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Seit einem Jahr in Freiheit: Das neue Leben des Michail Chodorkowski

Vor einem Jahr entließ Wladimir Putin, völlig überraschend, seinen ärgsten Widersacher Michail Chodorkowski aus dem Arbeitslager. Der ringt nun um die Zukunft Russlands - Porträt eines Furchtlosen.

Von Katja Gloger

Erster großer Auftritt: Im Dezember 2013 spricht Michail Chodorkowski mit der in Berlin versammelten Weltpresse

Erster großer Auftritt: Im Dezember 2013 spricht Michail Chodorkowski mit der in Berlin versammelten Weltpresse

Er hat, wie soll man es anders sagen, Glück gehabt, verdammtes Glück, aber vielleicht hadert er damit am meisten. Gnade wurde ihm zuteil. Weil einer, sein ärgster Widersacher, über sein Schicksal verfügte, nahezu gottesgleich. Und ihm in einem Akt der Willkür vor einem Jahr die Freiheit gewährte. Natürlich hatte er sich Rechtsanwälte geleistet, viele Anwälte, die jahrelang auf diesen Moment hingearbeitet hatten. PR-Agenturen hatten für Öffentlichkeit gesorgt, sie bastelten auch am Imagewandel eines Mannes vom beinharten Milliardär zum visionären Menschenrechtler. Am Ende, als er Russlands berühmtester politischer Gefangener war, setzten sich die Deutschen geheimdiplomatisch für ihn ein, der ehemalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher und Kanzlerin Angela Merkel.

Viele Millionen Dollar kostete seine Operation Freiheit - aber natürlich weiß Michail Borisowitsch Chodorkowski: Es hätte ganz anders ausgehen können, jederzeit. Wenige Wochen später nur, als über der Krise in der Ukraine auch Russlands Krise mit dem Westen eskalierte - niemals hätte ihn Wladimir Putin freigelassen. Dann hätte Michail Chodorkowski sein Leben wohl in einem Arbeitslager nahe des Polarkreises beendet. Glück gehabt, verdammtes Glück gehabt.

Sträflich seinen Machtinstinkt unterschätzt

Dabei war er sicher, auch ihn im Griff zu haben, Wladimir Putin. Wie sträflich er dessen Machtinstinkt unterschätzt hatte. Ausgerechnet er, der so präzise kalkulierende Chemieingenieur, der sich doch nie verrechnet hatte. Er, einst Russlands allerreichster Mann, Ölmagnat, 15 Milliarden Dollar schwer. Selbst seiner Verhaftung im Oktober 2003 hätte er noch entgehen können, es wäre ein Leichtes gewesen. Man hatte ihn gewarnt.

Doch in einer ebenso berechnenden wie mutigen Entscheidung wählte er die Gefangenschaft, und vielleicht rettete er so wirklich seine Seele. Nun versucht sich Michail Chodorkowski, 51, an einem Leben in Freiheit.

Ein freies Leben aber ist es nicht. Er trifft den stern in seinem Büro in der Züricher Altstadt. Niedrige Decken, winzige Fenster mit Blick auf den grauen See. Er kommt mit der S-Bahn, Freizeitschuhe, eine altmodische Jeans, Studentenrucksack. So normal, unauffällig, blass. Beinahe jungenhaft scheint er; große, braune Augen unter langen Wimpern, feine Hände, der kompakte Körper. Das ist das Verstörende an ihm: Niemand würde vermuten, dass dieser Mann zehn Jahre in russischen Gefängnissen und Arbeitslagern überlebte, vier Hungerstreiks und Monate in Einzelhaft.

Lager machte ihn zum besseren Menschen

Denn meist erkennt man sie: die kaputten Körper ehemaliger Lagerinsassen. Meist spürt man es ja: die Angst und die Aggressivität der Sklavenseelen. Er aber lächelt milde, den Menschen scheinbar zugewandt. Fast pflichtschuldig sagt er, dass er dankbar für die Jahre im Lager sei: "Es machte mich wohl zu einem besseren Menschen." Geduldiger, vielleicht sogar barmherziger. Vor allem aber noch entschlossener. Nun führt Michail Chodorkowski seinen Kampf um Russland eben aus Zürich. Es wird der Kampf seines Lebens, erneut tritt er an gegen Putin und sein System. Aber er hat ja keine andere Wahl.

