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Hillary Clinton: Die andere Geschichte

Hart und distanziert, verbissen und skrupellos. So wirkt sie. Aber so ist sie nicht. Sie traut sich nur nicht, diese Maske abzulegen und sich so zu geben, wie sie wirklich ist, sagen ihre besten freunde. Dann hätte sie noch eine Chance, Amerikas erste Präsidentin zu werden. Nächste Woche zieht sie in Pennsylvania in ihre wohl letzte Schlacht.

Von Jan Christoph Wiechmann

Am 411. Tag dieses schier endlosen Wahlkampfes, an dem man sie wieder mal mit Lady Macbeth vergleicht und Jeanne d’Arc und einem Drachen und einer Gefriertruhe, kegelt Hillary Clinton eine Apfelsine über den Gang ihrer Boeing 737. Die Maschine ist schon auf dem Weg zur Startbahn, aber Clinton setzt sich einfach nicht. Sie will jetzt kegeln. Ihre erste Apfelsine schafft es nur bis Reihe sechs, die nächste aber schon weiter, und für einen kurzen Moment blickt sie wie eine stolze Amazone. Oder wie ein glückliches Kind. "Nicht schlecht, was?", ruft sie den Journalisten in der Economy Class zu. Sie lacht jenes laute kehlige Lachen, das die Medien so ausgiebig analysiert haben wie ihre Falten und Tränen, so ausgiebig, wie sie es nie bei Barack Obama taten oder bei Saddams Massenvernichtungswaffen. Aber die Reporter reagieren nicht. Sie fragen sich, was Hillary ihnen nun wieder beweisen will. Sich mal cool zeigen wie Obama? Oder locker wie Bill? Oder wieder nur omnipotent, wie Hillary eben? Vielleicht will Hillary Rodham Clinton nach 411 Tagen Wahlkampf einfach mal Spaß haben, aber so viel Arglosigkeit traut ihr keiner zu.

An Bord ihres Wahlkampfjets herrscht eine sarkastische Stimmung, getragen von einer geifernden Lust an ihrem Untergang. In Reihe 24 haben sich Kameramänner Zettel ans Gepäckfach geklebt. "Viel Glück, Obama" steht auf einem. "Ich bin euer Mann" auf einem anderen, der Hillary mit Schnauzbart zeigt. Die Reporterin von "USA Today" gesteht, auf "Deathwatch" zu sein, angeheuert für einen Nachruf auf die zähe Kriegerin. Aber das waren Reporter schon im Februar und März, und jedes Mal ist Hillary Clinton wieder auferstanden, wie es in Amerika nur zwei können: Hannibal Lecter und Ehemann Bill. Für die Medien ist sie im Vergleich zu Obama die verbrauchte Story, die beladene Frau, der lästige Link ins 20. Jahrhundert. Auch auf den Versammlungen Obamas hört man diese Stimmen und noch andere: Klug sei sie, aber falsch. Taff, aber eiskalt, eine Lügnerin, eine Maschine, ein Weib aus Stahl. Es passt eine Menge hinein in das Zerrbild der Hillary Clinton. Vielleicht etwas zu viel, um Präsidentin zu werden.

Wer ist die Kandidatin wirklich?

Nach der Landung in Dallas besucht sie ein Lokal in einem Armenviertel. Von den Wänden blättert die Farbe, auf den Tellern schwimmen Fleischklöße, in den Gesichtern steht die Blässe der Rezession. Je länger der Wahlkampf dauert, desto häufiger trifft man Hillary dort an, wo der amerikanische Traum versandet. Sie geht von Tisch zu Tisch und sammelt jene Geschichten ein, die sie später auf den Bühnen wieder auspacken wird, von hohen Benzinpreisen, kranken Kindern und gefallenen Soldaten. Sie sagt den Menschen, dass sie im Weißen Haus jeden Abend an sie denken wird, und fast möchte man ihr glauben. Eine Frau reicht ihr ein Baby, ein gutes Foto, aber Clinton stemmt es in die Luft wie einen Pokal. Eine andere Frau, die ihr Haus verlor, ist den Tränen nah, sie brauchte jetzt etwas Trost, eine Umarmung, aber Clinton antwortet mit einer Statistik, sie umarmt lieber mit Zahlen. Sie hat es in diesem Wahlkampf als volksnahe Evita versucht, als fightender Rocky, als eiserne Maggie Thatcher. Vielleicht ist auch das etwas viel, um Präsidentin zu werden, vor allem, wenn Obama nur eines ist: ein Messias.

