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EM 2012: EM-Playoffs - Vier Plätze sind noch zu vergeben

Der Fürther Milorad Pekovic träumt mit Montenegro ebenso von der ersten EM-Teilnahme wie die türkischen Youngster Gökhan Töre und Ömer Toprak. Wenn in den Playoffs die letzten vier Plätze vergeben werden, spielen auch 19 Spieler aus Deutschland entscheidende Rollen. Wir verraten, wer sich durchsetzen kann.

Das DFB-Team kann in den Freundschaftsspielen gegen die Ukraine und die Niederlande bereits experimentieren, für acht andere Teams geht es in den Playoffs zur EM 2012 nochmal um Alles. In den vier Partien ist die Bundesliga aber trotzdem sehr stark vertreten, einzig Estland und Irland verzichten komplett auf Erfahrung aus Deutschland.

Wir stimmen Sie auf die Hinspiele am Freitag und die Rückspiele am 15. November ein, blicken nochmal auf die Leistungen in den Gruppen zurück und verraten, ob sich immer die Favoriten durchsetzen, oder die eine oder andere Überraschung möglich ist.

Bosnien-Herzegowina – Portugal

In diesem Spiel wimmelt es nur so von aktuellen oder ehemaligen Spielern der Bundesliga. Bosniens Coach Safet Susic nominierte die beiden Hoffenheimer Sejad Salihovic und Vedad Ibisevic sowie den beim HSV derzeit überhaupt nicht zum Zug kommenden Muhamed Besic. Die bosnischen Erfolgsaussichten stehen und fallen aber mit dem Ex-Wolfsburger Edin Dzeko, der mit zehn Toren in neun Spielen bei Manchester City in beeindruckender Form ist. Ebenfalls nominiert ist Zvjezdan Misimovic (Dynamo Moskau).

Portugal geht trotzdem als Favorit in das Spiel, was nicht unbedingt am Ex-Bremer Hugo Almeida (Besiktas) und dem Kölner Innenverteidiger Sereno liegt. Aber mit der Rückkehr von Pepe und Fabio Coentrao (beide Real Madrid) sowie der Stärke von Teamkollege Cristiano Ronaldo, Raul Meireles (FC Chelsea) oder Nani (Manchester United) wäre ein Scheitern des Vize-Europameisters von 2004 nur schwer zu vermitteln.

Deshalb steht Trainer Paulo Bento auch stark in der Kritik und dürfte bei einem Scheitern vor dem Aus stehen. Schon nach der 1:2-Niederlage in Dänemark, als der Einzug in die Playoffs feststand, wurden in Portugal Stimmen laut, die José Mourinho als Interimscoach oder Technischen Direktor ins Spiel brachten. The Special One dementierte aber selbst – nicht ohne seine langfristigen Ambitionen auf das Amt als Portugals Nationaltrainer zu betonen – und so steht Bento unter besonderer Beobachtung.

Beim Hinspiel in Zenica und der zweiten Partie in Lissabon treffen aber auch alte Bekannte aufeinander, denn vor zwei Jahren in den Playoffs zur WM 2010 setzte sich Portugal mit zwei 1:0-Siegen gegen die bosnische Auswahl durch. "Ich bin niemand, der von Revanche oder Rache spricht", sagte Misimovic gegenüber fifa.com. "Portugal war damals die bessere Mannschaft und hat sich verdient für Südafrika qualifiziert. Jetzt stehen erneut zwei Partien an, in denen wir versuchen werden, unser Bestes zu geben."

Mit dem Rückspiel vor heimischer Kulisse haben die Portugiesen einen weiteren Vorteil auf ihrer Seite, aber Bosnien hat mit dem 1:1 in Frankreich gezeigt, dass auch auswärts gegen große Teams etwas möglich ist. Bei aller offensiven Qualität wird es für die Bosnier vor allem um Stabilität in der Abwehr gehen.

Prognose: So gut wir uns Bosnien-Herzegowina mal bei einem großen Turnier vorstellen können, letztlich werden die größere Erfahrung, die individuelle Klasse und das Rückspiel, den Ausschlag für Portugal geben.

Türkei – Kroatien

Eine offene Rechnung gibt es auch im zweiten Topspiel der Playoffs, immerhin scheiterten die Kroaten bei der letzten EM im Viertelfinale erst im Elfmeterschießen an der Türkei. In einem lange Zeit nur von der Spannung lebenden Spiel hatte Ivan Klasnic in der 119. Minute für die vermeintliche Entscheidung gesorgt, fast im Gegenzug sicherte Semih Sentürk aber die Entscheidung vom Punkt. Dort verschossen dann Luka Modric, Ivan Rakitic und Mladen Petric – wenn Petric nicht verletzt fehlen würde, könnte alle drei zum Revanche-Halali blasen.

Auch in dieser Partie könnte sehr viel deutsch gesprochen werden. Kroatiens Trainer Slaven Bilic nominierte mit Ivan Perisic (Borussia Dortmund), Mario Mandzukic (VfL Wolfsburg), Mato Jajalo (1. FC Köln), Danijel Pranjic, Ivica Olic (beide Bayern München), Gordon Schildenfeld (Eintracht Frankfurt) und dem angeschlagenen Ivo Ilicevic (Hamburger SV) gleich sieben Spieler aus der Bundesliga oder der 2. Liga – hinzu kommen neben Rakitic noch Josip Simunic und Domagoj Vida.

