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Der "Sauerland-Bomber": Aus dem Leben eines Terroristen

In Düsseldorf hat heute der Prozess gegen die "Sauerland-Gruppe" begonnen. Die vier sollen geplant haben, Hunderte Menschen mit selbst gebastelten Bomben zu töten. Einer von ihnen ist der Saarländer Daniel Schneider, getrieben von einer Religion, die er für den Islam hielt. Eine Spurensuche.

Von Martin Knobbe

Am Tag nach der Festnahme sitzt der Terrorist, der sich Abd Allah nennt, in einem Polizeiwagen, der ihn zum Flughafen bringt. Er blickt aus dem Fenster, erspäht eine Statue in Form jener drei Affen, die Ohren, Mund und Augen bedecken, und beginnt vom Ursprung des Lebens zu erzählen. Es sei wissenschaftlich bewiesen, sagt er zu den Polizisten, dass der Mensch von Gott erschaffen wurde und daher ein Diener Gottes sei.

Herr Abd Allah, wer entscheidet über Leben und Tod? - Gott entscheidet darüber. - Gestern haben Sie selbst versucht, über Leben und Tod zu entscheiden. - Gott hat entschieden, dass Sie und ich weiterleben. - Hatte Gott auch entschieden, dass Sie nach der Waffe greifen? - Selbstverständlich, alles hat Gott entschieden.
(Erinnerung der Polizisten)

Als sie im Hubschrauber zum Haftrichter nach Karlsruhe fliegen, sagt der Polizist, es könnten dort Pressefotografen warten. Er würde ihm eine Sturmhaube über den Kopf ziehen. Der Terrorist sagt, er wünsche dies nicht.

Auf der Suche nach Antworten

Sie landen um 9.30 Uhr, es ist der 5. September 2007, ein Mittwoch, und als der Terrorist dem Hubschrauber entsteigt, warten die Fotografen bereits. Er hält kurz inne, blickt in den wolkenfreien Himmel. Mit seinen langen, dunklen Haaren, dem Vollbart, der Schramme unter dem rechten Auge und den auf den Rücken gefesselten Armen gleicht er einem Gekreuzigten, geschunden und erschöpft vom langen Kampf.

Das Bild geht um die Welt. Es soll ihr zeigen, wer sie bedroht. Es ist Daniel Martin Schneider, 21 Jahre, ein Junge aus der deutschen Provinz.

Am heutigen Montag hat vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf der Prozess gegen Daniel Schneider, heute 23, Fritz Gelowicz, 29, Adem Yilmaz, 30, und Atilla Selek, 24, begonnen. Es geht um die Frage, ob die Männer tatsächlich fähig waren, aus zwölf Kanistern Wasserstoffperoxid Sprengstoff herzustellen. Ob sie willens waren, Hunderte von Menschen zu töten, mit Bomben in amerikanischen Kasernen, Diskotheken oder Kneipen. Und ob sie im Auftrag einer usbekischen Organisation handelten, die sich "Islamische Dschihad Union" (IJU) nennt.

Man weiß fast alles über diese jungen Männer, man hat ihr Leben durchleuchtet, rund 500 Aktenordner füllen die Ermittlungen, 800 Datenträger in einer Größe von 3,6 Terabyte wurden ausgewertet. Auf die entscheidenden Fragen aber hat man noch keine Antwort gefunden: Was spornte sie an? Warum verwandelte sich jeder von ihnen in kurzer Zeit in einen anderen Menschen - getrieben von einer Religion, die sie für den Islam hielten, in einer Radikalität, als hätte es ein Leben davor nie gegeben? "Pferde Allahs" hat Osama bin Laden solche jungen Männer einmal genannt.

Die Antworten auf diese Fragen muss man nicht bei bin Laden suchen, nicht im Koran, nicht im Irak, nicht in Afghanistan. Die Suche beginnt 16 Kilometer nördlich von Saarbrücken, in einer kleinen Stadt, die Friedrichsthal heißt.

Im Jahr 2002 endet dort mit der Scheidung eine Ehe, die nie eine war. Schon 1996, nach 15 Jahren, hatten die Eheleute Schneider beschlossen, fortan getrennte Wege zu gehen, Daniel war gerade elf Jahre alt. Er und sein jüngerer Bruder blieben bei der Mutter. Den Vater besuchten sie alle zwei Wochen übers Wochenende. Es war nicht leicht, die Trennung zu verstehen. Daniel weinte oft.

Mit dem neuen Freund der Mutter, einem Lehrer für Tiffany- Glaskunst, kommt er nicht zurecht, und die Mutter irgendwann mit der ganzen Situation nicht mehr. Sie ist müde vom Leben, und in einer dieser verzweifelten Situationen findet sie Daniel, ihr Sohn, gerade noch rechtzeitig.

"Wie Elitesoldaten in Afghanistan"

Der Streit zwischen Vater und Mutter entbrennt, und ein Luftgewehr, das der Vater gegen ihren Willen seinen Söhnen schenkt, löst einen Krieg aus, in dem es keinen Waffenstillstand gibt. Wöchentlich schicken sich nun Anwälte Schriftsätze zu, es geht um das Umgangsrecht, das gemeinsame Haus in Friedrichsthal, das Ferienhaus in Lothringen. Die Frau schneidet heimlich Telefongespräche zwischen ihrem Mann und den Söhnen mit. Der Mann stiftet seine Söhne an, Sachen aus dem einst gemeinsamen Haus zu schaffen, "in kurzen Einsätzen, wie Elitesoldaten in Afghanistan", so redet er, der Kreditsachbearbeiter.

2001 trifft ein Familienrichter eine überraschende Entscheidung: Der Vater bekommt das alleinige Sorgerecht für die beiden Söhne. Sie wohnen bald bei ihm und dürfen den Rest der Familie nicht mehr sehen. Daniel ist gerade 17 Jahre alt, als eine verbitterte Mutter aus seinem Leben verschwindet.