Je länger man sie erlebt in diesen 14 Monaten, desto mehr fragt man sich: Wer ist die Kandidatin wirklich? Anders als bei Obama weiß man ungefähr, wofür sie steht, aber nicht, wer sie ist. So suchten sich alle ihre Wahrheiten über eine Person, die sie 20 Jahre analysiert, aber nie durchschaut haben. Und jetzt, das ist die Tragik ihrer Geschichte, ist es vielleicht zu spät. Es ist ein bewölkter Mittwoch in Downtown Chicago. Betsy Ebeling trägt eine dicke Jacke, sie hat dichte silberne Haare und führt mit großen Schritten durch den rußbedeckten Schnee wie ein Sherpa. "Weiter, Sweetheart, immer weiter", ruft sie. Betsy Ebeling ist Hillarys beste Freundin, seit 50 Jahren kennen sie sich. Hier am Lake Michigan ging sie auf ihre ersten Expeditionen mit "Hill", einer damals strebsamen Republikanertochter mit dicken Brillengläsern und abgetragenen Kleidern. Gemeinsam besuchten sie die South Side, wo sie zum ersten Mal Schwarze aus der Nähe erlebten - und ihr politisches Erwachen. "Ist es nicht ironisch", sagt Betsy Ebeling. "Dort lebt heute Obama."

Übersichtlich und geordnet

Betsy und Hill wuchsen 30 Kilometer nördlich auf, in der Vorstadt Park Ridge, wo die Straßen angelegt waren wie ihr Leben: übersichtlich und geordnet, als Gegenentwurf zum Chaos der Großstadt. Die Väter gingen zur Arbeit, die Mütter blieben zu Hause, und die Kinder gediehen in der Behaglichkeit der 50er Jahre. "Da sucht man schon mal nach Abenteuern", sagt Betsy Ebeling. Jetzt erwartet man ein paar Jungennamen, sie aber nennt: Martin Luther King und Pablo Picasso. Betsy Ebeling stoppt vor der Orchestra Hall. Hier hörten die Mädchen in einer Januarnacht 1963 heimlich Martin Luther King, der sie daran erinnerte, dass Amerika außerhalb von Park Ridge kein weißes Märchen war. Im Art Institute hingen die Freundinnen stundenlang vor einer Reproduktion "Guernicas", Picassos Gemälde der im Spanischen Bürgerkrieg zerstörten baskischen Stadt. Und es erinnerte sie daran, dass die Welt auch außerhalb Amerikas ziemlich grausam war. Später ist Hillary mit Bill nach Guernica gefahren. Nicht nach Paris, in die Stadt der Liebe. Sie fuhren nach Guernica. Vielleicht hat das etwas zu sagen.

Betsy Ebeling ist eine kleine, quirlige Frau, die jeden zweiten Satz mit "Sweetheart" abschließt. Sie hat alles mit Hillary durchgemacht, den ersten Freund, den Einzug ins Weiße Haus, Bills Ehebrüche, Hills Wahlsiege, diese Saga aus Absturz und Aufstieg, für die man schwindelfrei sein muss. "Manchmal setzen wir uns Hüte und Sonnenbrillen auf und ziehen unerkannt und gackernd durch die Stadt wie zwei Teenager." Hillary kann unbeschwert sein? - "Sehr unbeschwert, Sweetheart. Neulich waren wir in einem Hotel in Milwaukee bei einem Dinner der Demokraten. Hillary hatte ihre Rede gehalten und bat uns in ihre Suite. Als Obama sprach, legte sie die Füße hoch, öffnete ihr Lieblingsbier Blue Moon, und wir tratschten über Zeiten, als wir jung und albern waren." Mit der Geschichte will Betsy Ebeling Hill einen Gefallen tun und merkt nicht, welche Symbolik sie mitliefert: Während Obama von den Massen gefeiert wird, bleibt Clinton im kleinen Kreis. Obama schwärmt von der Zukunft - und Clinton von der Vergangenheit.

