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Deutschland im Bahnstreik: Von Berlin nach Kamen über München

Tag 2 des Bahnstreiks - und Deutschland reagiert mit Stau und Staunen. Die Züge, die fahren, sind oft leer, dafür sind die Straßen und die Flieger voll. Vier stern-Reporter auf Ortstermin.

Von M. Lauerer, A. Hoffmann, I.Eißele, R. Keinath

Wo ist nur die Bordkarte? Oliver Kaczmarek wühlt in seiner Tasche. Er fingert eine Plastikhülle heraus, ein Blatt mit einem Lufthansa-Aufdruck erscheint. Gottseidank. Bloß nicht zurück ins Büro. Kaczmarek sitzt auf der Rückbank einer grauen Daimler-Limousine, Ziel Flughafen Berlin-Tegel. 14.15 Uhr hebt sein Flieger ab. Zuerst München, dann Dortmund und schließlich mit dem Auto nach Kamen.

Kaczmarek gehört zur politischen Elite, sitzt für die SPD im Parlament. Aber an diesem Freitag teilt er das Los vieler Millionen Deutscher.

Wie komme ich nach Hause, wenn die Bahn streikt?

Wer sich im Bundestag umhört, stellt schnell fest: Die meisten Parlamentarier haben kaum Probleme mit dem Streik. Sie weichen auf Flüge aus, steigen aufs Auto um oder bleiben gleich ganz in der Hauptstadt. Nächste Woche ist ohnehin wieder Sitzungswoche, warum also überhaupt zurück?

Keine Zeit für ausfallende Züge

Für Kaczmarek war das keine Wahl. Er will seine Partnerin nicht allein lassen, sie ist in der 34. Woche schwanger. Er steckt auch noch in einem Umzug, streicht am Wochenende Wände, baut Möbel auf. Samstag und Sonntag hat er politische Termine, eine langgediente Verbandsfunktionärin verabschiedet sich aus ihrem Amt, Kränze zum Gedenken an die Judenprogrome am 9. November wollen niedergelegt werden. Ein volles Programm wartet.

Auch auf Carola Stauche. Ein halbes Dutzend Mauerfall-Feiern stehen in ihrem Wahlkreis im thüringischen Saalfeld an. Normalerweise nimmt die CDU-Abgeordnete am Freitag den ICE. Aber heute? Den Fernbus. Gegen Mittag wartet sie am Zentralen Busbahnhof am Funkturm in Berlin-Charlottenburg. Zwei Kollegen aus Thüringen hat sie entdeckt, sie freut sich. Die Fahrt kostet 17 Euro. "Das ist doch supergünstig", sagt sie. Platz ist genug, der Bus ist halbleer; der Unternehmer hat einen Zusatzwagen eingesetzt.

Im Fernbus dem Wahnsinn entgangen

An den Fernbus hat Kaczmarek nicht gedacht, ist ihm nicht eingefallen. Bahn fährt er gern, er kann lesen, Musik hören, schlafen, rumgehen. Im Flugzeug muss er immer seine langen Beine verknoten. Doch jetzt sitzt er gleich zweimal im Flieger. Er hätte natürlich auch Düsseldorf ansteuern können, aber dann mit dem Auto quer durch das Ruhrgebiet? An einem Freitagnachmittag? Letzten Freitag hat er für die 90-Kilometer-Strecke zwei Stunden gebraucht.

Locker rollt der dunkelgraue Daimler über die Berliner Straßen, erst ein, zwei Kilometer vor dem Tegeler Flughafen stauen sich Fahrzeuge. Kurz vor halb zwei Uhr erreicht er das Gate. Kaczmarek reiht sich in die Schlange ein. Er hätte seinen Diplomatenpass zücken können, dann hätten sie ihn durchgewunken. Aber solche Privilegien nutzen, macht sich nicht gut für einen Sozialdemokraten, besonders wenn er sich bei der parlamentarischen Linken engagiert. In der Wartehalle begegnet ihm ein Abgeordneter aus Bayern und lacht über Kaczamareks Umweg via München.

Gegen 15 Uhr trifft der Bus mit Carola Stauche in Jena ein. Sie wechselt in den ICE. Zahlreiche Plätze sind frei, offenbar haben viele die Bahn gemieden. Gegen halb fünf erreicht sie Saalfeld. "Die Rückfahrt war sehr entspannt, ganz anders als gedacht", sagt sie. Auf dem Münchener Flughafen wäre Kaczmarek fast in einen Bayern-München-Fan-Shop gestolpert. Ein Grauen für den bekennenden Schalke-Fan. Bloß weiter. Eine Stunde Warten, eine Stunde Flug, dann erreicht er Dortmund. Seine Partnerin und sein Sohn warten. Heute Abend will er nur noch die Füße hoch legen. Eigentlich. Aber da warten noch ein paar Steckdosen auf ihn, um die er sich kümmern will. Umzug halt.

