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Perspektive Deutschland 2003: Wie geht's, Deutschland?

450 000 Menschen haben bei "Perspektive Deutschland" mitgemacht. Herausgekommen ist ein Kartenwerk zur mentalen Lage der Nation. Es zeigt, wo es sich am besten lebt.

Vor drei Wochen demonstrierte fast eine halbe Million Bürger in Stuttgart, Köln und Berlin gegen die Agenda 2010 der Bundesregierung. Auf selbst gebastelten Schildern standen ihre Forderungen: Kein Lohnverzicht! Kein Sozialabbau! Schröder muss weg!

Wären am Sonntag Bundestagswahlen, wäre Schröder weg. Die Umfragewerte der SPD sind desaströs, weil vielen Menschen die Reformen zu weit gehen. Gewinnen würde die CDU. Also die Partei, der die Reformen nicht weit genug gehen. Parteichefin Angela Merkel will alles noch radikaler: Steuern weiter runter, Löhne stärker senken, Arbeitszeiten höher rauf, Einschnitte für Arbeitslose noch härter.

Was wollen die Deutschen?

Deutschland schizophren: Wissen die Bürger nicht, was sie wollen? Oder teilt sich das Land in zwei Lager: hier die Forschen, denen nichts schnell genug geht, dort die Vorsichtigen, denen der gesellschaftliche Wandel schon jetzt Angst macht? Und: Was wollen die Deutschen? Fragen, auf die niemand so recht eine Antwort zu haben scheint.

Wie geht's, Deutschland? Dieser Frage widmet sich die große Online-Umfrage "Perspektive Deutschland" - zum dritten Mal seit 2002 organisiert von stern, der Unternehmensberatung McKinsey, dem ZDF und AOL unter der Schirmherrschaft von Altbundespräsident Richard von Weizsäcker. Ende vergangenen Jahres waren die Bürger aufgefordert worden, darüber Auskunft zu geben, was sie denken, was sie fühlen, was sie fordern. Die Resonanz war überwältigend: 450 000 Deutsche haben den Fragebogen im Internet ausgefüllt. "Perspektive Deutschland" ist damit die größte und aussagekräftigste gesellschaftspolitische Umfrage, die es je bei uns gegeben hat.

Für alle Regionen der Republik - von Vorpommern bis zum Bodensee, von Ostfriesland bis in den Bayerischen Wald - ergibt sich ein repräsentatives Bild von den Befindlichkeiten der Nation. Die Umfrage zeigt nicht nur, welche Sorgen und welche Ängste die Deutschen umtreiben, sie weist auch die Prioritäten der Bürger bei den Reformen aus - und taugt damit zum Kompass für ratlose Politiker.

Das Bild, das sich von Deutschland ergibt, ist spektakulär:

Der Osten

bricht auch mental weg. Im Jahr 14 nach der Wiedervereinigung ist die Stimmung in den neuen Bundesländern katastrophal. In vielen Regionen bestimmen Hoffnungslosigkeit und Angst das Denken.

Die Bürger

misstrauen der Politik. Unsere politischen Institutionen sind in den Augen der Mehrzahl der Deutschen den Problemen des Landes nicht gewachsen. Und ihre Fähigkeit zur Veränderung wird angezweifelt. Die Folge: Zukunftsängste machen sich breit.

Reformen sind machbar

- aber anders, als sich führende Politiker das vorstellen. Die Menschen wissen, dass etwas getan werden muss, um den Wohlstand abzusichern. Sie sind zu Opfern bereit, wenn sie von deren Sinn überzeugt sind.

"Die Deutschen haben die fundamentalen Probleme unseres Landes deutlich vor Augen", so fasst McKinsey-Chef Jürgen Kluge die Ergebnisse zusammen, "und sie sind desillusioniert."

Das gilt besonders für die Menschen in Ostdeutschland - was sich am deutlichsten bei der Frage nach der Zufriedenheit mit dem Leben am Wohnort zeigt. Wer sich die Zufriedenheits-Karte auf Seite 48/49 ansieht, kann sie gut erkennen: die alte deutsch-deutsche Grenze. Westlich davon ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen, das Glück zu Hause. Im Schnitt sind hier 75 Prozent der Bürger mit ihren Lebensbedingungen zufrieden. Ganz vorn liegen vor allem ländlichere Gebiete im Süden mit geringer Arbeitslosigkeit.