"The Hillary I know"-Tour

Betsy Ebeling arbeitet als Kulturreferentin bei der Stadt Chicago, aber in diesen Monaten ist sie unentwegt im Wahlkampf unterwegs. In Schulbussen fahren sie und 25 Klassenkameraden über Land und erzählen den Menschen, wie Hillary früher mit ihrer Mutter Farmarbeitern half und beim Küssen ohne Brille den Mund nicht fand. Sie versuchen, aus dem Zerrbild einer Kandidatin wieder einen Menschen zu formen. Sie nennen das "The Hillary I know"-Tour, weil Hillary selbst nicht so viel von sich erzählt. Die Hillary, die sie kennen, hatte es nicht immer leicht. Ihr Vater, ein Textilgroßhändler und dogmatischer Republikaner, konnte ein harter Hund sein. Wenn die Tochter mit guten Noten nach Hause kam, entgegnete er: "Dann kann die Schule ja nicht so schwer sein." Wenn sie einen Tanzkurs machen wollte: "Bringt bei dir doch nichts." Er duldete keine Schwäche und schon gar keine Revolution. Er gab ihr die Härte, um in der Männerwelt zu bestehen, aber auch die "Haut eines Elefanten", die sie vor zu viel Nähe bewahrt. Betsy sagt dies vorsichtig, und man weiß nicht, ob sie ihre Freundin schützen oder erklären will.

Ein einziges Mal in diesen Monaten ist Hillary Clinton kurz davor, über Kindheit und Leid zu sprechen. Sie steht auf der Bühne eines Gymnasiums in der Kleinstadt Council Bluffs an der Grenze zwischen Iowa und Nebraska. "Es war nicht immer einfach", sagt sie. "Nachts schaltete mein Vater die Heizung ab, um Geld zu sparen. Die Bücher für mein Studium musste ich selber bezahlen." In solchen Momenten hängen die Menschen an ihren Lippen. Sie könnte noch erzählen, dass der Vater sich aufführte wie ein kleiner Diktator, dass er Gefühle nicht duldete und es ihr deswegen so schwer fällt, sie heute zuzulassen. Es wären zarte Andeutungen, und manchmal möchten ihre Freundinnen sie schütteln und sagen: Ja, erzähle vom Leiden, lass dich mal fallen, lass dich umarmen. Nicht von uns. Von Amerika. Die Frauen in Clintons Wahlkampfteam hatten genau dieses Ziel: Sie wollten den Menschen präsentieren, die Mutter, Tochter, Ehefrau. Die Männerfraktion hingegen wollte die Oberkommandierende betonen, die Frau, die es selbst mit einem Kriegshelden wie John McCain aufnehmen kann. Vielleicht hätte sich Hillary rechtzeitig entscheiden müssen.

"Als Frau musst du doppelt so taff sein"

Erst gegen Mitternacht, wenn sie in fremde Hotelzimmer einkehrt, kommt sie zu sich selbst. Da sitzt sie auf ihrem Bett, daneben ein Wasser, Obst und extra scharfe Peperoni, die sie wach halten, und schreibt auf ihrem Blackberry Botschaften an die Freundinnen, abgeschickt um 1.36 Uhr oder 5.22 Uhr. Wer diese Botschaften bekommt, erlebt eine andere Hillary, voller Humor, Sarkasmus, auch Sehnsucht: "Schreibt mir bitte. Ich brauche das." Und Betsy schreibt: "Wir kriegen eine Mondfinsternis. Laut chinesischem Glauben frisst der Drache den Mond, das bringt dir Glück." "Ich dachte, der Drache bin ich", antwortet Hillary, "aber ich erinnere mich nicht, auch noch den Mond gefressen zu haben." Und eine weitere Nummer taucht ständig auf ihrem Display auf, die Vorwahl 415 für San Francisco mit Botschaften wie: "Du sahst prächtig aus heute Abend." "Gehe mit deinem Herzen voran." 40 Kilometer nördlich von San Francisco verfolgt Susie Tompkins Buell, eine schmale Frau mit einem Friedenstattoo auf der Wade, den Wahlkampf im Fernsehen. "Zeig mehr Gefühle", schreibt sie Hillary. Oft kommt die Antwort postwendend. "Ich versuche es ja, aber es ist so schwer. Das legt man einer Frau gleich als Schwäche aus. Es ist so eine Doppelmoral. Gesegnet sei dein Herz, Schwester."

