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Athen 2004 stern-Serie: Kampf der Systeme

Vom Wiederaufbau in den Kalten Krieg: 1948 sind deutsche Sportler noch von Olympia ausgeschlossen. 1968 treten BRD und DDR erstmals getrennt an. Vier Jahre später überschattet ein Terroranschlag die Wettkämpfe von München. Und 1980 entwertet der Boykott des Westens die Spiele in Moskau

Die deutsche Sportjugend missbilligt zutiefst die von den Vertretern des Nazi-Regimes begangenen Grausamkeiten." Mit dieser floskelhaften Verurteilung der Hitler-Zeit öffnete sich das Deutschland der Nachkriegsjahre die Tür zu den Olympischen Spielen in Helsinki 1952.

Die Zerknirschung kann nicht sehr tief gegangen sein. Immerhin hatte es ein Karl Ritter von Halt, IOC-Mitglied seit 1929, gerade mal sechs Jahre nach Kriegsende unbeschadet seiner Vergangenheit zum Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees gebracht. Bis 1945 war der ehemalige Zehnkämpfer überzeugter Nazi, war im "Freundeskreis Reichsführer SS", also Heinrich Himmlers und Hitlers letzter "Reichssportführer" gewesen. Doch dem IOC genügten die schönen Worte. Deutschland gehörte wieder der weltweiten olympischen Familie an.

1948 in London waren die Deutschen - und die Japaner - noch ausgeschlossen, als sich die Jugend der Welt zum ersten Mal wieder traf. Nach Hitlers Macht-und-Pracht-Spielen 1936 in Berlin zeigte sich die britische Hauptstadt nüchtern und bescheiden. Die Athleten wohnten in Schulen und Kasernen. Nach dem Ende der Schwimmwettbewerbe deckte man das Bassin mit Holzplatten ab und nutzte es als Arena für Boxer und Ringer. Lebensmittel gab es im Nachkriegs-England noch auf Karten - immerhin gestand man den Sportlern die Rationen für Schwerarbeiter zu.

Überragende Athletin war die Holländerin Fanny Blankers-Koen, 30. Die Hausfrau und Mutter gewann vier Goldmedaillen im Sprint und wäre wahrscheinlich auch im Hoch- und Weitsprung erfolgreich gewesen, hätte ihr nicht der Zeitplan die Teilnahme unmöglich gemacht. Bob Mathias aus den USA, der erst 17 Jahre alte Sieger im Zehnkampf, wurde nach seinen nächsten Plänen gefragt und antwortete: "Ich werde anfangen, mich zu rasieren." Und da war noch ein hagerer, knochiger Tschechoslowake namens Emil Zátopek, der auf der Bahn so aussah, als würde er jeden Augenblick kollabieren. Er gewann die 10 000 Meter mit klarem Vorsprung. Vier Jahre später, in Helsinki, machte der Tschechoslowake mit den Leidensgrimassen und der enervierenden Angewohnheit, auf der Piste seine Gegner anzusprechen, noch ganz anders von sich reden. Zuckend und keuchend lief die "tschechische Lokomotive" der Konkurrenz über 5000 Meter, 10 000 Meter und beim Marathon davon. Seine Frau Dana gewann auch noch das Speerwerfen - "3:1 für mich!", kommentierte der schwejkische Emil das Familienduell.

Im 5000-Meter-Lauf wurde der Solinger Herbert Schade Dritter. Auch die anderen deutschen Medaillengewinner mussten sich beim Nachkriegsstart mit Silber oder Bronze begnügen. In Helsinki waren die bis heute einzigen Spiele, bei denen kein deutscher Athlet Gold gewann. Das freute damals besonders die Sportführung des russisch besetzten Teils von Deutschland, der sich selbst Deutsche Demokratische Republik nannte, im Westen aber Ostzone oder SBZ hieß. Das IOC hatte verfügt, dass eine gesamtdeutsche Mannschaft anzutreten habe. Doch die beiden Teile Deutschlands konnten sich nicht auf ein gemeinsames Team einigen. So nahmen für Deutschland schließlich nur die Sportler der jungen Bundesrepublik teil. Endlose Querelen und Intrigen um den Olympiakader bestimmten für die nächsten 20 Jahre die deutsche Sportpolitik.

Das Gezerre zwischen Deutschland Ost und Deutschland West war nur ein Ableger des "Wettkampfs der Systeme", der mit Helsinki begann. Bis dahin hatte die Sowjetunion die Spiele des Barons Coubertin als bourgeois und reaktionär abgetan. Nun aber sah der Kreml Olympia als eine großartige Bühne, die Überlegenheit des kommunistischen Menschen über die abgelebten und korrupten Kapitalisten zu beweisen - insbesondere über die Amerikaner, die Erzfeinde im Kalten Krieg. Schnell stellte sich jedoch heraus, dass der befreite Proletarier grundsätzlich nicht besser rennen oder ringen konnte als der ausgebeutete Kapitalistenknecht. Aber: Wenn er von früh bis spät trainierte, weil sein Job in der Armee oder in der Verwaltung nur symbolischen Charakter hatte, dann war der "Staatsamateur" seinem westlichen Konkurrenten deutlich voraus.

Der Athlet diesseits des Eisernen Vorhangs hingegen konnte seinen Sport nicht zum Lebensmittelpunkt machen. Dafür sorgte mit stählerner Faust Avery Brundage. Der ehemalige Präsident des Olympischen Komitees der USA war zwischen den beiden Weltkriegen als Bewunderer Nazi-Deutschlands aufgefallen. Trotzdem wurde der Bauunternehmer aus Chicago 1952 zum IOC-Präsidenten gewählt. Wegen des harschen Umgangs mit seiner Belegschaft hatte er den Spitznamen "Slavery Avery", Sklaventreiber Avery. Kapitalist Brundage war zwar grundsätzlich ein Kommunistenhasser. Dass die Athleten aus den sozialistischen Staaten nur auf dem Papier Amateure waren, wollte er allerdings nicht wahrhaben. Für ihn übten sie einen sportfremden Beruf aus und standen somit nicht im Widerspruch zu seinem Idealbild.

Wer offen Geld - und sei es auch im bescheidenen Umfang - für etwas bekam, das mit Sport auch nur entfernt zu tun hatte, den traf unerbittlich der Bannstrahl des olympischen Gralshüters. So verlor 1953 Bob Mathias, der US-Goldjunge im Zehnkampf von 1948 und 1952, seinen Amateurstatus: Er hatte für ein paar Dollar einen Artikel über die Probleme des amerikanischen College Football geschrieben! Der weltfremde Purismus des IOC-Präsidenten sollte in den kommenden Jahrzehnten den Amateurgedanken schleichend aushöhlen. Die westlichen Länder versuchten mit zweifelhaften Uni-Stipendien, staatlichen Unterhaltshilfen, Scheinberufen auch hier und natürlich Zahlungen unter dem Tisch den Vorteil der sozialistischen De-facto-Profis einigermaßen auszugleichen. Doch erst einmal stürmten die UdSSR und ihre Verbündeten die Medaillenränge. Schon 1956 überholte die Sowjetunion die Sportmacht USA, ab den sechziger Jahren schob sich auch die DDR mit ihren knapp 18 Millionen Einwohnern gefährlich nahe an die großen Zwei heran.

Von den Spielen von Melbourne, 1956, sind aus deutscher Sicht vor allem zwei Ereignisse zu erwähnen: Zum ersten Mal seit der Teilung Deutschlands trat eine gesamtdeutsche Mannschaft an. Da die Bundesrepublik und die DDR verschiedene Nationalhymnen hatten, wurde für Sieger beider Staaten Beethovens "Freude schöner Götterfunke" gespielt. Der zweite Höhepunkt fand gar nicht in Melbourne statt. Weil die australischen Quarantäne-Bestimmungen extrem streng waren, wurden die Reitwettbewerbe nach Stockholm verlegt. Dort trug die Stute Halla ihren Reiter Hans Günter Winkler zu Gold und ins Reich der Legende. Obwohl Winkler wegen einer Leistenverletzung im Sattel festgebunden werden musste, übersprang Halla alle Hindernisse fehlerfrei - ein Reitwunder.

