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Flugbewegungen: Was macht der BND in Kasachstan?

Deutschlands geheimnisvollstes Flugzeug: Dem stern liegt eine Liste mit 135 Flügen des geheimen BND-Jets vor. Auffällig oft ist die Maschine in Asien unterwegs. Die Opposition will, dass sich der BND-Untersuchungsausschuss mit der Flugliste beschäftigt.

Von Stephen Grey und Hans-Martin Tillack

Die Passagiersitze sind mit Leder bezogen, die Bordküche voll ausgerüstet und die Reichweite der dreimotorigen Maschine ist mit 8334 Kilometern üppig. Non-Stop-Flüge nach Washington, Peking oder Wladiwostok sind kein Problem. Die Falcon 900 EX ist ein Parademodell des französischen Herstellers Dassault - und sie ist das Dienstflugzeug des Prä-sidenten des Bundesnachrichtendienstes (BND).

Über die Maschine mit der Registriernummer D-AZEM ist öffentlich kaum etwas bekannt. Angeschafft wurde das laut Preisliste etwa 35 Millionen Dollar teure Flugzeug im Jahr 2003. Seit März 2004 fotografieren flugzeugbegeisterte "Planespotter" die Maschine regelmäßig - vor allem bei Starts und Landungen auf dem Berliner Flughafen Tempelhof. Aber erst jetzt lüftet sich der Schleier ein ganzes Stück weiter.

Flugzeug überraschend häufig in Asien

Denn dem stern liegt eine Liste von Flügen des Jets vor. In ihr sind 135 Flugbewegungen zwischen August 2005 und Mai 2006 aufgeführt, die in Europa begannen oder endeten. Die Daten belegen nicht nur einen regelmäßigen Pendelverkehr zwischen den BND-Standorten München und Berlin. Sie geben auch Hinweise, wo der deutsche Auslandsnachrichtendienst weltweit überall aktiv ist: überraschend häufig in mehreren Ländern Asiens.

Zum Beispiel am 10. September 2005: Laut Liste startet da der Pilot in Berlin-Tempelhof die drei Triebwerke und hebt ab Richtung Almaty in Kasachstan. Erst neun Tage später kehrt der Flieger von Almaty nach Deutschland zurück. Allerdings bleibt die Geheimdienst-Crew nicht die ganzen neun Tage lang in Kasachstan. Ein Planespotter fotografiert D-AZEM zwischendurch - am 14.9.05 - in Peking, China.

Stationierungsorte von großem Interesse

Nur zwei Monate später steht eine erneute Asien-Reise auf dem Programm. Am 11. November 2005 geht es zunächst nach Delhi, Indien. Fünf Tage später wird die Maschine auf dem Tschiang-Kai-Schek-Flughafen in Taipei (Taiwan) gesichtet. Erst am 18.11.2005 kehrt das Flugzeug zurück nach Deutschland - kommend von Bahrein. Dort sind für die Mission "Enduring Freedom" deutsche Soldaten stationiert. Das mag das BND-Interesse erklären, ebenso wie bei einem anderen Reiseziel des Agenten-Jets: Taschkent in Usbekistan, ebenfalls ein Stationierungsland der Bundeswehr. Taschkent ist am 18. April 2006 die erste Station eines weiteren Asien-Trips. Er dauert neun Tage und endet in Baku (Aserbaidschan). Hier war die Maschine laut Liste zuvor am 13. August 2005 gewesen.

Ebenfalls häufig verzeichnet sind Touren in den Nahen Osten. Den Flughafen Marka International in Jordanien steuert der BND-Pilot laut Liste am 10. Dezember 2005 an. Drei Tage später kommt er zurück. Immerhin acht Tage liegen zwischen einem Flug nach Muskat (Oman) am 5. Februar 2006 und der Rückkehr nach Tempelhof und München.

Jet brachte Entführungsopfer zurück

Auffällig auch die Flugbewegungen während des Geiseldramas um die beiden Leipziger Entführungsopfer Thomas Nitzschke und René Bräunlich im Frühjahr 2006. Vier mal, am 17. Februar, 5. März, 25. März und 30. März fliegt die Falcon in dieser Zeit von München nach Sulaymaniyah im Nord-Irak - und jedes mal am gleichen Tag wieder zurück. Sulaymaniyah ist nicht allzu weit von Baidscha entfernt, wo die beiden Ingenieure am 24. Januar 2006 gekidnappt worden waren. Nach Presseberichten hatte der BND am 26. März eine Geldübergabe an die Entführer geplant. Das passt zu den Flugbewegungen auf der Liste, die dem stern vorliegt. Am 3. Mai brachte der BND-Jet die beiden Geiseln nach ihrer Befreiung von Bagdad zurück nach Berlin-Tegel. Damals geriet der Jet das erste Mal in die Schlagzeilen. Spätestens seit diesem Tag, bedauert einer der Betreiber des BND-Flugdienstes, sei die "Tarnung" weg.