Die Mitschüler im Gymnasium am Steinwald in Neunkirchen, der nahen Kreisstadt, bemerken von alldem nicht viel. Sie kennen Daniel als fröhlichen Klassenclown. Er ist gut in Mathe, Englisch und Sport und muss nie viel lernen. Er hat immer wieder mal eine Freundin und überrascht seine Kumpel mit knallbunten Hawaii-Hemden und übergroßen HipHop-Klamotten. Nachmittags ist er oft auf dem Basketballplatz mit dabei, ein guter Spieler, auch später als Angreifer bei der DJK Friedrichsthal. Mit einem Freund schafft er sich eine Hantelbank an, und während der Freund schnell die Lust am Pumpen verliert, trainiert Daniel verbissen weiter. "Wenn er was machte, dann zu tausend Prozent", sagt der Freund.

Die Resignation kommt wie aus dem Nichts in der elften Klasse. Daniel schimpft auf einmal über "das System" und über die Menschen, die nur "Zahnräder in der Gesellschaft" seien. Von der Sinnlosigkeit tagtäglicher Arbeit spricht er, vom "eigentlichen Leben", das dadurch verloren gehe. Über die "fake people" regt er sich auf, die Unaufrichtigkeit der Menschen. Es ist der gewöhnliche Weltschmerz eines 17- Jährigen, wie tief er aber sitzt, ahnt niemand.

Beim Basketballspielen hat er neue Freunde gefunden, Michel aus Dudweiler, 20, Sohn eines irakischen Arztes, und Sahin aus Völklingen, 20, Sohn türkischer Eltern. Sie lassen ihn mit ihren Autos fahren, sie trinken, kiffen und sind nicht so angepasst wie die Mitschüler auf dem Gymnasium. Über die Osterferien verbarrikadieren sie sich in Michels Wohnung, und danach erkennen die alten Freunde Daniel nicht wieder.

Verschlossen und düster kehrt er in die Schule zurück. Er setzt sich nicht mehr in die erste Reihe neben seinen einst besten Freund, sondern in die zweite, ganz allein. Er hat nun eine Tätowierung auf jeder Hand, zwischen Daumen und Zeigefinger, "truth" und "strength" steht da, Wahrheit und Stärke. Lehrer bemerken, wie er in sich versunken ist, die Augen oft geschlossen.

Der Vater hat sich zu diesem Zeitpunkt aus Daniels Leben längst zurückgezogen. Er sagt nichts, wenn sein Sohn ohne Führerschein durch die Gegend fährt. Schimpft nicht, wenn er nachts nicht nach Hause kommt. Fragt nicht nach, als Daniel verkündet, er wolle die Schule abbrechen und auswandern, nach Afrika vielleicht oder nach Südamerika, "in den Dschungel", weit weg von der Zivilisation.

Aber es gibt Menschen, die bemerken, dass da ein Leben abzugleiten droht.

Gewalt als Möglichkeit, Politik durchzusetzen

Die Französischlehrerin vom Gymnasium ruft den Vater an, der sich verleugnen lässt. Sie fährt zur Bank, wo er arbeitet. Der Vater sagt zu, mit dem Sohn zu reden. Der Sportlehrer, mit Daniel vertraut seit vielen Jahren, nimmt ihn zur Seite. Er hört Klagen über die Missstände in der Welt, über die Politik der Amerikaner und George W. Bush. Daniel spricht von einem "Missionsauftrag", die Welt zu verändern, und dass Gewalt durchaus eine Möglichkeit sei, Politik durchzusetzen. Nach dem Gespräch ist dem Lehrer klar, dass er seinen Schüler nicht mehr erreichen kann.

Daniel Schneider ist fast 18 Jahre alt. Er trägt nun kurze Haare und Ansätze eines Vollbarts. Als der Sportleistungskurs zum Foto erscheint, stellt sich Daniel einen Meter abseits von den anderen. Er blickt grimmig in die Kamera.

In der Nacht zum 4. August 2003 entlädt sich zum ersten Mal die große Wut, die er in sich hat.

Zusammen mit Michel und Sahin, den Freunden vom Basketball, überfällt er in der Saarbrücker Altstadt einen jungen Mann. Sie treten ihn nieder und entreißen ihm den Rucksack. Vier Stunden später pöbeln sie auf dem St. Johanner Markt ein Mädchen an, "Komm, lutsch meinen Schwanz", und als ein Freund des Mädchens "Halt's Maul" brüllt, ziehen sie ihre Hemden aus, werfen den Mann zu Boden und treten auf ihn ein, auch gegen den Kopf, bis er ohne Bewusstsein ist. In Daniels Rucksack finden die Polizisten eine Signalpistole und 27 Gramm Marihuana.

An seinem 18. Geburtstag, zu Beginn der zwölften Klasse, verlässt Daniel Schneider das Gymnasium. Er hat eine Eins in Geschichte, Politik und in Religion.

Mit seinen Freunden Michel und Sahin begibt er sich nun auf Reisen, ins Amazonasgebiet Brasiliens soll es gehen, sie sprechen vom Aussteigen, vom unabhängigen Leben. Am Ende bleiben sie in einem Strandhotel hängen, in Belem im Norden Brasiliens. Sie lernen dort Frauen kennen und geben viel Geld aus. 10.000 Euro hatte sich Daniel angespart, Geldgeschenke von Oma und Opa, auch der Gewinn aus Drogengeschäften. Sie reichen nicht aus. Also ruft er bei seinem Vater an, der ihm 2000 Euro überweist.

Nach zweieinhalb Monaten kehren sie zurück. Das Visum läuft ab, und man erwartet sie auf dem Amtsgericht.

Eine beschädigte Biografie

Im April 2004 wird Daniel Schneider wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Der Richter erkennt keine "schädlichen Neigungen", jedoch "erhebliche erzieherische Defizite". Er glaubt, mit 250 Sozialstunden und zwei Wochen Dauerarrest dagegen angehen zu können.

Es ist eine Biografie, wie es sie tausendfach gibt in Deutschland. Man kennt sie von Gangsterrappern, Drogendealern, Neonazis. Es ist die Biografie eines Menschen, der im Fluss seines Lebens in einen Strudel gerät. Wie es ausgeht, hängt davon ab, wer gerade zufällig vorbeikommt und den Rettungsring wirft.

