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Abstimmung in Griechenland: Countdown zum Schicksalsvotum

Im griechischen Parlament geht es heute um alles: um die Zukunft des Landes, des Euro, der EU. Lehnen die Abgeordneten das Sparpaket ab, brennt es in Europa - umstritten ist nur, wie sehr.

Von Florian Güßgen

Trommelwirbel. Tusch. Es ist soweit. Das griechische Drama erreicht am Mittwochnachmittag einen weiteren Höhepunkt: Das Parlament in Athen stimmt über das umstrittene 28-Milliarden-Euro-Sparpaket der Regierung ab. Und in Brüssel, Paris und Berlin, in den Hauptstädten der EU-Mitglieder, aber auch in Washington, New York und Frankfurt sehen Regierungschefs, Banker und Finanzexperten gebannt zu. Denn dass das Votum erhebliche Auswirkungen auch jenseits der griechischen Grenzen haben kann, daran zweifelt niemand. Geht das Sparpaket durch, wonach es derzeit aussieht, wird weltweit ein Aufatmen zu hören sein. Aber was, wenn nicht? Erlebt Europa dann einen Schockmoment, wie ihn die plötzliche Pleite der Lehman Brothers der Finanzwelt im September 2008 bescherte? Zerfällt der Euro, zerbricht die EU, gibt es eine weitere Wirtschaftskrise? Genaues weiß man nicht. Nur soviel: Scheitert das Paket, ist Griechenland de facto pleite.

Horrorszenarien für eine zerstörerische Kettenreaktion nach einer "ungeordneten Insolvenz" gibt es genug. Eines geht so: Bei einem "Nein" erhält Athen kein Geld mehr von EU und Internationalem Währungsfonds (IWF), eine Tranche in Höhe von zwölf Milliarden Euro wird einbehalten, spätestens im Juli wären die Kassen leer, das Land pleite. Die Gläubiger der Griechen gucken schon früher in die Röhre: Die Anleihen des Staates sind nichts mehr wert, griechische Banken gehen bankrott. Nach der Abstimmung, der aufgekratzte Jubel der Demonstranten am Syntagma-Platz ist nicht einmal verhallt, stürmen Bürger in die Filialen und zu den Automaten, um ihre Vermögen zu retten, die Indizes der Börsen stürzen ab, binnen Stunden entfacht die griechische Explosion ein Lauffeuer, das auch andere Euro-Staaten erfasst: Irland, Portugal, Spanien, vielleicht auch Italien. Auch diese Länder werden zahlungsunfähig. Die Rettungsschirme der EU werden weggerissen, die Fonds ausgeschöpft. Eine Bank nach der anderen kollabiert. Der Euro wird zerfetzt, die EU liegt in Trümmern.

Sind die Untergangsszenarien wirklichkeitsfern?

Haben Sie jetzt Angst? Dann sind Sie nicht allein. Die Furcht vor so einer ungeordneten Insolvenz ist gewaltig. Das Problem ist lediglich, dass kein Mensch genau weiß, wie wirklichkeitsnah dieses Doomsday-Szenario ist. Es gibt viele Zweifler, in Deutschland mittlerweile wohl die Mehrheit der Ökonomen, die einer geordneten Pleite Griechenlands verhältnismäßig gelassen entgegensehen. Europas Lehman-Moment? Von wegen, flüstern sie. Lasst die Griechen das Sparpaket doch ablehnen und so ihren Bankrott erklären. Zu retten ist diese marode Wirtschaft mit immer neuen Finanzspritzen eh' nicht mehr. Tatsächlich sei Griechenland schon lange pleite, behaupten diese Experten. Das Land hänge nur noch am Tropf, vor allem der EU. Das hätten die Finanzmärkte bei ihrer Bewertung der Anleihen längst eingepreist. Die Gefahr eines Flächenbrands schätzen sie als gering ein. Dann gehen schlimmstenfalls eben ein paar griechische Banken drauf, sagen sie. Und sicher, an den Börsen werde es Turbulenzen geben, einige Griechen zu ihren Banken stürmen. Aber das große Lauffeuer werde ausbleiben. Ein paar griechische Banken müssten dann staatlich gestützt werden. Aber die Risiken seien kalkulierbar, die Schulden der Griechen - die Anleihen - inzwischen ohnehin zumeist in öffentlicher Hand,. Auch das Risiko, das von so genannten Credit Default Swaps (CDS) ausgehe, sei überschaubar. Als Lehman Brothers 2008 zusammenbrach, sei das anders gewesen. Niemand habe damals gewusst, wie breit gestreut die Risiken tatsächlich waren, in welchen Portfolios Bomben hochzugehen drohten.

Bye, bye Griechenland?

Diese Optimisten mutmaßen, eine Griechenland-Pleite biete die Chance, jetzt richtig anzufangen mit einem griechischen Neustart, anstatt die sichere Bankrotterklärung auf Jahre zu verschleppen. So werde es unter dem Strich auch günstiger für die Steuerzahler etwa in Deutschland. Über die richtige Handhabung einer griechischen Pleite gibt es allerdings auch unter den Optimisten unterschiedliche Auffassungen: Dass sie spontan und chaotisch erfolgt, wie es bei einem "Nein" der griechischen Parlamentarier der Fall wäre, wünscht sich keiner. Für eine geplante Bankrotterklärung gibt es mehrere Szenarien. Die einen, die Radikalen, meinen, Griechenland müsse dann einfach aus dem Euro ausscheren, zumindest zeitweise, seine Währung abwerten, um wieder auf einen grünen Zweig zu kommen. Ein historischer Fehler werde so einfach mit viel Geld wieder gutgemacht. Die anderen empfehlen einen Verbleib in der Eurozone und einen Schuldenerlass, der an weitere Reformbedingungen gekoppelt ist. Sie warnen dabei davor, Wachstumschancen durch ein Kaputtsparen zu ersticken. Die Kosten wären so zudem besser verteilt, auf öffentliche und private Gläubiger - also auch auf Banken.