Fernbus in Bonn: Einsteigen, anschnallen, surfen

Bei fünf Grad stehen etwa zehn Menschen an der Bonner Thomastraße. Es ist kurz nach 7 Uhr am zweiten Tag des Bahnstreiks. Nebenan liegen die Bahngleise, der Hauptbahnhof ist nicht fern. Drei ADAC-Postbusse warten auf ihre Fahrgäste. Wer will, kann um 7.30 Uhr mit der Linie 121 bis nach Braunschweig fahren oder erreicht Berlin am Nachmittag auf andere Route. Und einer fährt nach Darmstadt, anvisierte Ankunftszeit: 11 Uhr.

Auf Platz 17 sitzt Dorofee Bressem. In Bonn studiert die 17-Jährige Physik im ersten Semester. Der viertägige Bahnstreik hat sie bereits einen Tag gekostet: "Eigentlich wollte ich schon gestern nach Hause fahren, doch das ging nicht." Heute fährt sie zum ersten Mal mit dem Fernbus, sonst immer mit der Deutschen Bahn. Mit der ist sie für gut 21 Euro in etwa drei Stunden zu Hause, heute dauert es mit dem quietschgelben Bus mehr als viereinhalb Stunden. Preis dafür: 27 Euro. Die Tour gefällt ihr sehr gut. "Ich fahre gerne mit dem Bus, denn es erinnert mich an die Zeit in Neuseeland." Dort lebte die Karlsruherin für ein Jahr und fuhr häufig mit dem Bus.

Jetzt will sie die verlorene Zeit wegen des Streiks wieder aufholen - und liest in einem Lehrbuch "Experimental Physik 1." Auf Seite 110 werden "inelastische Stöße" aus dem Gebiet der Mechanik behandelt. Dorofee hegt einen Traum: "Ich würde gerne Astronautin werden und später bei der Marsmission mitmachen", sagt sie. Während sie es sagt, erklingt aus den Boxen das Stück "Final Countdown" der Band Europe. Sonst ist es im Bus sehr still. Die Passagiere sitzen vor ihren aufgeklappten Notebooks, surfen im bordeigenen Wlan-Netz - oder sehen sich einen der kostenlosen Spielfilme aus dem Media Center an.

"Bahnfahren macht mir mehr Freude"

Mit an Bord: ein kleines Getränke- und Snackangebot. Die Flasche Coca Cola kostet 1,50 Euro, den Weißwein gibt es für drei Euro - gestattet ist der Verkauf nur in den Pausen. Die meisten Mitfahrer verpflegen sich selbst. So wie Annelien und ihr Freund Samuel, die auf den Plätzen neun und zehn munter helle Weintrauben essen. Die 27-Jährige ist im achten Monat schwanger. Auch sie fährt heute zum ersten Mal mit einem Fernbus, zufrieden ist sie mit der Premiere nicht. "Bahnfahren macht mir mehr Freude, dort kann ich auch mal Auf und Ab gehen." Heute begleitet sie ihr Freund, denn Anneline wollte nicht alleine reisen. Zu zweit ist es einfacher, sagt sie. Anneline spielt Klarinette und reist zu einem klassischen Konzert nach Karlsruhe.

Gegen 10.20 Uhr rollt der Bus durch Mainz. Dort hat er mehr als ein Dutzend neue Passagiere aufgelesen, nur noch wenige Sitzplätze bleiben frei. Fast hat man das Gefühl, Deutschland steigt um, denn die Fernbusbranche boomt. Bereits seit dem 1. Januar 2013 lässt sich die Republik so bereisen. Der ADAC-Postbus fährt 60 Städte an und das Netz wird weiter ausgebaut. Bei der Deutschen Bahn spüren sie die Folgen der Liberalisierung.

Bahn hat die Konkurrenz unterschätzt

So setzten die Fernbus-Anbieter 2014 eine Größenordnung von 150 bis 200 Millionen Euro um, wie es der DB-Vorstand Ulrich Homburg noch im Juni sagte. Damals rechnete er damit, "dass 2016 der Umsatz der Branche schon bei 350 bis 400 Millionen Euro liegt." Und fügte hinzu: "Die Geschwindigkeit der Entwicklung haben wir unterschätzt."

Ein weiterer Grund für die enormen Umsatzsteigerungen der Fernbus-Anbieter findet sich auf Sitzplatz 44. Dort sitzt David Weiler, der bei der Agentur für Arbeit angestellt ist. Er scheint auch einer der Wenigen zu sein, der jenen per Video ausgesandten Appell an die Fahrgäste ernst nimmt: "Sie müssen bitte während der gesamten Fahrt angeschnallt bleiben". Weiler hatte seine Reise anders geplant: "Ich wäre eigentlich mit dem ICE fahren, aber wegen des Bahnstreiks ging dies nicht." Dann fügt er hinzu: "Die Fahrt mit dem Bus ist wesentlich günstiger." Statt 44 Euro hätte er bis nach Freiburg mit der Bahncard 50 im Fernzug 61 Euro bezahlt. Sein Fazit: "Ich werde ganz sicher wieder mit dem Bus fahren!"