Vor einem Jahr warf ihn der russische Präsident in die Freiheit des Westens, denn zurück nach Moskau darf Chodorkowski nicht. Zuletzt hatte er in einem Arbeitslager nahe der finnischen Grenze Aktendeckel gefaltet. So überraschend kam die Freilassung, dass sich erst auf dem Flughafen in Sankt Petersburg, wo auf Bitten Hans-Dietrich Genschers das Privatflugzeug eines deutschen Unternehmers auf ihn wartete, ein Mitarbeiter erbarmte und die aschgraue Wattejacke des Sträflings gegen einen dunkelblauen Dienstanorak austauschte.

In New York mit seinen Anwälten. Hinter ihm (l.), rein zufällig, die beiden erkennen einander auch nicht, Obamas einstiger Sicherheitsberater James Jones

In New York mit seinen Anwälten. Hinter ihm (l.), rein zufällig, die beiden erkennen einander auch nicht, Obamas einstiger Sicherheitsberater James Jones

Der Vater erschien dem Sohn so ... normal

Wie ein Hurrikan die Tage nach der Ankunft in Berlin. Die ganze Welt wollte den Überlebenden des Lagers bestaunen, Putins Herausforderer. Eine chaotische Pressekonferenz, die Suite im Adlon-Hotel, ein eiskalter Wodka, ein Trinkspruch auf die behutsame Diplomatie der Deutschen. Ein tastendes, zartes Wiedersehen mit seinen Eltern. Sein ältester Sohn Pawel kam aus den USA; dem war es beinahe wie "ein Schock". So normal schien ihm sein Vater. So ... unberührt. Und dann war er weg.

Er setzte sich in einen Zug und fuhr nach Rapperswil-Jona am Zürichsee. Dorthin hatte er im Sommer 2013 seine Frau Inna und die beiden jüngsten Söhne geschickt, Zwillinge. Auf seinen Wunsch hin mussten sie Moskau verlassen. Sie seien dort nicht mehr sicher. Er ließ ein Haus mieten, brav geschnittene Hecken.

Beinahe seine Familie auseinandergerissen

Oligarchenluxus? War ihm schon immer gleichgültig. Geld war und ist ihm Investitionsmittel, mehr nicht. Er habe Schuld gegenüber seiner Familie abarbeiten müssen, sagt er. Es habe sie beinahe auseinandergerissen. Seine stille Frau Inna, die nur selten das Haus verlässt. Die Zwillinge waren vier, als er verhaftet wurde. Jetzt gehen sie auf ein exklusives Internat in St. Gallen, kommen nur am Wochenende nach Hause. Besucher berichten, wie vertraut die Familie miteinander umgehe. Als ob er nie weg gewesen sei. Aber er war ja auch früher nie da.

Er gab seiner Familie sechs Monate, keinen Tag länger. Er weiß, dass sie erneut den Preis für seine Ambitionen zahlt. Aber er muss nun tun, was er tun muss, "Soldat" im Dienst seines Vaterlandes: "Ich kann nicht anders leben."

Er kümmerte sich um seine krebskranke Mutter Marina, die im vergangenen August in der Berliner Charité starb. Ihre Krankheit hatte Putin die humanitäre Begründung für die Begnadigung gegeben. Auch dies gehört wohl zu Chodorkowskis Geschichte, russischer könnte sie kaum sein: Seine Mutter musste sterbenskrank werden, damit er freikam.

"Eigentum macht nicht frei"

Rasch erteilten ihm die Schweizer Behörden eine Aufenthaltsgenehmigung. Die Beamten im zuständigen Kanton St. Gallen begründeten sie auch mit "fiskalischen Interessen" an einem Steuerzahler. Sein Vermögen soll noch weit über 100 Millionen Schweizer Franken betragen. Oder Dollar. Oder Euro. Wie er Fragen nach seinen Finanzen abtut, cool, verächtlich fast. Dieses Kapitel seines Lebens sei für immer abgeschlossen: "Eigentum macht nicht frei." Er habe vor neun Jahren auf alle Anteile an seinem Ölkonzern Jukos verzichtet und sie treuhänderisch auf seinen Freund und damaligen Geschäftspartner Leonid Newslin übertragen, der in Israel lebt. Außerdem: "Ein Oligarch war ich nie." Sondern? "Großunternehmer." Und jetzt? Er zögert nur kurz. "Würde ich mich als Politiker betrachten."

