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Israel und Palästina: Die Insel des Friedens

Selten war Israel so isoliert wie derzeit. Heute will Präsident Abbas vor der UN einen Mitgliedsantrag für Palästina stellen. Doch es gibt einen Ort in Israel, wo der Frieden schon funktioniert.

Von Sophie Albers, Berlin und Jerusalem

Ein nicht ganz so lauer Septemberabend in Berlin. Im Internationalen Club des Außenministeriums haben die Freunde des Jerusalemer Klinikums Hadassah zum Cocktailempfang geladen. Es werden Spenden für den Ausbau der Kinder-Intensivstation gesammelt. Ein paar deutsche Promis sind da, deren Gesichter man irgendwo schon mal gesehen hat. Und viele einflussreiche Menschen, deren Gesichter man noch nie gesehen hat. Es gibt sehr guten Wein, eine "Tombola mit erstklassigen Preisen", und der Blick von der Terrasse auf die nächtliche Hauptstadt ist schlicht grandios. Frieden über Berlin.

Ein Mann tritt ans Mikrofon, der aus dem Land ohne Frieden berichtet. Emmanuel Nachshon, Gesandter Israels, will eigentlich über Hadassah reden, wird aber gebeten, zuerst etwas zu dem Gerücht zu sagen, das gerade durch den Raum geistert: Nach dem Angriff auf die israelische Botschaft in Ägypten sei nun auch der israelische Botschafter aus Jordanien geflohen. Noch ein arabischer Staat, der eigentlich ein Friedensabkommen mit Israel hat. Eine weitere Eskalation der bereits schweren Krise des jüdischen Staates.

Auf die genauen Umstände in Amman geht Nachshon nicht ein, sondern spricht von dem, was kommt: der 23. September. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas will am Freitag vor dem UN-Sicherheitsrat in New York die Vollmitgliedschaft Palästinas beantragen, als Staat Nummer 194. Unter anderem Russland, China und ein großer Teil Südamerikas haben bereits klar gemacht, dass sie den Antrag unterstützen werden. Dagegenstimmen wollen neben Israel Deutschland, Tschechien und die Niederlande. Die USA haben ihr Veto angekündigt, und Obama persönlich hat versucht, Abbas von seinem Vorhaben abzubringen, das einen diplomatischen Härtetest für alle Mitgliedsstaaten bedeutet. Vergeblich. Wahrscheinlich ist deshalb eine Anerkennung Palästinas nicht vor dem Sicherheitsrat, sondern vor der UN-Vollversammlung als "permanenter Nicht-Mitgliedsstaat". Diesen Status hat bisher nur der Vatikan.

Furcht vor einer dritten Intifada

Wie immer die Wahl ausgehen wird: Nicht nur den Menschen in Israel bereitet vor allem große Sorge, was nach dem 23. September passieren wird. Während die idealistische Minderheit auf eine Chance für die viel zu lange (zer-)diskutierte Zweistaatenlösung hofft, befürchtet die pessimistische Mehrheit eine dritte Intifada, ausgelöst durch den Frust, wenn es nicht zur Aufnahme kommt oder die Enttäuschung darüber, dass eine Aufnahme nicht das Ende der israelischen Besatzung bedeutet. Die israelische Armee ist bereits in Alarmbereitschaft. Es ist ein Lauf auf Messers Schneide.

"Wir denken, das ist nicht der beste Weg, um Frieden zu erreichen", sagt Nachshon im friedlichen Berlin und hält sich an die Sprachregelung der israelischen Regierung, dass Verhandlungen der einzig wahre Weg sind - auch wenn Netanjahu und Abbas seit einem Jahr nicht mehr miteinander gesprochen haben. Die Veränderungen in der arabischen Welt hätten den gesamten Nahen Osten in Schwierigkeiten gebracht, so Nachshon. Man wisse nicht, ob diese Länder eine Entwicklung hin zur Demokratie machen werden. Es gebe viele Fragen und wenige Antworten. Aber "wir hoffen auf positive Schritte mit unseren Nachbarn", schließt der Diplomat, um schnell wie elegant den Bogen zum Hadassah-Krankenhaus zu schlagen: Denn "Frieden wird nicht nur zwischen Regierungen gemacht. Wichtig ist der Frieden zwischen den Menschen", sagt er. Und dafür sei diese Klinik das beste Beispiel: "Wenn Sie ins Krankenhaus müssen, ist es egal, ob Sie Jude, Moslem oder Christ sind. Sie sind krank." Willkommen in Hadassah, "Insel des Friedens".

