Hans-Olaf Henkel entlarvt sich selbst

24. Juli 2013, 20:18 Uhr

Sie sei doppelzüngig und biege sich die Wahrheit zurecht - so scharf wie Ex-BDI-Chef Henkel in seinem neuen Buch hat noch keiner die Euro-Politik der Kanzlerin attackiert. Fair ist er dabei nicht. Von Hans Peter Schütz

Angela Merkel, Hans-Olaf Henkel, Euro, Eurokrise

Angriffslustig, aber nicht immer fair: Hans-Olaf Henkel bei der Vorstellung seines neuen Buches©

Seit Montag liegt Hans-Olaf Henkels jüngstes Buch in den Buchläden. Schon der Titel provoziert die Kanzlerin: "Die Euro-Lügner. Unsinnige Rettungspakete, vertuschte Risiken – so werden wir getäuscht". Das zielt auf einen Satz Angela Merkels ab, die einmal gesagt hat: "Scheitert der Euro, scheitert Europa."

Nun war Henkel noch nie ein zimperlicher Autor, gerade beim Thema Euro hat er schon immer gern mit dem verbalen Hammer gearbeitet. 2010 meldete er sich lautstark mit dem Titel zu Wort: "Rettet unser Geld: Deutschland wird ausverkauft". Und bereits 2009 titelte er: "Die Abwracker. Wie Zocker und Politiker unsere Zukunft verspielen".

Aber schärfer als in seinem jüngsten Werk hat der ehemalige, hoch anerkannte Chef der deutschen Industrie, dem man in Sachen Finanzkrise Sachkunde kaum absprechen kann, noch nie formuliert. Schon länger gilt Henkel als eine Art Chefideologe der neuen Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD). Sein neues Euro-Buch könnte der Partei, die erst nach der Bundestagswahl im September ein detailliertes Programm vorlegen wird, über diese Verlegenheit hinweghelfen. Denn Henkels Buch liest sich wie ein gepfeffertes Wahlprogramm. Eines, das sich gegen eine Bundesregierung richtet, die sich um die drohende Enteignung der Sparer und Rentner nicht schert, die den Weg der ökonomischen Solidität hemmungslos längst verlassen hat.

"Kanzlerin gespaltene Zunge"

Was besonders auffällt: Dass Henkel nicht wie viele andere Kritiker aus der Finanz- und Wirtschaftswelt friedfertig den sanften Schmeicheleien der Kanzlerin folgt, sondern seine Kritik an der Euro-Politik ganz gezielt auf Merkel zuschneidet. Über ein Kapitel setzt er sogar die Überschrift "Kanzlerin gespaltene Zunge". Und holt weit aus für den Schlag gegen Merkel. Sie sei es gewesen, die einen Bundespräsidenten Wolfgang Schäuble 2004 verhindert und stattdessen Horst Köhler trickreich ins Amt befördert habe. Dabei habe sie so getan, als ob sie Schäuble als Kandidaten unterstütze. Schon damals, räumt Henkel ein, habe er gedacht: "Hoppla, vielleicht stimmt irgendetwas nicht mit dieser Frau."

Heute kommt er für sich zu einem klaren Urteil: "Etwas zu sagen und dabei zu verschweigen, dass man das Gegenteil betreibt, nennt man doppelzüngig." Genau so habe Merkel jetzt auch in der Eurokrise agiert: "Sämtliche Entscheidungen der Euroländer in der Eurokrise, in deren Falle wir heute sitzen, hat sie anfangs vehement abgelehnt, um sie irgendwann doch zu akzeptieren, abzunicken, durchzuwinken." Aus seiner Sicht sind die Vergleiche Merkels mit der ehemaligen britischen Regierungschefin Margaret Thatcher völlig falsch, "weil Merkel den Interessen ihres eigenen Landes gar nicht wirklich dient."

Bibel für Euro-Gegner

Das Henkel-Buch dürfte sich für die Euro-Gegner wie eine Bibel lesen. Sie dürften manche Sätze förmlich verschlingen. Etwa: "Der Euro-Fanatismus glaubt einfach, dass der Euro gut für Deutschland ist und die Euro-Gegner dumm, böse oder einfach lächerlich sind." Wer gegen die Euro sei, "wird bei uns einfach mundtot gemacht." Und viele werden der Bemerkung zustimmen, "dass unsere Politiker ihre Liebe zum Euro wie eine Hostie vor sich hertragen."

Henkel sieht in der deutschen Treue zum Euro ein "massenpsychologisches Problem". Und kommt zu der Erkenntnis: "Man könnte die Euro-Schizophrenie als neue Volkskrankheit bezeichnen." So weit, so lesbar.

Völlig daneben liegt der Autor allerdings dort, wo er die Merkel-Biografie „Die Patin“ von der Germanistikprofessorin Gertrud Höhler als ernst zu nehmendes "hochpolitisches Buch" würdigt. Ein Werk, das Merkel letztlich als verkappte Dämonin beschreibt.

Abstrus und unfair

Seine ursprüngliche Sympathie für die Kanzlerin wird von Henkel verbal nachhaltig beerdigt: "Dass sie irgendwann als in sich gespalten oder geradezu doppelzüngig erscheinen würde, konnte ich damals nicht ahnen." Und vollends unfair wird Henkel, als er die "Aussage eines hochgestellten Politikers , der zu ihrem engsten Mitarbeiterkreis gehört" zitiert. Ohne dessen Namen zu nennen gibt er dessen Antwort auf eine entsprechende Frage Henkels preis: "Sie ist eine Schlange."

Vollends auf abstruse Abwege gerät das Buch leider, wo sein Autor findet: "Nicht zum ersten Mal findet Deutschland sich zweigeteilt – in das, was man offen sagen kann, und das, was man nur im Vertrauen weitergeben darf." Ein "Vieraugenland" habe es schon zu Hitlers Zeiten gegeben, dann im sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat, und in beiden Fällen sei es überlebensnotwendig gewesen, den Unterschied zwischen offen und vertraulich zu kennen.

Mit solchen Sätzen entlarvt sich Henkel selbst: Als Kämpfer gegen die Euro-Lüge, den man nicht ernst nehmen kann.

Das Buch

Das Buch Die Euro-Lügner: Unsinnige Rettungspakete, vertuschte Risiken - So werden wir getäuscht.
Heyne Verlag, Gebundene Ausgabe, 272 Seiten, 19,99 Euro.

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