Es ist nicht bekannt, wann Daniel Schneider, der getaufte Katholik, das erste Mal in der Neunkirchener Lisztstraße auftaucht, wo sich das einzige muslimische Gebetshaus der Stadt befindet, die türkische Yunus-Emre-Moschee. Vermutlich schon lange vor der Reise nach Brasilien wird er von jungen Männern angesprochen, die ihn zum Freitagsgebet einladen.

Hussain al-Malla ist dabei, ein groß gewachsener Libanese, und Zafer Sari, ein Deutsch-Türke, schüchtern und freundlich. Sie sind etwas älter als Daniel und ihm doch sehr ähnlich. Sie rasten manchmal aus und prügeln sich, haben mal geraucht und auch gekifft. Aber sie haben eine Vision, wie ein besseres Leben aussehen kann. Einer erzählt es Daniel in einem Gleichnis.

"Die Muslime sind wie eine Herde von Schafen. Innerhalb der Herde ist jedes Schaf sicher vor dem Wolf. Verlässt ein Schaf die Herde, so ist es für den Wolf ein gefundenes Fressen. Der Wolf steht für das Böse in der Welt."
(Erinnerung eines Freundes)

In der Moschee fällt den Betenden ein junger Medizinstudent auf, Hassan, ein sanfter Redner im dunkelblauen Kaftan. Er besucht sie auch zu Hause, erzählt von der Lehre des Islam, dass man nicht rauchen darf und Vater und Mutter zu ehren hat. Sie diskutieren bis spät in die Nacht, hören Musik und sehen sich Videos an.

Es gibt Auseinandersetzungen in der Moschee, zwischen den türkischen Gläubigen und der Gruppe um Hassan, Hussain und Daniel. Über die Art des Betens streitet man sich und die Frage, ob Frauen ohne Kopftuch den Vorraum der Moschee betreten dürfen. Den jungen Männern ist das alles nicht streng genug, eine Bombe müsse man hineinwerfen, tuscheln sie. Als Ahmet Kilic, der Vorsitzende des Moscheevereins, bemerkt, dass sie sich zurückziehen und heimlich beraten, erlaubt er ihnen nur noch, zu den Gebetszeiten zu kommen. Er will Ruhe in seiner Moschee.

Betende Workaholics

Daniel Schneider hat jetzt nur noch wenig Kontakt zu seinen Freunden vom Basketball. Ein paar kommen manchmal mit in die Moschee, doch keiner ist so begeistert wie Daniel. Er legt sich einen islamischen Namen zu, Dschihad, "Anstrengung im Glauben", später wird er sich Abd Allah nennen, "Diener Allahs". Er hat nun viele Fragen, wohin er seine Almosen entrichten muss, wie er auf einer Reise beten soll, welche Bücher zu empfehlen sind.

Konvertiten wie er sind ehrgeizig in ihrer neuen Religion. Sie haben das Gefühl, etwas aufholen zu müssen. Der neue Glauben ist eine Chance, sich abzugrenzen vom alten Leben, von alten Freunden und den Eltern. Die meisten Konvertiten sind betende Workaholics.

Daniel lernt schnell andere Muslime kennen, viele Studenten, die er zum Teetrinken besucht und zum religiösen Austausch. Oft wird er zu ihnen nach Hause eingeladen, zum Essen und Diskutieren, die Eltern sind bisweilen dabei, Geschwister und Bekannte. Er hat nun eine Familie gefunden. Und ein Leben, das Struktur und feste Regeln hat.

Zu Hause, in der Dreizimmerwohnung des Vaters, verkündet er, er werde kein Schweinefleisch mehr essen und fünfmal am Tag beten. Einen Cousin, dem er nach langer Zeit begegnet, lädt er ein, mit in die Moschee zu kommen. Zu dessen Schwester aber bricht er den Kontakt ab. Sie könne nach islamischem Recht seine Ehefrau werden, erklärt er dem verdutzten Verwandten. Deshalb dürfe er sie nicht mehr sehen, bis sie verheiratet sei.

Über die Moschee findet er Arbeit. Der Vater von Zafer Sari ist Vorarbeiter bei einer Reinigungsfirma. Fast alle jungen Männer aus der Moschee arbeiten bei ihm. Daniel putzt Maschinen und wischt den Boden von Produktionshallen, zwischen 342 und 456 Euro verdient er im Monat.

Am 3. Januar 2005 tritt er den Grundwehrdienst an. Er beantragt drei Monate Verlängerung, überlegt, sich als "Einzelkämpfer" ausbilden zu lassen, und landet am Ende in der Materialausgabe der Kampfmittelräumtruppe. Er fällt nur auf, weil er beim Duschen eine Badehose trägt.

Der doppelte Abd Allah

Ende 2005 schickt Daniel Schneider seiner Mutter eine Mail mit dem Betreff: "Hallo Mama, können wir uns mal treffen?" Sie verabreden sich zum Essen, nach Jahren das erste Wiedersehen. Der Sohn entschuldigt sich für die "Vorkommnisse der letzten Jahre", er wirkt sehr ausgeglichen. Die Mutter ist ein wenig irritiert, als Daniel bittet, dass die Musik im Restaurant abgeschaltet wird. Doch die Zweifel werden verdrängt von der großen Hoffnung, den Sohn zurückzubekommen. Er habe sie fortan "wie eine Königin" behandelt, erzählt die Mutter. Gut 300 Kilometer von Friedrichsthal entfernt, im östlichen Baden-Württemberg, hat sich gleichzeitig ein Leben entwickelt, das dem des Daniel Schneider unglaublich ähnelt.

Fritz Gelowicz aus Ulm ist ebenfalls ein Scheidungskind. Er wächst mit dem Bruder beim Vater auf, gilt als intelligent, ist in der Pubertät oft aufmüpfig und verlässt die Realschule nach der neunten Klasse, obwohl seine Noten gut genug für die zehnte gewesen wären. Er spielt American Football, besucht ein Berufskolleg und studiert an der Fachhochschule Neu-Ulm Wirtschaftsingenieurwesen. Mit 21 Jahren fällt er der Polizei erstmals auf, nachdem er auf dem Ulmer Marktplatz einen Arzt ohne erkennbaren Grund brutal verprügelt hat. Auch er findet Halt in einer Gruppe junger Muslime, zu der ihn ein Schulfreund bringt. Auch er lernt neue Leute kennen wie Atilla Selek, einen jungen Türken, der sein bester Freund wird. Auch sie besuchen zusammen die Moschee, das Multikulturhaus in Neu-Ulm. Und auch dort gibt es einen Mentor, der die Jungen um sich schart: Jahia Jussif, promovierter Mikrobiologe aus Ägypten, der beim Verfassungsschutz als "Hassprediger" gilt und ihm zugleich als hochrangiger Informant dient.

