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60 Jahre Bundesrepublik: Freiheit ist das Einzige, was zählt

Die Freude über die deutsche Einheit vermiesen sich Ossis und Wessis gegenseitig. Aber es wird ein Jahrzehnt, das die Grenzen sprengt: Die Börse boomt, das Telefon wird mobil und die Technomusik immer schneller. 2009 wird das Modell Deutschland 60. Der stern startete 2008 eine erfolgreiche Serie - von der Währungsreform bis zur Finanzkrise. Im fünften Teil: die Neunziger.

Von Michael Stoessinger

Minuten sind seit dem Schlusspfiff vergangen, die Spieler laufen mit dem Pokal durchs Rund. Auf der Tribüne des Olympiastadions von Rom gratulieren Staatsgäste aus aller Welt Kanzler Helmut Kohl und Bundespräsident Richard von Weizsäcker. Schwarz-Rot-Gold ist Weltmeister. Der dritte WM-Sieg hat etwas Leichtes, nicht mehr nur Erkämpftes, Erzwungenes. Allein der Teamchef wirkt seltsam entrückt. Franz Beckenbauer durchmisst den Mittelkreis des Spielfelds und in diesen Sekunden wohl auch sich selbst. Geht noch mehr im Leben eines Fußball-Menschen? Keine Viertelstunde später sagt Beckenbauer an diesem 8. Juli 1990 auf der Pressekonferenz in Rom: "Wir sind jetzt die Nummer eins in der Welt. Und ich glaube, dass der deutsche Fußball mit einer noch kompakteren Auswahl durch die Spieler aus der DDR über Jahre hinweg nicht zu besiegen sein wird."

Weltmeister, unbesiegbar: Genau das befürchten alle; die britische Regierungschefin Margaret Thatcher, Frankreichs Präsident François Mitterrand, die Polen, die Kreml-Herrn. Nikolai Portugalow, Deutschland-Experte der UdSSR, orakelt: "Wird es dem geeinten Deutschland, diesem Koloss, gelingen, mit der harten D-Mark zu vollbringen, was Hitler mit Feuer und Schwert nicht erreichen konnte?"

Das entgrenzte Jahrzehnt

Die Welt ist in Sorge vor den Deutschen, die Nachkriegsordnung löst sich auf. Michail Gorbatschow, der sowjetische Staats- und Parteichef, hat ihr Ende 1989 eingeläutet, als er die osteuropäischen Länder in die Selbstständigkeit entließ: die Ungarn, die Polen, die Tschechen und Slowaken. Soll doch jeder nach seiner Fasson selig werden. Das Ende der Konfrontation zwischen westlichem Bündnis und Ostblock - muss das nicht auch das Ende der deutschen Teilung bedeuten?

Zu Beginn des Jahres 1990 sitzen in der DDR die Bürgerrechtler mit den neuen Vertretern der alten SED am runden Tisch und planen die Zukunft der Deutschen Demokratischen Republik. Die Partei nennt sich jetzt SED/PDS, also noch ein bisschen einheits-sozialistisch, aber auch schon ein wenig demokratisch-sozialistisch. Das Runde des Tisches steht für den herrschaftsfreien Umgang miteinander: kein Vorn, kein Hinten, kein Oben, kein Unten. Es ist ein Treffen "aus tiefer Sorge um unser in eine tiefe Krise geratenes Land, seine Eigenständigkeit und seine dauerhafte Entwicklung", so das formulierte Selbstverständnis. Der SED/PDS-Delegierte Gregor Gysi sagt: "Wir dürfen den demokratischen Aufbruch und das Selbstbestimmungsrecht der DDR-Bevölkerung nicht verspielen. Das würden wir aber, ließen wir der alten Herrschaft von Politbürokraten nun eine neue Herrschaft von Kapitalmagnaten folgen." Wo aber liegt der dritte Weg, der Weg zwischen Kommunismus und Kapitalismus? Und wollen das die Menschen wirklich?

