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Die neue Maggie

Drei Jahre hat die CDU-Chefin taktiert und moderiert. Nun verlässt Angela Merkel die Niederungen der Machtspiele - und wächst zur Radikalreformerin am Sozialstaat. Viele vergleichen sie schon mit Margaret Thatcher, der Eisernen Lady.

Entschlossen vor der CDU-Basis in Sindelfingen: "Ich mach mein Ding"© Bernd Weißbrod/dpa

Es ist, mal wieder, eine bekannte Episode aus dem Leben der Angela Merkel zu erzählen. Da bibberte das Mädchen Angie in Templin in der Uckermark im Schwimmbad auf dem Sprungbrett. Springen oder nicht? Eine Stunde überlegte sie, bedachte 60 lange Minuten den Sprung. Am Schluss der Schwimmstunde, als es schon klingelte, da hüpfte sie. "So bin ich eben, nicht besonders mutig", sagt sie. "Ich brauche immer eine Weile, um die Risiken abzuwägen."

"Quo vadis, Deutschland?"

Dieser Tage ist sie, mal wieder, gesprungen, nach gründlichster Vorbereitung, wie gehabt. Mit einer Rede zum Tag der Einheit im Innenhof des Deutschen Historischen Museums in Berlin. "Quo vadis, Deutschland?", fragte sie ihr Publikum. Wohin geht das Land? "Ich möchte, dass Deutschland nach vorn geht und nicht stehen bleibt", sagte sie.

Mit dieser Grundsatzrede hat Angela Merkel, wieder einmal, alle überrascht. Freund wie Feind, Weggefährten und Konkurrenten. Sie bot Inhalte, die man ihr - noch nie oder nicht mehr - zugetraut hatte. Nicht weniger hat die CDU-Vorsitzende gefordert als den Abschied vom deutschen Sozialstaat, von ihrer CDU 50 Jahre lang mehr als von jeder anderen Partei gepäppelt und gehätschelt. "Wir leben in den zweiten Gründerjahren unserer Republik", sagte sie. Und das heißt aus ihrer Sicht: Systemwechsel bei der Krankenversicherung, Reform der Pflegeversicherung, Sanierung der Rentenversicherung, Neuordnung der Arbeitswelt, Radikalkur des Steuersystems.

Schwer verdauliche Kost für eine Volkspartei. Deren Sozialstaats-Apostel jammern, schäumen, drohen. Ein Norbert Blüm verdrängt seine politische Lebenslüge von der angeblich sicheren Rente, leugnet, dass die von ihm erfundene Pflegeversicherung auf Dauer unbezahlbar ist, und wirft seiner Vorsitzenden das Parteibuch symbolisch vor die Füße: "Die Welt der Angela Merkel ist nicht meine CDU." Das kann sie auch als Kompliment nehmen.

Gerhard Schröder ist der Konkurrentin dankbar

Selbst der Kanzler kam an der Rede nicht vorbei. Das musst du lesen, nervte Kanzleramtschef Frank Walter Steinmeier den Regierungschef, der in der Regel Aktenvermerke ablehnt, sofern sie länger als eine Seite sind. Und jetzt 25 Seiten Text aus der Programm-Werkstatt der Konkurrenz? Eine Zumutung! Aber seither ist Gerhard Schröder der Konkurrentin dankbar. "Gut, dass das auf dem Tisch liegt", lobt er und fügt mit Blick auf seine reformunwilligen Linksgenossen hinzu: "Jetzt ist für alle klar, dass wir an einer Reform der Sozialsysteme nicht vorbeikommen."

Eine neue Angie ist seither wahrzunehmen. Eine, die auf die Frage, was einer CDU ohne sie heute fehlen würde, selbstbewusst antwortet: "Ich." Die bei einer Weinprobe ("Politik und Wein") anstelle der Gastgeber das Wort erteilt, einen Roten verkostet und vergnügt als "im Abgang gut" befindet, womit er für Schröder geeignet sei. Die nach einer Rede vor dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) der CDU/CSU-Bundestagsfraktion lächelnd berichtet, BDI-Präsident Michael Rogowski könne sich neuerdings vorstellen, auch Merkel zu wählen. Als die Abgeordneten "Hört, hört!" feixen, fügt sie frech hinzu: "Merkel hat er gesagt, nicht Union!" Und die Star-Coiffeur Udo Walz nicht länger gram ist, seit die CDU-Basis sie neuerdings auch optisch ziemlich entzückend findet. Walz hatte ausgeplaudert, der ihr von ihm verpasste Bob sei nur ein Zwischenschritt zur Endfrisur - Pagenkopf mit seitlichem Pony.

Kohls Mucksmäuschen

Eine Welt trennt inzwischen die neue von der alten Angie. Als Helmut Kohls Mucksmäuschen galt sie, die nie den Mund gegen den Alten aufkriegte und am Kabinettstisch losheulte, wenn der Alte sie gängelte. Was sollte aus der braven Ossi-Frau im Raubtierkäfig der westdeutschen CDU jemals werden?

Doch als die Partei im Schwarzgeld-Sumpf Kohls strampelte, schien sie der Männerpartei die passende Figur zu sein. Die mit ihrem Kleinmädchenlächeln eine politikunfähig gewordene CDU als Übergangsvorsitzende in wieder bessere Zeiten führen sollte. Welcher Irrtum! "Es ist ja ein Schutz, wenn man immer so ernst und mausgrau aussieht", sagte sie damals mit harmlosem Augenaufschlag. Bieder bis zur Nasenspitze, dachten die Parteimänner.

"Unterschätzung ist etwas Schönes"

Und haben nicht richtig hingehört. Denn die liebe Angie sagte auch schon mal: "Wenn es sein muss, schrecke ich vor keinem Angriff zurück - und der macht mir auch noch Spaß!" Wenn sie springt, dann fest entschlossen zum Risiko. Nur wenige haben zeitig die Methode erkannt, mit der Angela Merkel zur erfolgreichsten Seiteneinsteigerin der deutschen Politik geworden ist. Christian Wulff sagte schon vor Jahren: "Sie ist eine Frau, die traumhaft damit umgeht, unterschätzt zu werden." Sie selbst leugnet die jahrelang gepflegte Methode Merkel nicht. "Unterschätzung ist was Schönes, weil man im Schatten ungestört leben und seine Sachen machen kann."

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