Die globale Bankenkrise alarmiert den Bundespräsidenten: Horst Köhler fordert Solidarität statt blanken Kapitalismus. Ein Gespräch über Schamgefühle angesichts der Armut in der Welt, die Chancen Afrikas und die Tugend des Verzichts.

Horst Köhler unter einer Kastanie im Garten seines Amtssitzes, Schloss Bellevue© Volker Hinz
Bei meiner ersten Reise nach Afrika schenkte mir eine junge Frau in Mali eine kleine Plastikschale. Das war das Maß einer Wochenration Hirse für eine Schwangere. Im Jahr davor hatte ich in der Londoner City erlebt, wie sich junge Investmentbanker nach der Auszahlung ihrer Bonusvergütungen gegenseitig den Champagner über den Kopf leerten. Extreme Armut in Afrika und anderswo, zugleich Überfluss bei uns: Das geht auf Dauer nicht gut.
Ja, mehr als einmal. Weil unsere Reden über Werte und Moral immer wieder durch unsere Taten Lügen gestraft werden. Es braucht zu lange, bis wir begreifen, dass sich auch bei uns einiges ändern muss, damit die Armut in der Welt überwunden werden kann.
Exportsubventionen für Agrarprodukte in Europa und den USA erschweren die Lage in den armen Ländern. Dabei müssen wir doch wissen: Wegen der ökonomischen und sozialen Vernetzung auf unserem Planeten kann kein Staat, und sei er noch so mächtig, das Wohl seines Volkes dauerhaft mehren ohne Rücksicht auf die anderen. Eine Politik, die nur dem eigenen Land eine gute Zukunft sichern soll, ist nicht mehr gut genug.
Die Hungerrevolten sollten Anlass sein, über einen klaren Schnitt bei den Exportsubventionen für europäische und amerikanische Agrarprodukte nachzudenken. Es geht darum, den armen Ländern eine faire Chance dafür zu geben, eigene Ernährungssicherheit durch höhere Produktivität herzustellen. Ansatzpunkte sind bessere Bewässerungsanlagen und die Bildung von Genossenschaften für Kleinbauern. Die Entwicklungshilfe sollte hier eine Priorität haben.
Jeder nach seiner Fasson, aber reden wir uns nicht ein, das sei ein Mittel zur Armutsbekämpfung.
Nein.
Ich mag Obst, das mir schmeckt. Das darf gern aus Brandenburg kommen. Aber auch von anderswo.
Das ist nicht naiv, aber ich rate davon ab, eine Ideologie daraus zu machen. Die Leu- te erkennen doch schon, dass übermäßiger Fleischkonsum so intelligent nicht ist. Wenn sie dann noch sehen, wie andere darunter leiden, dass immer mehr Getreide zur Fleischproduktion verfüttert wird, gibt es gute Chancen für einen Lernprozess.
Das darf und braucht nicht die Alternative zu sein. Wir sollten mit Hochdruck erforschen, wie Biosprit aus Abfallstoffen hergestellt werden kann. Wir dürfen nicht durch übermäßigen Spritbedarf dazu beitragen, dass weiter tropische Regenwälder abgeholzt werden oder großflächige Monokulturen entstehen. Vergnügt Auto zu fahren darf nicht Vorrang haben vor der Ernährung Hungernder.
Nicht zwangsläufig. Aber wenn wir so mobil bleiben wollen wie heute, dann brauchen wir einen großen Sprung hin zu mehr Energieeffizienz, und mehr Schienenverkehr hat allemal Zukunft. Es ist aber auch an der Zeit, unser Ideal vom guten Leben zu überprüfen. Wir stehen vor der Aufgabe, auf eine neue Balance hinzuwirken zwischen den Wünschen des Einzelnen und dem, was die Erde aushält.
Ich sehe darin keinen Königsweg für die Ernährung der Welt, aber dieser Form des technischen Fortschritts müssen wir uns einfach stellen. Klar ist, dass wir dabei die Risiken eingrenzen müssen. Dazu gehört auch, dass Bauern in Afrika nicht abhängig werden dürfen von Saatgutkonzernen in den Industrieländern.
Dass sich der Preis für Reis in so kurzer Zeit verdreifacht hat, hat sicher auch mit Spekulation zu tun. Aber wir sollten unterscheiden zwischen kurzfristigen Einflüssen und langfristiger Perspektive. Da die Weltbevölkerung von derzeit 6,7 auf über 9 Milliarden Menschen bis zum Jahr 2050 wächst, wird Boden knapp, und das macht auch die Nahrungsmittelproduktion teurer. Wir müssen uns also tendenziell auf steigende Lebensmittelpreise einstellen. Wenn dies stärkere Investitionen in die Nahrungsmittelproduktion auslöst, ist der Preisanstieg Teil der langfristigen Lösung. Aber höhere Preise dürfen die Menschen in den armen Ländern nicht zusätzlich in den Hunger treiben. Dagegen müssen gezielte Maßnahmen ergriffen werden.
Kapitalismus heißt nicht nur Rendite einfahren, sondern vor allem: mit Risiko umgehen können. Die Finanzkrise zeigt: Gerade daran haben es zu viele Akteure in den Bankhäusern der Welt missen lassen. Risiken wurden unterschätzt. Zu diesem Fehler wird man schnell verleitet, wenn die persönliche Haftung fehlt. Technisch gesprochen geht die Krise auf den Finanzmärkten auf ein "underpricing of risk" zurück: Kredite waren zu leicht und zu billig verfügbar.
... man muss der Finanzwelt einen Spiegel vorhalten. Sie hat sich mächtig blamiert. Und ein klar vernehmbares mea culpa vermisse ich noch immer. Nur ein Kapitalismus, der bereit ist, sich in Verantwortung zu binden, hat Zukunft. Gerade auch in Verantwortung für die Schwachen. Es kommt darauf an, Verantwortung und damit auch Solidarität zu praktizieren, ohne den Markt- und Preismechanismus auszuschalten. In Deutschland definieren wir soziale Gerechtigkeit aber hauptsächlich noch im Rahmen unserer nationalen Grenzen - mit dem Ergebnis, dass das auch auf Kosten der Menschen in den ärmeren Regionen der Welt gehen kann. Es fehlt insgesamt in den reichen Ländern am Bewusstsein, dass soziale Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert auch in ihrer internationalen Dimension verstanden werden muss.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 21/2008
Zur Person