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Philanthrop und Spekulant: Feindbild von Trump - das ist der Milliardär George Soros

Unter den Empfängern von verschickten Rohrbomben ist auch George Soros - Milliardär und Unterstützer der US-Demokraten. In rechten Kreisen gilt als ausgemacht, dass er hinter einer "jüdischen Verschwörung" steckt. Wie kommen die darauf?

George Soros

George Soros - Feindbild der Rechten

DPA

In der kruden Welt von Nazis, Reaktionären und Konspirationsanhängern hat der Humbug von der "jüdischen Weltverschwörung" ein Gesicht: Es ist 88 Jahre alt, eingerahmt von vollem, grauen Haar mit der Ausstrahlung von jemandem, der es geschafft hat. Und das hat er wohl. George Soros überlebte als Jugendlicher den Holocaust, ging nach Amerika, wurde zum bestbezahlten Hedgefondsmanager aller Zeiten und finanzierte mit seinen Milliarden früher osteuropäische Dissidenten und mittlerweile so ziemlich alles, was unter den Begriff liberale Zivilgesellschaft fällt: Reporter ohne Grenzen, neue Energien, Ökonomie-Thinktanks, die US-Demokraten.

Orbans Obsession: George Soros

Und auch Universitäten. Wie etwa jene in Budapest, die jüngst nach Berlin ziehen musste – weil George Soros in Ungarn in Ungnade gefallen ist. Geradezu obsessiv arbeitet sich Regierungschef Viktor Orban seit Jahren an dem gebürtigen Ungarn ab. Er macht ihn für die "Masseneinwanderung" nach Europa persönlich verantwortlich, stellt ihn als Figur der "weltweiten Elite" dar und als Spekulanten "ohne Heimatland" – die antisemitischen Untertöne sind unverkennbar. Der Fraktionschef von Orbans Partei Fidesz nennt Soros gar einen "schweren Psychopath mit Weltherrschaftsambitionen", so Mate Kocsis.

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Die Besessenheit mit dem Milliardär ging sogar so weit, dass die Regierung im Sommer vergangenen Jahres Plakate mit seinem Konterfei im ganzen Land zusammen mit einer Warnung vor ihm aufhängen ließ. Im Sommer dieses Jahres verabschiedete das Parlament das umstrittene "Stop-Soros-Gesetz". Allgemein soll die Regelung Gefängnisstrafen für Flüchtlingshelfer von Nichtregierungsorganisationen ermöglichen, tatsächlich aber richtet sie sich ganz konkret gegen Organisationen, die der Milliardär in Ungarn finanziert. Darunter die renommierte Central European University in Budapest, die deswegen nach Deutschland umgezogen ist.

Die Liste der Anfeindungen gegen George Soros ist immens – ein paar Beispiele:

  • Donald Trumps umstrittener Ex-Berater Steve Bannon über Soros: "Er ist der Teufel, aber er ist brilliant." (Bannon plant in Europa eine Stiftung zu gründen und nennt als Vorbild Soros Organisation "Open Society", die schon länger hier aktiv ist)
  • Der österreichische FPÖ-Fraktionschef Johann Gudenus sagte in einem Interview: "Ich glaube nicht, dass die Massenmigration nach Europa zufällig in dem Ausmaß passiert ist. Und da ist Soros einer der möglichen Akteure." (Beweise für die Behauptung hat er bislang  nicht vorgelegt – genauso wenig wie Viktor Orban)
  • Die obskure "QAnon"-Bewegung, eine Gruppe rechter Verschwörungstheoretiker glaubt, dass George Soros einen Umsturz plane. (Beweise dafür gibt es nicht)
  • US-Präsident Donald Trump twitterte über die Proteste gegen seinen Kandidaten für das oberste US-Gericht, Brett Kavanaugh: "Schaut euch all die professionell gemachten identischen Schilder an. Diese Schilder sind nicht aus Liebe im Keller entstanden." Der Investor George Soros und andere hätten die Demonstranten bezahlt. (Trump spielt möglicherweise darauf an, dass die Proteste unter anderem von einer Soros-Organisation mitorganisiert wurden)
  • Die US-Komikerin Roseanne Barr beleidigte Soros als "Nazi", der während des Zweiten Weltkriegs andere Juden verraten habe, um sich an ihnen zu bereichern. (Barr gilt wegen ihrer konservativen bis rechten Äußerungen mittlerweile als unerwünschte Person im US-Fernsehen)

Aufgewachsen mit Esperanto

Seit wann sich genau George Soros mit dem ganzen Verschwörungsgerede herumplagen muss, ist nicht ganz sicher. Und die Gründe dafür liegen mutmaßlich in dem schillernden, unkonventionellen Leben des 88-Jährigen. Seit Vater etwa war Schriftsteller, der in der mittlerweile in Vergessenheit geratenen Kunstweltsprache Esperanto geschrieben hat. Schon als junger Mann verließ Soros seine Heimat Ungarn und verdiente sein Geld mit riskanten, aber profitablen Spekulationen. 1988 strich er mit einem einzigen Deal zwei Milliarden US-Dollar Gewinn ein – Geld, dass er allerdings als Strafe zahlen musste, weil ihm Insidergeschäfte nachgewiesen worden waren.

Wahrscheinlich aber verdankt er seinen Ruf seinen offen zur Schau gestellten gesellschaftlichen Ambitionen. Selbst seine Finanztransaktionen wie Wetten gegen die D-Mark oder gegen Staatsanleihen noch vor der Rezession 2009 begründete er politisch. Es ist nicht so, dass er die seit Anfang der 80er-Jahre andauernde Deregulierung der Finanzmärkte uneingeschränkt begrüßen würde – obwohl er mehr als einträglich davon profitiert hat. Es ist aber auch nicht so, dass er sein Vermögen horten würde wie Dagobert Duck in seinem Geldspeicher. Laut "Forbes" hat er von den 25 Milliarden 18 seiner Organisation "Open Society" überwiesen. Vom Rest, immerhin noch acht Milliarden, sollen sieben an die Superreichen-Kampagne "The Giving Pledge" gehen.

Gegner des Irak-Kriegs und des Brexits

"Open Society" ist Soros Hauptstiftung. Mit ihr unterstützt und finanziert er vor allem zivilgesellschaftliche Nichtregierungsorganisation in Osteuropa und dort vor allem in der Ukraine und Russland. In den USA gilt Soros als einer der bekanntesten und spendabelsten Geldgeber für eher linke Projekte wie Marihuana-Freigabe oder der sozialeren Ausrichtung des Kapitalismus. Er war erklärter Gegner der Bush-Regierung und des Irak-Kriegs und lehnt den Brexit ab. Seine zahllosen gesellschaftlichen Engagements haben ihm den Ruf eines Philanthropen eingebracht. Doch so viel Selbstlosigkeit macht offenbar verdächtig – nicht nur in rechten Kreisen, die ihn und seine Aktivitäten als "umstürzlerisch" betrachten. Den Linken wiederum ist er nicht "umstürzlerisch" genug: Sie beschuldigen ihn, "das System" (also Demokratie und Marktwirtschaft) zu stärken.

Wer auf beiden Seiten so viele Feinde hat, macht offenbar viel richtig.

tkr