Auch in der DDR gibt es nun - wie im Westen schon länger - drinnen und draußen. Drinnen am runden Tisch wird die erste freie Wahl für den 18. März beschlossen, werden Gesetze geplant, wird über einen "Bund deutscher Länder" nachgedacht. Draußen demonstrieren die Menschen für die D-Mark. Aus "Wir sind das Volk" ist "Wir sind ein Volk" geworden.

"Was wir 1989/90 erleben, diese extreme Beschleunigung, ist das Kennzeichen der gesamten 90er Jahre auf allen Ebenen", sagt Professor Rainer Gries vom Historischen Institut der Uni Jena. Er nennt diese Zeit ab dem Sommer 1989 das entgrenzte Jahrzehnt: "Ungarn und die DDR öffnen den eisernen Vorhang, der Ostblock fällt in sich zusammen, die Globalisierung kommt auf." Die aktuellen Umbrüche der Politik verbinden sich in den Neunzigern, so Gries, mit langfristigen Trends in Wirtschaft und Gesellschaft: "Die Modernisierungen und Individualisierungen der Jahrzehnte davor kommen in den Neunzigern zur vollen Entfaltung. Nun aber werden sogar gegensätzliche Werte gleichzeitig empfunden und auch vertreten. Nicht mehr Sekt oder Selters, sondern Sekt und Selters." Sein Symbol dafür: "der Mercedes vorm Aldi". Trotz ökonomischer Probleme nimmt das Wohlstandsdenken weiter zu.

Extreme in allen Bereichen

Überall werden Grenzen ausgetestet - und überschritten: Die Modekette Benetton wirbt mit Aidskranken. Eine zunächst private Tanzveranstaltung unter freiem Himmel, die Love Parade, lockt Mitte der Neunziger eine Million Jugendliche nach Berlin. Die Musik der Wendezeit heißt Techno. Die Botschaft: Sorge dich nicht, lebe dich aus. Joschka Fischer schließlich, ein einst militanter Linker, wird zum Ende dieses Jahrzehnts Außenminister und verantwortet mit Gerhard Schröder, dem Ex-Chef der Jungsozialisten, den ersten Kriegseinsatz seit 1945.

Als Lothar de Maizière, ein Ost-Berliner Rechtsanwalt, mit der von der CDU dominierten Allianz für Deutschland im März 1990 die Wahl gewinnt, sind die Weichen zum Beitritt gestellt: Nach außen konziliant, diktiert Bonn die Bedingungen. Der fein- und kunstsinnige de Maizière ist Konkursverwalter. Mit der Wirtschafts- und Währungsunion zum 1. Juli endet der Gestaltungsspielraum der DDR-Regierung. Löhne, Gehälter, Renten sowie Bargeld bis zu 4000 Mark Ost werden 1 : 1 getauscht, der große Rest 2 : 1. Die Frage, "welche Existenzberechtigung eine kapitalistische DDR neben einer kapitalistischen BRD haben sollte", hat der SED-Ideologe Otto Reinhold schon im Sommer 1989 gestellt und beantwortet: "Natürlich keine."

Das weiß auch Michail Gorbatschow, als er am 15. Juli 1990 Helmut Kohl empfängt. Deutsche Vereinigung ja, aber Nato-Soldaten auf ostdeutschem Boden? Njet, Helmut, das ist eins zu viel. Typisch deutsch, gibt man denen den kleinen Finger, wollen sie gleich die ganze Hand. Im Kaukasus-Dörfchen Archys schwatzt Kohl "dem Michail" auch das noch ab. Was er mit nach Hause bringt, ist nichts weniger "als die volle und uneingeschränkte Nato-Mitgliedschaft eines vereinten Deutschlands". Weltpolitik, das muss nicht schlecht sein, schnurrt bisweilen zur Kleingartenidylle zusammen: Zwei Männer erzählen einander aus dem Leben, trinken einen zusammen, helfen und stützen sich. 15 Milliarden Mark zahlt die Bundesregierung an die Sowjets. Das ist der Preis für den Abzug der Sowjetarmee, der Preis für die Stationierung der Nato-Truppen in Ostdeutschland, die die Westmächte fordern.