Einen Tag vor den Vorwahlen in New Hampshire fragte eine Wählerin Hillary, wie sie das alles verkrafte. Da wurden ihre Augen wässrig. Die Medien verbrachten Tage damit zu bewerten, ob es Tränen waren oder nur ein Schimmer, ob echte Gefühle oder die Waffen einer Frau. Wären Tränen geflossen, hätte man es als Nervenzusammenbruch gewertet, sagte Hillary zu Susie. "Als Frau musst du doppelt so taff sein." Wenn Hillary einmal Hillary sein will, fährt sie hinaus zu Susie, ihrer Freundin, der Gründerin des Modelabels Esprit. Über die Golden Gate Bridge, bis sie ins Fischernest Bolinas kommt, dort wo Amerika in den Pazifik rutscht. Sie steht um fünf Uhr auf und geht am Strand spazieren, sie kocht die einfachen Dinge, mit Olivenöl, Zitrone, Knoblauch. Sie setzt sich zu Susie und deren Ehemann Mark aufs Bett, und dann reden sie über alles, nur nicht über Hillary. "Sie ist ein sehr privater Mensch", sagt Susie Buell. "Sie hat es nie gelernt, über sich selbst zu sprechen", sagt Mark. Wie erklärt man eine Frau, die sich selbst nicht erklärt?

"Eine sehr weibliche, flirtende und kichernde Frau"

"Ich habe ihr am Strand gesagt: Hillary, du musst auch über deine Schmerzen sprechen", sagt Susie. "Sie haben dich erst zur starken Frau gemacht." Und? - "Ich glaube nicht, dass sie es verstanden hat." Das ist der Unterschied. "Ich rede nicht gern über mich", sagt Hillary, während Obama sein Leben ausbreitet wie einen großen amerikanischen Roman und schon darüber nachdenkt, ob Jamie Foxx ihn im Film spielen soll oder Denzel Washington. Susie Buell zeigt Privatfotos, die in ihrem Flur hängen: Hillary lachend, entspannt, im Sweatshirt, als Köchin. Darunter stehen kleine Widmungen: "Susie, du wärmst mein Herz jeden Tag, aber nirgends so sehr wie in Bolinas. Mit Liebe. Hillary." "Sie ist immer für uns da", sagt Susie Buell. "Ich hatte einen gutartigen Hirntumor, nichts Schlimmes, aber sie rief andauernd an, mitten im Wahlkampf und sagte: Ich denke an dich, Schwester." Es ist eine der Geschichten, die man immer wieder hört in diesen Monaten. Man fragt Wesley Clark, den ehemaligen Vier- Sterne-General, oder Madeleine Albright, die ehemalige Außenministerin, und bekommt überall Anekdoten von der warmherzigen Freundin. Das ist die wahre Hillary, sagen sie, aber auch sie wissen nicht, wo sie hängen geblieben ist auf dem Weg in Amerikas Wohnzimmer.

Susie Buell will die wahre Hillary noch etwas wahrer machen. "Sie kann richtig flirten", sagt sie, "darf ich das erzählen, Mark?" Ihr Mann nickt und erzählt es gleich selbst: "Auf Susies 60. Geburtstag habe ich Hillary einen Whiskey Sour zubereitet, und sie kippte ihn zügig. Mit dem zweiten Whiskey verwandelte sie sich in eine sehr weibliche, flirtende und kichernde Frau." Eine trinkende, flirtende Hillary. Das Bild steht für einen Moment im Raum, und Susie merkt, dass ihr Mann gerade etwas viel Wahrheit preisgegeben hat. "Aber das schlachten Sie doch nicht aus, oder?", fragt sie. Sie hat Angst, dass der Whiskey Sour die Präsidentschaft kostet. In Hillarys Nähe darf sie nicht mal ihre Friedenstaube um den Hals tragen, sonst könnten Medien Hillary als "Peacenick" stigmatisieren. Sagt’s und merkt, dass sie auch das nie hätte sagen dürfen. Montgomery County, Pennsylvania, im April. Wieder ein Finale, wieder muss Hillary Clinton die Vorwahlen gewinnen, und wieder spielen sie vor ihrem Auftritt Tom Pettys "American Girl" und Bruce Springsteens "The Rising" - die Auferstehung - und man fragt sich, wie oft sie noch auferstehen kann. Irgendwann wirken Comebacks wie bei Björn Borg. Oder Cher. Akte der Verzweiflung.