Nicht lange, dann sieht sich Fritz Gelowicz als Diener Allahs und nennt sich Abd Allah. Wie Daniel Schneider.

Für einen guten Muslim gehört es sich, den Koran im Original lesen zu können. Fritz Gelowicz geht zunächst auf eine Pilgerreise, zum Hadsch, nach Saudi-Arabien, dann nach Syrien, um dort Arabisch zu lernen. Daniel Schneider fliegt nach Ägypten, es ist der 13. Februar 2006.

Es ist nicht ganz klar, was er dort macht. Sicher ist nur, dass auch er Unterrichtsstunden in Arabisch nimmt. Für junge Konvertiten wie ihn ist die Zeit im Ausland prägend. Sie lernen ein Leben kennen, von dem sie in ihren Hinterhofmoscheen bislang nur geträumt haben. Das Gefährliche dabei sind nicht die Schulen und nicht ihre Lehrer. Das Gefährliche sind Menschen, die im Umfeld wirken.

Eine der Sprachschulen, die bei deutschen Konvertiten sehr beliebt ist, ist das Institut Qortoba in Alexandria an der Mittelmeerküste. Viele Muslime aus Ulm waren schon hier, auch viele, die nach Meinung deutscher Sicherheitsbehörden radikal denken. Man meldet sich über das Internet an. Drei Wochen kosten 300 Euro inklusive Unterbringung.

Die Schule liegt am Ende einer kleinen Gasse. Fünf Klassenräume auf zwei Etagen, zwei Bäder, der Boden ist mit gelben und grünen Kacheln bedeckt, die Moschee ist gleich um die Ecke. Als stern-Reporter unerkannt den Unterricht besuchen, halten sich 30 Studenten dort auf, aus Europa meist, aus Kanada und den USA. Wer sich Unterkunft und Unterricht nicht leisten kann, wird mit einem Stipendium von Stiftungen aus Saudi-Arabien unterstützt. Man muss nur eine Gegenleistung erbringen: zu Hause in der Heimat "Da'wa" betreiben, Missionieren im Namen Allahs.

Beten in Reih und Glied

Anfänger lernen zunächst die hier gebräuchlichen Grundregeln des islamischen Alltags. Mit welchem Gebet man beginnt und wie die Begrüßung dazu aussieht. Welche Hand man zum Essen benützt, aber auch, wer die Feinde aller Muslime seien, "die Juden". Der Unterricht wird dreimal am Tag unterbrochen für das gemeinsame Gebet. Dann zwitschern Vogelstimmen über die Lautsprecher, und Ustadh Ali, der Direktor und Imam, ruft: "Mustaqim!", "gerade!", damit die Reihe der Betenden auch ordentlich sei.

Viele der Schüler leben in einer Wohngemeinschaft, keine zehn Gehminuten vom Institut entfernt. Eine Küche, ein Bad, ein Aufenthaltsraum, zwei Betten pro Zimmer. Haroon, zum Beispiel, ist vor ein paar Tagen eingezogen, ein junger Brite pakistanischer Abstammung, der zum Islam gekommen ist, nachdem er einige Monate in Thailand als Englischlehrer gearbeitet und "an jeder Ecke nur Prostituierte" gesehen hat. Abd al-Aziz ist da, einer von sechs Deutschen, die gerade am Institut lernen. Er stammt aus Offenbach, die anderen aus Berlin, Heidelberg und Ulm.

Für die Konvertiten aus Deutschland wird eine Vision zum Leben erweckt. Wenn sie nun, gekleidet in arabisches Gewand und in Sandalen, mit den anderen Schülern durch die Stadt ziehen, in der es fast nirgendwo Alkohol gibt und die Frauen mit Kopftuch oder, strenger noch, mit Niqab bedeckt sind, dann begreifen sie, dass sie Teil eines großen Ganzen sind. Sie erleben ihre Vorstellung vom Islam als globale Idee.

Im abendlichen Geplauder ereifern sie sich im Hass auf Israel. Auf die westliche Welt, deren Geheimdienste Muslime foltern, einsperren oder entführen. Solche Gespräche entfachen in den jungen Glaubensbrüdern die Sehnsucht nach Rache. Gefährlich wird es, wenn Menschen dazukommen, die wissen, wie man mit diesem Gefühl umgeht.

Es ist ein Mittwochabend in der WG in Alexandria, als ein Mann zu Besuch kommt, der noch recht jung ist, Anfang 20 vielleicht. Er trägt einen kräftigen, blonden Bart und die Tracht der Fundamentalisten, einen braunen Umhang und ein Tuch, das um seinen Kopf gewickelt ist. Er nennt sich Dawud und kommt aus Deutschland.

Dawud spricht zu den jungen Sprachschülern, zu Haroon, zu Abd al-Aziz und den anderen Deutschen, in gleichmäßigem Singsang predigt er auf Englisch, gespickt mit arabischen Floskeln. Alles Wissen sei umsonst, wenn man den Koran nicht lebe, was nur im Kampfe möglich sei. Deshalb, sagt Dawud, schließe sich ein guter Muslim den mutigen Kriegern an, den Mudschahedin in Palästina, im Irak oder in Afghanistan. In Deutschland sei der Kampf nicht einfach, denn wer hier nach seiner Anschauung lebe, riskiere, recht bald im Gefängnis zu landen. Eine Stunde lang spricht Dawud, der Deutsche, dann verabschiedet er sich und empfiehlt, sich künftig nur in kleinen Gruppen zu treffen, "wegen der Geheimpolizei!"