Oligarchenluxus? War ihm schon immer gleichgültig

Oligarchenluxus? War ihm schon immer gleichgültig

Sein Zuhause liegt in seinem Kopf

Wie er mit diesem Westen fremdelt. Ganz Europa scheint ihm wie ein angestaubtes Geschichtsmuseum, wie er sagt. Alles so eng, stillstehend. Neue Freunde? Nein, keine Zeit. Zuhause? Da lacht er kurz auf: "Mein Zuhause liegt in meinem Kopf." Natürlich Russland, immer nur Russland. Seine Heimat, seine Sehnsucht, sein Gefängnis, das er nicht verlassen will.

In diesen Monaten reist er viel, Berlin, Washington, New York, Prag, Oslo, Paris, Tel Aviv, Brüssel. Trifft Politiker und Weggefährten, vor Allem aber will er für seine Stiftung "Open Russia" werben. Vor 13 Jahren hatte Chodorkowski das "Offene Russland" gegründet, Dutzende Millionen Dollar in Bildung und Computerschulen überall in Russland investiert. So wollte er eine neue Generation formen: gut ausgebildete und westlich orientierte Menschen für eine moderne russische Großmacht.

Lächerliche 309 Millionen für einen Ölkonzern

Diese Großmacht wäre ein Rechtsstaat mit Gewaltenteilung, freier Presse und selbstbewussten Menschen, ein, ja, europäisches Land. Er selbst gehörte in den 90er Jahren zu jener kleinen Gruppe Unternehmer, die man Oligarchen nannte. Mit Krediten sicherten sie 1996 die Wiederwahl des russischen Präsidenten Boris Jelzin, erhielten dafür Anteile an Großunternehmen, die sie in fragwürdigen Auktionen bald ganz aufkauften.

Für umgerechnet lächerliche 309 Millionen Dollar hatte sich Chodorkowski die Mehrheit an Jukos gesichert, damals zweitgrößter Erdölproduzent des Landes. Es war ein gigantischer Raubzug im Namen von Demokratie und freier Marktwirtschaft. Damals rissen sich Männer wie Chodorkowski ein ganzes Land unter den Nagel. Gnadenlos drängte er Konkurrenten aus dem Geschäft. Finanzierte Parteien im russischen Parlament, deren Abgeordnete für günstige Steuergesetze sorgten. Wahr ist aber auch: Chodorkowski war ein konsequenter Modernisierer. Er verstand früh, dass Russland die Gesetze eines Rechtsstaates brauchte. Nur so würde es die Globalisierung meistern. Und wer hätte ihn schon aufhalten können? Denn er hatte aus Jukos einen der mächtigsten Ölkonzerne der Welt gemacht, Russlands modernstes Großunternehmen. Die größten Ölreserven Russlands, sie gehörten doch: ihm. Selbst Präsidenten hörten auf: ihn.

Nur einer nahm ihn ernst: Putin

Viele betrachteten seine Pläne damals als PR-Maßnahme eines Oligarchen. Einer aber nahm ihn schon damals ernst: Wladimir Putin.

Jetzt also Berlin, Washington und New York. Er weiß, dass er gegen den Bedeutungsverlust kämpfen muss. Denn Michail Chodorkowski ist jetzt nicht mehr Russlands berühmtester politischer Gefangener, Projektionsfläche für Sehnsüchte nach einem opferbereiten Hoffnungsträger. Jetzt ist er ein politischer Aktivist im Exil, der zwar souverän über Twitter, Facebook und Internetkonferenzen kommuniziert, doch in Russland derzeit nur wenige Zehntausend Menschen erreicht.

Ende September trifft er in Berlin Mitglieder des Auswärtigen Ausschusses. Sie haben ihn in die Parlamentarische Gesellschaft geladen. Dunkelgrüne Wände, dunkles Holz, Mineralwasser medium. Der Gast referiert über seine Stiftung, die er mit einem "einstelligen Millionenbetrag" pro Jahr finanzieren will. "Open Russia" soll eine Art Brutkasten der russischen Zivilgesellschaft sein, und irgendwann am Ende stünde eine verfassunggebende Versammlung, die ein neues russisches Grundgesetz schreibt. Als deren Vorsitzender stünde er zur Verfügung, erklärt er, als Manager eines Übergangs zur Demokratie.

Putin! Was will Putin?

