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18. November 2007, 17:33 Uhr

"Es wird etwas passieren"

Das Säbelrasseln zwischen den USA und dem Iran ist lauter geworden. Die Falken in Washington dringen auf Krieg. Auch Hunderttausende Exiliraner machen Druck - an ihrer Spitze der "junge Schah", Reza Pahlawi. Von Jan Christoph Wiechmann

Der US-Präsident warnt vor einem "Dritten Weltkrieg"© Win McNamee/Getty Images

Es ist wieder einer dieser Tage im Leben des jungen Schahs, an denen Revolution in der Luft liegt. Über die Flure seiner Villa huschen Berater und sprechen geheimnisvoll von nächtlichen Aufständen in den Straßen Teherans. In der Bibliothek warten Kamerateams auf eine fulminante Rede Seiner Majestät an das persische Volk. Und aus Washington dringt die Nachricht, dass im Pentagon Luftangriffe gegen den Iran geplant werden. Reza Pahlawi, 47, betritt das Kaminzimmer mit seiner jüngsten Tochter im Arm. Er setzt sich in einen throngleichen Sessel vor ein Gemälde, das ihn in einem throngleichen Sessel zeigt. Neben ihm, auf einem Foto, lächelt siegesgewiss sein Vater, der Schah von Persien, der Freund Amerikas, der eiserne Diktator. Pahlawi hat kaum Platz genommen, da warnt er schon vor dem iranischen Regime und "brandstiftenden" Mullahs, vor der "schlimmsten Theokratie seit der spanischen Inquisition" und einem möglichen atomaren Terroranschlag am Lake Michigan mit Millionen Toten. Er klingt ein bisschen wie George Bush und Dick Cheney.

Eigentlich fehlt nur noch ein Faschismus- Vergleich in seiner Liste politischer Grausamkeiten, und dann folgt auch dieser: Die Regierung unter Präsident Ahmadinedschad sei die faschistischste bisher, sagt Pahlawi und blickt sein Gegenüber erwartungsvoll an. Vom Faschismus verstehen die Deutschen doch was. Seine Wortwahl mag hart sein, das weiß Pahlawi, aber nur 50 Kilometer entfernt, im Weißen Haus, haben sie derzeit ganz andere Vergleiche parat. Nur wenige Tage vor dem Besuch Angela Merkels auf Bushs Ranch in Texas schwillt das Säbelrasseln gewaltig an. Bush und seine Leute nennen den Mann an der Spitze der islamischen Republik einen neuen Adolf Hitler. Der US-Präsident habe angeordnet, detaillierte Pläne für Luftangriffe auf Atomanlagen und Stützpunkte der Iranischen Revolutionsgarde ausarbeiten zu lassen - auch mit Atomwaffen, enthüllte Starreporter Seymour Hersh. Das Pentagon habe bereits geheime Kommandos ins Land geschickt. Man glaube, dass ein massives Bombardement die religiöse Führung demütigen und einen Regimesturz auslösen werde.

Er sprach von einem möglichen "Dritten Weltkrieg"

Regimesturz. Bombardement. Pahlawi spricht die Worte sanft und gleichmütig, als beschreibe er die Laubfärbung vor seinem palastgroßen Haus in den Wäldern von Maryland. Reza Pahlawi kam mit 18 in die USA, kurz vor dem Sturz seines Vaters durch Ayatollah Khomeini 1979. Seither wartet er auf den Regimewechsel. 28 Jahre hätten sich die Mullahs alles erlauben dürfen, bis der Westen endlich zum Duell der Ideen antrat: islamischer Fundamentalismus gegen Aufklärung. Theokratie gegen Demokratie. Es nahe die Stunde der Entscheidung, sagt Pahlawi. "Es wird etwas passieren." Der "junge Schah" reist durch die Welt und trifft sich mit iranischen Oppositionellen, mit Monarchisten wie Marxisten. Er pendelt nach Washington und trifft sich mit den rivalisierenden Lagern der US-Regierung. Er trifft dort auf Neokonservative, die einen Militärschlag befürworten, und auf Pragmatiker, die zur Vorsicht mahnen. Er trifft auf jene, die den Mittleren Osten noch immer zum Experimentierfeld der Demokratie machen wollen, und jene, die nach dem Irak-Fiasko keine Experimente mehr ertragen.