Und so ist es ein Sturz in den dunklen Abgrund, der am Donnerstag droht. Die Griechen wagen einen Salto mortale auf dem Hochseil. Die Eurozone und die EU haben sie sich dabei an das Fußgelenk gekettet. Bei einem "Nein" zum Sparpaket und einem nachfolgenden "Nein" von IWF und EU würden zunächst alle in die finstere Schlucht stürzen - ohne genau zu wissen, wie weit es ist bis zum Grund ist: fünf oder 5000 Meter. Wird der Aufprall nur schmerzen, oder werden alle Beteiligten am Boden zerschellen?

Es geht auch um politische Karrieren

Lehnt das Parlament das Sparpaket ab, sind vor allem die Deutsche Angela Merkel und der Franzose Nicholas Sarkozy gefragt. Was tun? Die Stunden der Wahrheit wären dann gekommen. Hand in Hand müssten Regierungschefs und Notenbanker alle Hebel in Bewegung setzen, um zu verhindern, dass der Geldfluss ins Stocken gerät - außerdem müssten sie entscheiden, wie die bedrohten griechischen Banken schnell zu stützen wären. Aber das ist nicht alles. Die Politiker stünden dann vor der fundamentalen Frage: Rettet die EU das Mitglied Griechenland auch jetzt, da die Griechen ihren europäischen Helfern einen Faustschlag ins Gesicht versetzt haben? Hilft die EU auch ohne IWF? EU-Vertreter haben noch am Mittwoch behauptet, es gebe keinen "Plan B", keinen Notfallplan auf europäischer Ebene - obwohl die Deutschen darauf gedrungen hatten.

In diesen Stunden der Wahrheit würde es um wirtschaftliche Risikoeinschätzungen, um politischen Mut, aber möglicherweise auch um Karrieren gehen. Sagen Merkel und Sarkozy trotz allem weitere Hilfen zu, leidet ihre Glaubwürdigkeit. "Wie kann es sein, dass Ihr den Griechen weiter Geld hinterherwerft, obwohl die nicht einmal sparen wollen", wird der Vorwurf lauten. Und: "Weshalb sollen die denn reformieren, wenn Ihr denen das Geld so oder so gebt? Wie soll die Misswirtschaft so jemals enden?" Springt Merkel Griechenland weiter bei, verschafft sie dem Euroraum und dem Euro vielleicht etwas Luft - aber opfert möglicherweise ihre Kanzlerschaft.

Andererseits: Was ist die politische Alternative bei einem "Nein" des Parlaments? Ist es überhaupt vorstellbar, dass die EU die griechischen Brüder und Schwestern komplett ihrem Schicksal überlässt - in der Hoffnung, dass die finstere Schlucht, in die man gerade gefallen ist, doch nicht so tief ist, dass der Flächenbrand ausbleibt und die Pleite mit Bordmitteln in Griff zu bekommen ist? Sagt sich Europa dann wirklich von den Griechen los?

Vorstellbar ist das, auch wenn es schwer ist, den politischen "Plan B" vorherzusagen. Gelänge es, die ersten Turbulenzen an den Börsen und Finanzmärkten, bei den Banken in den Griff zu bekommen, wäre die Politik der Rettungspakete vorerst gescheitert, die Pleite ein Fakt - und neue Optionen könnten auf den Tisch gelegt werden: etwa die Variante eines Haarschnitts, eines "Haircuts". Die EU könnte betreiben, dass den Griechen ein Teil ihrer Schulden erlassen wird, die belaufen sich derzeit auf rund 160 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. 40, 50 Prozent der Schulden müssten EZB, Regierungen und private Gläubiger Griechenland nach Einschätzung von einigen Volkswirten schenken, wenn man die Hoffnung nähren will, jemals auch nur einen Teil des verliehenen Geldes zurückzubekommen.

Vielleicht kommt es aber auch alles ganz anders an diesem schicksalsschwangeren Tag: Vielleicht stimmt das griechische Parlament dem Sparpaket zu. Das wäre ein wichtiges Signal der Abgeordneten, dass ihr Land bereit ist, fast alle Härten zu ertragen, um aus dieser Krise herauszukommen. Das Balancieren auf dem Hochseil über dem dunklen Schlund würde nach diesem Salto mortale vorerst weitergehen, mit allen Gefahren und Risiken - und mit allen Chancen, die auch die Rettungspakete bieten. Angela Merkel hätte Zeit gewonnen - und EU, IWF und nun auch Banken könnten über die genaue Ausgestaltung des zweiten Rettungspakets für Griechenland streiten, das demnächst beschlossen werden soll.

Ob die griechischen Bürger von dieser Lösung begeistert werden, ist dabei freilich außer Frage: Sie sind es, die an den Folgen des Sparpakets leiden werden - und schon jetzt kräftig an dem Seil rütteln, auf dem ihre Regierung balanciert.