Melbourne brachte die erste von vier Goldmedaillen des US-Diskuswerfers Al Oerter bei vier Olympischen Spielen - ein einmaliger Rekord. Und den Beginn der langen Schwimmkarriere von Dawn Fraser. Die Australierin war nach Melbourne auch noch bei den nächsten beiden Spielen in Rom und Tokio erfolgreich. Außerhalb des Schwimmbassins sorgte die resolute Weltrekordlerin später ebenfalls für Schlagzeilen. So schockte sie die prüde Schwimmwelt mit der Bemerkung, sie wäre ganz gern einmal völlig nackt und am ganzen Körper rasiert auf Rekordjagd gegangen. Im selben Jahr traf das IOC eine Grundsatzentscheidung über Olympia und Politik. Nur wenige Wochen vor Beginn der Spiele hatte die Sowjetunion den ungarischen Volksaufstand niedergeschlagen. Sollte sie von den Spielen ausgeschlossen werden? Das IOC wies eine pragmatische Richtung: "Jeder zivilisierte Mensch empfindet Abscheu angesichts des Massakers in Ungarn. Falls in dieser unvollkommenen Welt die Teilnahme an Sportveranstaltungen jedes Mal verhindert wird, wenn Politiker die Gesetze der Menschlichkeit verletzen, dann wird es bald nur noch ganz wenige internationale Wettkämpfe geben."

Vier Jahre später verliefen die Spiele in der großartigen antiken Kulisse von Rom friedlich und harmonisch. Das Olympiastadion war die perfekte Bühne für den großen Auftritt des Sprinters Armin Hary. Selbst die eigenen Mannschaftskollegen konnten den arroganten Saarländer nicht leiden. Doch an seinem Talent kam keiner vorbei. Harys Reaktionszeit beim Start waren phänomenale drei Hundertstelsekunden. Die Konkurrenz brauchte dreimal so lang, beschuldigte Hary aber, jedes Mal in den Startschuss hineinzufallen.

Die Nerven des Weltrekordhalters mit 10,0 Sekunden waren eisern. Nach einem Fehlstart kam er auch bei der Wiederholung als Erster von den Blöcken und siegte in 10,2. Gelaufen war er mit "Puma"-Schuhen, zur Siegerehrung zog er "Adidas" an. Bezahlen, natürlich unter der Hand, ließ er sich von beiden Ausrüstern. Ein Jahr nach seinem Sieg sperrte der deutsche Leichtathletikverband den schillernden Athleten wegen unkorrekter Spesenabrechnungen. Nach einem Autounfall beendete er 1961 seine Laufbahn. Königin der Herzen in Rom war die Sprinterin Wilma Rudolph. Das strahlende Mädchen aus dem amerikanischen Süden erhielt für seinen mühelosen Laufstil den Beinamen "Schwarze Gazelle". Dabei hatte Wilma, das 20. von 22 Geschwistern, in ihrer Kindheit Polio und für lange Zeit einen Gehapparat aus Metall gehabt. Mit 18 wurde sie Mutter, mit 20 gewann sie Gold über 100 Meter, 200 Meter und mit der Sprintstaffel. Als sie in ihre Heimat zurückkam, wo noch immer strikte Rassentrennung herrschte, flog die Olympiasiegerin 1963 aus einem Lokal nur für Weiße. Von da an engagierte sie sich verstärkt für die schwarze Bürgerrechtsbewegung.

Ähnliche Ovationen wie Wilma Rudolph bekam in Rom nur der Äthiopier Abebe Bikila. Der Soldat aus der Leibwache des Kaisers Haile Selassie siegte als erster Schwarzafrikaner im Marathonlauf. Mit ihm begann die heute fast erdrückende Dominanz der afrikanischen Langstreckenläufer. Abebe rannte die gesamte Strecke barfuß und ohne auch nur einmal zu trinken. 1964 wiederholte er seinen Erfolg. Im Jahr der Spiele von Tokio hatte das IOC fast unbemerkt eine Anti-Doping-Kommission gegründet. Neben Aufputschmitteln oder Rauschgiften wurden auch muskelbildende Hormone auf die Verbotsliste gesetzt - eine eher symbolische Geste, denn noch gab es keinen wirksamen Test für diese Anabolika, die sehr schnell zur Wunderwaffe der Athleten und zur Pest des Hochleistungssports wurden. Noch ungetrübt von Doping-Diskussionen, freuten sich die Deutschen 1964 über eine weitere Medaille für den Deutschland-Achter; in Rom hatte er noch Gold gewonnen, dieses Mal gab es Silber.