Das Terrorcamp in Waziristan

Daniel Schneider kehrt am 13. Mai 2006 aus Ägypten zurück, und es ist sehr wahrscheinlich, dass er Ähnliches erlebt hat wie die jungen Männer in Alexandria. Er ist nun offiziell konvertiert, das belegt eine Urkunde der Al-Azhar-Universität in Kairo. Es ist nicht klar, wer ihn dazu veranlasst, gleich wieder zu verreisen, diesmal in die Türkei, dann weiter über den Iran nach Pakistan. Die Ermittler haben seinen Weg anhand von Reisedaten, abgehörten Gesprächen und abgefangenen E-Mails nachgezeichnet.

Ende Juni 2006 besucht Daniel Schneider ein terroristisches Ausbildungslager in Mir Ali, Nord-Waziristan, an der Grenze zu Afghanistan. Er trifft dort auf Fritz Gelowicz, jenen Konvertiten aus Ulm, und Adem Yilmaz, den türkischen Muslim aus Hessen, die auch gerade im Lager sind. Sie hatten beim Sprachkurs in Syrien einen Mann kennengelernt, der sie hierher gebracht hat. Die drei lernen, wie man Sprengstoff mischt und wie ein Gewehr funktioniert. Sie üben das Schießen, auch auf echte Ziele, einen Armeehubschrauber etwa, als der sich dem Lager nähert. Daniel Schneider ist fasziniert von den Waffen und dem Gefühl, das sie ihm vermitteln. Später wird er Adem Yilmaz, den er Achi, Bruder, nennt, davon erzählen.

Achi, das Schlimmste in der Zeit, wo ich noch dort war, für mich war, dass ich meine Knarre abgeben musste. Achi, das war ein Gefühl, Achi, die war für mich … Mein ganzes Leben habe ich auf was gearbeitet, dass ich mein Recht verteidigen kann, Achi.
(abgehörte Dialoge)

Im Lager reift auch der Plan eines Attentats. Es ist nicht die Idee der jungen Männer aus Deutschland, denn es gibt nichts, was sie nach Hause ziehen würde, in die westliche Welt. Sie wollen kämpfen, hier in Afghanistan. Doch die Führer und Ausbilder im Terrorcamp haben anderes vor. Europa soll es sein, Deutschland.

Allah hat uns unseren Weg gezeigt. Wir wollten eigentlich was anderes. ... Alles wird okay, weisch, wie ich meine. - Wir wollten einfach nur gehen ... eigentlich wollte ich ja nur ne Kugel fangen. - Is eben Dschihad, und dann soll sich jeder ... Mir is des schnuppe, weisch.
(abgehörte Dialoge)

Es gibt nicht viele Menschen, die davon erzählen können, wie es dort aussieht, wo der weltweite Terror entsteht. In Waziristan herrscht Krieg. Die pakistanische Armee kämpft mit den Amerikanern gegen die Taliban, die in den zerklüfteten Bergen ihr Stammesgebiet haben. Zugleich arbeiten Teile des pakistanischen Geheimdienstes ISI mit den Taliban zusammen. Auch al-Qaida und andere terroristische Gruppen haben sich hier niedergelassen, wer Terrorist ist und wer Agent, lässt sich manchmal nur schwer sagen. Es gibt kaum Journalisten, es gibt so gut wie keine unabhängigen Organisationen und keine objektiven Berichte.

Eine Frau aus dem fränkischen Ansbach aber kann davon erzählen, denn sie hat ihren Mann dort verloren. Cüneyt C., 28, Sohn türkischer Eltern, besuchte vermutlich dasselbe Ausbildungslager wie Daniel Schneider und Fritz Gelowicz. Danach fuhr er am 3. März 2008 mit einem Lkw in der ostafghanischen Provinz Khost in ein Militärgebäude der Nato-Streitkräfte, er hatte mehrere Hundert Kilogramm Sprengstoff geladen. Zwei amerikanische Soldaten, zwei Zivilisten und Cüneyt C. selbst starben.

Vom Familienvater zum Selbstmörder

Seda C. wohnt bei den Eltern ihres verstorbenen Mannes. Ein beigefarbenes Haus an der Ausfallstraße in Ansbach, auf einem Brett vor der Tür stehen kleine Schuhe, sie gehören Tochter Meryem, geboren im Terrorcamp.

Die 26-Jährige hat der Polizei ausführlich von Waziristan erzählt. Ihr Mann habe in ein islamisches Land reisen und den Koran studieren wollen, nachdem er in Hessen eine Gruppe junger Muslime kennengelernt hatte, unter ihnen auch Adem Yilmaz. Seda C. war nicht begeistert von der Idee, doch sie gab nach.

Im April 2007 reisten sie und ihr Mann mit beiden Söhnen nach Pakistan und landeten in einer Hüttensiedlung. Dort wohnten sie in einer windigen Scheune, zwischen Hühnern und Ziegen. Gekocht wurde im Freien, mit Holz oder Gas, nur selten funktionierte der Strom. Nicht weit entfernt sei Mir Ali gewesen, eine Stadt mit vielen Geschäften. Die Männer seien zum Einkaufen dort hingefahren, sagt Seda C. "Wir Frauen durften nie in diese Stadt."

Es war wie ein Gefängnis, sie durfte das Haus nur verlassen, um Nachbarn zu besuchen. Dann musste sie die Burka überwerfen, was sie, modern erzogen, nicht gewohnt war. Auch die Kinder blieben zu Hause, denn die versprochene Schule gab es nicht. Zwei Wochen lang sah Seda C. ihren Mann nicht, bis er zurückkam, mit einer Kalaschnikow und Granaten im Gepäck. Er sagte, er ziehe nun in den Dschihad. Dann war er wieder weg, oft viele Wochen.

Manchmal hörte sie Schüsse und Hubschrauber in der Nähe, und als die Gefechte eines Tages heftiger wurden, flohen die Frauen mit ihren Kindern aus dem Dorf. Über Wiesen und Bachläufe rannten sie, bis sie an ein leer stehendes Haus kamen, in dem sie unterschlüpften. In dieser Nacht gebar Seda C. ihr drittes Kind. Ihrem Mann teilte sie über ein Funkgerät mit, dass Meryem geboren war. Er sagte nicht viel dazu.

Es dauerte Wochen, bis sie ihren Mann davon überzeugte, sie und die Kinder nach Deutschland zurückkehren zu lassen. Er selbst wollte bleiben, und Seda C. spürte, dass seine Gefühle längst nicht mehr bei ihr waren, sondern bei den Kameraden an der Front.

