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Irak: "Das Böse in unserer Mitte"

Ein Mädchen vom Land wird bei der US-Armee zur feixenden Menschenschinderin. Alle Welt ist entsetzt über Lynndie England. Nur in ihrem Heimatort zweifeln die Leute noch an ihrer Schuld.

Sie wird nach Hause kommen irgendwann, und die Leute werden sagen: "Alles halb so schlimm." Sie werden die ganze Geschichte vergessen hier, in ein oder zwei Jahren. Oder in fünf. Je nachdem, was das Militärgericht entscheidet. Man wird Lynndie England nicht fallen lassen in Fort Ashby, West Virginia, 1365 Einwohner, fünf Kirchen, drei Tankstellen, zwei Gebrauchtwagenhändler und "Jimmy's Gunshop". Fort Ashby ist wohl der einzige Ort in Amerika, wo Lynndie England noch Freunde hat, die nicht glauben wollen, was sie sehen auf Fotos aus einem irakischen Knast. Leute wie der Abschlepp-Unternehmer Jimmy Iser, der sagt: "Lasst uns in Ruhe, lasst die Familie in Ruhe, lasst Lynndie in Ruhe. Sie ist nur der Sündenbock."

Dieses Fort Ashby ist ein Ort wie viele im ländlichen Amerika. Die Häuser ducken sich an der Hauptstraße, und wenn man am Feuerwehrhaus rechts abbiegt, liegt rechts hinter einem Viehstall ein Trailer-Park. Trailer sind die US-Version von Wohnwagen, Symbole des armen Amerika. In einem davon lebt die Familie England, seit Vater Kenneth, ein Eisenbahner, vor 19 Jahren nach Fort Ashby versetzt wurde. Hier wuchs Lynndie auf.

Präsident Bush sprach von "tiefem Abscheu"

Sie ist die junge Frau, die auf Fotos aus dem irakischen Gefängnis Abu Ghreib lächelnd vor einem nackten Iraker steht, auf seine Geschlechtsteile deutet, eine Zigarette im Mundwinkel. Sie ist die junge Frau, die Gefangenen feixend beim Masturbieren zuschaut und einen Mann an einer Art Hundehalsband hinter sich herzieht. Präsident Bush sprach von "tiefem Abscheu". Sein Verteidigungsminister Rumsfeld sprach vom "Bösen in unserer Mitte". Er meinte auch Lynndie England. Ihr Pausbackengesicht steht jetzt für die dunkelste Seite dieses Krieges. US-Politiker beider Lager nennen das Verhalten der Militärpolizisten im Gefängnis "un-American". Das ist das Schlimmste, was Amerikaner über Amerikaner sagen können.

In Fort Ashby halten viele die Fotos für Fälschungen und fragen, warum niemand mehr über irakische Übergriffe auf US-Soldaten spreche. Falls die Leute in Fort Ashby überhaupt noch etwas sagen. Als der Sturm losbrach, fluteten Reporter aus allen Teilen Amerikas den Ort. Es wimmelte von Fremden, einige Einheimische riefen bei der Polizei an, weil sie Terroristen unter den Eindringlingen vermuteten und Racheakte auf die Familie England fürchteten. Deren Trailer wurde belagert, und Mutter Terrie saß auf der winzigen Holzveranda und sagte immer wieder, sie schäme sich nicht, weil die Fotos nicht die Wahrheit über ihre Tochter erzählten. Dass sie stolz sei auf Lynndie. Dass Lynndie ein ganz normales Mädchen sei mit ausgeprägter Liebe zur Natur.

Nach dem High-School-Abschluss jobbte sie in einer Hühnerschlachterei und in einem Lebensmittelladen. Im März 2002 heiratete sie ihren alten Freund James Fike. Es war eine spontane Idee und keine gute. Denn eigentlich wollte Lynndie nur eines: raus hier und studieren. Sie wollte Meteorologin werden. Bei der Armee heuerte sie aus Geldgründen an. Lynndie schrieb sich ein bei der 372. Militärpolizei-Einheit in Cresaptown, Maryland.