Der Ratzeburger Rudertrainer Karl Adam hatte seine Jungs nach einer Schwächephase wieder rechtzeitig in Form gebracht. Die Deutschen sahen den Zehnkämpfer Willi Holdorf beim abschließenden 1500-Meter-Lauf halb bewusstlos einer Goldmedaille entgegentaumeln. Und bedauerten ein wenig, dass Wilfried Dietrich, genannt der "Kran von Schifferstadt", im Schwergewichts-Ringen nach Gold und Silber in Rom sich nun mit Bronze begnügen musste. Sie konnten allerdings nicht wissen, dass sie in Tokio den letzten Auftritt des furchterregenden sowjetischen Schwesterpaares Tamara und Irina Press miterleben würden, von der Konkurrenz nicht nur ihres dezenten Bartwuchses wegen "Press Brothers" genannt. Denn 1966 führten die Leichtathleten überraschend einen Geschlechtstest ein. Tamara, die Diskuswerferin, und Irina, die Hürdenläuferin, sowie manch andere androgyne Athletin verschwanden von der Szene.

Es war genau 15.46 Uhr Ortszeit an jenem regnerischen 18. Oktober 1968, als in der Höhenluft von Mexico City der wohl größte Leichtathletikrekord aller Zeiten aufgestellt wurde. Der Rückenwind von zwei Metern pro Sekunde war eben noch zulässig. Bob Beamon, 22, plagten vor seinem ersten Sprung Gewissensbisse. Er hatte die Nacht zuvor mit seiner Freundin geschlafen. Würde ihn das entscheidend schwächen? Anlauf, Absprung - und ein Flug scheinbar ohne Ende. Als die Kampfrichter mit der neuen optischen Weitenmessung den Aufsprung fixieren wollten, mussten sie passen - die Anlage war für diese Dimensionen nicht eingerichtet.

Während die Kampfrichter aufgeregt ein Maßband organisierten, stand Igor Ter-Owanesjan aus der Sowjetunion, der bisherige Weltrekordhalter mit 8,35 Meter, am Rand der Grube und sagte zu einem Mitfavoriten: "Nach diesem Sprung sehen wir alle aus wie Kinder." Dann kam das Ergebnis: 8,90 Meter. Ein Jahr nach Mexiko machte Beamon Schluss mit der Leichtathletik. Eine ähnliche Weite erreichte er bis dahin auch nicht annähernd wieder. Erst 23 Jahre später verbesserte Mike Powell den Rekord um fünf Zentimeter. Powells Bestmarke steht heute noch immer. Die Spiele 1968 im über 2200 Meter hoch liegenden Mexico City brachten auch sonst eine in der Leichtathletik noch nie dagewesene Rekordflut, vor allem in den Schnellkraft-Disziplinen. Die neue, elastischere Tartanbahn und die vermehrte Anzahl von roten Blutkörperchen bei den Athleten nach ausgiebigem Höhentraining spielten dabei eine Rolle. Im Rückblick sind sich die Experten aber ziemlich sicher, dass Doping in breitem Umfang mit den neuen Wunderdrogen, den Anabolika, für die es noch keine Kontrolltests gab, mindestens genauso wichtig war. Wie sonst ließe sich die gleichzeitige Leistungsexplosion bei den Gewichthebern erklären, die Rekorde genauso locker brachen wie die Kollegen von der Tartanbahn?

Trotz Höchstleistungen herrschte in Mexiko kein olympisches Hochgefühl. 1968 war weltweit ein gewalttätiges Jahr. In Europa gab es die Studentenrevolte, die Truppen des Warschauer Pakts hatten in der ¸SSR brutal den "Prager Frühling" beendet, und in den USA war der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King ermordet worden. Kurz vor Beginn der Spiele erschossen mexikanische Polizisten in der Hauptstadt protestierende Studenten - vermutlich 300 -, die Brot und keine Spiele haben wollten.