Seda C. ist für die Ankläger eine wichtige Zeugin. Sie kann erklären, wie schnell die Ausbildung im Terrorcamp einen jungen Mann entfremdet und ihn bis in den Selbstmord treiben kann. Sie hat in Waziristan den Chef der Camps kennengelernt, einen Usbeken, der sich Sulaiman nannte. Die Ermittler gehen davon aus, dass es sich um Suhail Buranow handelt, von dem auch Daniel Schneider und Fritz Gelowicz ihre Anweisungen erhielten. Auch jene, ein großes Attentat in Deutschland zu verüben.

"Daniel war wie in Trance"

Am 8. Dezember 2006 wird Daniel Schneider im Iran festgenommen, nachdem er illegal aus Pakistan eingereist war. Weil er nicht sagt, wer er ist, wird er zurück nach Pakistan abgeschoben und dort inhaftiert. Nach einer Woche gibt sich Daniel Schneider als Deutscher zu erkennen, er wird nun sehr zuvorkommend behandelt. Er darf mit seinem Vater telefonieren, ein Angehöriger der Botschaft besucht ihn. Am 11. Januar 2007 verurteilt ihn ein Gericht in Taftan wegen illegalen Aufenthalts zu zwei Monaten Haft und 500 Rupien Geldstrafe, knapp fünf Euro. Am 12. Februar bereits darf er nach Deutschland fliegen.

Der Aufenthalt in Ägypten und Waziristan hat Daniel Schneider verändert, seine Freunde aus der Moschee bemerken es. Er ist nicht mehr einer, der fragt. Er gibt nun Antworten. Er beschimpft seine Freunde, wenn sie sich eine Zigarette anzünden oder in Jeansjacke zum Beten kommen. Er selbst kleidet sich wie ein strenger Sunnit und trägt eine knöchellange Hose. Seine Zähne reinigt er nur noch mit einem Kauholz, und in der Moschee verschenkt er Bücher über den Islam.

Seine Mutter findet ihn sonderbar, wenn er mit ihr über den Islam spricht. In einer Art Dialekt trägt er ihr dann Koranverse vor. "Es hörte sich an, als würde ein Ausländer sprechen", erzählt sie. "Er war wie in Trance." Sie bekommt von ihm einen Koran geschickt. Er hat eine Widmung hineingeschrieben. Das Buch solle ihr in schweren Zeiten Trost und Hoffnung schenken. Auch ein Verwandter hat den Eindruck, Daniel Schneider rede "in einer anderen Sprache". Er trifft ihn zufällig im Haus der Mutter, und sie diskutieren über die Religionen und die Frage, wann Gewalt erlaubt sei. Daniel Schneider sagt, auch im Christentum werde Gewalt gerechtfertigt. Er nennt Stellen aus dem Neuen Testament.

Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert.
(Matthäus 10, 34)

Der Verwandte, ein gläubiger Katholik, sagt, dies sei nicht wörtlich zu nehmen. Man müsse die Passage aus ihrem historischen Kontext verstehen. Das sei das Verbrechen der Christen, sagt Daniel Schneider, dass sie Gottes Wort ständig interpretierten. Im Islam gebe es nur ein Wort Gottes. Und sein Gesetz, die Scharia, sei unveränderbar.

Würdest du die Scharia denn auch auf mich anwenden? - Ja. - Wenn ich mich weigere, Moslem zu werden und die Schutzsteuer zu bezahlen, würdest du mich dann umbringen? - Ja. - Du würdest mir also die Rübe abhauen? - Ja.
(Erinnerung des Verwandten)

Es ist nicht die einzige Drohung, die der junge Konvertit ausspricht. Als sich sein jüngerer Bruder einmal kritisch über den Propheten Mohammed äußert, sagt Daniel Schneider zu ihm: "Ich verschone dich noch einmal, weil du mein Bruder bist. Beim nächsten Mal muss ich dich umbringen." Die Verwandten sind entsetzt. Sie melden sich beim Verfassungsschutz in Saarbrücken, sie wissen nicht, wen sie sonst um Rat fragen können. Zwei Mitarbeiter besuchen sie, es ist ein kurzes Gespräch, sie hören vor allem zu. Sie kennen Daniel Schneider längst. Gleich nach seiner Rückkehr aus Pakistan hatten sie versucht, mit ihm zu reden. Er war höflich, aber nicht zugänglich. Seitdem steht er unter Beobachtung, nicht nur von der Saarländer Behörde.

Operation "Alberich"

Daniel Schneider ist längst ein Politikum. Ende Oktober 2006 hatte der US-Geheimdienst NSA Mails aus Pakistan abgefangen und den Bundesnachrichtendienst in Deutschland informiert. Die "Islamische Dschihad Union", eine Terrororganisation, die intensive Kontakte zu al-Qaida und 100 bis 200 Mitglieder habe, habe Verbindung zu einem Mann im Raum Stuttgart aufgenommen. Die Namen Muaz und Zafer würden genannt, es handele sich vermutlich um zwei Türken, die in einem Terrorcamp gewesen seien. In den deutschen Behörden hat man noch nie etwas von einer "Islamischen Dschihad Union" gehört, doch man hält die Nachricht für brisant. Bald verhandelt man auf höchster Ebene. Der damalige USPräsident George W. Bush telefoniert mit Angela Merkel, im gemeinsamen Terrorabwehrzentrum in Berlin wird der "operative Informationsaustausch" gepflegt: Deutsche und Amerikaner arbeiten vertraulich zusammen, als hätte es den Irak-Krieg, Guantánamo und CIA-Geheimgefängnisse nie gegeben. Die Operation trägt den Namen "Alberich", wie der Zwerg aus der Nibelungensage, der mit der Tarnkappe.

Am Silvesterabend 2006 werden Fritz Gelowicz, sein bester Freund Atilla Selek und ein Muslim aus Frankfurt beobachtet, wie sie auffallend langsam eine halbe Stunde lang die amerikanische Hutier-Kaserne und die "Pioneer Barracks" in Hanau umkreisen. Die Beamten sehen zwar keine Anzeichen für eine Anschlagsplanung, dennoch genehmigt ein Haftrichter die Hausdurchsuchung bei den Männern. Computer und Unterlagen werden aus dem Haus geschafft, und nach und nach offenbart sich den Ermittlern das Netzwerk der gläubigen Kämpfer in Deutschland.