Wo Israelis und Palästinenser zeigen, wie es sein könnte

Im südwestlichen Teil Jerusalems - zwischen tiefem Grün und dem typischen Honiggelb - thront auf einem Hügel der Klinikkomplex Hadassah Ein Kerem. Forschungsstätte, Universitätscampus, berühmter Zufluchtsort für alle, die krank sind. "Alle" ist in diesem Land bekanntermaßen kompliziert, aber für Hadsassah ein Aushängeschild, das ihm - zusammen mit dem dazugehörigen Hadassah Mount Scopus, das auf der anderen Seite Jerusalems liegt -, 2005 eine Nominierung für den Friedensnobelpreis eingebracht hat. "Neutrale Zone" wird es genannt, weil Israelis und Palästinenser hier tagtäglich zusammenkommen - als Patienten, Angehörige oder Arbeitskollegen. Rund zehn Prozent der Mitarbeiter und fast 20 Prozent der Patienten sind Palästinenser. Es gibt Austausch- und Fortbildungsprogramme. Etwa die Hälfte der behandelten Kinder stammt aus der Westbank oder Gaza, heißt es.

Im Innenhof stehen nicht nur die Krankenwagen mit rotem Halbmond neben denen mit Davidstern, die Fahrer halten daneben im Schatten einer Palme entspannt einen Plausch. Auf der Intensivstation betreut eine moslemische Krankenschwester ein jüdisches Kind. Vor dem Operationssaal wartet ein Israeli mit Schläfenlocken neben einer verschleierten Palästinenserin - die Sorge im Gesicht ist die gleiche. Normalität scheint möglich in Hadassah. Ein Ort, wo Israelis und Palästinenser zeigen, wie es sein könnte, besagt ein alter Werbespruch.

Diplomat in Weiß

Natürlich sei der 23. September auch Thema unter den Mitarbeitern in Hadassah, sagt Kliniksprecher Ron Krumer. "In der Kaffeepause oder beim Mittagessen. Die Atmosphäre in Hadassah wird davon aber nicht beeinflusst. Das Thema - so schwierig es ist - hat mit uns als Krankenhaus nichts zu tun." Hat es nicht?

Der Münchner Arzt Johannes Guggenmos kam 2001 in die Klinik, um sein Praktisches Jahr zu absolvieren - und stand von Anfang an im Blut der zweiten Intifada. "Das erste, was ich von Hadassah gesehen habe, war die Notaufnahme", erzählt der heute 36-Jährige. "Eines Tages saß ich in der Cafeteria, und da kam eine Durchsage: 'Der deutsche Student soll in den OP kommen.' Die zuständige Ärztin meinte: 'Wasch dich, mach dich steril, du operierst jetzt.' 'Aber das kann ich nicht', antwortete ich. Und sie meinte: 'Entscheide dich. Jetzt!' Sie brauchten jeden Mann." Guggenmos ist damals geblieben, als einziger Ausländer in der Ausbildung. Monatelang hat er die Verwundeten der Attentate operiert - Opfer und Täter. Mittlerweile ist er Facharzt für plastische Chirurgie und pendelt zwischen Deutschland und Israel, versucht zu vermitteln, was Hadassah bedeutet.

Als Deutscher gilt er hier weniger als Vertreter des Landes der Shoah, denn als neutraler Beobachter. Ein Bindeglied, das die Feinde zusammenbringen kann. Ein Diplomat, der einem orthodoxen Juden, der in einer der umstrittenen, umkämpften Siedlungen lebt, unbequeme Fragen stellen kann, ohne als Sprachrohr der Palästinenser abgetan zu werden. Einer, der die politische Sicht eines Palästinensers kritisieren kann, ohne in die Ideologie-Falle zu gehen. Am Ende verändern sich damit die Vorzeichen, wenn der Israeli das nächste Mal mit dem Palästinenser spricht. Der Chirurg öffnet Kanäle der Verständigung, die vernarbt, verwachsen oder vergessen sind. Das ist Veränderung, die an einem Ort wie diesem möglich ist. Hadassah ist auch ein politischer Ort, aber eben einer, an dem die Menschen an erster Stelle stehen.

Bei all der Sorge und der Angst vor dem, was Israel in den kommenden Wochen erwartet, schwingt doch auch immer wieder Hoffnung mit: "Vielleicht ist die Ausrufung eines palästinensischen Staates eine gute Sache, um den israelischen Fehler der Besatzung rückgängig zu machen, und beide Seiten kommen aus der Sackgassen-Situation heraus", sind Gedanken, die man in der Mittagspause hören kann. "Wir Israelis bekommen das Problem West-Jordanland und Gaza los, und die Palästinenser einen Staat, der ihnen die Chance gibt, ihr Glück selbst in die Hand zu nehmen. Die Existenz beider Staaten muss von beiden Seiten anerkannt werden! Das ist die Basis für eine vielleicht gute Zukunft."