HOME

Kriminalität: Jetzt gammelt auch Wildfleisch

Offenbar wurde vom Passauer Wildfleischhändler Berger verdorbene Ware in fast alle Bundesländer sowie nach Österreich, Italien und Frankreich geliefert. Die zweifelhaften Geschäftspraktiken sollen schon vor Jahren aufgefallen sein.

Der Skandal um den Passauer Wildfleischhändler Berger bekommt eine internationale Dimension: So wurde nach Angaben des bayerischen Verbraucherschutzministeriums offenbar verdorbenes Fleisch des Unternehmens nicht nur in fast alle Bundesländer, sondern auch nach Österreich, Italien und Frankreich geliefert. Die Ware sei an mehr als 100 deutsche Händler und Supermärkte gegangen, sagte Minister Werner Schnappauf (CSU) am Freitag. Nur nach Bremen, Hamburg und Brandenburg seien keine Produkte geliefert worden. Zwei Betriebsstätten des Unternehmens wurden von den Behörden geschlossen, dort darf ab sofort kein Fleisch mehr verarbeitet werden.

15 Proben nicht für Verzehr geeignet

In der EU bezogen rund 40 Firmen in Österreich, Italien und Frankreich Fleisch von Berger. Nach zusätzlichen Untersuchungen rief das Ministerium weitere Produkte der Berger-Wild GmbH zurück. Insgesamt 15 von 53 bisher untersuchten Proben von Berger-Fleisch seien nicht für den Verzehr geeignet, sagte Schnappauf. Bei ersten mikrobiologischen Untersuchungen sei bislang allerdings keine Gesundheitsgefahr festgestellt worden.

Drei Zwischenhändler in Rheinland-Pfalz wurden mit 200 Kilogramm tiefgekühlten Hasenkeulen des bayerischen Unternehmens beliefert, teilte das Umweltministerium in Mainz mit. Die Ware sei bereits größtenteils sichergestellt worden. Auch in Nordrhein-Westfalen und Hessen tauchte möglicherweise verdorbenes Wildfleisch aus Bayern auf. Kontrolleure stellten 75 Kilogramm Fleisch bei zwei Großhändlern in NRW sicher, teilte die Soester Lebensmittelüberwachung am Freitag mit. Noch ist aber unklar, ob die Produkte vergammelt sind. Ein niederländischer Empfänger war alarmiert worden, noch bevor er das Fleisch an Supermärkte geliefert hatte. Das Bundesverbraucherministerium hält den Skandal für "gravierend".

Defizite bei den Kontrolleuren

Der Parlamentarische Staatssekretär Gerd Müller (CSU) sagte der "Passauer Neuen Presse" (Freitag): "Wenn es zutrifft, dass der Betrieb in der Vergangenheit mehrfach kontrolliert worden ist, deutet das auf schwere Defizite bei den Kontrolleuren hin." Das müsse genauestens untersucht werden.

Müller sagte weiter, der Fall des Passauer Unternehmens müsse zum Anlass genommen werden, den Druck auf die Länder zur Umsetzung des Zehn-Punkte-Programms von Verbraucherminister Horst Seehofer (CSU) zu erhöhen. Das Bundesverbraucherministerium betonte, dass die Verantwortung der Aufklärung zunächst bei den Ländern liege. Der Bund könne koordinierend tätig werden. Wenige Tage nach Bekanntwerden des Skandals hat das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit in Bayern die Aufklärung übernommen. Die Leitung der Sonderkommission sei dem Landesamt übertragen worden, sagte ein Sprecher des bayerischen Verbraucherschutzministeriums. Bisher war die Regionalregierung von Niederbayern dafür zuständig.

Zuständigkeitswechsel bei der Aufklärung

Als Grund für den Zuständigkeitswechsel gab das Ministerium an, dass die Vizepräsidentin der Regierung von Niederbayern und bisherige Soko-Chefin Monika Weinl krank geworden sei. Nach Informationen der ARD-"Tagesschau" hat Verbraucherschutzminister Werner Schnappauf (CSU) jedoch weitere Konsequenzen aus dem Skandal um das Passauer Unternehmen Berger-Wild gezogen und der Regierungsbehörde in Landshut die Leitung entzogen.

Der Passauer Wildfleischhändler ist nach Angaben der deutschen Wildhalter bereits vor Jahren mit zweifelhaften Geschäftspraktiken aufgefallen. Das Unternehmen habe damals von bayerischen Wildhaltern Fleisch von Gehegetieren zu Dumpingpreisen kaufen wollen, sagte der Vorsitzende des Bundesverbandes für landwirtschaftliche Wildhaltung, Karl-Heinz Funke. Das Angebot habe rund 60 Prozent unter dem normalen Marktpreis gelegen. "Dieses wurde entschieden abgelehnt, da solches Geschäftsgebaren mit der Geiz-ist-Geil-Mentalität zum Verramschen von hochwertigen Fleischqualitäten führen würde", erklärte der frühere SPD-Bundesagrarminister. Berger ist nach Angaben der Wildhalter Europas größter Wildfleischhändler. Funke kritisierte die Behörden scharf. Trotz staatlicher Kontrollpflichten würden in großen Unternehmen Vergehen wie beim jüngsten Skandal nicht festgestellt.

Rückrufaktion in Österreich

Das Gesundheitsministerium in Wien ordnete eine Rückholaktion für zwölf Produkte der Firma Berger an. Das verdorbene Fleisch wurde dort in fünf Bundesländern sichergestellt. Überprüfungen hätten ergeben, dass das Fleisch für den Verzehr nicht geeignet gewesen sei. Die Behörden halten es jedoch wegen des Aussehens und des säuerlich-fauligen Geruchs der Stücke für unwahrscheinlich, dass Käufer die schlechte Ware bereits verzehrt haben könnten.

Die Verbraucherorganisation Foodwatch forderte deutliche Sanktionen gegen "schwarze Schafe". "Wir brauchen Unternehmensstrafen", sagte dazu Vize-Geschäftsführer Matthias Wolfschmidt am Freitag in Berlin. Agrarminister Seehofer hatte als Konsequenz aus dem Skandal um verdorbenes Fleisch 2005 mit den Ländern einen Zehn-Punkte-Plan vereinbart, der unter anderem eine bessere Koordination der Kontrollen und eine Meldepflicht für angebotenes Gammelfleisch vorsieht.

mit DPA

Wissenscommunity