Den Einigungsvertrag setzt der "geschäftsführende Kanzler", Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU), auf und um. In dem ehrgeizigen Günther Krause, einem Informatiker, hat Schäuble auf der DDR-Seite einen kongenialen Partner. Nur de Maizière, mit dem Schäuble heute eine Freundschaft verbindet, stört hin und wieder. Wie heißt das künftige Land, will der wissen, welche Farben und Symbole zieren die Flagge? Und, ganz wichtig, wie klingen Melodie und Text einer gemeinsamen nationalen Hymne? "Einigkeit und Recht und Freiheit", das hat de Maizière auf seiner Bratsche probiert, passt textlich auch zum Klang der DDR-Hymne. Umgekehrt geht "Auferstanden aus Ruinen" auch zur Melodie des Deutschlandliedes. De Maizière schlägt eine Mischform vor.

"Wo gehöre ich eigentlich hin"

Schwierige Stunden sind das. Vor allem für den pragmatischen und zu führen gewohnten Westpolitiker. "Liebe Leute", sagt Schäuble in solchen Situationen, "es handelt sich um den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik, nicht um die umgekehrte Veranstaltung. Wir haben ein gutes Grundgesetz, das sich bewährt hat. Wir tun alles für euch. Ihr seid herzlich willkommen. Aber hier findet nicht die Vereinigung zweier gleicher Staaten statt."

In den Wochen vor dem Vereinigungstag am 3. Oktober redet und schreibt die westdeutsche Linke gegen den Zug der Zeit an. "Wer gegenwärtig über Deutschland nachdenkt und Antworten auf die deutsche Frage sucht", sagt der Schriftsteller Günter Grass, "der muss Auschwitz mitdenken. Der Ort des Schreckens, als Beispiel genannt für das bleibende Trauma, schließt einen zukünftigen deutschen Einheitsstaat aus." Der Patriot Willy Brandt sagt: "Noch so große Schuld kann nicht durch eine zeitlos verordnete Spaltung getilgt werden."

Manches wirkt auch nur kleinkariert - und sei es noch so gut formuliert. "Jetzt kommt plötzlich die Midlife-Crisis in Gestalt der deutschen Einheit über uns!", schreibt Patrick Süskind, Autor des Weltbestsellers "Das Parfüm": "Auf Potenzstörungen wären wir vorbereitet gewesen, auf Prostata, Zahnersatz, Menopause, auf ein zweites Tschernobyl, auf Krebs und Tod und Teufel." Ein wenig traurig ist er, "dass es den faden, kleinen, ungeliebten, praktischen Staat Bundesrepublik Deutschland, in dem ich groß geworden bin, künftig nicht mehr geben wird". Den schwierigeren Part aber haben - wieder einmal - die Ostdeutschen.

Dass die Lebenswelten, auch kulturell, auseinandergedriftet sind, dass man der gelebten Identität nicht per Beitritt entfliehen kann, bringt keiner besser auf den Punkt als der Hallenser Psychiater Hans-Joachim Maaz: "Der real existierende Sozialismus war die Lebensweise eines ganzen Volkes, die als großes tragisches Szenario in verschiedenen Rollen aufgeführt wurde: die kriminellen Machthaber, die erfolgssüchtigen Karrieristen, die gehemmten und angepassten Mitläufer, die von einer Illusion zur anderen jagenden Flüchtlinge, die sich im Protest verzehrenden Oppositionellen und die abgehobenen Utopisten." Und nun, so Maaz, fragten sie sich alle: Wo gehöre ich eigentlich hin, was will ich, was muss ich tun?

Es sind die Jungen, die die Kurve kriegen, Menschen wie Jane Strauch und Uwe Jacobi, beide 39. Sie leben heute mit ihren beiden Kindern in einem perfekt renovierten Altbau in Leipzig-Connewitz. Jane Strauchs Eltern sind 1988 geflüchtet, das heißt, sie haben den Besuch beim Opa in Lüdenscheid unbefristet verlängert. Alles abgesprochen mit den volljährigen Kindern. Für die hat das die üblichen Folgen: Vorladungen und Vernehmungen beim Rat des Kreises und der Polizei. Schließlich doch noch die Bewilligung des Ausreiseantrags. Jane und ihr Bruder sind auf dem Weg nach Kempten im Allgäu, wo die Eltern inzwischen leben, als die Mauer fällt.