Aufgrund der erzielten Ergebnisse gehen die Kroaten favorisiert in die Playoffs. In der Gruppe F schaffte die Bilic-Elf sieben Siege, ein Unentschieden und verlor zwei Spiele, während sich die Türkei in der Deutschland-Gruppe sehr schwer tat und sogar in Aserbaidschan verlor.

Eigentlich müssten die türkischen Hoffnungen auf Trainer Guus Hiddink ruhen, der Niederländer gilt nicht erst seit den starken WM-Teilnahmen von Südkorea und Australien als großer Nationaltrainer. Zuletzt bröckelt das Image allerdings, mit Russland verpasste Hiddink die WM 2010 und die Erwartungen in der Türkei konnte er ebenfalls nicht erfüllen.

Hiddink muss zwar noch auf Nuri Sahin verzichten, dafür nominierte er aber die ehemaligen Bundesliga-Stars Hamit (Real Madrid) und Halil Altintop (Trabzonspor), dazu kommen die beiden Youngster Gökhan Töre (Hamburger SV) und Ömer Toprak (Bayer Leverkusen). In jedem Fall treffen zwei Playoff-erfahrene Teams aufeinander. Die Türkei setzte sich 1999 und 2001 gegen Irland und Österreich durch, schied 2003 und 2005 aber gegen Lettland und die Schweiz aus. Kroatien wiederum besiegte auf dem Weg zur WM 1998 die Ukraine und setzte sich vor der EM 2004 auch gegen Slowenien durch.

Prognose: Die Türkei offenbarte zuletzt vor allem in der Offensive Schwierigkeiten, das Hiddink-Team erzielt einfach zu wenig Tore. Deshalb wird es insgesamt sehr knapp zugehen, aber Kroatien fährt zur EM.

Tschechien – Montenegro

Auf den ersten Blick ist die Favoritenrolle in dieser Partie am klarsten verteilt. Tschechien ist ein Land mit großer Fußballtradition, Montenegro ist dagegen ein eher weißer Fleck auf der Fußball-Landkarte – kein Wunder bei nur 660.000 Einwohnern. Doch die erst seit 2007 als offizielles FIFA-Mitglied geführten Montenegriner haben in der Qualifikation beachtliche Ergebnisse eingefahren (zwei Remis gegen England, ein Sieg gegen die Schweiz) und mit Mirko Vucinic (Juventus) und Stevan Jovetic (Florenz) zwei großartige Fußballer in ihren Reihen.

In Tschechien stagniert der Fußball dagegen seit einigen Jahren, viele Leistungsträger sind in die Jahre gekommen. Trainer Michal Bilek und sein Team konnten sich nur knapp gegen Schottland durchsetzen. Auch Bilek setzt mit mit Jaroslav Drobny (HSV), Zdenek Pospech (FSV Mainz), Roman Hubnik (Hertha BSC) Michal Kadlec (Leverkusen) und Tomas Pekhart (Nürnberg) auf Bundesliga-Erfahrung. Vor allem Drobny könnte in den Mittelpunkt rücken, der Einsatz von Stammkeeper Petr Cech steht nach einem Nasenbeinbruch auf der Kippe.

Ein besonderes Spiel ist es aber auch für Milorad Pekovic. Der 34-jährige Montenegriner spielt bei Greuther Fürth um den Aufstieg in die Bundesliga und kann beim Hinspiel in Prag auf die Unterstützung des gesamten Fürther Teams setzen. "Wir haben gezeigt, dass wir die Qualität haben, auch gegen große Fußball-Nationen wie England bestehen zu können", sagte Pekovic gegenüber fifa.com. Montenegro hofft insbesondere auf den Heimvorteil im Rückspiel in Podgorica, wo die 12.500 Zuschauer für eine tolle Stimmung sorgen werden.

Prognose: Montenegro wird erstmals an einem großen Turnier teilnehmen. Entscheidender Mann wird dabei Jovetic sein, der sich nach seiner schweren Knieverletzung in Florenz gerade wieder der Bestform nähert.

Estland – Irland

Der empörende Aufschrei ging durch halb Europa. Frankreich hatte das entscheidende Tor für die Qualifikation zur WM 2010 einem Handspiel von Thierry Henry zu verdanken, die Iren waren die Leidtragenden. Auch die FIFA sah sich nach einem Protest des irischen Verbands nicht in der Lage, diese Ungerechtigkeit zu beenden – es gab damals kein Wiederholungsspiel.

Nun hat das Team von Trainer Giovanni Trapattoni wieder die Gelegenheit, erstmals seit 2002 wieder an einem großen Turnier teilzunehmen. Gegner Estland ist neben Montenegro der zweite große Außenseiter im Konzert der Playoff-Kandidaten. Dabei sah es im Juni nach einer peinlichen 0:2-Pleite gegen die Färöer-Inseln alles anders als nach Platz zwei in der Gruppe C aus.

Doch im Herbst folgten drei Siege gegen Nordirland und Slowenien, dazu nahm sich Serbien eine nicht erwartete Schwäche und schon war die Sensation perfekt. Das Team von Trainer Tarmo Rüütli muss aber ohne große Stars auskommen und ist zudem sehr unerfahren, was solche entscheidende Spiele anbetrifft. Kapitän Raio Piiroja will die beiden Spiele vor allem genießen: "Wir haben jetzt schon Geschichte geschrieben, aber das ist eine weitere Gelegenheit für uns", sagte er laut sportschau.de.

Prognose: Die Gerechtigkeit siegt, Irland bekommt nach dem unglücklichen Scheitern vor der WM 2010 eine zweite Chance und setzt sich gegen überforderte Esten durch.

Marcus Krämer

sportal.de / sportal

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