Mauerbau-Debatte, Castro-Glückwunsch: Die Linke stolpert von einem Streit in den nächsten. Fraktionsvize Ulrich Maurer hat deshalb bei einigen Parteifreunden Zweifel an der politischen Zurechnungsfähigkeit.
Nein. Natürlich nicht.
Weil ich zu allen Zeiten meines Lebens immer gesagt habe, dass der Bau der Mauer eine unmenschliche Aktion war und den Linken dieser Welt nur geschadet hat. Im übrigen deckt sich meine Auffassung mit der ganz überwiegenden Meinung in meiner Partei und so sind auch die Beschlüsse unserer Parteitage. Es sind ganze drei von 180 Teilnehmern des Landesparteitags sitzen geblieben
Ich fliege im Urlaub nicht nach Kuba, aber ich war schon dort. Kuba ist ein Land, das sich im Umbruch befindet. Das sich vorsichtig für Reformen zu öffnen versucht. Das ist ein Prozess, den man unterstützen muss. Aber natürlich entspricht Kuba nicht unseren Vorstellungen von Demokratie.
Erstens ist es so, dass es in der Karibik und auch in Lateinamerika noch andere Staaten gibt, in denen die Menschen im Vergleich zu Kuba ein wesentlich schlechteres Leben haben. Ich habe zum Beispiel noch nie gehört, dass jemand aus Kuba etwa in das von den USA dominierte Haiti zu flüchten versucht hat, wo ein Massensterben angesagt ist. Notwendig ist ein differenzierter Blick auf Kuba. Das Gesundheitssystem zum Beispiel ist vorbildlich. Dort sterben die Kinder nicht, die Menschen werden sehr alt, viel älter als in allen Staaten mit einem vergleichbaren Entwicklungszustand. Aber die Demokratie- und Freiheitsrechte lassen natürlich sehr zu wünschen übrig auf Kuba. Wer sich jetzt über die Glückwünsche der Linkspartei an Kuba aufregt, soll sich mal ansehen, welche Lobhudeleien auch schon die Bundeskanzlerin Merkel an fragwürdige Herrscherfiguren und Ein-Parteien-Herrscher aus Anlass von Staatsjubiläen verschickt hat. Die darf sich am wenigsten über die Linkspartei aufregen. Und selbst in Deutschland ist es nicht üblich, einen Menschen anlässlich eines Jubiläums zu beleidigen.
Ich gehöre zu denen, die glauben, dass die Linke ein großes historisches Projekt ist, auf das viele Menschen hierzulande gewartet haben. Wir sind allerdings in einer politischen Situation, in der wir uns Dummheiten, wie sie derzeit in der Linkspartei stattgefunden haben, in Zukunft nicht leisten können.
Die Form der öffentlichen Debatte, wie sie in den vergangenen Wochen von der Linkspartei geliefert worden ist, schadet unserer Partei. Manche haben sich unglücklich verhalten, einige haben absichtlich gezündelt. Wenn ich heute in der Zeitung lese, dass einige in Berlin bereits die Frage erörtern, wer denn an einer Wahlschlappe schuld ist, dann kann ich nur sagen: Das ist wirklich ungefähr das Dümmste, was eine Partei im Wahlkampf überhaupt tun kann. Das ist ein klares Signal an die Wähler: Die haben schon alles verloren gegeben. Ich sage dagegen, dass noch gar nichts verloren ist, weder in Mecklenburg-Vorpommern noch in Berlin. Den Berlinern müssen wir klar machen, was sie erwartet, wenn ohne uns keine soziale Politik mehr stattfindet. Wenn die hemmungslos neoliberal gewordenen Grünen in Berlin mit der SPD oder der CDU koalieren, werden den Menschen in Ost- und in Westberlin bald die Tränen kommen, über das, was ihnen dann eiskalten grünen-roten Herzens zugemutet wird.
Klaus Ernst hat eine glasklare Ablehnung der ganz wenigen Sitzenbleiber vor den Maueropfern in einem Interview zu Protokoll gegeben. Daran hält er fest. Ernst hat im übrigen den Jubelbrief nach Kuba gar nicht zu sehen bekommen, auch Lötsch nicht. Den Brief hat der Unterschriftenautomat elektronisch unterzeichnet. Verschickt werden jetzt nur noch handschriftlich unterzeichnete Schreiben der Parteichefs.
Ich glaube, dass wir in Rostock dafür sorgen müssen, dass die Partei wieder zu ihrer eigentlichen Aufgabe zurückfindet. Wir stecken in einer Weltwirtschaftskrise, die Börsen spielen verrückt, die Menschen sorgen sich um ihre Zukunft. Wer in einer solchen Zeit vornehmlich über den Mauerbau, Kuba, Antisemitismus und Kommunismus diskutiert, der hat einfach nicht begriffen, worin die Existenzberechtigung unserer Partei besteht. Sie muss mit den wirklichen Sorgen der Menschen beschäftigen. Bei all jenen, die derzeit diese anderen Debatten so hitzig betreiben, bei denen habe ich ernste Zweifel an ihrer politischen Zurechnungsfähigkeit.
Ja, letzteres auf jeden Fall. Aber ich bin ja auch in dieser Frage mit Gregor Gysi rundum einig. Wir sind in großer Sorge, dass Leute, die unter schweren narzisstischen Störungen leiden, etwas verspielen wollen, wofür wir mit Lafontaine schwer gearbeitet und gekämpft haben.