Tränen der Freude, aber gleich auch des Schmerzes. Die Mutter weint, weil sie die Kinder endlich in den Armen hat und weil die wieder wegwollen. "Nach Hause", wie Jane sagt. Und dann sind da die Tränen, weil nun alles so leicht gegangen ist für alle, was zuvor noch so schwer war für Einzelne. Auch die Reaktion von Uwes Eltern, beide Lehrer, ist zwiespältig. Einerseits euphorisch, andererseits ist da die Erkenntnis: Für uns kommt die Einheit fast zu spät, "man kann nicht mehr so großartig partizipieren", wie Uwe Jacobi das sagt. "Die Freizeit, das Reisen, der wirtschaftliche Zugewinn - ihnen fehlen zehn Jahre." Doch für Jüngere wie Jane und Uwe sind es herrliche Zeiten, "unsere Generation war doch pflichtfrei, es trug anarchistische Züge, man lebte in den Tag, studierte". Der Ernst des Lebens kommt später - aber auch den meistern die beiden.

Der Wirtschaftseinbruch

"Die in den Sechzigern Geborenen waren der DDR schon vor der Wende innerlich weggelaufen", sagt Historiker Rainer Gries, "die lebten im Kopf und im Herzen bereits im Westen." Die meisten seien dann, ohne zu stolpern, in der neuen Bundesrepublik angekommen. Gut getroffen hätten es auch "die Angehörigen der Aufbaugeneration, also die um 1930 Geborenen", die in den Wendejahren pensioniert worden seien. "Diese Rentner haben anfangs gemurrt, denn sie mussten zusehen, wie ihr Lebenswerk abgewickelt wurde. Bald aber haben sie gemerkt, dass sie ebenso die Gewinner des Umbruchs sind. Die fliegen seit Mitte der Neunziger nach Mallorca und um die Welt." Getroffen habe es "die erste Kindergeneration der DDR, also die in den frühen 50er Jahren Geborenen". Sie tun sich schwer, als der Kapitalismus kommt. Und wie er kommt!

Der freie Markt zwingt die DDR in die Knie. Wirtschaftlich ist sie mit der Einführung der D-Mark nun dem westlichen Wettbewerb ausgesetzt, zugleich brechen auch die osteuropäischen Märkte weg. Die Warenproduktion in Ostdeutschland stürzt um 70 Prozent ab. Die Deindustrialisierung beginnt, und sie wird bis Ende der Neunziger andauern. Die Arbeitslosenquote in Ostdeutschland steigt zwischen 1990 und 1998 von 2,7 auf annähernd 20 Prozent. Dabei ist die Zahl noch geschönt, denn längst ist eine (teilweise dubiose) Qualifizierungsindustrie entstanden. Konjunktur haben staatlich finanzierte Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Das Kürzel ABM macht Karriere.

Eine eigens gegründete Anstalt, die Treuhand, soll die volkseigenen Betriebe an den Mann bringen. Auf 600 Milliarden Mark hat Treuhand-Chef Detlef Karsten Rohwedder die finanzielle Substanz der DDR-Industrie taxiert. Die nach der ersten gesamtdeutschen Wahl um wenige Ostpolitiker erweiterte Regierung will mit dem Erlös den Umbau der Wirtschaft bezahlen. Und außerdem, das ist die Hoffnung, wird der zu erwartende Aufschwung die Einheitskosten schon ausgleichen. Es kommt anders: Als 1994 die Treuhand aufgelöst wird, steht unter dem Strich ein Minus von annähernd 300 Milliarden Mark. Alle haben sich verschätzt, was den Zustand der ostdeutschen Industrie angeht. Allein bis 1999 fließen 1,2 Billionen Euro in den Osten - aufgebracht nicht nur von den Westdeutschen, die längst das Klagen begonnen haben ob der horrenden Kosten für den Aufbau Ost. Beide Seiten, hüben wie drüben, fühlen sich über den Tisch gezogen: "Besserwessi", "Jammerossi". Die einen beklagen, dass sie die Zeche zahlen müssen, die anderen, dass nichts bleibt vom alten Staat. Die Regierung finanziert die Einheit auf Pump, sie plündert die Sozialkassen.

