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Schnauze, Sotschi!: Porno-Doping gegen Putin

Hitzlsperger hin, Menschenrechte her: "Dabei sein" zählte in Sotschi wieder mal mehr als 1980 in Moskau. Ist der Westen schon zu schwul für einen Boykott? Eine Bilanz.

Wladimir Putins Anti-Schwulen-Politik ist ein Ärgernis, hier protestieren Demonstranten von der russischen Botschaft in London gegen den homophoben Kurs des russischen Präsidenten.

Wladimir Putins Anti-Schwulen-Politik ist ein Ärgernis, hier protestieren Demonstranten von der russischen Botschaft in London gegen den homophoben Kurs des russischen Präsidenten.

Trotz aller Erfolge der ostdeutschen Sportmedizin muss man heute einräumen, dass die Dopingforschung der BRD etwas weitsichtiger war. Während in Leipzig noch ohne Rücksicht auf Geschlecht oder Gesundheit Rudermuskeln und Damenbärte gezüchtet wurden, interessierte sich der Westen auch schon für das Sexualleben seiner Anabolika-Sportler.

Dieser viel zu wenig beachtete Aspekt der überhaupt viel zu wenig beachteten Debatte um Doping in der alten BRD fand sogar in dem 804-Seiten-Bericht der Humboldt-Universität Erwähnung, der vor einem halben Jahr viel zu wenig Beachtung fand, weil sonst immer nur DDR-Doping Beachtung findet. Er wird dort kurz die "Porno-Studie" genannt.

Kaum Beachtung der "Porno-Studie"

Im Auftrag aus Bonn sollten Mediziner 1973 untersuchen, wie anabole Steroide "die sexuelle Reaktionsbereitschaft männlicher Sportler" beeinflussen. Der westdeutsche Steuerzahler stellte dafür ungefragt 24.000 DM bereit und die Testpersonen bekamen "standardisierte Reize - Sexuelle Filmszenen - vorgeführt". Über einen "Phallographen" - kein Quatsch, sondern die offizielle Versuchsanordnung - wurde dabei die Penisreaktion aufgezeichnet. Allein 500 Mark kostete die "Beschaffung von Filmen", die man beim Landeskriminalamt Düsseldorf lieh, denn Pornos waren damals auch im Westen noch offiziell verboten.

Leider wurde die Studie nie veröffentlicht. Unter anderem "mangelndes Entgegenkommen" der Trainer sorgte für "eine gewisse Verfälschung" der Ergebnisse, wie die Dopingforscher 2013 aus Papieren ihrer Kollegen zitierten: "Ferner hat sich der Phallograph als sehr störanfällig erwiesen." Immerhin aber wurde auch die Aufarbeitung mit dem langen Titel "Doping in Deutschland von 1950 bis heute aus historisch-soziologischer Sicht im Kontext ethischer Legitimation" vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft und damit von Steuern finanziert. Beide Studien verbindet außerdem, dass sie keinerlei Auswirkungen auf irgendeine Ethik im Sport hatten.

Boykott-Gemurmel gibt es immer

Und damit ist auch schon der Bogen zur erregten Diskussion um die Olympischen Spiele in Sotschi und die sexuelle Revolution im Profi-Fußball gespannt. Er lautet: Nichts. Null. Keine Konsequenzen. Niemand hat ernsthaft Interesse daran, den kapitalisierten Leistungssport zu stören.

Die Spiele gehören zum Brot wie das Opium zum Volk. Wie Coca Cola zu Olympia seit 1936. Wie der halbherzige Kampf gegen Doping und ein paar servile Fragen nach Menschenrechten an den Austragungsorten: Ob Peking, die Fußball-EM in der Ukraine oder Sotschi - etwas Boykott-Gemurmel ist vorher stets geboten. Und wenn es nur um das menschenunwürdige Leben der Straßenhunde geht.

Verlogene Lippenbekenntnisse

Am Ende heißt es immer: Sport und Politik müsse man trennen; zwei Wochen Öffentlichkeit seien auch eine Chance für die Unterdrückten vor Ort; immerhin hat man mal darüber gesprochen... Für mehr oder gar einen echten Boykott ist der globale Westen seit 1980 viel zu schwul.

Ich weiß schon: Seit sich alle an den harten Schuss von Thomas Hitzlsperger erinnern, taugt dieses Adjektiv nicht mehr als schräges Synonym für weich, tuntig oder was immer ewig gestrige Jugendliche und Rapper damit meinen. Ehrlich gesagt habe ich es auch nur noch mal benutzt, damit der Vorspann knallt und katholische Shitstorm-Bettler wie Matthias Matussek den empörten Twitter-Traffic nicht ganz allein abräumen.

