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"Anne Will" zu US-Unruhen Diskussion über Polizeigewalt und Rassismus: "Donald Trump braucht die Ausschreitungen"

Anne Will spricht mit ihren Gästen
Anne Will spricht mit ihren Gästen über das Thema: "Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus – wie viel Verantwortung trägt Präsident Trump für die Eskalation?"
© NDR/Wolfgang Borrs
"Im schwarzen Milieu gibt es mehr Kriminalität als im Weißen": Bei Anne Will diskutieren vor allem Weiße über Rassismus und Polizeigewalt in den USA und hierzulande und finden, dass es dort schlimmer ist als bei uns.  
Von Jan Zier

Erstmal seit Wochen – um nicht zu sagen: Monaten – geht es bei Anne Will nur am Rande um Corona. Zehntausende von DemonstrantInnen in Deutschland und anderswo auf der Welt haben sie dazu veranlasst, mal auf ein anderes Thema zu setzen: "Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus – wie viel Verantwortung trägt Präsident Trump für die Eskalation?"

Wer hat diskutiert?

  • Norbert Röttgen (CDU), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag
  • Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen), Mitglied des Deutschen Bundestages
  • Alice Hasters, Buchautorin und Podcasterin
  • Samira El Ouassil, Kolumnistin und Autorin
  • Christoph von Marschall, Diplomatischer Korrespondent der "Tagesspiegel"-Chefredaktion

Wie lief die Diskussion?

Zwar hat die ARD – wider Erwarten – diesmal nicht nur Weiße zu Anne Will eingeladen, sondern auch Alice Hasters, die Autorin des Buches "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen — aber wissen sollten", sowie Samira El Ouassil, die sich gerade öffentlich darüber beklagt hat, dass in Talkshows fast nur weiße Menschen diskutieren, selbst wenn es um rassistische Polizeigewalt geht. Dafür haben es gleich drei Journalistenmenschen in die Runde geschafft, dazu zwei USA-Erklärer, aber weder VertreterInnen der Polizei, was nahe gelegen hätte, oder WissenschaftlerInnen, was ja auch nahe gelegen hätte.

Mit ex-Polizist Rafael Behr, heute Professor für Polizeiwissenschaften an der Akademie der Polizei Hamburg, hätte man sogar beides in einem Gast haben können und etwas Kluges zum Thema hätte er auch sagen können. Jedenfalls wenn man die Diskussion auch auf die Frage ausweiten will, was Rassismus und Polizeigewalt in den USA mit uns in Deutschland zu tun haben. So aber sagt CDU-Politiker Norbert Röttgen, der sich selbst gerne als Kanzler sähe, zu dieser Frage: "Wir sind nicht die USA".

Am Ende will zwar niemand Samira El Ouassils Worten widersprechen, als sie sagt: "Deutschland hat ein strukturelles Rassismus-Problem". Auch Alice Hasters sagt das in der Runde, speziell mit Blick auf die Polizei hierzulande. Aber irgendwie ist man sich dann doch einig, dass es in Deutschland einen, um es mit Röttgen zu sagen, "breiten Willen gebe, "das anzugehen". Das knackige Zitat dazu liefert dann Cem Özdemir: "Dieser Konsens ist mit Blut geschrieben".

Und die USA? Erleben gerade die Spanische Grippe, die Große Depression und 1968 in einem, welterklärt Röttgen. Afroamerikaner seien auch von der derzeit steigenden Arbeitslosigkeit und der Corona-Pandemie "überdurchschnittlich betroffen", ergänzt Hasters. Nun haben Hunderttausende Menschen in 200 Städten der USA demonstriert, und Trump ließ einen dieser Proteste wegtränengasen, um vor einer Kirche ein Foto mit der Bibel in der Hand von sich machen zu lassen.

"Konfrontation nützt Trump", sagt Christoph von Marschall. "Er braucht die Ausschreitungen", sagt Cem Özdemir, der zugleich auf Tausende von Rechtsradikalen verweist, die die Proteste der Black-Live-Matters-Bewegung für sich nutzen wollen, durch gezielte Gewalt. Natürlich gab es Rassismus wie den, der nun George Floyd das Leben kostete, auch in den letzten 400 Jahren schon, da ist sich die Runde einig. Aber er sei "sichtbarer", sagt Samira El Ouassil – weil es nun Videos gibt, die all das zeigen und jedem überall eindringlich anschaulich machen. Eine Wiederwahl Trumps im November indes wäre ein Zeichen, dass schwarze Leben wirklich nicht zählen, so Alice Hasters.

Irgendwann sagt Christoph von Marschall dann noch, dass es im schwarzen Milieu ja mehr Kriminalität gebe als im Weißen, und dass das "keine Schuldzuweisung" sei. Alice Hasters muss ihm dann erklären, dass die Probleme in der schwarzen Community ein Ergebnis des "strukturellen Rassismus" in den USA seien. Und Cem Özdemir ergänzt, dass es zuallererst an den Weißen sei, ihren Rassismus aufzuarbeiten – und dass man erst dann sinnvoll über andere Probleme reden könne, also etwa ungleiche Bildungschancen.         

Der besondere Moment

Als wenn es nicht schon genug JournalistInnen in der Runde gäbe, wird dann auch noch Stefan Simons von der Deutschen Welle zugeschaltet, der seit 20 Jahren in den USA lebt und arbeitet. Er wurde selbst von der US-Polizei in Minneapolis bedroht, beschossen und an der Arbeit gehindert, wie ein Einspieler eindrücklich belegt. Das sei inzwischen "normal", sagt er dann. "Es gibt viele Polizisten, die bereit sind, draufzuknüppeln". Den USA attestiert er derzeit eine "Massenwut" - die es so im Falle anderer rassistisch motivierter Tötungen in früheren Jahren nicht gegeben habe.      

Die Erkenntnisse

  • Schwarze werden in den USA, gemessen am Bevölkerungsanteil, mehr als doppelt so oft von der Polizei getötet wie Weiße.
  • 2009 sagten in einer Umfrage zwei Drittel der AmerikanerInnen, das Verhältnis der Schwarzen und Weißen in den USA sei "gut" - 2016 aber, am Ende der Präsidentschaft Barack Obamas, bezeichneten etwa genauso viele Menschen es als "schlecht".          
  • Während es in den USA 2019 in einem Jahr 150 Übergriffe gegen die Presse gab, seien es nun allein in einer Woche 279 gewesen, sagt der Journalist Stefan Simons von der Deutschen Welle.
  • 2019 gab es in Deutschland laut Statistik 8.585 Straftaten, die unter "Hasskriminalität" fallen. Laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung haben sieben Prozent der Deutschen eine rassistische und 19 eine fremdenfeindliche Einstellung.      

Fazit

Anne Will hält am Ende ihrer Sendung ihr Fazit höchstselbst fest. Man müsse, wenn es um Rassismus und Polizeigewalt gehe - Achtung: "rechtzeitig hinschauen".


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