In den Wortgefechten und Schlagzeilen der Neunziger geht es um den Preis, nur noch selten um den Wert der Einheit. Der Schwung ist dahin. Und dann ist da die Hinterlassenschaft der Staatssicherheit, der Behörde zum Ausspionieren der eigenen Bevölkerung, die die Gesellschaft lähmt. Aber eine Alternative zur Öffnung der Stasi-Akten, das hat die Bürgerrechtlerin Vera Wollenberger von Anfang an gesagt, kann es nicht geben. Es gelte aufzudecken, um das Herrschaftswissen zu beenden. Vera Wollenberger ist eine furchtlose Frau, eine, die sich vor 89 wie nur wenige engagiert hat in Friedens- und Menschenrechtsgruppen, die im Gefängnis gesessen hat für ihre Überzeugungen von einer freien Gesellschaft.

Vom Ehemann bespitzelt

Sie selbst will ihre Akte nicht lesen - und muss es dann doch, als sie erfährt, dass ihr Mann Knud sie seit den 80er Jahren als informeller Mitarbeiter der Stasi bespitzelt und verraten hat. Da zerbricht mehr als eine Ehe, da zerbricht das Urvertrauen. Vera lässt sich scheiden, nimmt ihren Mädchennamen Lengsfeld wieder an und gestattet ihrem Ex-Mann trotzdem - wie souverän kann ein Mensch sein - "immer, die Kinder zu sehen. Er war ja ein reizender Vater". Erst zehn Jahre später schafft es Knud Wollenberger in einem Brief, um Verzeihung zu bitten und eine Erklärung nachzuliefern, die sie für plausibel hält: "Er hat mit denen zusammengearbeitet, weil er glaubte, mich vor größerem Schaden zu bewahren. Ich war ja immer in vorderster Linie. An dem Tag, als ich zu jener Demo ging, bei der ich dann verhaftet wurde, hatte er vergebens versucht, mich zum Bleiben zu überreden."

Was Vera Lengsfeld schmerzvoll gelingt, die Auseinandersetzung im Familiären, das misslingt der Gesellschaft im Ganzen. Der Psychoanalytiker Maaz sagt heute, die "destruktiven sozialen Entwicklungen unseres repressiven Systems" seien nicht aufgearbeitet worden: "Der Osten hätte die schuldigen Stasi- und Parteileute aburteilen sollen nach DDR-Recht: Wir hätten damit gezeigt, dass wir unseren Saustall selbst in Ordnung bringen. Es wäre ein Stück Reifung gewesen."

Seit an Seit mit dem Drama floriert die Banalität des Alltags. Und die fängt keiner besser ein als Hans Meiser. Er war Nachrichtenchef beim Privatsender RTL, ab 1992 ist er dort Täglich-Talker. Ein neues, denkbar einfaches, aber unglaublich erfolgreiches Fernsehformat. Meiser holt die Menschen von der Straße ins Studio und spricht mit ihnen über Haushaltsgeld, über "Sex bei Dicken", über Kollegenschweine und was das Leben so hergibt. Das Private wird zum zweiten Mal öffentlich. Diesmal aber nicht, weil das der sexuellen Befreiung dienen soll, sondern dem Ego des Normalverbrauchers. Möchte nicht jeder gern ein bisschen Star sein, mal ins Fernsehen? Meiser spielt mit der Faszination des Mediums, ohne aber die Menschen vorzuführen. Und er sendet, zu Beginn jedenfalls, live. Was raus ist, ist raus.