Bis auf ein paar ängstliche Seifenbücker aus Westdeutschland traut sich in diesen Tagen ja kaum noch jemand, allein duschen zu gehen. Dabei ist dort auch die Angst, als "homophob" zu gelten, ein tief empfundenes Männer-Gefühl! Während die einen bewundert werden, wenn sie offen über all das reden, stehen andere ehemalige Nationalhelden sofort als Vollpfosten da - geächtete wie schwule Männer in Russland, die nicht mal Blut Spenden dürfen.

Korruption und Sklavenarbeit schnell vergessen

Ach nein: Jetzt bin ich auch schon durcheinander. Es ist genau umgekehrt: In Russland dürfen sie es, in Deutschland sind generell nicht. Und weil verlogene Lippenbekenntnisse heute mindestens ebenso gut ankommen wie vor 1989 im Osten, möchte ich auch noch schnell eins ablegen: Mir persönlich ist es sogar unangenehm, mit heterosexuellen Westdeutschen zu duschen. Das mag auch irgendwie verklemmt sein, aber wenigstens empfinde ich dabei keinerlei diskriminierenden Unterschiede, was Geschlecht oder Sexualität angeht.

Unterdessen verschweigen die West-Medien natürlich, dass die DDR-Mannschaft in Sotschi schon wieder nicht durch Doping auffiel. Im Rückblick bleiben selbst bekennenden Bi-Athleten Repressalien erspart, wenn sie nicht gerade aus Bayern kamen und eine verdächtige Urinprobe abgaben. In Katar dagegen drohen 2022 nicht nur schwulen Bayern Peitschenhiebe, falls sich noch mehr Fußballer bekennen. Vermutlich aber wird das aber ähnlich schnell vergessen sein wie Korruption und Sklavenarbeit, wenn es nur nicht so heiß in den Stadien wird!

Schaute Müller-Wohlfahrt nach Timoschenko? Nein!

Hätten westdeutsche Fußballer Ärsche in ihren kurzen Hosen, wären sie - wie Michael Ballack - schon vor zwei Jahren gar nicht erst zur EM in die Ukraine gefahren. Oder hat Dr. Müller-Wohlfahrt damals wenigstens mal nach Julia Timoschenko im Knast geschaut? Nein. Bevor sie für den Diktator aufspielten, lamentierte lediglich der Hilfs-Kapitän lahm, er fände "seine Ansichten zu demokratischen Grundrechten in der derzeitigen politischen Situation der Ukraine nicht wieder". Ausgerechnet ein Bayer musste das sagen!

Nach den guten alten Maßstäben des westlichen Moskau-Boykotts von 1980 hätte sogar das Sommermärchen 2006 in Deutschland ausfallen müssen. Denn wo ist der Unterschied zwischen einem russischen und einem deutschen Einmarsch in Afghanistan? Allein die Taliban sind sich treu geblieben. Und natürlich die etwas kleinere Sowjetunion Putins.

Was zählt, ist das Shampoo

Wie man hört, hat der große Bruder trotz homosexueller Boykotthetze und Porno-Doping im Westen wieder die meisten Medaillen gewonnen und damit einmal mehr bewiesen, dass Gold keine Regenbogenfarbe ist. Es geht bei Olympia nicht um Menschenrechte, Völkerverständigung oder echten Pulverschnee, ja, nicht mal um Sport.

Was zählt, ist allein "das offizielle Shampoo der deutschen Olympiamannschaft" - und dass die knapp über 150 deutschen Sportler aus Protest nur mäßig abschnitten. Von den vielen öffentlich-rechtlichen Journalisten, die diesen stillen Boykott mit Millionen Fernsehsteuern unterstützten, gar nicht zu reden.

Wie lächerlich wirkt dagegen die ausdrücklich unbegründete Abwesenheit von Bundespräsident Joachim Gauck. Auch Angela Merkel hatte diese Saison vermutlich einfach die Nase voll von Wintersport. Ich dagegen habe mir diesen schwulenfeindlichen Mist nicht mal im Fernsehen angesehen und stehe sogar offen zu den Gründen: Ich hasse das alles - Schnee und Eis und Sport sowieso. Von mir aus kann mich Putin dafür einen warmen Bruder nennen. Hauptsache, ich muss nie mit Jens Lehmann duschen.