Auch für ausgedehnte Balkan-Touren benutzt der Nachrichtendienst gerne das Flugzeug - zum Beispiel am 4. April 2006 für eine Reise von München über das bosnische Sarajevo in die serbische Kapitale Belgrad und zurück nach Bayern. Oder zwei Tage später: Da verläuft die Flugroute über München, Belgrad, Podogorica (Montenegro), Skopje (Mazedonien) bis nach Pristina (Kosovo). Schon zwischen dem 4.10.2005 und dem 7.10.2005 hatte der BND-Jet Sofia (Bulgarien), Ljubljana (Slowenien) und Bukarest (Rumänien) besucht. Am 30. August 2005 ging es von München über Berlin-Tempelhof zunächst ins serbische Belgrad, dann weiter nach Skopje, Pristina und schließlich in die kroatische Hauptstadt Zagreb. Zwei Tage später flog der BND-Jet von dort zurück nach Berlin und München - allerdings mit einem auffälligen Umweg über das libysche Mitiga.

Weitere Destinationen des Flugzeugs in Afrika waren das ägyptische Luxor und N'djamena im Tschad - beide im September 2005.

Nachbarschaftsbesuche beim französischen Geheimdienst?

Besonders häufig sind Besuche beim Nachbar in Frankreich - auf dem Pariser Flugfeld von Le Bourget. Vielleicht kein Zufall: Von Le Bourget sind es nur wenige Kilometer bis zum Hauptquartier des französischen Auslandsnachrichtendienstes DGSE (Direction Générale de la Sécurité Extérieure) im 20. Arrondissement von Paris. Mindestens drei mal standen in den vergangenen Jahren auch Besuche in Bordeaux-Merignac auf dem Programm. Nicht weit von hier, in Domme, unterhält die DGSE eine wichtige Abhörstation.

Ausgerechnet während des Geiseldramas um Nitzschke und Bräunlich pendelte die Maschine besonders oft zwischen München und Paris. Auch unmittelbar nach dem Heimflug der Geiseln am 3. Mai 2006 flog die Maschine weiter nach Paris. Ein Hinweis auf eine Kooperation mit der DGSE bei der Geiselbefreiung? Oder haben die Paris-Flüge damit zu tun, dass in der französischen Hauptstadt die "Alliance Base" ihren Sitz hat, in der BND-Leute mit Vertretern anderer westlicher Dienste von CIA bis DGSE Daten über Terrorverdächtige austauschen? Der BND äußerte sich auf Anfrage des stern nicht zu den Flugbewegungen.

BND einziger Nutzer des Flugzeug

Offizieller Betreiber des Jets ist die Firma Zeman Flugtechnik und Logistik GmbH in München. Freilich ist der BND der einzige Nutzer des Flugzeugs, wie man bei Zeman gerne bestätigt: "Wir vermieten das nicht an andere", sagte ein Mitarbeiter dem stern. Die BND-Firma ist eigentlich so geheim, dass sie weder eine Website noch einen Eintrag im Telefonbuch hat. Wer sie in Halle 10 des General-Aviation-Terminals des Münchner Airports besuchen will, braucht einen Flughafenausweis - oder eine Einladung. Als Geschäftsführer des am 27.6.2003 gegründeten Unternehmens firmieren zwei Männer aus Düsseldorf und Nürnberg, die ihre Nummern ebenfalls nicht im Telefonbuch haben eintragen lassen.

Auch die jetzt dem stern vorliegende Liste beantwortet längst nicht alle Fragen zu dem geheimnisvollen Flieger. Rein außereuropäische Flüge fehlen in der Aufstellung. Offen bleibt auch, ob die Falcon 900 EX im Frühjahr 2004 in Afghanistan war, als der Neu-Ulmer Khaled el-Masri dort in einem CIA-Gefängnis fest saß. Der BND bestreitet, an dem Kidnapping beteiligt gewesen zu sein. Und auch bei Zeman Flugtechnik legt man Wert darauf, dass der Geheimdienst den Jet nicht für Entführungen nutzt: "Das liegt uns fern."

Ein Fall für den Untersuchungsausschuss

Trotzdem erwägt jetzt Max Stadler, der FDP-Obmann im BND-Untersuchungsausschuss in Berlin, die kompletten Fluglisten für das Jahr 2004 anzufordern. Der Abgeordnete Wolfgang Neskovic (Linkspartei) sieht das genauso. Mit der BND-Flugliste müsse sich der Ausschuss "auf jeden Fall" beschäftigen, sagte er dem stern.