Als Meiser einmal seinen prominenten Gast Helmut Kohl nach der Datenautobahn fragt, wie das Internet 1994 noch genannt wird, da spricht der Kanzler von den Stauzentren rund um Köln. Minuten nach der Sendung sagt Kohls Medienberater Andreas Fritzenkötter: Das war wohl nix, der Meiser fragt nach der Datenautobahn, und Sie reden von verstopften Autobahnkreuzen. Ach, sagt Kohl da, das versendet sich doch. Meisers TV-Format wirkt wie ein Dammbruch, überall wird nun getalkt, stündlich und auf immer niedrigerem Niveau. Es wird nicht mehr lange dauern, bis die Menschen beim Fingernägelschneiden zu Hause anderen Menschen dabei zuschauen, wie die im Fernsehen ihre Fußnägel schneiden.

Bitterer Abgang

Politisch ist das Land Mitte der Neunziger gelähmt. "Reformstau" ist das Wort des Jahres 1997. Und immer noch will Kohl weitermachen. Seit Ende 1982 regiert er nun schon mit der FDP, den Kronprinzen Wolfgang Schäuble, den Gestalter, will er nicht ranlassen. 1998 tritt Kohl gegen Gerhard Schröder an. Er glaubt: "Auf dem großen Platz wird es ganz still, wenn ich vom Jahrhundert spreche, das wir beenden, von der ersten Hälfte, von der zweiten, von der Chance, die wir hatten, noch einmal davonzukommen." Tatsächlich sind die Plätze voll in ganz Deutschland, doch die Menschen kommen, um ihn zu verabschieden. Und sei es mit Pfiffen.

Im Herbst 1998 ist es vorbei. Warum aber hat er nicht vorzeitig an Schäuble abgegeben? An den Mann, der ihm die Einheit zimmerte und die entscheidende Rede hielt, als so viele nicht umziehen wollten nach Berlin, weil sie sich so schön eingerichtet hatten im Bonner Provisorium? Schäuble sagt: "Er wollte nie aufhören, obwohl er wusste, dass er nicht gewinnen könnte gegen Schröder. Aufhören im Amt, da gibt es nur wenige. Und dann musste er ja auch noch den Euro machen." Europäische Einigung und Währungsunion, das zählt Schäuble "zu Kohls größeren, bleibenden Verdiensten". Bei der Wiedervereinigung, sagt er "da hat er richtig reagiert". In seinem Amtszimmer über den Dächern von Berlin-Moabit erklärt der Innenminister 18 Jahre nach der Einheit die Arithmetik deutscher Macht: "Eine Kanzlerschaft währt im Grunde zwei Legislaturperioden. Die hatte Kohl und, jede Wette, er wäre abgewählt worden, wenn nicht 1989 die Mauer gefallen wäre." Mit der Einheit aber rückte Kohl 1990 noch einmal auf "Los" vor. Sein Schicksal ereilt ihn endgültig, als er Ende 99 im Sumpf einer selbst verschuldeten Spendenaffäre versinkt.

An der Spitze des Staates stehen nun die beiden rot-grünen Hitzköpfe Schröder und Fischer. Im stern hat Schröder zuvor die Rangordnung dargelegt: "Der Größere ist Koch, der Kleinere Kellner." Das Bild prägt künftig die Beziehung - und es passt auch zum Binnenverhältnis der beiden sozialdemokratischen Alphatiere: Schröder und Lafontaine. Als Superminister für Finanzen soll der künftig wirken. Aber gegen das Amt des Bundeskanzlers, wird Schröder später in seinen Erinnerungen schreiben, "ist kein Kraut und kein noch so großes Ministerium gewachsen". Lafontaine hält es keine fünf Monate aus, dann tritt er zurück, ohne seinen Schritt zu begründen. Als Schröders Sekretärin Marianne Duden ihn endlich am Telefon hat, sagt er: "Mit dir, Marianne, spreche ich gern, aber mit ihm nicht mehr."

Zwar hat Gerhard Schröder in seiner ersten Regierungserklärung versprochen: "Wir wollen nicht alles anders, aber vieles besser machen. Wir machen dieses Land wieder zu einem Bewegungs-Ort." Tatsächlich aber drehen sich die beiden roten und grünen Spitzenkräfte zunächst im Kreis ihrer parteipolitischen Probleme.