Es sind dieselben Lager, die schon vor dem Irak-Krieg um das Gehör des Präsidenten kämpften. Pahlawi glaubt, den Sieger zu kennen. Mitte Oktober läuteten Bush und Cheney die vorerst letzte Runde ihrer Eskalationsstrategie ein. Der Präsident trat gut gelaunt vor die Presse und sollte etwas über die Arbeit im Kongress sagen, über Schulgesetze und den Immobilienmarkt. Fast beiläufig kam er zum Iran. Er sprach von einem möglichen "Dritten Weltkrieg", falls der Iran "das Wissen zur Herstellung einer Atombombe" ergattere. Er betonte das Wort "Wissen". Allein das reiche als Kriegsgrund. Das Wissen. So weit ist Bush bisher nie gegangen. Vier Tage danach besuchte Dick Cheney, erfahren im Herbeireden von Apokalypsen aller Art, das Washington Institute for Near East Policy. Er verwies selbstironisch auf seinen Spitznamen Darth Vader, den für seine Brutalität gefürchteten Dunkelgrafen aus "Star Wars". Er stand gelassen hinter dem Podium, eine Hand in der Hosentasche, den Blick im Irgendwo, und analysierte die fragile Weltlage.

"Wir werden es nicht erlauben, dass der Iran Nuklearwaffen hat"

Er bezichtigte das iranische Regime, Amerikaner im Irak zu töten und Terroraktionen zu steuern, und drohte mit "ernsthaften Folgen": "Wir werden es nicht erlauben, dass der Iran Nuklearwaffen hat", sagte er bestimmt und erntete viel Applaus. So weit ist auch Cheney bisher nie gegangen. Nur wenige Tage nach Cheneys Rede ordnete Bush die schärfsten Sanktionen gegen den Iran seit der Machtübernahme Khomeinis 1979 an. Er brandmarkte die Revolutionsgarde als Terrororganisation und bezichtigte sie der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen. Da hatte er die beiden Schlagwörter wieder vereint: Terror und Massenvernichtungswaffen. Seine Eintrittskarten für den Irak, die Pfeiler seiner von Furcht geprägten Weltsicht. In diesen Tagen sind selbst Beobachter, die Bush lange kennen, ratlos. Was treibt diesen Mann wirklich? Hybris? Der Wahlkampf seiner Partei? Oder tatsächlich Überzeugung? Sein Volk ist kriegsmüde, seine Umfragewerte sind im Keller, doch, so versichert Bush, Umfragen interessierten ihn nicht. Er sieht sich auf einer Mission, geführt von den Kräften der Vorsehung. Er ist ein Mann der Tat, er glaubt, dass nach ihm keiner mehr den Mut zur Konfrontation haben wird, dass er als Retter des Iran in die Geschichte eingehen werde.

Er bemüht die Geschichte, weil die Gegenwart ihm nicht gehorcht. Er bemüht die Apokalypse, weil er alle anderen Bedrohungsszenarien schon verbraucht hat. Seine Zeit läuft ab. Er hat noch neun Monate. Ein Militärschlag müsste bis zum Sommer erfolgen. Dann beginnt die heiße Phase des Wahlkampfs. Das Kriegsgetrommel aus Washington mag, wie einige Experten vermuten, nichts anderes sein als eine Inszenierung, um den Druck auf den Iran und den Sicherheitsrat zu erhöhen, doch zu sehr erinnert die Dramaturgie an den Vorlauf des Irak-Kriegs. Auch damals reisten Cheney und Bush durchs Land und warnten vor Terrorangriffen Saddams und Atompilzen über amerikanischen Städten. Wie damals setzen sie nun im Senat eine Resolution durch, die dem Iran mit militärischen Folgen droht. Und wie damals beginnt ihre PRKampagne zu wirken. Laut einer Umfrage befürworten schon 52 Prozent der Amerikaner einen Präventivschlag gegen den Iran, um eine nukleare Bewaffnung zu verhindern.

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