Colin Powell Der sanfte Krieger


Auf ihn setzen die Europäer ihre Hoffnungen. Sein kurzer Besuch in Berlin soll den Dialog mit der Bush-Regierung wieder in Gang bringen. Colin Powell gilt als die Stimme der Vernunft im Triumphgeschrei der Falken.

Er lächelt wieder. Es ist ein Politikerlächeln, aber es wirkt nicht gequält. Er sieht wieder entschlossen aus, nicht mehr müde. Er ist präsent, zeigt sich, gibt Interviews, scherzt zuweilen. Vor allem aber reist er wieder. Fliegt nach Ankara, Belgrad, Brüssel, Tirana, Beirut, Jerusalem. Nach Damaskus, Syrien. Und nun auch Berlin, Deutschland. "Old Europe". Vielleicht holt Colin Powell nur nach, was er versäumt hatte in den Wochen vor dem Krieg, als er Washington kaum verließ, stundenlang am Telefon hing, bis zu 100 Gespräche am Tag führte und doch nur eine Koalition der Billigen zuwege brachte. Vielleicht muss er wieder reisen, um die amerikanische Position zu verkaufen. In Wahrheit verkauft Colin Powell auch sich, seine Mission ist, Gesicht zu zeigen - "ich bin noch da".

Fischer und Schröder erwarten ihn sehnsüchtig, setzen ihre Hoffnung auf ihn, den Mittler. Doch Colin Powell kann sich nicht mehr erlauben, eine allzu weiche Linie zu fahren. Die Zeit der Kompromisse ist vorüber. Jetzt erst recht. Man muss wissen, dass in Washington der Krieg nicht vorbei ist. Seit dem Fall Bagdads tobt er hinter den Kulissen noch heftiger. Falken gegen Gemäßigte, Donald Rumsfelds Zirkel gegen Powells Leute. Es ist eine Schlacht der Worte und der Gesten, und die entscheidende Frage lautet: Wer bestimmt die amerikanische Außenpolitik, Pentagon oder State Department?

Sammler von Lebensweisheiten

Zuletzt sah es so aus, als habe der Außenminister verloren. Colin Powell, 66 Jahre, sammelt Lebensweisheiten, er nennt sie "Powell's rules" und klebt sie unter die Tischplatte in seinem Büro. Regel Nummer eins besagt: "Es ist nicht so schlecht, wie du denkst. Morgen sieht alles wieder besser aus." Daran arbeitet er gerade. Reist, redet und droht sogar.

Es ist die Ewigkeit von ein paar Wochen her, da stand Colin Luther Powell neben seinem Präsidenten im Rosengarten hinter dem Weißen Haus. Wortlos, regungslos, die Hände stramm an der Hosennaht. Er erinnerte in diesem Moment an ganz früher. Er sah aus wie ein Wachsoldat. Wachsoldaten haben nicht viel zu sagen. Sie sagen nur etwas, wenn sie gefragt werden. Colin Powell wurde nichts gefragt. Das war ein sehr symbolischer Moment.

Der Präsident sprach über den Friedensplan für Israel und Palästina. Bush sah gehetzt aus. Man merkte ihm an, dass ihn dieser Plan in diesen Zeiten herzlich wenig interessierte. Powell sah müde aus. Man merkte ihm an, dass ihn die Situation bedrückte. Er lächelte professionell für die Fotografen, und etwas später feierte das State Department den Plan als "diplomatischen Erfolg". Powell und sein Team hatten lange daran gearbeitet. Es war ein kleiner Sieg. Die "road map", die Straßenkarte zum Frieden im Heiligen Land. Die Welt nahm davon kaum Notiz. Die Welt schaute auf den Irak.

Seine Meinung war nicht mehr gefragt

Als die ersten Bomben fielen auf Bagdad, und die wichtigen Minister und Berater im Weißen Haus tagten, fehlte Powell zunächst. Seine Meinung war da nicht mehr gefragt. Bush besprach sich mit Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice, Vizepräsident Dick Cheney, CIA-Chef George Tenet und natürlich Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Powell war ein einsamer Mann in den ersten Tagen des Krieges. Die Bühne gehörte Rumsfeld. Sie gehört ihm noch.

Eine der Powellschen Lebensmaximen lautet: "Du kannst nicht anderer Leute Entscheidungen treffen. Du sollst aber auch nicht andere deine Entscheidungen treffen lassen." Monatelang drängt er den Präsidenten, vor einem Krieg gegen den Irak die Weltgemeinschaft einzubinden. Er glaubt an die Diplomatie. Noch Minuten vor der Hochzeit seiner Tochter telefoniert er mit seinem französischen Kollegen De Villepin; die Tochter heiratet mit Verspätung. Er beharkt sich mit Cheney, Rumsfeld und dessen neokonservativen Beratern Richard Perle und Paul Wolfowitz. Genau wie viele Jahre zuvor während des ersten Golfkrieges, als er - seinerzeit Generalstabschef - von der Invasion des Irak abriet. Er setzte sich damals durch bei Bush senior.

Das vergaßen ihm die Falken nie. Rumsfeld, Cheney, Wolfowitz und Perle können schlicht nichts anfangen mit einem wie Powell, der zuweilen Thukydides zitiert: "Von allen Machterscheinungen ist Zurückhaltung die beeindruckendste." Und wahrscheinlich stimmt, was Paul Wolfowitz zuweilen im Spaß erzählt. Dass nämlich der entscheidende Grund, warum die Bush-Regierung ihn, den stellvertretenden Verteidigungminister, so hochrangig bestallte, ein sehr pragmatischer war - "to keep an eye on Powell", Powell im Auge zu behalten. Jenen Mann, den sie in Washington "reluctant warrior" nannten, den zurückhaltenden Krieger. Den Mann, über den "Newsweek" einmal schrieb, er sei die "meistrespektierte Figur der amerikanischen Öffentlichkeit", der Mann, den "Vanity Fair" kurz "Das Gewissen" taufte. Den Mann, auf den die Europäer so sehr bauten als Vertrauten in einer unvertrauten Regierung. Den Mann, der vermutlich selbst hätte Präsident werden können, wenn er nur den Finger gehoben und nicht auf seine Frau Alma gehört hätte, die Angst um ihn bekam und warnte: "Man kann wetten, dass irgendjemand da draußen es als seine patriotische Pflicht empfunden hätte, ihn zu erschießen."

Karriere in atemberaubendem Tempo

In atemberaubendem Tempo hatte er Karriere gemacht. Stieg auf innerhalb von zwölf Jahren vom ersten schwarzen Vier-Sterne-General zum ersten schwarzen Generalstabschef, zum ersten schwarzen Nationalen Sicherheitsberater und schließlich, nach sieben Jahren Pause, vielen Reden, vielen Millionen Dollar und einer Autobiografie zum ersten schwarzen Außenminister. Eine andere Lebensweisheit heißt "It can be done", man kann es schaffen. Er arbeitete für vier Präsidenten - Reagan, Bush senior, Clinton und nunmehr Bush junior. Und die Amerikaner wussten über viele Jahre nicht, ob er zu den Demokraten oder den Republikanern tendierte. Man nannte ihn halb bewundernd, halb spöttisch "Teflon Man". Niemand kriegte diesen Colin Powell zu packen.

Er war eine Zierde für die jetzige Regierung, zugleich ihr Feigenblatt. Den Rechtsauslegern war er stets suspekt. "Für einen konservativen Republikaner ist die niederste Lebensform ein gemäßigter Republikaner. Gemäßigte Republikaner sind für sie wie Verräter, schlimmer als Demokraten", sagt der Politik-Wissenschaftler Charles Cook aus Washington. Die Kommentatoren schrieben schon vor mehr als einem Jahr vom "Krieg im Weißen Haus", vom tiefen Riss zwischen Pentagon und State Department, aber Powell ließ dieser Krieg der Worte anfangs kalt. Am "Teflon Man" prallte das noch ab; er war sich seiner Sache ziemlich sicher. Er sah aus wie der Sieger. Der Mann versteht schließlich etwas von Kriegen und Widerständen. Er hat früh gelernt zu kämpfen. Und zu überleben.

Colin Powell wächst auf als Sohn jamaikanischer Einwanderer in Hunts Point, südliche Bronx, 952 Kelly Street. Seine Eltern Luther und Maud arbeiten hart, er als Buchhalter einer Reederei, sie als Näherin. Beide vermitteln ihm und seiner älteren Schwester Marilyn ein strenges Wertesystem: Harte Arbeit zahlt sich aus, Bildung zahlt sich aus, Loyalität und Toleranz zahlen sich aus. Viele Jahre danach wird er in seiner Autobiografie "My American Journey" über seine Eltern schreiben: "Sie sind meine Helden. Sie haben sich aufgeopfert für mich und meine Schwester." Er verlebt eine glückliche Jugend mit Tanten, Onkeln, Eltern, Cousins, Cousinen und vielen Freunden in der Nachbarschaft. Am Wochenende ziehen er und seine Kumpels um die Häuser, sie machen "the walk", wie er das nennt.

"Colin ist glaubhaft. Was hat die Rice schon erlebt?"

Die Kelly-Strasse hinunter bis zur 163. Hinüber zum Southern Boulevard und zur Westchester Avenue. Und zurück. Sie kommen vorbei an der jüdischen Bäckerei, der chinesischen Wäscherei, der italienischen Metzgerei und diversen Bonbonläden. In diesem Mikrokosmos lernt er fürs Leben. Er sieht Freunde und Bekannte in die Kriminalität abrutschen, er sieht Gewalt und Drogen. Wenn Powell über Armut, Depression und Rassismus spricht, nehmen ihm die Menschen das ab. Roger Wilkins, Professor, Buchautor, Pulitzer-Preisträger und eine der wichtigsten Stimmen der schwarzen Intelligenz, lotet darin die Basis für Powells Popularität. "Colin ist glaubhaft. Was hat die Rice schon erlebt? Sie ist eine Prinzessin, sie wuchs behütet auf, ihre Hautfarbe spielte nie eine große Rolle. Colin kennt die Nöte der Menschen."

Nach der High School besucht Powell die Uni, The City College of New York. Sie ist nicht so renommiert wie die New York University. Aber das Studium dort kostet nur zehn Dollar pro Jahr. Er langweilt sich, ist ein mäßiger Student. Er geht nur studieren, weil seine Eltern das wollen ("Bildung zahlt sich aus"). Eines Tages sieht er auf dem Campus eine Gruppe junger Leute in Uniformen marschieren. Sie sind Kadetten des Reserve Officers Training Corps (ROTC). An diesem Tag beschließt Colin Powell, Soldat zu werden. Er ist es bis heute geblieben. Powell trägt jetzt Anzüge und keine Uniformen. Aber er denkt und plant noch wie ein Soldat. "Ich habe nie jemanden erlebt, der so gut vorbereitet war und alle Schachzüge der Gegner schon im Voraus bedachte", sagt sein früherer Chef und Verteidigungsminister Caspar Weinberger.

Powell ist der Armee dankbar für das, was sie ihm erlaubte - als Schwarzer Karriere zu machen. "Ich war in einem Beruf, der es mir ermöglichte, mit meinen Talenten so weit zu kommen wie irgend möglich. Und für einen Schwarzen? Kein anderer Weg in der amerikanischen Gesellschaft hätte mir solche Möglichkeiten eröffnet." Er hat die Rassentrennung noch erlebt im Süden. Kann in Georgia nicht in denselben Restaurants wie Weiße essen, nicht aus denselben Wasserhähnen trinken und nicht in dieselben Pissoirs pinkeln. Als seine Frau Alma schwanger ist, suchen sie vergebens ein Apartment und landen beinahe auf der Straße. Doch aus diesen Demütigungen entwickeln sich bei ihm weder Wut noch Hass. Er analysiert mit militärischem Kalkül, "manchmal fühlte ich Schmerz. Aber am meisten fühlte ich mich herausgefordert".

Der Mustersoldat

Colin Powell wird ein Mustersoldat. In Vietnam rettet er vier Kameraden das Leben und kriegt Sternchen auf die Schulterklappen. Er ist jetzt auch ein Kriegsheld. Aber nicht das ist es, was Vietnam für ihn zum Schlüsselerlebnis macht. Zu Hause gehen die Schwarzen auf die Straße und demonstrieren für Bürgerrechte, und in Südostasien kämpfen sie unterdessen einen, wie er sagt, "unausgegorenen Krieg" für "unausgegorene Ziele". Powell fühlt sich verraten. Er fragt fortan immer nach dem Sinn.

Er beginnt, der "reluctant warrior" zu werden, hinterfragt fortan alles und jeden. Colin Powell will nicht, dass ahnungslose Zivilisten seine Army in ein zweites Vietnam lotsen. "Politiker zetteln Kriege an", sagt er, "Soldaten müssen dann kämpfen und sterben."

Vor dem ersten Golfkrieg gab's darüber einen legendären Streit zwischen ihm und dem damaligen Pentagon-Chef Dick Cheney. Der schob Powell in ein Büro, schloss die Tür und blaffte: "Colin, du redest über Politik. Das ist nicht dein Job. Du sollst mich militärisch beraten. Hör auf, über Politik zu reden." Powell redet weiter über Politik. Nie wieder Vietnam. Das treibt ihn.