Das Schlachtfeld vor Augen

"Es ist schön, wieder zurück zu sein", ruft Clinton. "Hier wurde ich getauft." Bei ihren Auftritten in Pennsylvania erinnert sie das Publikum daran, dass ihre Familie aus Pennsylvania kommt. In Texas sagt sie, dass sie in Texas ihre ersten politischen Schritte machte, und in Arkansas, dass es ihr zweites Zuhause ist. Sie ist eigentlich überall zu Hause, die Frage ist, ob sie eine Heimat hat. Nach ihrer Kindheit in Park Ridge ging Hillary aufs Frauencollege Wellesley und wurde dort zu einem Kind der Sixties. Sie folgte Bill nach Arkansas, wo man sich mokierte, dass sie keine Schminke trug, und wurde dort zum Fashion Victim. Im Weißen Haus wollte sie Bills Co-Präsidentin sein und endete als traditionelle First Lady. Sie wurde Senatorin im liberalen New York und öffnete sich rechten Republikanern. Sie ist Amerika immer etwas näher gekommen, aber man ist sich nicht sicher, was am Ende noch von ihr geblieben ist. An diesem Tag muss sie angreifen. Obama ist ihr in den Umfragen in Pennsylvania auf den Leib gerückt. Im Moment spricht alles für ihn, er hat mehr Delegiertenstimmen, mehr Geld, er weiß die Parteigrößen hinter sich und auch den Lauf der Geschichte. Verliert sie Pennsylvania am 22. April, ist es aus, das weiß sie. Aber das spornt sie an. Der Druck. Der Rücken zur Wand. Das Schlachtfeld vor Augen. "Es geht um den härtesten Job der Welt", sagt sie. "Ich bin noch nie einer Schlacht aus dem Weg gegangen."

Einige Tage zuvor sagte ihr Freund, der Schauspieler Ted Danson: "Wenn ihr einer fies kommt, ist sie bereit, ihm ins Auge zu spucken." Das saß. Sie sieht Politik als Nahkampfsport. Sie würde Ahmadinedschad schon im Armdrücken besiegen. Sie sagt den Leuten, dass Obama nicht bereit ist für die Schlammschlacht der Republikaner. Sie benutzt keine andere Taktik als die Männer in der Politik, aber sie muss sich andere Wörter anhören: Drachen, Bitch. Als Hillary vier war und von einer Nachbarstochter geschlagen wurde, schickte ihre Mutter sie zurück: "Geh raus und wehr dich." Das tat Hillary. Sie schlug richtig zu. Dann war Ruhe. Seither hat sie das Schlachtfeld nicht mehr verlassen. Ihrer Mutter sagte sie damals: "Jetzt spielen auch die Jungs mit mir." Gespräche mit Hillary Clinton haben immer etwas von Unterrichtsstunden. Es war in einem kleinen Ort auf Long Island. Hillary hielt eine Rede über den Mut der Feuerwehrmänner. Es regnete in Strömen, sie suchte Zuflucht im Eingang einer Schule. Für einige Minuten war sie allein, umgeben nur von Bodyguards. Sie fragte nach der Krankenversicherung in Deutschland und zitierte Zahlen aus einer Studie zu deutschen Kohlendioxidemissionen. Man wartete darauf, dass sie einem gleich noch die Details von Hartz IV erklärt.

Aus der Nähe betrachtet, hat sie ein weiches Gesicht, in dem das Leben überraschend wenig Spuren hinterlassen hat. Ihr Mund ist klein, aber wenn sie lacht, überwältigt er ihr Gesicht. Ihre Augen sind wachsam, und manchmal wirkt es, als führten sie ein Eigenleben. Ihre Stimme war fast mütterlich, als sie sagte: "Wir kriegen das mit den Beziehungen unserer beiden Länder wieder hin." Sie lässt einen gern wissen, was sie alles weiß, und doch Schreibtisch. Nur ab und zu müsste das Volk ihr einen Zettel reichen wie früher ihre Lehrerin Miss King: "Well done, Hillary." Sie hat einfach das falsche Land abgekriegt. Wenn man ihre Rede oft genug hört, in Iowa, Texas, Pennsylvania, wird Deutschland zu einem Musterstaat. "Deutschland hat Hunderttausende Jobs im Solarsektor geschaffen", ruft sie. "Dabei hat es weniger Sonne als Pennsylvania." Fragt man sie, woher sie diese Zahl habe, sagt sie, das sei alles geprüft. Und Philadelphia habe mehr Sonnentage als Hannover. Man fragt, wie sie jetzt ausgerechnet auf Hannover kommt, aber da zieht sie schon weiter.