In der Verkehrsleitzentrale Stuttgart: Streik verursacht Chaos auf den Straßen

Man kann nicht erwarten, dass sich Verkehrsplaner besonders über einen Stau aufregen. Das ist ihr täglich Brot. Aber was am ersten Streiktag der Bahn auf den Straßen in und um Stuttgart los war, dafür hat Ralf Thomas, 39, Leiter der Integrierten Verkehrsleitzentrale in Bad Cannstatt, nur ein einziges Wort: "Hammer!" Thomas hat eine Karte ausgedruckt. Sie zeigt die Region Stuttgart am Donnerstag, 10 Uhr. Rot gleich Stau. Nahezu jede Einfallsstraße nach Stuttgart ist rot eingefärbt.

An diesem Morgen, als der Streik begann, gab es nicht nur den üblichen Stau der Berufspendler auf ein, zwei Einfallsstraßen. Die Region Stuttgart, ein Ballungsraum mit 2,7 Millionen Menschen, stand seit dem frühen Morgen nahezu still. 400.000 Fahrzeuge fahren täglich aus dem Umland durch das Zentrum von Stuttgart, genauso viele verlassen das Stadtgebiet am Abend. "Schon ohne Bahnstreik sind die Straßen überlastet", erklärt Thomas. Gestern aber kamen noch tausende Umsteiger hinzu. Auf einer Skala von eins – alles fließt – bis zehn lag der gefühlte Wert für Ralf Thomas "bei zehn. Schlimmer kann es nicht mehr kommen."

Wenig zu steuern

In der Integrierten Leitzentrale sitzen ein halbes Dutzend Controller an ihren Bildschirmen, mit Blick auf die Bilder von Überwachungskameras, die den Verkehrsfluss an neuralgischen Punkten in der Stadt zeigen, beispielsweise im Schwanentunnel, bei der Schwabengarage oder am Marienplatz. Vier Institutionen arbeiten Schreibtisch an Schreibtisch – vorne links die Polizei, vorne rechts die Stuttgarter Straßenbahnen, hinten links ein Mitarbeiter vom Ordnungsamt der Stadt, hinten rechts sein Kollege vom Tiefbauamt. Sie steuern die Anzeigen auf den elektronischen Anzeigentafeln längs der Bundesstraßen und leiten den Verkehr in Stuttgart auf Umleitungsstrecken.

Aber was kann man steuern an einem Tag wie Donnersta? "Wenig", bekennt Thomas. "Dieser Bahnstreik ist ein Sonderfall." Natürlich lässt sich der Verkehr beispielsweise durch Ampelschaltung beeinflussen, aber was hilft die, wenn auch sämtliche Umleitungsstrecken dicht sind?

Immerhin, ein Rat der Leitzentrale wurde beherzigt. "Die Leute sind viel früher losgefahren als sonst." Die nächste Welle wird für den Abend erwartet, allerdings sind heute merklich weniger Autofahrer unterwegs. Viele haben sich auf den Streik eingestellt - und einen freien Tag genommen.

Stuttgart eine der stauträchtigsten Städte

Stuttgart gilt als eine der stauträchtigsten Städte in Deutschland. Am schlimmsten sei die Situation aber nicht in der Innenstadt, sagt Thomas, sondern im Umland, vor allem auf der Autobahn. "Ist die A 8 zu, läuft bei uns die Innenstadt über", sagt Thomas. Anders als beispielsweise München hat Stuttgart, das im Talkessel liegt, keinen Verkehrsring, der die Innenstadt entlastet. "Man kann nicht ausweichen, es geht nur durch die Stadt." Dort aber will man die Verkehrsmassen nicht mehr haben, die Anwohner fühlen sich durch Feinstaub und Lärm extrem belastet.

Blitzer am effektivsten

Thomas sehnt nicht nur das Ende des Bahnstreiks herbei, sondern auch moderne Navigationssysteme, die das Leitsystem mit dem Navi im Auto vernetzen und den Fahrern beispielsweise blitzschnelle Alternativen anbieten können, wenn Straßen dicht oder Parkhäuser überfüllt sind. Mit Tomtom und Garmin sei man im Gespräch, wie sich Staus auf diese Weise vermeiden lassen. Allerdings: "Wir stehen noch am Anfang." Die Interessen seien doch sehr unterschiedlich. Die Hersteller wollten ihren Kunden den schnellsten Weg zeigen, die Leitzentrale habe auch die Interessen von Fußgängern, Radfahrern und Anwohnern im Blick.

