker-Bushs sind die Un-Kennedys.

Gern zitiert Dorothy Bush ein Gedicht von Emily Dickinson: "Ich bin Niemand, wer bist du?" Es ist die Mahnung zur Zurückhaltung und wird so etwas wie ein Credo der Familie. Die Chronisten werden sich Jahrzehnte später fragen, warum US-Präsident G. H. Bush merkwürdig gestelzt redet und selten die Wörter "ich" und "mein" benutzt. Sie wurden im Hause Bush nicht gern gehört. "Es gibt mehrere Säulen im Familienkodex der Bushs", sagt der Autor Peter Schweizer, der die Familiengeschichte recherchierte. "Der Wettkampfgedanke, unbedingte Loyalität und: nie auf andere hinabschauen." Einmal, George W. Bush ist noch ein Kind, rutscht ihm das Wort "Nigger" raus. Mutter Barbara wäscht ihm daraufhin den Mund mit Seife aus.

Fitzgerald Bemiss ist ein Kindheitsfreund von George Herbert Walker Bush. Ihre Väter kannten sich schon gut, die Söhne spielten im Sommer zusammen in der Residenz "Walkers Point" in Kennebunkport. Bemiss, 82 Jahre und Patenonkel von Marvin Bush, zeigt auf Fotos von ihm und dem alten Bush. Er weiß noch sehr genau, wie sein Freund erst Barbara kennen und lieben lernt, in den Zweiten Weltkrieg zieht, als hoch dekorierter Navy-Pilot zurückkehrt, in Yale studiert und dann eine Tradition fortführt: "Verlass dich nicht auf die Eltern, suche dein Glück in der Ferne, arbeite hart, mach Geld, ehe du überhaupt an die Politik zu denken wagst."

Dieses Grundmuster wird von Generation zu Generation vererbt. Dorothys Gatte Prescott Sheldon Bush, Großvater des heutigen Präsidenten, macht an der Wall Street sein Geld - erst dann kandidiert er für den Senat. George Herbert Walker Bush wird mit Ölgeschäften in Texas reich - erst dann wechselt er das Fach. Sein Sohn Jeb Bush verdient Millionen mit Immobilien in Florida - erst dann geht er in die Politik. Es ist unausgesprochenes Familiengesetz.

Lediglich George W. passt nicht in diese Erblinie. Er mäandert durchs Leben. Gewiss, er hat dem Vater mit zum Wahlsieg 1988 verholfen. Er hat mit Laura eine intelligente Frau geheiratet und mit Barbara und Jenna zwei Töchter, die er abgöttisch liebt. Er könnte im Windschatten seines Vaters Karriere machen. Die Eltern würden politische Ambitionen ihres Erstgeborenen ohnehin nicht ernst nehmen. "George stand unter unglaublichem Druck", sagt Doug Wead. "Generation um Generation der Familie verließen das Haus, nahmen keinen Cent von den Eltern und wurden reich. W. kannte diese Geschichten, und er sah auch seinen erfolgreichen Bruder Jeb. Der erste Schritt für einen Bush ist, Millionär zu werden. Und das ist nur Schritt eins."

George W. Bush nabelt sich ab und zieht nach Texas. Er gibt den Anti-Bush. Er trägt Stiefel und Stetson statt Maßanzug, gibt sich als bibelfesten Hardliner statt moderat konservativ. Er kehrt nicht mal nach Washington zurück, als sein Vater zur Wiederwahl 1992 antritt. Er ist nur leidlich erfolgreich im Öl- Geschäft. Schon als "J. R.", wie ihn sein Bruder Marvin ruft, in Texas seine erste Ölfirma Arbusto gründet, helfen ihm Geschäftskollegen des Vaters und von Onkel Jonathan. Als er - tief in finanziellen Schwierigkeiten - Anteile der Firma zu verdächtig guten Konditionen an Harken Oil&Gas verkauft, sagt deren Gründer Phil Kendrick: "Sein Name ist George Bush. Das ist das Geld wert, das er bekommen hat." Schließlich erwirbt George mit Geld von Freunden Anteile an der Baseball-Mannschaft Texas Rangers. Verkauft sie später mit hohem Gewinn. Und ist plötzlich Multimillionär.