Sie wollen nur das Weib verhindern

Wahrscheinlich passt Hannovers Wert am besten in ihre Argumentation. Sie werkelt gern mal an der Wahrheit und wittert hinter jeder Kritik schnell eine rechte Kabale. Dafür, dass es nichts wird mit der Präsidentschaft, kämpft eine ganze Industrie von Hillary-Hassern, eine bizarre Allianz aus Kolumnisten und Radiomoderatoren, aus Kriegsgegnern und Republikanern. "Hillary ist der Teufel", drucken ihre Gegner auf Bierkrüge, Klopapier, Weihnachtsschmuck, auf mehr als 122.000 Merchandising-Produkte. Oder auch: "Bügel mein Hemd, Bitch." Die Rechten hassen, dass Hillary als First Lady nicht die Rolle der braven Ehefrau spielen wollte, und nach dem Lewinsky-Skandal hassten die Linken, dass sie die Rolle der braven Ehefrau spielte. Das ist die Tragik: Man verzeiht ihr, der Betrogenen, Monica Lewinsky nicht. Einer der Anführer sitzt in einem kleinen Büro im Westen von Austin, Texas. Robert Morrow ist 43, eigentlich Broker, aber seit drei Jahren widmet er sein Leben der Zerstörung Hillary Clintons, bis zu zehn Stunden täglich und umgeben von etwa 200 Büchern, Akten, Videos voller Ermittlungen, die er durchs Land schickt: Hillary ist eine Lesbe. Chelsea nicht die Tochter von Bill. Die ganze Familie in der Mafia.

Mit der Wahrheit hat dies nichts zu tun, aber darum geht es dem Republikaner nicht. Er sieht sich als Widerstandszelle. Überall im Land versorgen solche Zellen Radioshows und Blogs mit neuen Sensationen. Sie haben Scharen von männlichen Republikanern mobilisiert, die sich als Demokraten registrieren lassen und Obama wählen. Nicht dass sie Obama mögen, sie wollen nur das Weib verhindern. Sie ist die Frau, die diesen Männern mehr Angst einjagt als Osama bin Laden. Wenn man so will, war Ernest Ricketts der erste Mann in Hillarys Leben. Sie spielten schon im Sandkasten zusammen und auf der Straße, und zu den Tanzfeiern gingen sie später als Paar. Ricketts durfte neben ihr im elterlichen Cadillac sitzen, und Hillary gab ihm zu verstehen, dass es zu mehr als Händchenhalten nicht kommen würde. Ricketts sitzt mit fünf Klassenkameraden beim Italiener in Park Ridge. Es ist spät geworden, und mit jedem neuen Bier machen wilde Anekdoten die Runde. Und immer ist Hillary der besonnene Sheriff. Sie erzählen von einem Mädchen, das alle Aufgaben an sich riss, selbst den Zebrastreifenüberquerungsdienst. Sie beschreiben jene Mischung aus Intelligenz und Durchsetzungsvermögen, die Frauen schnell den Beinamen Eiserne einbringt. "Sie hatte eine große Stärke", sagt Ricketts, "sie kriegte immer die Jungen in den Griff."

Die Geheimnisse der Hillary

Er kommt wie Hillary aus einem konservativen Elternhaus und glaubt, diese Männerwelt gut zu kennen: "Sie wollen etwas zum Kuscheln, etwas Ungefährliches. Eigentlich gab es nur einen, der keine Angst vor ihr hatte - Bill." Bill Clinton sieht in diesen Wochen aus wie ein Mittelgewichtsboxer in der letzten Runde. Das Gesicht oft knallrot, die Augen ein Schlitz, Freunde machen sich Sorgen um sein krankes Herz. Er ist vom Sockel des Elder Statesman wieder hinabgestiegen in die Kanalisation des Wahlkampfes, und beobachtet man ihn dabei, sieht man einen, der dies liebt und sich gleichzeitig darin verliert. An diesem Donnerstag ist er in der Arbeiterstadt Reading, Pennsylvania, und vier weiteren Städten. Noch immer füllt er die Hallen, noch immer nimmt er die Zuschauer mit auf eine Expedition, er schlägt Schneisen durch den Dschungel der Politik, und wenn die Reise vorbei ist, fragen sie sich, wo die Zeit geblieben ist. Rastlos zieht er durchs Land und erzählt von seiner Liebe zur klügsten Frau, die er kennt, mit der er auch nachts um zwei noch über Energiegewinnung aus Zellulose spricht. In seiner Überschwänglichkeit wirkt er wie einer, der etwas gutzumachen hat.