Solange regelt die Stadt Stuttgart den Verkehr mit Ampeln, Informationen auf elektronischen Anzeigetafeln und – sofern er läuft – mit Blitzern. Das effektvollste Steuerungsinstrument überhaupt, sagt Ralf Thomas und hebt seinen Geldbeutel vom Schreibtisch. "Einsicht allein bewegt nicht genug, es muss weh tun." Seit neue Blitzer die Bundesstraße in der Stuttgarter Innenstadt säumen, fahren die meisten Autofahrer strikt Tempo fünfzig. "Es gibt kaum noch Tempoüberschreitungen."

Lokführer vor dem Mannheimer Hauptbahnhof: Sie trotzen dem Unmut

Es dauert keine zwei Minuten, bis der Unmut durchschlägt. Die streikenden Lokführer haben sich gerade erst vor dem Hauptbahnhof in Mannheim versammelt – einige von ihnen ziehen sich noch die weiße Streikweste an – da geht die Pöbelei schon los. Eine ältere Frau geht zielstrebig auf die etwa 15 Gewerkschafter zu. "Was ihr macht, ist unverschämt", schäumt sie, "wenn sich jeder so verhält, bricht das ganze Land zusammen."

Sie selbst habe für sechs Euro die Stunde Demenzkranke gepflegt und sei nie auf die Straße gegangen. "Euer Typ da sollte sich was schämen." Eine Antwort wartet sie nicht mehr ab.

"Den Ossi soll man zum Mond schießen"

Der "Typ" ist GDL-Chef Claus Weselsky, derzeit vermutlich der unbeliebteste Deutsche. Seit der Streik der "Gewerkschaft deutscher Lokomotivführer" tagelang den Verkehr im Land lahmlegt, unterstellen ihm Medien und Bevölkerung eine "Ego-Nummer".

An diesem Freitagnachmittag ist Weselsky zwar nicht in Mannheim, dennoch ist er auch hier der Blitzableiter für den Unmut der Bahnfahrer. "Den Ossi soll man zum Mond schießen", wettert ein Passant, "ihr habt euch an einen Ossi verkauft", ruft ein anderer den Lokführern zu, und versteigt sich zu der Behauptung, dass man 1989 die Grenze hätte "zulassen sollen". Dann merkt er, dass einige der Lokführer aus Ostdeutschland kommen. "War doch nur ein Spaß", versucht er zu beschwichtigen, "ich muss jetzt zu meinem Zug."

Lokführer moderieren Streik

Einige der Lokführer stehen an ihrem freien Tag in der Kälte. Sie wollen zeigen, dass der bundesweite Streik keine Machtdemonstration ihres Vorsitzenden ist. Immer wieder erklären sie den Passanten, dass sie voll hinter dem Streik stehen – trotz finanzieller Einbuße von bis zu 50 Prozent pro Streiktag.

"Es war eine demokratische Entscheidung", sagt Jens-Peter Lück, Vize-Chef der GDL Süd-West und selber Lokführer. Die Medienkampagne gegen Weselsky nehme "kriminelle Ausmaße" an, wenn beispielsweise dessen Nummer veröffentlicht und dazu aufgerufen werde, ihm die Meinung zu sagen.

"Ich wäre genauso verärgert"

Das Landesarbeitsgericht in Frankfurt habe den Streik als rechtmäßig bewertet. Dass die Solidarität unter den GDL-Mitgliedern bröckele, sei falsch. Bei der "Initiative für mehr Demokratie und Rechtsstaatlichkeit" in der GDL handele es sich um einen "persönlichen Rachefeldzug" des ehemaligen Vorsitzenden Manfred Schell, sagt Lück.

Dieser wolle sich dafür rächen, dass sein früherer Ziehsohn Sven Grünwoldt im vergangenen Jahr seines Amtes als Vize-Vorsitzender enthoben worden sei. Nun werde der Eindruck erweckt, dass die GDL zutiefst gespalten sei.

Die Wut der Fahrgäste kann Lück jedoch verstehen. "Ich wäre genauso verärgert", sagt er, "doch wie sollen wir sonst unsere Forderungen durchsetzen?"

"Lasst euch nicht unterkriegen"

Nicht alle Passanten reagieren mit Unverständnis. Eine Rentnerin macht den Streikenden Mut. "Ich finde super, was ihr macht, lasst euch nicht unterkriegen." Streiken sei nun einmal ein Grundrecht, "wir sind ja nicht in der DDR". Das sage sie nicht nur, weil sie als Rentnerin mehr Zeit habe als die arbeitende Bevölkerung. Die Leute sollten solidarischer sein. "Dann wartet man eben mal ein bisschen länger auf den Zug."

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