Er beschließt, Schritt zwei, für den Posten des Gouverneurs von Texas zu kandidieren und verlässt sich auf den Einfluss seines Vaters und die Spenden- freudigkeit seiner Freunde, ohne die er nie eine Chance besessen hätte. "In einem großen Medienstaat wie Texas ist der Name wichtig, keine Frage", sagte Bush. "Ich hab ihn." Bruder Jeb will zur gleichen Zeit in Florida antreten, und jeder in der Familie sieht in ihm den kommenden Polit-Star des Clans.

George W. Bush gewinnt überraschend

, Jeb verliert. Am Abend ruft ihn der Vater an, und als er aufhängt, schüttelt W. den Kopf: "Er hat mehr über Jebs Niederlage als über meinen Sieg geredet." In den folgenden Jahren wird er auf seine Art Revanche nehmen. Er macht so gut wie alles anders als der Senior. Er ist volksnah, kompromisslos und extrem konservativ. Während des Wahlkampfes in Texas plädiert er dafür, selbst Kleinkriminelle wegzusperren, auch wenn die Gefängnisse bersten. "Zelte", sagt er, "die Antwort sind Zelte." Als ihn jemand darauf hinweist, dass Zelte schnell abbrennen können, kontert Bush: "Hey, dann steckt Brandstifter in Asbestzelte." Das gefällt in Texas. Das gefällt überall im Kernland Amerikas. Bush fährt auf dem Texas-Ticket. Er ist der Gegenentwurf zum Vater. Überfällt, ohne den Rat des Alten einzuholen, den Irak, und George Herbert Walker sitzt zu Hause und fragt sich: "Aber haben sie eine Exit-Strategie?"

Doug Wead ist noch heute davon überzeugt, dass der Irak-Krieg in doppelter Hinsicht ein Rachefeldzug war. Gegen Saddam Hussein und gegen den Vater. "Die Terroristen hatten versucht, mit einem der Flugzeuge das Weiße Haus zu treffen und seine Frau zu töten", sagt Wead. "Ich kenne George. Er ist definiert durch seinen Vater, seine Frau und seine Töchter. Das ist sicher der Hauptgrund, warum er Hussein loswerden wollte." Aber selbst als Präsident, selbst nach dem 11. September, ringt er noch um die Anerkennung der Eltern. Der Alte und Mutter Barbara nennen ihn "Quincy" - eine Anspielung auf den Präsidenten John Quincy Adams, der ebenfalls seinem Vater ins Amt folgte und nicht wieder gewählt wurde. Am 2. November 2004 bricht George W. auch diesen Fluch und besiegt, wie Wead das nennt, die Geister der Vergangenheit.

George W. mag viel von dem besitzen, was ein Politiker braucht: Instinkt, Härte und Herzlichkeit. Doch ohne die Kontakte des alten Bush wäre er nie im Weißen Haus gelandet. "Die Bushs haben Verbindungen zum Geheimdienst, in die Finanzwelt, Öl- und Rüstungsindustrie, und nun unter George W. sogar zur Christlichen Rechten. Ihre Macht ist zu einem ernsten Problem für unser Land geworden", sagt Kevin Phillips, Bestsellerautor des Buches "American Dynasty". "Das sind Ausmaße wie bei europäischen Königshäusern des 19. Jahrhunderts."

Denn auch die anderen Söhne profitieren immer wieder von den Kontakten ihres Vaters: Kaum ist Jeb in Florida angekommen, steigt er ins Immobiliengeschäft ein und baut Kontakte zu vermögenden Exil-Kubanern mit CIA-Connections auf - sein Vater war einst Chef des US-Geheimdienstes. Neil erhält einen Millionen-Kredit aus einem Förderprogramm der Regierung für sein Unter- nehmen Apex-Energy. Als er dennoch scheitert, bekommt er sofort ein Job-Angebot von Bill Daniels, einem Kabelfernsehunternehmer und Unterstützer des alten Bush. Marvin geht an die Wall Street, macht bei Konzernen wie Del Monte Millionen und nutzt nach dem ersten Golfkrieg den Ruf des Vaters in Kuwait. Er wird Teilhaber der Investmentfirma KuwAm und pflegt beste Beziehungen zu Scheich Al-Nahyan in den Vereinigten Arabischen Emiraten und zu Saudi-Arabiens Handelskammer.

