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14. Juli 2004, 16:32 Uhr

Das neue Leben des Jo-Jo Fischer

Seine strenge Obst-Diät hat er aufgegeben, die Sakkos spannen wieder. Der Ober-Grüne ist trotz ungewisser Zukunft ein entspannter Mann geblieben. Das verdankt er der Liebe zu Minu Barati.

Bundesaußenminister Joschka Fischer mit seiner Liebe Minu Barati© Johannes Eisele/DDP

Seine Hände werden tief in den Jeanstaschen stecken, er wird sich breitbeinig zwischen die Sitzreihen stellen und uns misstrauisch taxieren, aus sorgenvollen Augen. Wahrscheinlich hat er kurz vor dem Abflug noch mit Colin oder Kofi telefoniert, und die werden ihm bestätigt haben, dass der Globus in viel größerer Gefahr schwebt, als die bequemen Deutschen es ahnen. Dann wird jemand die erste Frage stellen, und Fischer wird ausdauernd gähnen.

So beginnen eigentlich alle Reisen mit ihm. Wenn er normal gelaunt ist, also schlecht, hält er die Hand vor den Mund, wenn er richtig schlecht drauf ist, und das war im Jahr 2003 ziemlich oft so, lässt er die Hand weg. Dann setzt er sich auf eine Armlehne und starrt gedankenverloren auf die Bordleinwand, wo stumm eine US-Komödie läuft. Man sieht, wie es in ihm arbeitet. Mein Gott, jetzt könnte ich schnell noch einen Friedensplan für den Sudan entwerfen, signalisiert die zerfurchte Stirn, stattdessen sitze ich mit acht Ahnungslosen in einem Luftwaffen-Airbus nach Windhoek und muss mir Fragen zur Praxisgebühr anhören.

Für die Konkurrenz viel Spott übrig

Manchmal rettet eine Frage zu Friedbert Pflüger die Situation. Der außenpolitische Sprecher der CDU, der gern sein Nachfolger wäre, reizt Fischer zum Spott wie wenig andere: "Wenn die Amerikaner morgen den Mond zur Scheibe erklären, wird er das auch behaupten." Oder Schäuble, die "badische Nebelwand". Oder "Angie". Aber die kessen Sprüche über Frau Merkel werden zahmer, je mehr Machtinstinkt sie zeigt. Wenn man Fischer wirklich aus seinen düsteren Grübeleien befreien will, muss man mit ihm über Fußball reden. Das "Wunder von Bern" hat er zwar nicht gesehen, da kämen zu viele alte Geschichten hoch. Als die Ungarn 1954 überraschend gegen Deutschland verloren, hat sein Vater, der noch in der ungarischen Armee gedient hat und 1946 aus Budapest vertrieben wurde, geweint. Aber wenn Fischer das Finale Real Madrid gegen Benfica Lissabon mit leicht hessischem Akzent nacherzählt, blitzen seine Augen. Das Spiel fand vor 42 Jahren statt, da waren die meisten Mitreisenden noch nicht geboren.

Er macht nach, wie Eusébio sich durch die Real-Abwehr schlängelt. Sein schwarzer Wollpullover mit dem Zopfmuster, der wohl noch aus schlankeren Zeiten stammt, sitzt dabei so stramm über dem Bauch wie ein Nylonstrumpf über dem Kopf des Bankräubers. Madrid führt bis kurz vor Schluss, doch am Ende heißt es 5 : 3 für Lissabon. Zweimal Eusébio!

Fischer strahlt rauflustig. So dreht man Partien um, die schon als verloren gelten! Glaubt das mal dem Fachmann für hoffnungslose Fälle. Ihr könnt uns tausendmal beerdigen, sagt er, am Ende wird Rot-Grün auch 2006 gewinnen. Wie Benfica. Ich habe eure Nachrufe vor der letzten Wahl noch im Kopf, der Westerwelle hat sie ja geglaubt und schon Möbel für das neue Büro bestellt. Ha, wie viele Leute haben damals nach der Wurst geschnappt und standen dann mit leerem Mund da! Der Metzgersohn schnappt in die Luft, dass die Zähne laut aufeinander klappern. Dann lächelt er boshaft. Sein mitternächtlicher Ausflug durch Schöpfung, Hartz IV und Bundesliga ist zu Ende, jetzt geht er schlafen.

"My dear friend Joschka" wird überall gebraucht

Noch vier Stunden bis Bamako/New York/Taschkent oder Islamabad. Egal wohin - "my dear friend Joschka", wie Colin Powell und zirka hundert weitere Außenminister ihn nennen, wird überall gebraucht. Wenn man Joschka Fischer so reden hört, könnte man glauben, die Umfragen und Wahlergebnisse der letzten Monate seien spurlos an ihm vorbeigegangen.

Die rot-grüne Ära geht zu Ende. Und wenn nicht alle Anzeichen trügen, bereitet er seinen Abschied aus der Bundespolitik vor. Der Herbst des grünen Patriarchen hat begonnen. Noch rast er "wie eine Flipperkugel durchs Weltganze", fand die "Zeit", nicht einmal Genscher ("Was? Schon Freitag? Dann muss das hier Bombay sein.") ist so rastlos umhergejettet.

Vergangenen Sonntag reiste Fischer in den Sudan, kam am Montag zurück nach Berlin, packte neue Hemden ein und flog Dienstag weiter nach Peking. Doch irgendwas ist neuerdings anders. Mitte April 2004, auf dem Weg nach Kabul, irgendwo in elftausend Meter Höhe über Russland. Fischer besucht die mitreisenden Journalisten. Er gähnt nicht. Er kaut nicht auf dem Brillenbügel. Er hat gute Laune. Das hat man lange nicht erlebt, aber in letzter Zeit ist es nicht mehr zu übersehen - er wirkt entspannt. Die Welt mag noch immer ein postmoderner Saustall sein, aber der deutsche Außenminister sieht nicht mehr so aus, als laste ihr Gewicht allein auf seinen immer breiter werdenden Schultern. Fischer ätzt nicht mehr so oft. Er lächelt jetzt gelegentlich. Er trinkt sogar wieder Alkohol. Zum ersten Mal, seit er Außenminister ist, bestellt er bei den Luftwaffen-Stewardessen eine Flasche Rotwein. Sein scheeler Blick auf das Etikett sagt zwar: Solch ein schäbiger Tropfen würde nie in meinem Keller liegen. Aber dann schenkt er ein.

Die mageren Jahre sind vorbei

Acht Jahre lang hatte er "kein Erbarmen" mit sich und nur "das gute Mineralwasser" getrunken und, wenn er sich was richtig Gutes gönnen wollte, eine Apfelschorle. Früher schnitt er sich sorgfältig ein Äpfelchen klein und brach in Begeisterung aus über einen "wunderbar anzusehenden Obstteller". Jetzt sind die mageren Jahre vorbei, den Brotkorb hat er meist schon leer gegessen, bevor die erste Vorspeise kommt. Noch im vergangenen Herbst, beim Besuch in Namibia, verschmähte er die Steaks, die sein Gastgeber Sam Nujoma ihm auf den Teller häufen wollte: "Sie werden es kaum glauben, die Fischers waren sechs Generationen lang Metzger, aber ich esse kein Fleisch mehr." Vorbei. Neulich, im Oman, hat er die Lammspieße, Rinderkebabs und Hackbällchen schneller vertilgt als irgendwer sonst am Tisch. Mit der neuen Frau in seinem Leben ist er wieder auf den Geschmack gekommen. "Allein", sagt er, "hat's einfach nicht geschmeckt."

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