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Che Guevara: Revolutionär und Popstar

1967 wurde Ernesto Guevara, leidenschaftlichster Feind aller Imperialisten, erschossen. Doch tote Krieger leben länger. Und so wird der Befreier Kubas noch immer gefeiert: als Held der Widerständler und Amerika-Kritiker - und als Sex-Symbol.

Tatsächlich: der Che! Da saß Martin Semmelrogge gemütlich zu Hause auf Mallorca, guckte Nachrichten, und was sah er: "Unser altes Pin-up!" Flatterte noch immer stolz im Wind, schwarzes Antlitz auf roten Fahnen: Che Guevara, der große Krieger, zwischen Kirchenbannern auf der Friedensdemo in Berlin. Semmelrogge grinste. Er hatte den Che ja selbst im Partykeller kleben, einst in den 70ern. Ein Peace-Zeichen daneben und ganz groß die Aufschrift "FICKEN!" über der Tür. "Ich war halt auch ein Revoluzzer", sagt der Schauspieler, "so nach dem Motto: Make love not war!" Ficken! Peace! Aber Che Guevara, der Guerillakrieger?

Egal. Revolution! Das ist Che. Einer der beiden berühmtesten Rebellen der Moderne: Fidel Castro, der andere, heute 76, bekam einen grauen Bart, sein Comandante Guevara den größten Fanclub der Welt. Ernesto "Che" Guevara de la Serna, geboren am 14. Juni 1928, der Argentinier, der mit Castro und einer kleinen Schar Wagemutiger 1956 auszog, Kuba zu befreien. Und es auch noch schaffte.

Im Jahre 75 nach Ches Geburt ist er noch immer Pflicht für jede Gegenbewegung: kein Attac-Meeting ohne Che-T-Shirt, keine Großdemo ohne Guevara-Fahne, kaum ein Linksautonomer ohne Guerillerokopf auf dem Parka. Für den Rest ist er Mode: Gisele Bündchen trägt Guevara-Bikini, Johnny Depp zeigt sich im Che-T-Shirt, genau wie Robbie Williams, Rapper Jay-Z und die Nachbarstochter. Robert Redford dreht einen Guevara-Film, Mick Jagger plant dasselbe. Che ist schick. Che ist nicht totzukriegen.

Im Alter von 39 "hingerichtet"

Obwohl sie ihn mit neun Schüssen hingerichtet haben 1967 in Bolivien, 39 Jahre war er da jung. Guevara, nach dem Sieg der Guerilleros seit 1961 Minister auf Kuba, war der Politik überdrüssig geworden und 1966 losgezogen, Bolivien mit nur 49 Kämpfern zu befreien. Und wurde dort von der CIA und der bolivianischen Armee gehetzt, gefasst, erlegt.

Zu spät. Des Comandantes Botschaft war schon in die Welt gedrungen. Und die Linken lauschten ihr genau. Darum staunen sie auch heute nicht über sein Comeback. "Die Figur Guevara zeigte ja schon damals: Die USA bringen nicht nur Demokratie und Freiheit in die Welt", sagt Konstantin Wecker, als Friedenssänger kein Anhänger von Che, dem Krieger, und er hofft, "dass die Bewegung auch mit solchen Symbolen gewaltfrei bleibt". Aber Che passt nun mal punktgenau zwischen "Stoppt Bush!"-Plakate.

Guevara hatte etwas Religiöses

Che Guevara, der sich als junger Medizinstudent aufmachte, Südamerika zu erkunden. Der erschüttert war von der Ausbeutung der Latinos durch amerikanische Bananenfirmen, der sah, wie Guatemalas gewählter Präsident Arbenz dank der CIA gekippt wurde. Che wurde Kommunist und Krieger und stürzte auf Kuba den korrupten, US-freundlichen Diktator Batista. Und versprach den USA, den "Imperialisten", später "zwei, drei, viele Vietnams".

"Krieg dem imperialistischen Krieg" liest man auch heute auf Plakaten. "Revolution" singen die Jungen wieder. Mellow Mark, Rastaman aus Hamburg, bekam dafür kürzlich einen "Echo"-Preis verliehen. "Revolte ist mehr als Che Guevara auf T-Shirts", singt er in "Revolution". Die Message: So ein Shirt ist chic, aber nur Ches Geist ist gewaltig. "Ich glaube, der Spirit von Che erwacht wieder", sagt Mellow Mark, "er zieht einen raus aus dieser Konsum- und Entertainmentwelt, auf die Straße, um etwas zu bewegen gegen den Missbrauch der Macht." Sagt er und redet sich feurig: "Es geht darum, den alten Traum zu leben, gemeinsam die Welt, das Leben zu verbessern. Hat man ja gesehen auf den Friedensdemos weltweit: Millionen Menschen!"

Ches Spirit spüren auch die Alten wieder in den Gliedern. Nach der Demonstration gegen einen Irakkrieg diskutierten sie, ob Protest denn reiche - oder ob es Widerstand sein müsse. Wie damals. "Vielleicht steht auch Guevara ein bisschen für die Wiederauferstehung von "68", so Wecker. "Der unbedingte Wille, für eine gerechtere Welt zu kämpfen, für den diese Symbolfigur stand, hat der Bewegung schon damals Kraft und Mut gegeben."

Ches Spirit zaubert in allen Lagern. Beispiel Hamburg, Samstag, Regen, Demotag: Da steht Hendrik, 18, auf dem Gänsemarkt, den Guevara-Aufnäher auf dem Rucksack, und demonstriert gegen den Krieg. "Che passt", sagt er, "selbst wenn ich Gewalt ablehne. Er steht auch dafür, mit voller Konsequenz für seine Ideale einzutreten."

Klar hätte er zum Popstar getaugt

Im Stadtteil Altona marschiert derweil Mari, 16, mit gleich zwei Guevaras auf der Tasche. Demonstriert nicht für den Frieden, sondern gegen die Auflösung einer Bauwagensiedlung der Linksautonomen, "dafür, dass die rechtspopulistische Regierung mit Schill stürzt", und "gegen Repression und Unterdrückung". Guevara sagte einst: "Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche." Und träumte vom "neuen Menschen", der keine Ungleichheit mehr kennt. Er träumte. Und deswegen packt der Geist des Che vor allem die Jungen. Zwei Biografien hat Mari gelesen, ein Poster im Zimmer hängen. "Che hat für seine Ideale gekämpft, auch wenn es schwer und gefährlich war", sagt sie, während die Masse läuft und die Polizisten die Schlagstöcke zurechtrücken, weil bald wieder ein paar Durchgeknallte Steine werfen werden.

Che als Allzwecksymbol: Palästinenser demonstrieren unter seiner Flagge, im Westjordanland hängt sein Bild an der Wand eines jüdischen Kibbuz, und die Kirche kämpft in England mit einem Guevara-Plakat um neue Christen. Das passt, vermutet Nazi-Jägerin Beate Klarsfeld, selbst eine 68er-Heldin, seit sie den Kanzler und Alt-Nazi Kurt Georg Kiesinger ohrfeigte. Sie staunte schon damals, dass die Genossen lieber Che trugen als die Widerstandskämpfer der Nazizeit: "Guevara hatte etwas Religiöses: das Selbstmörderische. Er opferte sich gezielt auf. Ein junger Mann aus gutem Hause, der eigentlich nicht hätte kämpfen müssen."

Che, der studierte Bürgersohn, der die Bauern einer fernen Insel unter Einsatz seines Lebens zum Sieg führte. Der später alle politische Macht aufgab, um als kommunistischer Robin Hood in hoffnungslosem Kampf zu fallen. Eine Legende mit Makeln: Che zog auch deswegen wieder in den Krieg, weil er auf Kuba seine politischen Ziele nicht durchsetzen konnte. Und verlor danach als Krieger: zuerst in Afrika, wo er den Kongo befreien wollte, und dann in Bolivien, wo ihn die Bauern verrieten, denen er helfen wollte. Ein großes Scheitern eigentlich. Doch mit seiner Ermordung machte die CIA den zornigsten Gegner der USA zum Märtyrer und Heiligen.

Eine Legende mit Makeln

Schon kurz nach Guevaras Tod fing es an: Die bolivianischen Bäuerinnen, verzaubert vom sanften Blick des Verratenen und Gefangenen, hängten sich sein Bild in die Hütten und beteten den "heiligen Ernesto" an. Bald tat es die ganze Welt, zumindest die linke: Fahnen mit seinem Konterfei flatterten auf den StudentenDemos der 68er, Che-Poster hingen in den Jugendzimmern. Oder in Stammheim, wo RAF-Terrorist Andreas Baader in der Zelle unter seinem Guevara-Plakat auf Freiheit oder Freitod wartete - darauf, dass die RAF ihn freipresste, oder darauf, sich die Pistole an den Kopf zu setzen.