Nicht alles aber läuft reibungslos, doch das Image der Familie nimmt selten Schaden. Marvin verlässt seinen Posten im Aufsichtsrat bei Del Monte, als Korruptionsvorwürfe publik werden. Neil ist Direktor von Silverado Banking in Denver, dessen Zusammenbruch die US-Steuerzahler eine Milliarde Dollar kostet und Ermittlungen eines Untersuchungsausschusses nach sich zieht. Kumpel des Alten springen ein, um Neils gigantische Anwaltskosten zu übernehmen.

Neil, den seine Geschwister "Mr. Perfect" nennen, wird häufiger zur Belastung für den Clan. Im November 2003 stellt sich heraus, dass er von dem chinesischen Chiphersteller Grace Semiconductor Manufacturing zwei Millionen Dollar erhalten soll für eine sporadische Beratertätigkeit. Als sich Neil im März 2002 von seiner Frau Sharon trennt, kommen während der Gerichtsverhandlung peinliche Details ans Tageslicht. Sharons Anwalt befragt ihn nach Sex mit Huren in Asien, und folgender Dialog entspinnt sich: "Ich hatte Geschlechtsverkehr mit vielleicht drei oder vieren, die genaue Zahl erinnere ich nicht", sagt Neil. "Und sie waren noch mit Frau Bush verheiratet?" "Ja." "Haben Sie sich dort die Geschlechtskrankheit geholt?" "Nein." "Wie viele Geschlechtskrankheiten hatten sie noch mal?" "Eine." "Und das war?" "Herpes." "Haben Sie für den Sex bezahlt?" "Nein, hab ich nicht." "Einfach in einem Sushi-Haus aufgegabelt, was?" "Nein, wenn ich mich recht erinnere, kamen sie in mein Zimmer."

Die amerikanischen Medien halten sich in der Berichterstattung der Skandale und Peinlichkeiten zurück, ganz so, als gehorchten sie der Losung Barbara Bushs: "Kritisiert meine Kinder nicht - oder ihr seid tot", sagte sie mal, halb im Ernst. Als Noelle Bush, die Tochter Jebs, durch exzessiven Drogenkonsum auffällt, mit einem Klumpen Crack im Schuh gefasst und zweimal inhaftiert wird, bleibt es erstaunlich ruhig. Ihre Mutter wird beim Schmuggeln französischer Waren im Wert von 19 000 Dollar erwischt. Selbst Laura Bush, die im traditionell-konservativen Rollenverständnis nur als brave Ehefrau und Mutter auftritt, hat ein dunkles Kapitel in ihrer Lebensgeschichte. Sie ist 17, als sie in ihrem Chevrolet ein Stoppzeichen übersieht und in einen anderen Wagen hineinfährt, den ihr guter Freund Mike Douglas steuert. Er bricht sich das Genick und stirbt noch am Unfallort. Laura Bush wird nie angeklagt.

"Wir sind eine perfekte Familie"

, sagt Barbara Bush. Mindestens einmal im Jahr, wie jetzt zur Inauguration, finden sich alle zum großen Familientreffen ein. Wenn George Herbert Walker, 41. Präsident der USA, und sein Sohn, 43. Präsident, bei solchen Anlässen aufeinandertreffen, reden sie sich mit "41" und "43" an. Und natürlich beraten die beiden gelegentlich auch die Thronfolge, und natürlich kommen sie auf Jebs smarten Sohn George Prescott zu sprechen. Er sei der kommende Star der Familie, sagt W. über ihn. Er habe alles, Intelligenz, Humor, eine hispanische Mutter, einen Wohnsitz in Texas, das Aussehen, er sei die republikanische Antwort auf Ricky Martin. Für George P. haben "41" und "43" auch schon einen Spitznamen: Sie nennen ihn nur "44".

Michael Streck / print