Glückliche Starnberger

Glücklichste Region Deutschlands ist Starnberg mit den Kreisen Starnberg und Landsberg am Lech: 86,1 Prozent gaben hier an, mit ihrem Leben zufrieden zu sein. Mit Freising (Rang 3) und Dachau (Rang 11) liegen zwei weitere Regionen aus dem Speckgürtel rund um München auf vorderen Plätzen. Osnabrück, vergangenes Jahr auf Platz eins, kommt 2004 auf Rang vier und führt damit die norddeutschen Regionen an. Beliebteste Großstadt ist Stuttgart vor München und Köln.

Im Osten dagegen sieht es finster aus. Im Schnitt leben nur 40 Prozent der Befragten gern an ihrem Wohnort. Den schlechtesten Wert erreicht mit 22,2 Prozent die alte Bauhausstadt Dessau - die schon 2003 Schlusslicht war. Der Abstand vieler ostdeutscher Städte und Gemeinden zu den beliebtesten Regionen im Westen hat sich noch mehr vergrößert. Ein deutliches Indiz dafür, dass der Abwanderungsdruck Richtung Westen hoch bleibt. Manche Gegenden, so scheint es, sind von ihren Bewohnern gefühlsmäßig regelrecht aufgegeben worden: neben Dessau etwa Halle, die Altmark oder Vorpommern.

Die Regionen mit den zufriedensten Einwohnern in Ostdeutschland sind Leipzig und Dresden. Doch selbst dort sind die Menschen gerade so zufrieden wie in Gelsenkirchen oder im östlichen Oberfranken, den schwächsten West-Regionen. Hier zeigt sich auch, wie stark der Zusammenhang zwischen dem eigenen Wohlbefinden und der wirtschaftlichen Situation ist.

Sorge um den Jobverlust

Ebenso wie Arbeitslosigkeit beeinflusst die Angst davor den Gemütszustand der Menschen. Trauriger Spitzenreiter bei der Frage "Machen Sie sich Sorgen, dass Sie Ihren Arbeitsplatz verlieren bzw. keine Arbeitsstelle finden?" ist die Region Altmark mit den Kreisen Stendal und Salzwedel. Dort, im ländlichen Sachsen-Anhalt, sorgen sich 57,1 Prozent der Bürger um ihren Job. In Dresden dagegen fürchten nur 38 Prozent der Bewohner den Jobverlust - sicher auch eine Folge erfolgreicher Ansiedlungen von Chip-Fabriken und Autoherstellern. Dresden ist damit die einzige Region Ostdeutschlands, in der sich weniger als 40 Prozent um ihre Arbeit sorgen.

Zukunftsängste bestimmen auch in anderen Bereichen das Gefühlsleben: Im Schnitt glauben 35 Prozent der Deutschen, dass sich die Lebensverhältnisse alles in allem verschlechtern werden. Auf den ersten fünf Plätzen der Pessimismus-Rangliste liegen erneut ostdeutsche Regionen. Und die Schuldigen stehen in den Augen vieler Menschen, Ost wie West, fest: die Politiker, egal welcher Partei.

Das Vertrauen in die Politik ist dahin. Als größtes Hindernis für die Umsetzung von Reformen und eine positive Entwicklung des Landes sehen die Bürger den Opportunismus der Politiker. 68 Prozent glauben, dass sich diese Reformunfähigkeit der politischen Elite eher noch verstärken wird.

Misstrauen gegenüber den politischen Parteien

Mehr als zwei Drittel der Bundesbürger misstrauen den politischen Parteien - ein Anstieg um fast sieben Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr. Sechs von sieben Deutschen attestieren den Parteien dringenden Verbesserungsbedarf. Ob Rentensystem, Arbeitsämter, Schulen oder Krankenkassen: Fast überall im öffentlichen Sektor sehen die Menschen beträchtlichen Verbesserungsbedarf. Je staatsferner die Institutionen sind, desto besser kommen sie weg. Paradebeispiel ist der ADAC, der sich gern mal mit der Regierung in Sachen Kraftfahrzeugsteuer oder Straßenbau anlegt und von allen abgefragten Institutionen am besten beurteilt wird.