Sie versuchen, die Namen aus der amerikanischen Nachricht zu entschlüsseln. Sie vermuten, dass mit "Muaz" Atilla Selek gemeint ist. Sie identifizieren "Zafer" als Zafer Sari, den jungen, schüchternen Türken aus Neunkirchen, und durchleuchten sein Umfeld.

So stoßen sie auf Daniel Schneider.

In der Pioneer-Kaserne von Hanau, dort, wo der militärische Nachrichtendienst der Amerikaner arbeitet, richten nun auch die Agenten der CIA ihre Büros ein. In den nächsten Wochen kommt Verstärkung aus dem CIA-Hauptquartier in Langley. Die deutschen Dienste und Behörden sind involviert, der BND, der MAD, mehrere Verfassungsschutzämter, das BKA, die Länderpolizeien. Auch der israelische Mossad und der russische FSB schicken Leute.

Daniel Schneider, der einst fröhliche HipHopper aus der Provinz, ist jetzt ein Staatsfeind.

"Sie beobachten mich halt jetzt", schreibt er am 11. März 2007 in einer E-Mail und speichert sie im Entwurfsordner seines E-Mail-Kontos, auf das auch Fritz Gelowicz Zugriff hat, der neue Freund aus dem Terrorcamp. Anders als beim üblichen Versenden von E-Mails entstehen keine Protokolldaten, und man kann später nicht herausfinden, wo sich der Absender aufgehalten hat. Um ins Internet zu kommen, nutzt Daniel Schneider die ungeschützte Funkverbindung seines Nachbarn. Beispiele "hoch konspirativer Kommunikation" werden das die Ankläger später nennen. Vielleicht gehört zur Tarnung auch, dass sich Daniel Schneider erkundigt, wie er sein Abitur nachmachen kann. Im August 2007 brütet er im Abendgymnasium Saarbrücken über deutscher Literatur.

Deutschlands meistgesuchter Terrorist

Daniel Schneider, Fritz Gelowicz und Adem Yilmaz stehen nun in ständigem Kontakt. Sie verabreden sich zu geheimen Treffen und schreiben E-Mails an Adressen, die "angi4148" oder "DerFrosch43" heißen. Wenn sie telefonieren, dann nur aus anonymen Telefonläden. Fritz Gelowicz besucht in kurzer Zeit 216-mal 68 verschiedene Call- Shops und hat 14 verschiedene E-Mail-Adressen. Untereinander haben sie eine Sprache entwickelt, die nur sie verstehen. Sie reden von "Frauen", wenn sie ihre Verfolger meinen, und vom "Heiraten", wenn sie über den Besuch im Terrorcamp sprechen. Sie schicken andere junge Männer nach Pakistan, mindestens sieben, auch sie sollen lernen, Bomben zu bauen. Sie planen nun das Attentat, wie es ihnen in Pakistan befohlen wurde. Sie machen sich Gedanken, wie groß die Zahl der Opfer sein sollte.

Wenn jeder, wenn jeder fünfzig tötet, Achi, paar verletzt, das sind hundertfünfzig tot und dann noch diese, und dann noch diese Flughafen-Sachen, das wär schon gut, Achi.
(abgehörte Dialoge)

Daniel Schneider wohnt nun nicht mehr beim Vater. Es war zu laut geworden, wenn er nachts betete. Er ist in den Saarbrücker Stadtteil Dudweiler gezogen, Petrusstraße 32, ein schäbiges Haus aus den 60er Jahren. Er zieht unters Dach, zusammen mit einem anderen deutschen Konvertiten, Eric Breininger, heute 21 Jahre alt. Auch er wird später in ein Terrorcamp reisen und auf Videos der "Islamischen Dschihad Union" zu sehen sein. Er wird dann sagen, dass Deutschland mit Anschlägen zu rechnen habe, solange deutsche Soldaten in Afghanistan stationiert seien. Heute ist Eric Breininger Deutschlands wohl meistgesuchter Terrorist.

Mehrere fromme Männer wohnen in dem Haus, auch ein Imam, es gibt eine kleine Moschee. Junge Männer treffen sich hier, zum Beten und Plaudern, manchmal sind auch Kinder da, und Eric Breininger erzählt dann die Geschichte vom Mond. Amerikanische Forscher hätten festgestellt, dass der Mond so aussehe, als bestünde er aus zwei Hälften. Über den Propheten Mohammed gebe es eine Geschichte, dass er den Mond gespalten habe. Die Amerikaner würden also bestätigen, erzählt Breininger, "dass sich die Geschichte so zugetragen hat". Nicht nur die Kinder sind beeindruckt von solchen Geschichten.

Es ist nun ein mächtiger Überwachungsapparat angelaufen, im Saarland, in Hessen und in Ulm. Und man bemüht sich kaum, ihn zu verheimlichen. Schwarze Limousinen mit Kölner Kennzeichen stehen im Böfinger Weg in Ulm, wo Fritz Gelowicz mit seiner Frau wohnt. Er liefert sich Verfolgungsjagden mit seinen Bewachern, und es gelingt ihm, den GPS-Sender des Verfassungsschutzes heimlich an ein anderes Auto zu kleben, das nun von seinen Bewachern bis nach München verfolgt wird. Sein Freund Atilla Selek legt sich auf die Haube eines Behördenwagens und klopft an die Scheibe, er wolle gern "den Chef sprechen". Erst Wochen später werden die Ermittler ihre Strategie ändern. Das LKA Stuttgart übernimmt die Observation, seitdem sind keine fremden Autos mehr zu sehen.

Fritz Gelowicz gibt stern-Reportern, die über islamistische Gefährder recherchieren, am 4. Juli 2007 ein Interview. Er beklagt die Observationen und fordert mehr Toleranz der Gesellschaft. "Ich verlange einfach nur, dass man mich in Ruhe leben lässt."

Welche Rolle haben die Geheimdienste gespielt?

