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"Maybrit Illner": "Das können Sie doch Ihrem Friseur erzählen!" Martin Schulz gerät bei EU-Talk in Rage

"Scherbenhaufen Europa – Krise von Brüssel bis Berlin?", zu dieser Leitfrage hatte Martin Schulz nicht nur eine Punchline parat. Im EU-Talk bei "Maybrit Illner" geriet der frühere SPD-Chef so richtig in Fahrt.

Video: CDU-Chefin - SPD soll Position zu von der Leyen ändern

Ursula von der Leyen als EU-Kommissionschefin? Die Aufregung um den Überraschungscoup beim EU-Gipfel ebbt nicht ab – vor allem nicht bei den Sozialdemokraten. Von einem Regelbruch ist da sogar die Rede, einem "Wahlbetrug" und Grund für den GroKo-Bruch.

Fast schon gegen den SPD-Trend kommentierte Martin Schulz, ehemaliger SPD-Parteivorsitzender und -Kanzlerkandidat, die Geschehnisse in Brüssel. Ist die Nominierung ein Grund für das GroKo-Scheitern? "Nein, das glaube ich nicht." Hat Bundeskanzlerin Merkel Regeln gebrochen? "Sie hat sich korrekt verhalten." Und die Personalie von der Leyen? Man "sollte ihr eine faire Chance geben."

Doch der frühere EU-Parlamentspräsident sagte im ZDF-Talk von "Maybrit Illner" auch: "Ich glaube, was da in Brüssel abgelaufen ist, ist das Beerdigen einer Demokratisierungsoffensive, die wir 2014 begonnen haben." Auch Schulz übte mitunter scharfe Kritik. Und geriet bei dem ein oder anderen Thema richtig in Fahrt. Der Überblick.

Martin Schulz über ...

... die Text-Bild-Schere. Die SPD gibt sich richtig sauer – und so sieht das dann aus? Zu Beginn der Sendung wird Schulz ein Bild von SPD-Familienministerin Giffey präsentiert, in der sie von der Leyen offenbar herzlich gratuliert. Doppelstandard?

Ursula von der Leyen und Franziska Giffey

Ursula von der Leyen (r., CDU), Bundesministerin der Verteidigung, und Franziska Giffey (SPD), Bundesministerin für Familie (2. v. l.)

DPA

Reaktion Schulz: "Na ja, soll die Frau Giffey die jetzt anspucken, oder wie?" Es sei ja "kein Parteitagsbeschluss, das wir nun unhöflich zu anderen Leuten sein sollten, wenn uns inhaltlich was nicht passt." 

... Macron und seinen angeblichen Coup. Hat er oder hat er nicht? Angeblich soll die Idee, von der Leyen für den EU-Spitzenposten zu nominieren, vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron gekommen sein. Macron, ein gewiefter Dealmaker, der Merkel zum Abrücken vom Prinzip der Spitzenkandidaten (und damit von EVP-Kandidat Weber) überredet hat? Keine Chance, glaubt Schulz. Ordentlich ironisch, aber sichtlich in Wallung, sagt er: "Ich sehe ihn vor mir liegen in Brüssel im Hotel, den Emmanuel, wie er sich hin- und herwälzt und nachdenkt: Wie kann ich Mutti jetzt aus der Patsche helfen? Ah, da kommt die Ursula! Das können Sie doch Ihrem Friseur erzählen!" Natürlich sei der Vorschlag mit Merkel abgestimmt gewesen, so Schulz.

... Ursula von der Leyen. Schulz hält den angeblichen Macron-Coup allein deshalb für abgesprochen, weil es "ein geschickter Schachzug" Merkels gewesen sei, "die unpopulärste Ministerin ihrer Regierung – Scheuer ausgenommen – nach Brüssel zu schicken." Er habe von der Leyen zwar immer als "Selbstverteidigungsministerin" wahrgenommen, sieht ihre Nominierung aber als Fakt an. Daher: "Ich würde sie messen an den Inhalten, ob sie ein demokratisches, ein ökologisch nachhaltiges und ein migrationspolitisch solidarisches Europa will." Sie müsse nun eine "faire Chance" bekommen.

... den GroKo-Zoff. Der Koalitionsstreit über die Nominierung von der Leyens wird aus Sicht von Schulz nicht zum Bruch des Regierungsbündnisses führen. "Ich glaube nicht, dass das ein Grund ist, die große Koalition zu beenden", sagte er. Kanzlerin Merkel habe im Rat der EU-Staats- und Regierungschefs bei der Abstimmung über die Personalie auf Wunsch der SPD nicht zugestimmt. "Da hat sie sich enthalten. Sie hat sich korrekt verhalten."

... das Prinzip der Spitzenkandidaten. Das Vorgehen in Brüssel sei zwar kein Grund für das Scheitern der GroKo, so Schulz, er beklagte aber ein Scheitern des Spitzenkandidatenprinzips. "Ich glaube, was da in Brüssel abgelaufen ist, ist das Beerdigen einer Demokratisierungsoffensive, die wir 2014 begonnen haben.", sagte er. Es sei ein Problem, "wenn exekutive Macht nicht aus dem Parlament erwächst." Allerdings hätten sich die Spitzenkandidaten, Manfred Weber (EVP) und Frans Timmermans (Sozialdemokraten), nach der Wahl zusammensetzen und einigen müssen. Das Parlament habe sich auch selbst entmachtet, so Schulz. 

... das Ausbooten von Manfred Weber. Allerdings beklagte Schulz auch den Umgang des französischen Präsidenten Macrons mit Manfred Weber.

Dieser sprach dem EVP-Spitzenkandidaten die nötige Qualifikation für das Amt des EU-Kommissionspräsidenten ab. Ihm würde die nötige Erfahrung fehlen. "Diese Arroganz, hinzugehen und zu sagen, dass ein Parlamentarier, der erfolgreich ist nicht Regierungschef werden kann ... da hätte der Pedro Sánchez (sozialdemokratischer Ministerpräsident Spaniens, Anm. d. Red.) in Spanien nie in die Regierung kommen können", so Schulz. "Und die zwei Jährchen, die der Macron Wirtschaftsminister beim Hollande (früherer Präsident Frankreichs) war, sind auch keine höhere Qualifikation als Manfred Weber mit seiner Erfahrung."

Quellen: "Maybrit Illner" (ZDF-Mediathek), mit Material der Nachrichtenagentur DPA

fs