Guevara war Vorbild jener, die bereit waren, mit Gewalt die Welt zurechtzubiegen. Aber auch jener, die nur ein bisschen rebellierten. "Che stand für ein Lebensgefühl", sagt Martin Semmelrogge, "den Kampf gegen das Establishment." So hing das Lebensgefühl im Partyraum: "Barett, lange Haare, Revoluzzertyp halt." Das reichte und reicht vielen.

Ein Popstar. Das ist keine Beleidigung, auch nicht in den Augen derer, die ihn kenntnisreich lieben: "Klar hätte Che zum Popstar getaugt", sagt Max Herre, Hip-Hopper der Stuttgarter Band Freundeskreis. "Man muss sich nur vorstellen, wie er damals als kubanischer Minister in die Uno spaziert ist: Da saßen all die Anzugträger, und er kam rein in grüner Uniform, mit Bart und Zigarre."

Ein Musikeridol. Den "Comandante Che Guevara" besang Wolf Biermann schon 1976 mit Klampfe. "Bei Gefahr bin ich klar wie Che Guevara", rappte Max Herre 1997. Da drohten der Band nach dem Hit "Anna" Interviews mit "Bravo" oder Springer-Presse, kurz: der Mainstream. Man verweigerte sich. Und besang es mit Che. "Er steht für den eigenen Weg", sagt Herre. "Er hatte diese Radikalität, die es im Rock und im HipHop gibt."

Che legte sich auch mit Fidel Castro an, duckte sich nicht vor den Russen. Weswegen der Kommunistenheld von den Offiziellen in der DDR als Idol der Jugend nur geduldet, nicht geliebt wurde. Keine zwangsgetauften Guevara-Alleen, nur viele Poster in Jugendzimmern.

Denn wie bei Christus am Kreuz gilt auch für den Atheisten Che: kein Messias ohne Bildnis. Das von Che entstand 1960. Ein Schiff mit Waffen war explodiert im Hafen von Havanna, gesprengt womöglich von der CIA. Bei der Trauerfeier für die Toten fotografierte Alberto Korda von unten herauf, wie der Comandante auf der Bühne in die Ferne blickte. Wütend entschlossen und traurig zugleich. Ein gut aussehender Mann, sagt Mari. Schöner Mensch, sagt Beate Klarsfeld. Hat etwas Sanftes, sagt Konstantin Wecker.

Die kapitalistische Welt nutzt bis heute die Schönheit des toten Kommunisten. Ein paar Kreative, etwa beim Autovermieter Europcar, sitzen zusammen, suchen ein Werbekonzept, etwa zum Thema: "Freiheit durch Mobilität ". Sie denken an Freiheit, denken an Che. Denken an Power und PS, denken an Che. Und bald schon blickt Guevara von Lastwagen mit dem Slogan: "Auch du kannst Großes bewegen". Funktioniert gut. Denn: "Die Figur Che Guevara ist eindimensional positiv konstruiert", erklärt Europcar-Marketing-Direktor Carsten Greiner.

Zwar hatte Ches revolutionäre Erleuchtung bis hin zur Verblendung gereicht: Er schreckte nicht vor Hinrichtungen zurück, und wäre die Kubakrise zum Weltkrieg angewachsen, wäre das auch Ches harter Linie zu verdanken gewesen. Das ist heute wie weggewischt. Die Gnade des frühen Märtyrertods.

So brachte Che es post mortem zum Model für Wodka und Zigaretten; es gibt Che-Uhren, Wein, Bier, Taschentücher. Seinen Erben auf Kuba graust es, sie klagen gegen die kapitalistische Ausbeutung, auch wenn sie leben können mit Postern und T-Shirts für die, die Ches Ideale schätzen. Die Maris dieser Welt.

Mari steht in der ersten Reihe der Bauwagen-Demo, ein Mädchen, das sich mit Mitschülerinnen streitet, ob Engagement für "die Asozialen" albern ist. Der Guevara auf ihrer Tasche blickt in die Weite. Wie der auf den Rucksäcken der Punks, die besoffen auf dem Boden sitzen. Vor ihnen steht die Polizei. Hinter ihnen schreit es "USA, BRD, Internationale Völkermordzentrale!" Und: "Widerstand!"

Auch Ches Spirit.

Bernd Volland