Er hat es festgehalten in einer Doktrin, der nach ihm benannten Powell-Doktrin. Sie ist ein Reflex auf Vietnam und besagt im Groben, dass amerikanische Truppen nie in eine Schlacht geschickt werden dürfen ohne vernünftige Strategie; dass die amerikanische Öffentlichkeit die Ziele des Krieges verstehen muss; dass Kriege nur in nationalem Interesse geführt werden sollen und nicht für humanitäre Ziele oder "Nation building".

Die Rumsfeld-Doktrin hat die Powell-Doktrin abgelöst

Der Irak-Krieg verstieß in weiten Teilen gegen seine eigene Doktrin. Powell hat sie geopfert, sie wird in der Schublade landen. In Washington bereiten sie die Siegesparade vor und feiern den Zivilisten Rumsfeld. Die Rumsfeld-Doktrin hat die Powell-Doktrin abgelöst. Er hatte ja nichts unversucht gelassen. Trommelte bei einem gemeinsamen Abendessen Anfang August so lange auf den jungen Bush ein, bis der einwilligte, den Waffengang vor die UN zu tragen. Erzählte Cheney, Rumsfeld, Wolfowitz, dass er auch die Franzosen auf seine Seite ziehen würde. Bis auch die einwilligten, zähneknirschend. Wieder sah er wie der Sieger aus. Und er täuschte sich fatal.

Es war im späten Herbst, als eine UN-Sitzung zum Thema Terrorbekämpfung plötzlich umkippte in ein Tribunal gegen die USA und deren Irak-Politik. Powell saß wie benommen da. Er wirkte wie ein Boxer nach schweren Schlägen. Er wirkte nicht mehr souverän. Das war der Anfang vom Ende der Diplomatie. Die Sitzung heißt in Washington nur "The French Ambush", der französische Hinterhalt. Denn in diesen Stunden realisierte der Stratege Colin Powell, dass er sich verkalkuliert hatte, womöglich zum ersten Mal. Eine seiner Maximen unter der Glasplatte im Büro lautet "Check small things", achte auf Kleinigkeiten. Colin Powell hatte sich zu sicher gefühlt. Und es kommt nicht von ungefähr, dass er als Erster aus der Bush-Regierung den Franzosen ernst zu nehmende Konsequenzen androhte. Das waren ungewöhnliche Worte für Colin Powell. Der Schmerz saß tief.

Rumsfeld und Wolfowitz haben vorerst das Ruder übernommen, die Außenpolitik schimmert olivgrün. Rumsfeld reist an den Persischen Golf, Rumsfeld hält die großen Reden, Rumsfelds Leute kontrollieren den Wiederaufbau des Irak. Rumsfeld und die Militärs sind die Sieger. Und Powell musste lesen, dass er ein mieser Außenminister sei, weil er nicht durch die Weltgeschichte flog, um Zustimmung zu fischen. Er konnte lesen, dass die US-Diplomatie in Trümmern liege und er zurücktreten solle nach der ersten Legislaturperiode des kleinen Bush.

Alarmsignale in Washington

Und als kürzlich der erzkonservative Republikaner und Rumsfeld-Bauchredner Newt Gingrich Powells Außenministerium in aller Öffentlichkeit zerriss, von einem diplomatischem Versagen sprach, den Umbau des State Department und sogar einen Untersuchungsausschuss forderte, sprang Powell niemand aus der allerersten Reihe schützend zur Seite. In Washington ist so was ein Alarmsignal.

Colin Powell muss sich vorerst mit kleinen Erfolgen begnügen. Etwa mit der Bestallung von Lewis Paul Bremer als Sonderbeauftragten für den Irak. Bremer gilt als ein Mann des State Department. Einerseits. Und andererseits als fest verankert im ideologischen Koordinatensystem der Neokonservaten. Es ist ein halber Sieg für Colin Powell, aber immerhin.

Sie sollten ihn nicht unterschätzen. Denn der sanfte Krieger ist nicht mehr so sanft. Am "Teflon Man" prallt auch nicht mehr alles ab. Seine Sprache ist klarer und undiplomatischer geworden. Das Wort "bestrafen" gehört nunmehr zu seinem Repertoire.

Europa braucht ihn dringender denn je

Der Friedensplan für Palästina und Israel ist sein Kind und womöglich auch sein Strohhalm. Europa braucht ihn dringender denn je. Und vielleicht braucht er Europa. Gelegentlich redet Powell sogar wie früher. Vor einigen Tagen saß er im Fernsehstudio, und am Ende des Interviews sagte er: "Ich bin meinem Präsidenten zu Diensten." Er sagte das gleich zweimal. Er hörte sich an wie ein Soldat. Soldaten kämpfen. Colin Powell ist Soldat. Er hat nicht kapituliert. Noch nicht.

Michael Streck print

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