Sie sah die Armee als Sprungbrett

Im Mai 2003 kam der Marschbefehl. Bis hierhin ist die Geschichte der Lynndie England die von Zigtausenden anderen jungen Frauen in den USA. Sie sehen die Armee als Sprungbrett, als Geldquelle, als Hoffnung. Eines dieser Mädchen ist Jessica Lynch. Sie stammt wie Lynndie England aus West Virginia, und die Bilder von ihrer Befreiung machten sie berühmt. Lynch kehrte als Heldin heim und wurde reich. Bilder machten auch Lynndie England berühmt. Aber sie kehrte nicht heim als Heldin. Sie sitzt jetzt in Fort Bragg, North Carolina, und wartet auf den Prozess.

Lynndie putzt Böden, streicht Wände und traut sich nicht hinaus in die Stadt. Sie ist im vierten Monat schwanger, der Vater heißt Charles A. Graner, ein ehemaliger Gefängniswärter, den sie im Irak kennen lernte. Auch Graner ist angeklagt. Er gilt als Rädelsführer der 372. Militärpolizei-Einheit im Knast von Abu Ghreib.

Die Welt fragt sich nun, warum es zu diesen Grausamkeiten im Zellenblock 1 A kommen konnte, nächtens zwischen zwei und vier Uhr. Wie es sein konnte, dass Rotkreuz-Berichte unter Verschluss gehalten wurden, dass nichts geschah, obwohl lange bekannt war, wie hoffnungslos das Gefängnis überfüllt und überfordert die Soldaten waren? Wie es sein konnte, dass William Lawson, Onkel des Angeklagten Sergeant Ivan Frederick, von seinem Neffen vor Monaten über die Misshandlungen informiert wurde, Lawson daraufhin an 17 Kongressabgeordnete schrieb und von denen nichts hörte.

Handelten die Folterer auf Befehl oder aus purem Sadismus?

Handelten die Folterer auf Befehl oder aus purem Sadismus? Lynndies Kameradin Sabrina Harman schildert die Befehlskette so: "Die Gefangenen wurden hereingebracht, vermummt und gefesselt, und wir mussten ihnen die Hölle bereiten." Die Kommandos erhielten sie von CIA-Leuten oder dem Militär unterstellten Verhörspezialisten privater Firmen. "Die Person, die den Gefangenen zu uns brachte, gab vor, ob wir nett oder nicht nett sein sollten", sagte Harman der "Washington Post".

Auch Harman ist auf den Fotos zu sehen. Sie steht mit Lynndies Freund Charles Graner lachend hinter einem Knäuel nackter Leiber. Sie war es, die den Gefangenen auf der Holzbox verkabelte. Warum haben sie sich nicht widersetzt? Warum hat das Gewissen nicht funktioniert?

Vergangene Woche flüchteten die Eltern Kenneth und Terrie England aus ihrem Trailer. Den Sohn Josh, 18, nahmen sie mit. Die Englands konnten die Fragen nicht mehr ertragen. Wie sollten sie das Unerklärliche erklären? Eine Reporterin wollte wissen, warum sich Lynndie im Dezember scheiden ließ und was sie an Graner so liebenswert fand. War es "Love in the Dust", Liebe im Staub?

Pressekonferenz des England-Anwaltes

Die Familie hat sich jetzt einen Rechtsanwalt genommen. Er heißt Roy T. Hardy, ist von massiger Statur und vielleicht der Einzige im ganzen County, der den Rummel ein bisschen genießt. Am Tag, als Rumsfeld von den Senatoren in die Mangel genommen wird, bittet Hardy zu einer Pressekonferenz im Feuerwehrhaus von Fountain, zehn Meilen westlich von Fort Ashby. In Fort Ashby wollte niemand die Reporter haben. Lynndies Schwester Jessica und ihre beste Freundin Destiny Goin sitzen vorn am Podium. Hardy sagt: "Ich will erreichen, dass Sie Lynndie England als menschliches Wesen akzeptieren." Dann ist die Fragestunde eröffnet.

"Warum lacht Lynndie auf den Fotos?" - "Sie posiert. Sie hat Befehle befolgt."
"Schuldet sie Amerika nicht eine Entschuldigung?" - "Kein Kommentar."
"Präsident Bush ekelt sich vor den Bildern..." - "Wir respektieren das, möchten es aber nicht kommentieren."
"Was wissen Sie über ihren Geliebten Charles Graner?" - "Wir kennen ihn nicht."

Die beiden Frauen kneten ihre Finger, sie schwitzen, Lynndies Schwester Jessica rollt die Augen und wird gefragt, warum sie mit den Augen rollt. Sie sollen sich rechtfertigen für etwas, was sie selbst nicht verstehen. Jessica unternimmt noch einen Rettungsversuch: "Lynndie ist ein warmherziger, liebenswürdiger, offener Mensch. Die Person auf den Fotos ist nicht wie sie. Lynndie könnte niemandem ernsthaft wehtun." Dann ist der Spuk vorüber, und Jessica und Destiny fahren in einer schwarzen Limousine mit verdunkelten Scheiben davon. Sie sehen aus, als wäre ihnen gerade der Prozess gemacht worden. Fortan werden sie schweigen.

"Wenn das Land ruft, eilen wir zur Pflicht"

Anwalt Hardy ist zufrieden. Er glaubt, die Welt werde Lynndie England jetzt besser verstehen. Am späten Nachmittag sitzt er mit seiner Frau Christine im "Stray Cat", einem kleinen Restaurant in Fort Ashbys Nachbarstadt Keyser, und isst Enchiladas. Hardy, 35, glaubt zu verstehen, was da passierte im 10 000 Kilometer entfernten Irak. Er wurde in Frankfurt geboren als Sohn eines Soldaten, kennt die Army von Kindesbeinen an und die Menschen in dieser Gegend sowieso. Hardy nennt sie "gute Amerikaner". Er sagt: "Prozentual betrachtet kommen aus unserem County die meisten Vietnam-Veteranen. Denn wenn das Land ruft, eilen wir zur Pflicht." Er vertrat Lynndie im Dezember bei ihrer Scheidung, sie hat Vertrauen zu ihm. Er versteht sie, sagt Hardy. "Wenn du einen Befehl bekommst, führst du ihn aus. Sie stand am untersten Ende der Befehlskette." Und was ist, wenn der Befehl unsinnig ist oder menschenverachtend oder un-amerikanisch? "Du führst ihn aus."

Mit Lynndie England hat er vor wenigen Stunden telefoniert. Sie sei stabil, sagt Hardy, als spräche er von einer Infarkt-Patientin. Ein paar seiner Freunde gesellen sich dazu. Im Fernseher über dem Tresen laufen Bilder von Rumsfelds Anhörung, danach Hardys Pressekonferenz im Feuerwehrhaus, dann schon wieder die Bilder von Lynndie mit den nackten Irakern. "Yeah", rufen einige in der Bar, "give me one more."

Roy T. Hardy ist eine lokale Berühmtheit. Es wäre ja möglich, sagt er, dass Lynndie aus ihrer Geschichte ein Buch macht, wenn erst mal alles ausgestanden ist. Wenn erst mal geklärt ist, dass die Bilder doch nicht die Wahrheit erzählen. Wer weiß. Ein Buch, wie die Lynch es hat schreiben lassen. "Verstehen Sie", sagt Hardy, "sie ist eine von uns. Das Ganze wird vergessen sein in einem Jahr oder zwei. Nichts Negatives wird zurückbleiben. Nicht hier. Hier sagen Leute: Ihr einziger Fehler war, dass Fotos entstanden. Wenn sie zurückkehrt, werden wir sie mit offenen Armen empfangen. Und es wird so sein wie früher. Verstehen Sie?" Vielleicht versteht Roy T. Hardy nicht.

Jetzt ist sie im Zentrum des Sturms

Draußen stürmt es. Regen peitscht gegen die Fenster der Bar. Lynndie England hat solche Stürme geliebt, ihr Lieblingsfilm ist "Twister", sie wollte einmal Meteorologin werden. Jetzt ist sie im Zentrum des Sturms.

Michael Streck / print