Zwei Wochen später setzt er sich ins Auto und besorgt bei einem Chemikalienhändler in Hodenhagen bei Hannover drei Kanister Chemikalien, jeweils 65 Kilo schwer, 35-prozentiges Wasserstoffperoxid. Erhöht man die Konzentration, kann man mit Weizenmehl daraus Sprengstoff herstellen. Mit Adem Yilmaz versteckt er die Kanister in einer Garage im Schwarzwald. Dort stehen schon neun Kanister.

Aus Pakistan kommen Mails, "wann die Party nun steigt?", und dass "die Sache in fünfzehn Tagen" erledigt sein muss. Die drei Männer arbeiten fieberhaft.

Ihr Leben hat nun ein klares Ziel. Den Anschlag. Anfang August besucht Fritz Gelowicz eine Moschee in Mannheim, wo ihm ein Mann aus Somalia eine Tasche mit sechs Zündern überreicht. Drei Wochen später ist es eine Tüte mit Schuhen, in deren Sohlen 20 weitere Zünder versteckt sind. Mithilfe von Atilla Selek hatte sie ein 15-jähriger Deutsch- Tunesier aus Wolfsburg in Istanbul besorgt. Dort hatte er einen Mann getroffen, den die anderen nur "den Chef " nennen. Er ist den deutschen Ermittlern lange bekannt.

Es ist Mevlüt K., ein 28-jähriger Türke aus Ludwigshafen, der schon vor Jahren mit hochrangigen Al-Qaida-Leuten zusammengearbeitet hat. In Deutschland wird er seit einigen Jahren gesucht, in mehreren Verfahren wird gegen ihn ermittelt, die Behörden im Libanon fahnden nach ihm mit internationalem Haftbefehl. Mevlüt K. aber lebt unbehelligt in Istanbul. Es kann mit seiner Tätigkeit zu tun haben. Er ist vom türkischen Geheimdienst MIT angeworben worden und arbeitet auch als Kontaktmann für die CIA. Offenbar auch zu der Zeit, als er für die Terroristen in Deutschland die Zünder beschafft. Später wird man feststellen, dass mehr als 20 Zünder gar nicht funktioniert hätten.

Es wird eine der entscheidenden Fragen im anstehenden Prozess sein: Welche Rolle haben die Geheimdienste gespielt? Wie sehr haben sie die "Islamische Dschihad Union" und ihre deutschen Helfer unterwandert? Waren sie nur Beobachter oder auch Akteure?

Die Ermittler in Deutschland haben mittlerweile die Autos verwanzt, mit denen Daniel Schneider, Fritz Gelowicz und Adem Yilmaz unterwegs sind. Am 2. September 2007 brechen sie zu einer gemieteten Ferienwohnung im Hochsauerland auf. Ein schlichtes Haus in Oberschledorn bei Medebach, mit direktem Zugang zur Garage, das war ihnen wichtig. Im Kofferraum ihres Nissan-Note einer der Kanister, dessen Inhalt die Polizei gegen eine harmlose Flüssigkeit ausgetauscht hat. Sie wähnen sich vor dem Ziel. Sie haben ihren Triumph vor Augen. Die Euphorie, die sich im Wagen entfaltet, gleicht einem Drogenrausch.

Die Deutschen kriegen einen auf die Fresse. - Und, und Flughafen. Egal, Flughafen. - Wenn wir das machen, dann kotzen sich die Deutschen noch mehr an, Achi. - Dann geht's ab, Achi! Die Welt wird brennen. Wenn wir es am 11. kriegen, genau um diese Uhrzeit, Achi, die flippen, die flippen doppelt so. - Wir führen einen Krieg, wo du nicht verlieren kannst, Achi. Verstehscht, was ich mein?
(abgehörte Dialoge)

Die GSG 9 greift am 4. September um 14.29 Uhr ein. Die Beamten überraschen Fritz Gelowicz und Adem Yilmaz, als sie die chemische Flüssigkeit erhitzen, um eine höhere Konzentration von Wasserstoffperoxid zu erreichen. In der Küche stehen drei Edelstahltöpfe und 14 Pakete Weizenmehl.

9000 Euro investiert, um Helden für Allah zu werden

Daniel Schneider ist in diesem Moment im Bad und flieht durchs Fenster. Er wird von Polizisten eines Mobilen Einsatzkommandos niedergerungen, kann einem von ihnen die Waffe entreißen und richtet sie auf den Polizisten, der seinen Arm gerade noch wegdrücken kann. Die Kugel landet am Straßenrand.

Um 15.18 Uhr meldet der Einsatzleiter, dass der Zugriff beendet sei.

Seit eineinhalb Jahren sitzen sie nun in Isolationshaft. In der Öffentlichkeit sind sie die "Sauerland-Zelle". Sie haben 9000 Euro investiert, um Helden für Allah zu werden.

Sie haben tatsächlich die Gesellschaft verändert, allerdings nicht so, wie sie sich das vorgestellt hatten. Ihr Fall hat manches beschleunigt, die Online-Durchsuchung etwa, die nun erlaubt ist. Die erweiterten Kompetenzen des Bundeskriminalamts, die nun Gesetz sind. Die Einführung eines neuen Paragrafen, wonach allein der Besuch eines sogenannten Terrorcamps schon strafbar ist, steht bevor.

Ideen aber, wie man den Radikalisierungsprozess junger Männer beeinflussen kann, gibt es kaum. Es fehlt hierzulande an gesellschaftlichen Initiativen, wie man sie aus dem Bereich des Rechtsextremismus kennt. Es gibt keine Aussteigerprogramme für Islamisten, keine Beratungsstelle für Eltern, keine Initiativen muslimischer Gemeinden gegen Fundamentalisten. Den Kampf gegen die Radikalisierung junger Muslime bestreiten allein Geheimdienste und Polizei.

Daniel Schneider ist in der Justizvollzugsanstalt Schwalmstadt untergebracht. Er hat sich einen Koran bestellt und betet fünfmal am Tag. Der psychiatrische Gutachter sagt, Daniel Schneider sei voll schuldfähig. Er hält ihn für überdurchschnittlich begabt.

Mitarbeit: Gerald Drissner, Gerd Elendt, Özlem Gezer, Rainer Nübel

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