Zwei Tage vor Beamons Sprung kam es dann in Olympias heiligen Hallen selbst zum Eklat. Tommie Smith und John Carlos, die zwei schwarzen amerikanischen Medaillengewinner im 200-Meter-Lauf, hielten bei der Siegerehrung den Kopf gesenkt und streckten die Faust in einem schwarzen Handschuh hoch, das Zeichen der radikalen Black-Power-Bewegung. Die Mannschaftsleitung schickte sie daraufhin nach Hause: "Wegen unreifen Verhaltens, es lässt unser Land aussehen wie den Teufel." Hinter der Maßregelung stand angeblich "Slavery Avery" Brundage.

Der greise IOC-Präsident dürfte froh gewesen sein, dass ihm der deutsche NOK-Präsident Willi Daume für die nächsten Wettkämpfe in München "heitere Spiele" in Aussicht gestellt hatte. Anders als 1936 in Berlin sollten sie, so Daume, "frei von falschem Pathos und der fanatischen Jagd nach Medaillen sein". Ein frommer Wunsch: 7500 Medienvertreter hatten sich angesagt, erstmals übertraf ihre Zahl die der Athleten (über 7000). Die Fernsehrechte von München waren für damals unerhörte 13 Millionen Dollar vergeben worden, zwölf Jahre zuvor in Rom hatten die Übertragungen 400 000 Dollar gekostet. Endlich war in der deutschen Frage vom IOC der damaligen politischen Realität Rechnung getragen worden. Die Bundesrepublik und die DDR traten mit getrennten Mannschaften an - und gingen prompt gegeneinander "auf die fanatische Jagd nach Medaillen".

Als bekannt fähige Organisatoren hatten die deutschen Gastgeber an fast alles gedacht, sogar an Schminkkabinen im Stadion, damit die Siegerinnen mit frischem Make-up aufs Podest steigen konnten. Dem Wasser im Schwimmbecken wurde Kalkentferner beigegeben, um es schneller und schlüpfriger zu machen. "Das ist der großartigste Pool, in dem ich je angetreten bin", lobte Mark Spitz, "er ist für Weltrekorde wie geschaffen." Der 22-jährige Amerikaner mit dem Zahnpastalächeln hatte Recht mit seiner Prognose. Er gewann in allen sieben Disziplinen, in denen er an den Start ging, eine Goldmedaille: vier in Einzelrennen, drei in der Staffel, alle in Weltrekordzeit - bis heute unerreicht. Einen Tag später brachte ein palästinensisches Terrorkommando im olympischen Dorf eine Gruppe israelischer Sportler in seine Gewalt - die Geiselnahme forderte 17 Menschenleben. München erstarrte und mit der Olympiastadt die ganze Welt.

Ein schwarzer Schatten lag fortan über allen sportlichen Leistungen. Er lag über dem Sensationssieg der erst 16-jährigen Ulrike Meyfarth (siehe Kasten Seite 126). Über dem "deutschen Fräuleinwunder" in der Leichtathletik überhaupt, das in zehn der 14 Disziplinen für Goldmedaillen sorgte (und im Zweikampf von Heide Rosendahl aus der Bundesrepublik und der DDR-Sprinterin Renate Stecher seinen Höhepunkt hatte). Oder auch über den unglaublichen akrobatischen Verrenkungen der sowjetischen Turnerin Olga Korbut. Der "blonde Spatz von Minsk" war nur 1,54 Meter groß, ganze 39 Kilogramm schwer, 17 Jahre jung und eine der frühesten Vertreterinnen jener Gattung, die das Frauenturnen im Lauf der Jahre immer mehr zum Kinderturnen degradieren sollten.

Bei den Spielen in Montreal, 1976, spielte die Politik erneut mit. Fast alle afrikanischen Nationen boykottierten Olympia, weil Neuseeland teilnehmen durfte. Im Vorfeld war das neuseeländische Rugby-Team in Südafrika angetreten, obwohl das Land am Kap wegen seiner Apartheids-Gesetze vom internationalen Sportbetrieb ausgeschlossen war.

