VG-Wort Pixel

Online-Handel Amazon droht Milliardenstrafe wegen Nutzung nicht öffentlicher Daten

Margrethe Vestager spricht auf einer Pressekonferenz zum Amazon-Kartellverfahren
Missbraucht Amazon seine Marktmacht? EU-Wettbewerbskommissarin Vestager fordert faire Marktbedingungen.
© Olivier Hoslet / AFP
Nutzt Amazon Daten auf seiner Handelsplattform, um Drittanbieter auszubooten und sich Vorteile zu verschaffen? Laut der zuständigen EU-Kommission missbraucht der Konzern seine Marktmacht – deswegen drohen nun Strafen in Milliardenhöhe.

Der weltgrößte Online-Händler Amazon muss eine milliardenschwere Wettbewerbsstrafe der EU fürchten. Nach dem vorläufigen Ergebnis von Untersuchungen der EU-Kommission missbraucht das amerikanische Unternehmen seine Marktpräsenz und verstößt damit gegen Kartellvorschriften.

Amazon wird vorgeworfen, nicht-öffentliche Geschäftsdaten von unabhängigen Händlern systematisch für das eigene Einzelhandelsgeschäft zu nutzen, erklärte die Behörde am Dienstag in Brüssel. Das Unternehmen baue damit seine beherrschende Stellung im Bereich der Marktplatz-Dienste in Frankreich und Deutschland aus und vermeide normale Geschäftsrisiken, die mit dem Wettbewerb im Einzelhandel verbunden sind.

Amazon drohen bis zu 28 Milliarden Dollar Strafe

Amazon hat nun die Möglichkeit, sich zu den Beschwerdepunkten zu äußern. Bleiben die Wettbewerbshüter danach bei ihrer Einschätzung, könnte auf den Konzern eine milliardenschwere Strafzahlung zukommen. Wenn Unternehmen gegen die Wettbewerbsvorschriften der EU verstoßen, riskieren sie Geldbußen in Höhe von bis zu zehn Prozent ihres weltweiten Jahresumsatzes. Die Amazons Erlöse beliefen sich 2019 auf rund 280,5 Milliarden US-Dollar. 

Die Plattform wies die Vorwürfe aus Brüssel am Dienstag zurück. "Amazon macht weniger als ein Prozent des weltweiten Einzelhandels aus - und es gibt in jedem Land, in dem wir tätig sind, größere Einzelhändler", erklärte der Konzern. Kein Unternehmen kümmere sich mehr um kleine Händler oder habe in den vergangenen zwanzig Jahren mehr für ihre Unterstützung getan als Amazon. "Es gibt mehr als 150 000 europäische Händler, die in unseren Stores verkaufen. Sie erwirtschaften jährlich mehrere zehn Milliarden Euro Umsatz und haben Hunderttausende von Arbeitsplätzen geschaffen."

Keine Garantie für Einhaltung der Vorschriften

Die Wettbewerbshüter der EU hatten im Juli 2019 eine Untersuchung wegen möglicher illegaler Geschäftspraktiken eingeleitet. Dabei gehen sie vor allem der Frage nach, ob das Online-Versandhaus auf unfaire Weise mit anderen Händlern konkurriert, die seine Plattform nutzen.

Dies ist möglich, weil Amazon nicht nur selbst als Einzelhändler Waren verkauft, sondern seine Internetseite auch als Plattform für andere Händler zur Verfügung stellt.

Die Europäer sind nicht die ersten, die Amazons Vorgehen kritisch beäugen. Ende Juli musste Konzern-Chef Jeff Bezos vor einem Senatsausschuss in den USA erscheinen. Dort wurde er dazu befragt, ob das Unternehmen Daten von Drittanbietern nutzt, um ihnen mit eigenen Angeboten Konkurrenz zu machen. Dem sollten zwar interne Vorschriften vorbeugen. Der Amazon-Chef könne aber nicht garantieren, dass diese nie verletzt worden seien.

Nutzung nicht öffentlicher Daten

Der EU-Kommission zufolge zeigten die Untersuchungsergebnisse nun, dass den Mitarbeitern des Einzelhandelsgeschäfts von Amazon sehr große Mengen nicht-öffentlicher Verkäuferdaten zur Verfügung stünden. Diese würden "direkt in die automatisierten Systeme des Geschäfts fließen“, und anschließend dazu genutzt, Kundenangebote und Geschäftsstrategien zu entwickeln.

Dies sei zum Nachteil der anderen Verkäufer auf dem Marktplatz. Amazon könne so beispielsweise Angebote auf Produkte konzentrieren, die sich am besten verkauften und so Angebote auf der Grundlage nicht-öffentlicher Daten konkurrierender Verkäufer anpassen.

Missbraucht Amazon seine Markmacht?

"Daten über die Tätigkeit unabhängiger Verkäufer sollten von Amazon nicht zum eigenen Vorteil genutzt werden, wenn das Unternehmen mit diesen Verkäufern konkurriert", kommentierte die zuständige Vizepräsidentin der EU-Kommission, Margrethe Vestager. Die Wettbewerbsbedingungen auf der Amazon- Plattform müssten fair sein.

Unabhängig von den oben genannten Vorwürfen will die Kommission weiter prüfen, ob Amazon seine marktbeherrschende Stellung missbraucht. Auch werde untersucht, ob der Konzern dabei eigene und Angebote von Verkäufern, die ihre Produkte von Amazon versenden lassen, bevorzugt.

Auch Google und Apple im Visier

Überraschend kommt der harte Kurs der EU gegenüber Amazon nicht. Die europäischen Wettbewerbshüter nehmen schon seit Jahren amerikanische Technologie-Plattformen unter die Lupe. Gegen Google verhängte Vestager in drei Verfahren Bußgelder von insgesamt 8,25 Milliarden Dollar. Dabei ging es unter anderem um das Smartphone-System Android. Seit dem Sommer prüft die Kommission zudem Beschwerden von Konkurrenten, wonach Apple unfairen Wettbewerb in seinem App Store und beim Bezahlsystem Apple Pay betreibt.

yks / Ansgar Haase / Christoph Dernbach / dpa

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker