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Barack Obama: Das Prinzip Hoffnung

Er ist der amerikanische Traum der iPod-Generation. Er begeistert die Massen nicht nur in den USA - in Barack Obama sehen viele Menschen die Chance auf eine bessere Welt. Und die 1000 Angestellten seines Wahlkampfteams tun alles dafür, dass Zweifel daran nicht aufkommen.

Von G. di Grazia, K. Gloger und J.-C. Wiechmann

Dieses Kreischen. Warum kreischen sie so? Warum strecken sie ihre Arme gen Himmel, obwohl er noch kein Wort gesagt hat? Warum haben sie Tränen in den Augen, wenn er nur über die Bühne geht? Dabei geht er nicht. Er schreitet. Er wippt im Schreiten. Das Obama-Schreiten. Und dann lächelt er. Darauf haben sie gewartet. Das Obama- Lächeln. Weniger ein Lächeln, eher ein Strahlen. Ein Dauerstrahlen. Er muss gar nicht reden. Er muss nur schreiten, wippen, strahlen. Das reicht für die Ekstase.

Aber Obama redet. Eine große Rede soll es werden. Draußen vor dem Kongresszentrum in San Diego stehen noch Hunderte, die ihn sehen wollen, die sehen wollen, ob er echt ist.

Amerikas Arenen sind längst zu klein geworden für das Phänomen. Er darf nicht einfach reden. Er muss sie mit auf eine Reise nehmen. Wenn man, wie die Lehrerin April Johnson, um fünf Uhr aufgestanden und 300 Kilometer angereist ist, dann will man schweben. Dann will man Geschichte erleben. Um Politik geht es schon lange nicht mehr in diesem Wahlkampf, es geht um Geschichte.

Mögen ihre Eltern weiter von JFK schwärmen und der Großvater vom Zweiten Weltkrieg - April Johnson hat jetzt Obama.

Dann kommen seine Sätze. Worte, die stets bedeutungsschwer im Saal verharren. Glaube, Liebe, Hoffnung, Vaterland. Ob es um Außenpolitik geht, um den Krieg oder die Wirtschaft, wie an diesem Tag - irgendwann münden die Sätze in die eigene Obama-Dramaturgie: Die Lage ist düster, aber ich verspreche euch den Neuanfang. Seit seinem ersten Wahlkampf 1995 beherrscht Obama diese Dramaturgie, die in dem Satz gipfelt: Unsere Gegner sind unerbittlich, aber gemeinsam und gegen alle Widerstände verändern wir das Land, ja die Welt.

Hope. Change. Believe. Yes. We. Can. Obama.

Es ist die Hymne auf sein eigenes Leben: Du magst ohne Vater aufwachsen - und doch eine große Vaterfigur werden. Du magst weder schwarz noch weiß sein - und doch deine Bestimmung finden. Du warst auf dem Weg zum Junkie - und wirst nun Präsident. Hope. Change. Believe. Yes. We. Can. Obama.

Man stelle sich den Wahlspruch für einen Augenblick bei Kurt Beck vor. Hoffnung. Wandel. Glaube. Ja. Wir. Können. Beck.

Dann gehen die Menschen. Sie fühlen sich beschwingt, wenigstens für zehn Minuten. Es ist ihr Sprung ins Wellnessbecken. Der Motivationskurs am Morgen. Obama kümmert sich um uns, sagen sie. Wir vertrauen ihm. Doch nicht selten, wie bei April Johnson, klingen die Sätze auffällig banal: "Ich finde ihn cool." Was findest du cool? "Irgendwie was er sagt." Was sagt er denn? "Dass es Hoffnung gibt." Wie gibt er dir Hoffnung? "So wie er von der Hoffnung spricht."

Wer das Phänomen Barack Hussein Obama II, 46, ergründen will, landet nicht bei politischen Großtaten, sondern bei seinem Leben. Es ist der Stoff eines Hollywoodfilms, der Sohn einer Weißen aus Kansas und eines Schwarzen aus Kenia, der bei den Großeltern auf Hawaii aufwuchs. Er hat das Gesicht der Globalisierung. Den Charme von Cary Grant. Genug Jugend für den Jugendwahn. Das telegene Auftreten für die TV-Generation. Seine Soundbites sind Youtube-gerecht, seine Worte zeitlos, sie passen in Poesiealben wie auf Gräber und Glückwunschkarten. Und er profitiert von der Zeit. Von einem Vakuum an Glaubwürdigkeit. Von der Sinnsuche Amerikas.

Was macht er mit den Menschen?

Aber die grenzenlose Euphorie erklärt dies noch nicht. Warum ziehen mehr als eine Million Freiwillige für ihn durchs Land? Warum würden ihn in Deutschland 76 Prozent wählen? Wie kommt er auf diese Rekordspenden, mehr als 300 Millionen Dollar? Was macht er - mit den Menschen?

Die Suche beginnt in einem Kinderzimmer in der Tujunga Avenue in Studio City, Kalifornien. Abends um halb sieben, wenn sich die Hitze verzieht und die Nation sich vor dem Fernseher einfindet, beginnt Joshua Steele, 14, seinen Wahlkampf für Obama. Er schreibt seinen Obama- Blog und lädt sich Namen aus dem Internet und greift zum Telefon, Anruf Nr. 1239, nach Cincinnati, Ohio: "Mein Name ist Joshua Steele. Wissen Sie schon, wen Sie im November wählen?" - "Nein", sagt der Mann, der nicht ahnt, wie jung sein Anrufer ist. Dann erklärt Joshua ihm die Politik Obamas, den Krieg und sein Leben und erhält schließlich die Zusage, die er ersehnt: "Ich wähle Obama."

Joshua macht einen Haken hinter dem Namen - Bradley, 24 Jahre, männlich. "Ich habe eine Erfolgsquote von 85 Prozent", sagt er. "So verbringe ich meine Freizeit. Ich glaube, dass wir die Welt verändern können." Sätze, an denen Zyniker ihre Freude haben, aber für Zyniker ist in Obamas Wahlkampf kein Platz.

Neben ihm sitzt seine zehnjährige Schwester Harriett. Auch sie rief Wähler im ganzen Land an, doch ihre Eltern fanden, dass ihre Stimme etwas zu jung klang. Also schreibt sie nun ihren Obama-Blog. Harriett ist Teil der Gruppe "Kids für Obama". Es gibt auch "Jazzfreunde für Obama" und "Wassertherapeuten für Obama".

"Wir sind der Wandel, den wir suchen"

Die Geschwister Steele haben in der Wohnung ihre eigene Wahlkampfzentrale aufgebaut. Sie schicken Ketten-E-Mails, schreiben an Senatoren und tätigen Anrufe, bis nach Guam. "So funktioniert Politik im 21. Jahrhundert", sagt Joshua. "Wir nehmen Obamas Aufruf wörtlich: This is our time." Das ist ihre Zukunft. Eine neue Welt ohne Krieg, Klimakatastrophe und Diskriminierung. Sie sehen sich als erste Generation, in der Hautfarbe keine Rolle spielt, in der die Menschheit eins wird.

Hört man Joshua und anderen Jugendlichen zu, klingt es, als wäre es ein Leichtes, diesen Giganten Amerika ins Rollen zu bringen. Zum ersten Mal sehen sie sich im Angesicht einer Revolution. Sie feiern das Revival eines Wortes, das seit dem "Summer of Love" vor 40 Jahren begraben lag: Grassroot power, die Macht, die von unten kommt. Sie reden vom "Wind of Change" und der Neugeburt Amerikas, Begriffe wie aus Zeiten der Perestrojka. Doch ihr Gegner ist nicht ein politisches Regime, sondern das Alte, Verbrauchte, dieser Anachronismus: ihr buntes Land in den Händen alter weißer Männer.

Die Obama-Kampagne hat Millionen junger Wähler angezogen, 80 Prozent von ihnen hatten mit Politik nie etwas am Hut. Obama-Jünger kündigen ihre Jobs für ein Jahr, sie reisen wie Missionare durch die "Swing States", die hart umkämpften Bundesstaaten, im Gepäck ihren Schlafsack und Wahlplakate, auf denen nicht viel mehr zu sehen ist als ein strahlender Obama und daneben seine Schriftzüge, Sätze für die Ewigkeit: "Wir sind diejenigen, auf die wir gewartet haben", "Wir sind der Wandel, den wir suchen". Plakate wie von Gandhi. King. Mandela. Schon jetzt befindet sich Obama in einer Kategorie globaler Helden, ohne auch nur eine politische Großtat vollbracht zu haben.

Das Massenprodukt "Obamamania"

Yvonne Miller hat ihr Jurastudium für Obama unterbrochen, ein ganzes Jahr lang. Sie zog nach Pennsylvania, wo sie mit zehn anderen kostenlos im Haus einer Managerin wohnte, deren republikanischer Ehemann morgens über die vielen Körper und Matratzen stolperte. Wenn sie davon erzählen, hat es einen Hauch von 68, doch das Motto lautet eher: All you need is Obama. Während die Eltern Blumen in den Haaren trugen, tragen sie Wählerlisten in den Händen. Während es ihren Eltern um die Verwirklichung ihres Selbst ging, geht es ihnen um die Verwirklichung eines neuen Landes. Warum sollten sie wie die Babyboomer den Marsch durch die Institutionen antreten, wenn ihr Marsch direkt ins Weiße Haus führt?

Obamamania ist längst ein Massenprodukt, das wie iPods oder HipHop vor allem über die Jugend funktioniert. Es ist die Wiederentdeckung von Politik als coolem Ort, als Singletreff, nicht anders als ein Fanklub. Und sie nutzen die Gesetze der "American Idol"-Generation: Nicht die Erfahrung führt auf den Thron, die Parteitreue, das Mobben, sondern Lächeln, Charisma, Aussehen, Starpower. Für sie ist Obama kein Politiker. Eher ein Motivator. Ein Mentor. Sie unterstützen den Menschen Obama, nicht den Demokraten.

"Ich hätte nie gedacht, dass er in die Politik geht", sagt Keith Kakugawa. "Ich muss immer noch lachen, wenn ich ihn im Fernsehen sehe. Barry. Wir waren wie Brüder." Kakugawa sitzt im offenen Hawaii-Hemd in einem abgedunkelten Apartment in Sacramento. Er war Baracks bester Freund, als der sich noch Barry nannte. Sie gingen auf die Punahou School in Honolulu, ein Elitegymnasium. Zwei Farbige in einer weißen Welt. Zwei unsichere Halbstarke auf der Suche nach sich selbst. Keith wollte Wall-Street-Broker werden und Barry Basketballprofi, Politik nervte ihn. "Mein Vater wollte Barry einmal zum Wahlkampf mitnehmen, aber er hatte keine Lust. Barry war so apolitisch, wie man nur sein kann. Politiker waren Lügner für ihn."

Er brauchte immer Harmonie

Auch das ist Obama. Der unpolitische Teenager, der Teenager heute für Politik begeistert. Der ewig Sinnsuchende, wie eine Figur aus Hermann Hesses Romanen, der heute anderen einen Sinn vermittelt. Eine Patchwork-Biografie, mit der die Identifikation etwas leichter fällt als mit einem Präsidentensohn, der von Daddys Öl-Millionen und Einfluss lebt. Obama hat dem Begriff "melting pot" eine neue Bedeutung gegeben, den amerikanischen Traum wiederbelebt. Die Frage ist: Wie klar ist ihm das?

"Barry hatte damals schon eine gewisse Aura", erzählt Kakugawa. "Er konnte sehr gut reden. Auf Partys war er der Star, hat das aber selbst nicht gemerkt. Die Mädchen waren hinter ihm her, aber Barry dachte immer, er bekommt sowieso keine ab. Und wenn es Streit gab, ging er dazwischen. Er brauchte Harmonie. Immer. Das konnte nerven. Wenn es beim Basketball wieder hoch herging, wussten wir, o je, gleich kommt Barry, der Schlichter."

Obama hat gegenüber engen Freunden oft darüber gesprochen, dass er wie ein "Waisenkind" aufgewachsen sei. Seine Frau Michelle und Freunde glauben, dass seine Einsamkeit eine entscheidende Rolle gespielt hat bei seinem immer größer werdenden Wunsch nach Aufmerksamkeit. Nach einem Publikum. Einem großen Publikum.

Diese Sehnsucht nach Harmonie, so bestätigen seine Freunde in zahlreichen Interviews, trägt Obama bis heute in sich. Als Präsident der Zeitschrift "Harvard Law Review" vermittelte er zwischen Linken und Rechten. Als demokratischer Senator von Illinois suchte er die Nähe zu Republikanern. Als Präsidentschaftskandidat seiner Partei macht er die Aussöhnung zu seinem Credo: Lasst uns zusammenkommen, Links und Rechts, Alt und Jung, Schwarz und Weiß - wir sind ein Volk.

"Er fühlt sich total wohl in seiner Haut"

Das funktioniert auch weltweit. Obama, das neue Gesicht Amerikas, ist auch das Gesicht einer neuen Welt, in der nicht nur Fußballprofis und Models mischrassig sein dürfen, sondern auch Staatspräsidenten. Es ist die Wiederbelebung Amerikas als ein Land, das seine Stellung nicht nur Waffen und Maschinen verdankt, sondern Trends und Mythen, der Macht über die kollektive Fantasie. Dabei lebt Obama noch sehr von der Projektion: Wer für die Aussöhnung von Schwarz und Weiß steht, muss auch für die Aussöhnung von Islam und dem Westen stehen, von Amerika und "Old Europe". In Frankreich und England würden ihn fast 80 Prozent wählen. In Deutschland wäre er wohl der einzige Politiker, der eine Chance hätte gegen Angela Merkel, auch wenn ihn mit Europa so viel verbindet wie Merkel mit Jamaika.

Selbst aus Indien reisen Delegationen in die USA, um das Phänomen zu begreifen, für das sie bisher nur Titel kennen. Obamamania. Obamanation. Obamarama. Es klingt wie ein Naturphänomen. Ein Sommerhit. Ein Marketingslogan. Amerikas Exportprodukt der Demokratie. Wahrscheinlich ist es irgendetwas dazwischen.

Welche Wirkung Obama auf Menschen hat, merkte er erstmals auf dem Occidental College in Los Angeles vor knapp 30 Jahren. Man hörte ihm zu, wenn er von seiner Sinnsuche sprach. Die Menschen wurden still, wenn er Reden über die Apartheid hielt. In seine Sprache mischten sich García Márquez und Bob Dylan, V.S. Naipaul und Van Morrison, Dichter seiner Jugend. Nach einer 15 Jahre langen, oft qualvollen Reise zu sich selbst erlangte er damals die Selbstsicherheit, die ihn bis heute bei jedem Auftritt begleitet und die Wegbegleiter als seine größte Stärke sehen. "Hier ruht einer völlig in sich selbst. Er fühlt sich total wohl in seiner Haut", sagt Martha Minow. "Das habe ich schon bei unserer ersten Begegnung vor 20 Jahren gemerkt. Er hat sich komplett durchforscht, die afrikanischen Wurzeln, die Kindheit in Indonesien, die Jugend in Hawaii. Er versteht diese komplexe Welt außerhalb Amerikas. Deswegen kann er sich auch an ihre Heilung machen."

Der Obama-Mythos

Diese Worte fallen oft. Heilung. Aussöhnung. Es klingt wie eine Überlast auf den Schultern eines schmalen Mannes, der im Wahlkampf weitere sechs Kilo verlor.

Martha Minow war seine Professorin und Mentorin in Harvard. Sie sitzt in ihrem großen Büro, in dem ihr Musterstudent Obama oft die Diskussionen gewann, und muss das Interview kurz unterbrechen. Obamas Wahlkampfteam ruft an und braucht ihren Rat. Minow berät den Kandidaten in Verfassungsfragen - Todesstrafe, Waffenrecht, Abtreibung -, bei denen sich Obama gerade im Zentrum positioniert. Sie ist nicht immer seiner Meinung, sie hat ihn auch anders erlebt, mutiger, liberaler, "aber als Präsident musst du alle vertreten, nicht nur Progressive wie mich. Nur einer wie Obama kann dieses gespaltene Land zusammenbringen".

Spätestens seit seinem Jurastudium in Harvard begannen Menschen ihm zu prophezeien: Du wirst der erste schwarze Präsident Amerikas. Es gehört zum Obama- Mythos, dass er sich selbst nie im Weißen Haus sah, doch selbst seine gute Freundin und enge Beraterin Valerie Jarrett sagt: "Er wollte schon immer Präsident sein. Und wissen Sie, was das Merkwürdige dabei ist? Dass er es selbst niemals zugeben würde und vielleicht auch wirklich nicht so gesehen hat. Aber ich bin sicher, er wollte es schon immer, immer."

Es gehört weiter zum Obama-Mythos, dass er fast schwerelos in seine Ämter rutschte, getragen von der Sehnsucht der Menschen, geleitet wie von einer höheren Macht. Doch sein Weg als Sozialarbeiter und junger Politiker in Chicago war geprägt von Machtinstinkt und Hunger nach Erfolg. Fast über Nacht wurde er von einem Kritiker des politischen Establishments zum Mitspieler, vom Außenseiter zum Insider, erzählt sein Biograf David Mendell. Er suchte sich die passenden Mentoren, die ihm Türen öffneten, und ließ sie später wieder fallen, wenn es opportun war. Er ließ sich mit den Mächtigen der Stadt ein, auch wenn sie unter Korruptionsverdacht standen, und scheute keine zweifelhaften Deals. Schon damals bediente er sich eines Slogans seines Wahlkampfchefs David Axelrod, nicht weil er ihn mochte, im Gegenteil, sondern weil er bei Tests gut ankam: "Yes. We. Can!"

Er schafft es, dass du dich gut fühlst

David Mendell sitzt im Hotel Intercontinental von Chicago und nippt an seiner Coke. Vor ihm auf dem Tisch liegt sein Buch mit dem Titel: "Obama - From Promise to Power". Mendell hat als Reporter der "Chicago Tribune" Obamas Weg vom Lokalpolitiker zum Präsidentschaftskandidaten verfolgt. Er hat mit Obama im Flugzeug und Bus gesessen, und er durfte auch öfter neben ihm im Jeep Cherokee Platz nehmen, wenn der Politiker Lust auf einen Plausch über Sport oder Musik hatte. An einem dieser Abende schwärmten sie von Miles Davis, dem Gottvater des Jazz. Obamas Fahrer, auch er ein Jazzfan, lästerte, Miles Davis habe eine miserable Technik gehabt, sei völlig überschätzt. Mendell widersprach heftig. Obama hörte sich das alles in Ruhe an, und am Schluss sagte er: "Nun, ich glaube, wir können uns darauf einigen, dass er vielleicht nicht der perfekte Spieler war, aber er war der innovativste und einflussreichste Jazzmusiker. Okay?"

"Das ist Barack Obama", sagt Mendell. "Das ist sein Stil. Er hat eine Gabe, die ich noch nie bei einem Politiker erlebt habe. Bevor er sich abschließend äußert, erörtert er alle Punkte, dann gibt er bedächtig seine Meinung ab, die dann den meisten, egal, welchen Standpunkt sie vorher hatten, so erscheint, als wäre sie ihre."

Es ist Obamas wohl größte Qualität, die zuletzt Ronald Reagan besaß, bestätigen selbst seine Gegner. Er schafft es, dass du dich gut fühlst. Wie nach einem guten Glas Wein. Einem Tag am Meer. Einem guten Gespräch. Bruce Reed, einer der führenden Demokraten im Land, nennt es das Obama-Phänomen: "Die Menschen begeistern sich nicht für das, was Obama macht oder gemacht hat. Sie sind so begeistert, weil sie die Hoffnung haben, dass er das ist, was sie in ihm sehen möchten."

Obama08 ist ein Multi-Millionen-Dollar-Unternehmen

Viele, vor allem in Europa, würden in ihm gern eine Art Revolutionär sehen, einen linken Welterneuerer, doch das ist das vielleicht größte Missverständnis. Obama bezog im Vorwahlkampf linke Positionen, hat sich aber längst im Zentrum verankert. Er befürwortet das Recht auf Waffenbesitz und die Todesstrafe für Kinderschänder. Er ist für die Einschränkung der Abtreibungsfreiheit und mehr Einfluss religiöser Gruppen. Wie George W. Bush ist er ein bekehrter Christ, der nach einer säkularen Kindheit zu Jesus fand. Würde einer mit seinem Programm in Deutschland antreten, käme er mit Glück auf fünf Prozent.

Als Obama vor zwei Wochen im USSenat auch noch für Bushs verschärftes Abhörgesetz stimmte, löste dies ein kleines Erdbeben unter seinen Anhängern aus. Mehr als 22.000 Obamistas unter Führung des Bloggers Mike Stark protestierten gegen so viel "Opportunismus" und "Wählerbetrug". "Machen wir uns nichts vor", sagt Stark heute, "er zeigt jetzt eine Seite, die wir hätten kennen sollen. Er ist nicht mehr dieses leere Gemälde, in das wir unsere Striche gezogen haben. Er malt sich selbst. Ich mag nicht jeden Pinselstrich, aber das Gemälde insgesamt gefällt mir immer noch."

Obama weiß: Fallen lassen werden ihn seine Anhänger deswegen nicht. Sie wollen den American Dream hinüberretten in die nächste Runde. Sie mussten nur etwas Schmerzhaftes einsehen: Er ist keiner von ihnen. Er ist Politiker.

Erweist sich der ersehnte Heilsbringer nun als "Flip-Flopper", ein Wendehals, ein Politiker wie alle anderen? "Ach", raunzt da John Kass mit seiner rauen, verrauchten Stimme, "als ob wir das nicht gewusst hätten! Jetzt haben seine Gläubigen wohl den Barack-Blues. Natürlich ist der Mann opportunistisch, er ändert seine Meinung, wenn es sein muss, und ist knallhart. Schließlich ist er ein Produkt der Politikmaschine Chicago." Kass, 52, ist einer der renommierten Kolumnisten der "Chicago Tribune" und kennt Barack Obama seit Jahren. Früher standen sie öfter draußen auf der Michigan Avenue, dort, wo man noch rauchen darf, und redeten über die Stadt, die Politik, das Leben. "Obama ist ein netter Kerl, sehr selbstbewusst und verdammt smart", sagt Kass. "Er weiß ganz genau, dass ihn seine PR-Berater als romantischen weißen Ritter inszeniert haben, eine Projektionsfläche für viele Träume, und die Medien haben diesen Mythos auch noch befördert."

Trotz der nun einsetzenden Entzauberung geht Obama gut gerüstet in die nächsten Wochen. In den Umfragen liegt er rund fünf Prozent vor John McCain, 52 Millionen Dollar Spenden nahm er allein im Juni ein. Obama 08 ist ein Multi-Millionen-Dollar- Unternehmen mit gut 1000 Angestellten und Hunderten Außenbüros in fast allen Bundesstaaten. Gigantische Datenbanken liefern private Informationen über jeden potenziellen Wähler, über Einkommen, Kaufgewohnheiten, politische Überzeugungen. Mit dieser Taktik gewann einst George W. Bush seine Wahlen.

Keine Geste wird dem Zufall überlassen

Er wolle seinen Wahlkampf führen wie ein Unternehmen, sagt Obama. Er kennt jedes Detail. Hat ein fotografisches Gedächtnis, frisst Akten, meist bis weit nach Mitternacht. Hämmert kurze Anordnungen in seinen Blackberry, nie länger als zwei Sätze, stets ohne Unterschrift. Er lässt diskutieren, hört zu, doch verlangt rasche, klare Entscheidungen. Allein sein außenpolitischer Beraterstab umfasst 300 Experten. Zu ihnen, heißt es, gehöre parteiübergreifend auch der Republikaner Colin Powell, einst Außenminister unter Bush. Und jeden Morgen um acht Uhr erhält Obama zwei E-Mails von Denis McDonough. Die eine fasst die wichtigsten Weltereignisse zusammen. Die zweite enthält mögliche Fragen, die dem Kandidaten im Laufe des Tages gestellt werden könnten - und die passenden Antworten dazu.

Denn jetzt, in den alles entscheidenden Wochen, geht es vor allem um "message control". Kein Wort, keine Kameraeinstellung, keine Geste soll dem Zufall überlassen bleiben. Jedes Gerücht, jeder Angriff soll im Keim erstickt werden. Die Kritik von links und die Angriffe von rechts sind längst eingeplant in der Großstrategie, die vom Obama- Team nur "The Plan" genannt wird. Erstellt wurde er 2005, als Obama Senator wurde. "The Plan" ist eine Computerdatei, die immer wieder aktualisiert und überarbeitet wird - von David Axelrod, Obamas wichtigstem Berater, Kommunikationschef Robert Gibbs, Büroleiter Pete Rouse und Obama selbst. Sie ist unterteilt in vier Abschnitte pro Jahr, das letzte Jahr ist 2008. Als erste Punkte standen da: die einflussreichsten Leute in Washington kennenlernen, das zweite Buch herausbringen, ein eigenes Komitee gründen, um Geld zu sammeln. Zur generellen Taktik hieß es: Kontroversen vermeiden, Obamas liberales Image verändern. Die Medien dazu bringen, ihn als kommenden Superstar der Demokraten aufzubauen, aber trotzdem die Reporter auf Distanz halten und so die Kontrolle über die Message bewahren.

"The Plan" ist das Werk eiskalter Strategen, doch wer das kritisiert, soll ihnen sagen, wie sie die eiskalten Republikaner sonst bezwingen können. Obama 08 ist eine gnadenlose Maschine, denn für Romantiker ist in dieser gigantischen Schlacht um die Macht kein Platz. Der Schritt nach rechts mag schmerzhaft sein, doch ohne ihn, so das Kalkül, wird Obama im November nicht siegen und den Linken nicht ihre großen Sehnsüchte erfüllen können: den Rückzug aus dem Irak, die Gesundheitsreform, eine ökologische Wende. "Bisher", sagt sein Biograf Mendell, "haben Obama und sein Team ‚The Plan‘ fast bis zur Perfektion umgesetzt."

David Mendell sagt das voller Respekt, aber es ist ihm anzusehen, dass ihm das auch ein wenig unheimlich ist.

Mitarbeit: Anuschka Tomat

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