Es ist eine Ehetragödie der besonderen Art: Die Clintons sahen sich immer als politisches Duo, als Co-Präsidenten, und immer ist es Bill, der besser dabei wegkommt. Er wurde ein erfolgreicher Präsident - und sie die gedemütigte First Lady. Er wird irgendwann den Friedensnobelpreis bekommen - und sie nur hämische Nachrufe. Es gibt viel Respekt für Hillary Clinton, aber keine wirkliche Begeisterung. Sie spricht Prosa, Obama Poesie. Sie sagt den Amerikanern: Die Zeiten sind hart, während Obama sagt: Aber ich bin großartig. Zu Obama kommen die Jünger, zu ihr die Opfer. Sie sieht sich eher als Dienstleister denn als Animateur. Sie ist einfach eine kluge, bissige, weitgereiste, fleißige Politikerin, wenn nötig auch skrupellos. "So ist unsere Hillary", sagt Mark Buell. "In einem ehrlichen Augenblick sagt sie dir: An der Westküste kommt das Thema Erderwärmung gut an, aber nicht im Herzen Amerikas. Sie prüft erst den Wind, bevor sie handelt." Die Erklärung dafür findet sich im Keller eines Einfamilienhauses in der Kleinstadt Madison, New Jersey. Professor Don Jones, 76, bittet an einen Tisch, über dem zwei Scheinwerfer strahlen. Er holt einen Stapel vergilbter Briefe hervor, die Hillary ihm über die Jahre geschrieben hat. "Hier sind sie", sagt er. "Die Geheimnisse der Hillary."

An sich selbst gescheitert

Jones ist so etwas wie der wichtigste Mann in Hillarys frühem Leben. Der Methodist kam als junger Pastor nach Park Ridge, er nahm Hillary mit in die schwarzen Stadtteile Chicagos, er machte sie vertraut mit deutscher Sozialethik, mit den Theologen Bonhoeffer, Tillich, Niebuhr. Professor Jones öffnet einen Brief vom 6. November 1965 und liest vor: "Die Kombination eines linken Herzens und konservativen Geists ist interessant. Ich sehe es als unmittelbare Lösung, zu der ich nach langer Auseinandersetzung komme. Die Menschheit weigert sich zu akzeptieren, dass es Schattierungen von Konservatismus und Liberalismus gibt, die man sich sehr wohl anheften kann." Jones blickt auf, und ein wenig Triumph liegt in den alten Augen. "Hier ist die frühe Hillary, die immer schon im politischen Zentrum stand", sagt er. "Es ist zynisch, ihr Abwägen als opportunistisch zu bezeichnen. Politik war für sie immer schon die Kunst des Kompromisses. Sie ist geprägt von dem sehr konservativen Vater einerseits und ihrer großherzigen Mutter, die als armes Waisenkind aufwuchs."

Eine starke Geschichte, aber Hillary erzählt sie nicht. Dabei verkörpert sie so etwas wie die Seele Amerikas. In ihr verschmelzen die zwei Eigenschaften, die das Land kennzeichnen: großzügige Herzlichkeit und konservative Grundhaltung. Je länger dieser Wahlkampf dauert, desto mehr glaubt man Zeuge einer Tragödie zu werden. Jetzt, da alle ihr Ende prophezeien, ist Hillary richtig gut. Aus ihrer steifen Wahlkampf-Rhetorik ist ein Song geworden, keine Poesie, aber eine melodische Rede. Und aus ihrer Kandidatur eine Bewegung von Frauen, die sich wiederfinden in ihrem Kampf gegen das Patriarchat. Wie in jeder guten Tragödie könnte sie an einem jungen Liebhaber scheitern, dem Amerika schwärmerisch alles verzeiht. Wenn Hillary Clinton verliert, ist sie nicht nur an den Männern gescheitert. Nicht nur an Obama und den Rechten, nicht nur an ihrem Vater und ihrem Mann. Sie ist vor allem an einer Frau gescheitert, die keine sein wollte. An sich selbst.

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