Das alarmierende - und im Vergleich zum Vorjahr größer gewordene - Misstrauen gegenüber der Politik ist sicher auch eine Folge der vielen fehlgeschlagenen Reformversuche der Regierung. Ständiger Streit um Detailfragen, handwerkliche Fehler bei der Umsetzung und der allgegenwärtige parteipolitische Machtpoker haben die Bürger offensichtlich zermürbt. Umso bemerkenswerter, dass die Bereitschaft, Veränderungen anzugehen, keineswegs erlahmt ist.

Reformen sind machbar - das ist eine der wesentlichen Erkenntnisse von "Perspektive Deutschland". 85 Prozent der Befragten ließen sich für eine reformorientierte Politik gewinnen. Und viele Deutsche haben - vielleicht zur Überraschung mancher Politiker - recht konkrete Vorstellungen davon, was passieren muss. Mehr als zwei Drittel der Deutschen wünschen sich eine Gesellschaft, in der sie eigenverantwortlicher über ihr Leben bestimmen können. Allerdings hängt der Wunsch nach mehr Eigenverantwortung von den eigenen Lebensumständen ab: So ist er in den wirtschaftlich stärkeren Regionen Baden-Württembergs und Bayerns ausgeprägter als in Ostdeutschland.

Absage an "ungezügelten Kapitalismus"

Dem Schlagwort vom "ungezügelten Kapitalismus" erteilen aber die meisten eine Absage. Der Staat soll auch weiterhin für einen sozialen Ausgleich sorgen. Allerdings anders als heute. Zielvorstellung der meisten Deutschen, so das Ergebnis der Leitbild-Analyse, ist ein solidarisches Gemeinwesen, das dem Einzelnen viel Gestaltungsraum lässt. Kurz: weder eine Radikalkur a la Maggie Thatcher noch überbordende Wucherungen des Sozialstaats.

Besonders auf einem Gebiet, das für die stabile Entwicklung eines Landes unverzichtbar ist, versagt der Staat in den Augen der Bürger: bei der Förderung von Familien. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung rechnet damit, dass sich die Lebensbedingungen für Familien mit Kindern verschlechtern werden. Ein Offenbarungseid in Zeiten, in denen die Bundesrepublik mit ihrer schnell alternden Bevölkerung und einer weiterhin sinkenden Geburtenrate vor der größten demografischen Herausforderung ihrer Geschichte steht.

Dabei belegen die Ergebnisse von "Perspektive Deutschland" eindeutig, dass Frauen hierzulande durchaus Nachwuchs wollen. Im Schnitt wünschen sie sich 1,78 Kinder. Zurzeit werden in Deutschland aber durchschnittlich nur 1,3 Kinder pro Frau geboren. Diese Differenz zwischen Wunsch und Wirklichkeit bedeutet, dass jährlich über 200 000 eigentlich erwünschte Babys nicht zur Welt kommen.

Armutszeugnis für die Familienpolitik

"Perspektive Deutschland" belegt: Verantwortlich dafür machen die Deutschen vor allem schlechte Rahmenbedingungen für Familien. Zwei Drittel sind der Meinung, dass Kinder zu viel kosten, 39 Prozent fürchten berufliche Nachteile, 34 Prozent beklagen fehlende Kinderbetreuungsmöglichkeiten. Ein Armutszeugnis für die Familienpolitik im Bund und in den Ländern. Wie hatte Bundeskanzler Schröder das Familienressort genannt: Ministerium "für Gedöns". Vielleicht einer seiner größten Fehler.

Der Königsweg wäre nach Meinung der Befragten die Verbesserung der öffentlichen Kinderbetreuung, die Familien finanziell und auch im Berufsleben entlasten könnte. Mehr Geld dagegen ist den Menschen gar nicht so wichtig: Eine Verdoppelung des Kindergeldes von 150 auf 300 Euro hätte nur wenig Auswirkung auf die Zahl der Geburten.

Bemerkenswert ist das regional sehr unterschiedliche Urteil der Bundesbürger über berufstätige Mütter. Im Saarland sind mehr als die Hälfte der Einwohner überzeugt, dass Kinder leiden, wenn ihre Mütter arbeiten gehen. Die Ostdeutschen dagegen zehren noch von den Erfahrungen der DDR-Zeit, in der die Berufstätigkeit von Müttern normal war und kollektive Kinderbetreuung die Norm: Nur jeder Vierte zwischen Elbe und Oder hält solche Frauen für "Rabenmütter".