Schwere Zeiten für den neuen IOC-Präsidenten Lord Mike Killanin, der den halsstarrigen Brundage nach den Münchner Spielen abgelöst hatte: Finanzsorgen, politische Pressionen, ein Amateurstatus, von dem alle wussten, dass er nur noch auf dem Papier galt, und immer drängender das Doping-Problem. Erstmals wurde in Montreal ernsthaft auf Anabolika getestet. Dies bedeutete, dass vor allem unter den Gewichthebern eine plötzliche Schwächeepidemie wütete. Die Athleten aus der DDR schienen davon unberührt. Sie überstanden alle Kontrollen, sammelten eine Medaille nach der anderen ein und etablierten sich als Sport-Großmacht. Heute weiß man, dass die DDR schon damals flächendeckend dopte, nur eben geschickter als das Gros der Konkurrenz. Wie weit das deutsche "Fräuleinwunder" in Ost und West, das sich nach München in Montreal vor allem dank Annegret Richter (BRD) sowie Renate Stecher (DDR) fortsetzte, ein Hormonwunder war, lässt sich kaum beantworten. Tatsache ist, dass nie wieder deutsche Leichtathletinnen in zehn von 14 Wettbewerben siegten.

Noch erstaunlicher waren die Erfolge der Schwimmerinnen aus dem ersten deutschen Arbeiter-und-Bauern-Staat. Die Mädels mit dem breiten Kreuz und dem sonoren Alt räumten elf von 13 möglichen Goldmedaillen ab. Damals soll die berühmte Bemerkung eines DDR-Trainers gefallen sein, den jemand auf die eher tiefen Stimmen seiner Schülerinnen ansprach: "Die sind nicht hier um zu singen, sondern um zu schwimmen." Vier Jahre später fanden die Spiele endlich dort statt, wo sie schon lange einmal hingehört hätten, im Zentrum des Sozialismus. Dort, wo inzwischen auch der Schwerpunkt sportlichen Erfolgs lag. Hatten doch die Sowjetunion und die DDR in Montreal zusammen 215 Medaillen gewonnen, die USA gerade mal 94. Doch die Spiele von Moskau waren nur ein Torso. Denn im Dezember 1979 waren die Russen in Afghanistan einmarschiert. US-Präsident Jimmy Carter reagierte sofort: "Dafür müssen sie bezahlen." Da aber der Menschenrechtler Carter wegen eines asiatischen Wüstenlandes nun doch keinen Weltkrieg riskieren wollte, griff er die UdSSR bei Sport und Prestige an und forderte die Welt zum Fernbleiben von den Spielen auf. Die USA boykottierten, 64 Nationen, darunter die Bundesrepublik, blieben den Spielen auch fern. So liefen am 19. Juli 1980 nur 81 Mannschaften ins Leninstadion ein.

Häufig mit Tränen in den Augen konnten die Daheimgebliebenen am Fernseher verfolgen, wie in den ausgedünnten Konkurrenzen Goldmedaillen unter Wert weggingen und die sozialistischen Staaten aus diesem Olympia ein Heimspiel machten. Und nicht ohne Verbitterung sahen besonders die westdeutschen Athleten Sportler aus anderen Nato-Staaten wie Großbritannien und Frankreich starten und siegen. Deren Regierungen hatten im Gegensatz zur eigenen den Sportlern die Entscheidung über ihre Teilnahme überlassen. "Wir sind betrogen worden", so das vorherrschende Gefühl der bundesdeutschen Olympioniken. Einer, den das Schicksal besonders hart traf, war der Zehnkämpfer Guido Kratschmer. 1976 in Montreal war er noch zu jung gewesen, um Gold zu gewinnen, er musste sich mit Silber begnügen. 1984 in Los Angeles war er dann schon zu alt und belegte Platz vier. 1980 hätte sein Goldjahr sein sollen: Kratschmer hatte am 14. Juni in Bernhausen einen Weltrekord mit 8649 Punkten aufgestellt, den der Sieger von Moskau später klar verfehlte.

Teja Fiedler / print

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