Joschka Fischer muss seiner Partei im Mai 1999 auf dem denkwürdigen Bielefelder Parteitag beibiegen, was Regierungsverantwortung bedeutet. Thema ist die erste deutsche Nach-Kriegsbeteiligung im Kosovo. Fischer wird von seinem Sicherheitskommando durch einen Hintereingang in die Stadthalle gebracht, er wird von einem Farbbeutel am Kopf getroffen, um dann seine wichtigste politische Rede zu halten: "Frieden setzt voraus, dass Menschen nicht ermordet, dass Menschen nicht vertrieben, dass Frauen nicht vergewaltigt werden … Auschwitz ist für mich unvergleichbar. Aber ich stehe auf zwei Grundsätzen: Nie wieder Krieg! Nie wieder Auschwitz, nie wieder Völkermord, nie wieder Faschismus. Beides gehört für mich zusammen." Wenn der Laden jetzt nicht mitzieht, ist das rot-grüne Projekt zu Ende, bevor es begonnen hat. Doch die Realpolitik setzt sich durch.

Die Jahre der Topmanager

Die große Show aber wird woanders gegeben, bei der Deutschen Bundespost, die als Telekom das Sparstrumpf-Deutschland in Börsenwallung bringt. 86 Millionen Mark hat sich die Fernmeldebehörde ("Ruf doch mal an!") allein die Imagekampagne kosten lassen. Der Aktien-Verführer ist ein gut aussehender und blitzgescheiter Mann - ein 1949 in Haifa geborener, in Wien aufgewachsener und mit 21 promovierter Mathematiker: Ron Sommer.

Es sind Weihestunden, inszeniert auch von Teilen der Medien. Muss Sommer nach New York, fliegt er nicht einfach dahin, "er schwebt ein", wie geschrieben wird. Er wird als "heißeste Nummer seit der Erfindung des Rades" gehandelt. Es ist die Zeit der Superlative, des intensivierten Adjektivs: nicht mehr neu, brandneu, nicht mehr aktiv, hyperaktiv. Es sind die Jahre der Topmanager und der Megaseller. 700 Millionen Telekom-Aktien sind im November 1996 zum Preis von 28,50 Mark (14,57 Euro) ausgegeben worden. Ein Börsengang fast als Selbstzweck. Viele völlig bodenständige Deutsche träumen plötzlich davon, reich zu werden - ganz ohne Arbeit. Die Risiken verdrängen sie.

Zwölf Jahre später, längst klagen 17.000 Aktionäre gegen den Kurssturz von zwischenzeitlich mehr als 100 auf 10 Euro, sitzt Ron Sommer am Kölner Flughafen und will ein paar Dinge zurechtrücken: "Worum ging es denn? Es ging um den Umbau einer staatlichen Behörde mit 250.000 Mitarbeitern, für den wir Kapital brauchten. Wir wussten, dass die Telekommunikation eine der größten Boombranchen werden würde. Deutschland aber hatte eines der altmodischsten analogen Telefonnetze der Welt." Neben dem Umbau sei es in der Zeit, in der das Internet nur die Experten kannten, darum gegangen: "Wie digitalisiert man? Wir haben dann eine Telefongesellschaft ums Internet herumgebaut und die deutsche Telekommunikation zukunftsfähig gemacht." 2002 musste Sommer gehen, weil er zu viel Geld ausgegeben hatte für den strategisch richtigen Kauf des amerikanischen Mobilfunkanbieters Voicestream. Zu hoch bewertet aber war da längst auch die Telekom-Aktie.

Tatsächlich geht es Ende der Neunziger immer höher, schneller, waghalsiger. Wer fragt schon nach Substanz. Und vom Sozialen spricht, mit Ausnahme der gut vier Millionen Arbeitslosen, kaum noch jemand. Zum Jahrtausendwechsel entgrenzt sich auch die Marktwirtschaft.

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