Überraschend ist die Einstellung zum Einsatz neuer Technologien. Selbst wenn diese mit Risiken verbunden wären, befürworten 47,2 Prozent der Befragten deren Einführung und verlangen eine stärkere Förderung durch den Staat. Am aufgeschlossensten zeigen sich dabei die Ostdeutschen mit Raten größtenteils über 50 Prozent.

Deutsche Stärken und Schwächen

Offensichtlich sind die hohen Zustimmungsraten auch eine Folge der Angst, in einer globalisierten Welt technologisch abgehängt zu werden. Das schlägt sich auch bei der Bewertung des Standorts Deutschland nieder: Nur noch ein Drittel der Deutschen glaubt, dass Spitzenforschung eine Stärke unseres Landes ist. Als deutsche Tugenden gelten dagegen "Leistungswille", die gute Infrastruktur und der glänzende Ruf von "Made in Germany". Allerdings sind dies Merkmale, die vor allem auf Erfolgen und Leistungen der Vergangenheit aufbauen. Eigenschaften, die für die Chancen künftiger Generationen wichtig sind, scheinen hierzulande eher schwach ausgeprägt: Individuelle Förderung, Flexibilität, ein leistungsfähiges Schulsystem - diese Punkte hält nicht einmal ein Viertel der Befragten für deutsche Stärken.

Entsprechend hoch wird hier der Verbesserungsbedarf eingeschätzt - allem voran beim Schulsystem. Eine Zweidrittelmehrheit befürwortet höhere Investitionen des Staates in die Bildung selbst dann, wenn dadurch in anderen Bereichen gespart werden müsste. Der Zugang zu Wissen für alle, so die klare Aussage, sollte oberste Priorität haben.

Das ist die zweite schallende Ohrfeige der Bürger für die Regierung: Die elitefixierte Bildungspolitik fällt durch. Ministerin Edelgard Bulmahn: Setzen, sechs!

Noch wichtiger ist nur eines: endlich wieder mehr Jobs. Und auch für das Ziel eines funktionsfähigen Arbeitsmarktes, so zeigt die Umfrage, wären die Menschen zu Opfern bereit. Zwei Drittel der Befragten gaben zu Protokoll, dass sie eine Stunde in der Woche ohne Lohnausgleich länger arbeiten würden, entstünden dadurch zusätzliche Arbeitsplätze. 54 Prozent der Deutschen würden dafür auch einen Urlaubstag opfern. Finanzielle Einschnitte - etwa das Streichen des Weihnachtsgeldes - lehnen die Deutschen dagegen mit großer Mehrheit ab. Die Leute haben mehr Zeit übrig als Geld.

Unfähigkeit der Herrschenden

Doch die Opferbereitschaft hat einen Haken: Solange das Vertrauen in die Politik nicht wiederhergestellt ist, so lange werden konkrete Reformvorhaben mit Skepsis betrachtet werden. So ist dies vielleicht die wichtigste Erkenntnis aus "Perspektive Deutschland" 2004: Das Hauptproblem ist nicht die schlechte finanzielle und wirtschaftliche Situation unseres Landes, sondern die Unfähigkeit der Herrschenden, diese Situation in den Griff zu kriegen.

Wo das Glück zu Hause ist

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Mit 86,1 Prozent Zufriedenen liegt in diesem Jahr Starnberg bei München an der Spitze. Vorjahressieger Osnabrück folgt auf Rang vier; der bayerische Untermain rund um Aschaffenburg, 2002 noch auf Platz eins, liegt diesmal auf Rang sieben. Schlusslicht ist erneut die Region um Dessau, in der nur 22,2 Prozent der Bewohner angaben, dort sehr gut leben zu können. Unsere Karte zeigt den Grad der Zufriedenheit als Farbabstufung von Grün nach Rot. Deutlich zu erkennen ist der große Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland. Zur besseren Orientierung sind in den Regionen auch die Kreisgrenzen mit den dazugehörigen Autokennzeichen eingetragen.

Jan Boris Wintzenburg / print