Freundlich nickend hören ihm die Abgeordneten zu, unübersehbar ihre Skepsis, und dann wollen sie doch nur eins wissen: Putin! Was will Putin? Wer berät ihn? Wie wird er in der Ukraine weiter vorgehen? Putin, Putin, immer nur Putin. Immer ist er da, wie ein Schatten, Dämon und Alter Ego zugleich. Und jeder will hören: dass er, Chodorkowski, auf Rache sinnt.

In solchen Momenten lächelt er meist milde in sich hinein, niemals würde er sich diese Blöße geben. Er respektiere den Präsidenten durchaus, sagt er dann. Umso unerbittlicher fällt seine Abrechnung aus. Als ob er seine Wahrheit nun in die Köpfe all derer im Westen hämmern müsse, die nicht sehen wollen, was in seinem Land gerade passiert. Schon bald manifestiere sich Russlands Wirtschaftskrise als Systemkrise.

Putin und seine Männer klammerten mit allen Mitteln an der Macht. Immer gefährlicher werde der russische Nationalchauvinismus. Immer mehr Menschen hätten immer weniger zu verlieren, irgendwann bäumten sie sich auf. Es sei schrecklich, aber wohl kaum noch zu vermeiden: Blut wird fließen. Es wird vielleicht gar nicht mehr so lange dauern, glaubt er. Ein gutes Jahr noch, vielleicht etwas länger.

Ein Treffen im Weißen Haus?

Dann bliebe "eine Woche, höchstens ein Monat", die Machtfrage zu klären. So lehre es die russische Geschichte. Ob mit oder ohne Putin: Despotie oder eben ein neuer Versuch mit der Demokratie. Dann will er Russlands Demokraten und westlich gesinnte Unternehmer sammeln, hofft auf Unterstützung des Westens. Auf diesen Moment lebt Chodorkowski nun mit aller Kraft hin. "Ich bin bereit", sagt er. In Washington referiert er vor Russlandexperten, hält Reden, das Übliche. Man habe die Möglichkeiten eines Treffens im Weißen Haus sondiert, rutscht es ihm in einem unbedachten Moment heraus. Es hätte ihm diebische Freude bereitet, Putin so zu brüskieren. Aber man sagte kühl ab. Für die US-Regierung ist Chodorkowski zurzeit kein Mann der Zukunft. Er ist viel zu klug, es nicht zu merken.

stern-Autorin Katja Gloger hat Chodorkowski über mehrere Monate begleitet

stern-Autorin Katja Gloger hat Chodorkowski über mehrere Monate begleitet

Zum sanften Gewissen taugt er nicht

Ein einziges Mal nur wirkt er aufgeregt. Er besucht den Holocaust-Überlebenden und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel in dessen New Yorker Büro. Ein Treffen zweier Gleichgesinnter, so will es ihm scheinen. Mit roten Wangen sitzt Chodorkowski dankbar auf dem Sofa, lässt sich vom historischen Moment berauschen.

Die von ihm beauftragten PR-Agenturen beschrieben ihn auch als Dissidenten, gereift durch das Leid im Lager, wiedergeboren. Seine Anhänger erhoben ihn zur moralischen Instanz. Doch zum sanften Gewissen Russlands taugt Michail Chodorkowski nicht, nichts läge ihm ferner. Er irritiert seine Zuhörer mit einem unerschütterlich konservativen Blick auf die Welt, auch mit seiner Faszination für die Möglichkeiten der Macht. Er sieht sich eher als "Nationalist"; und er ringt mit Werten wie Toleranz und Gleichberechtigung.

Er hasste es, wenn sie rauchte

Berichtet mit Schaudern von einer Begegnung in Washington, als ihm ein homosexueller Gesprächspartner seinen Ehemann vorstellte. Kann nicht verstehen, dass seine Tochter, eine Psychologiestudentin, mit ihren 23 Jahren immer noch nicht heiraten will. Er selbst hatte noch während des Studiums zum ersten Mal geheiratet; 1988 wurde die damals 19-jährige Laborantin Inna Molokanowa seine zweite Frau. "Er hätte mir niemals ein selbstständiges Leben erlaubt", sagte sie einmal. "Er hasste es etwa, dass ich rauchte, verbot mir deswegen sogar die Mittagspause."

Man musste ihm folgen, so war es schon immer, erinnert sich sein Freund Leonid Newslin. Sonst wurde man ausgemustert. Er sieht nur das Spiel um Macht Wie Wladimir Putin setzte auch Michail Chodorkowski seinen Führungsanspruch eisern durch. Widerspruch ertrug er - wie Putin - nur schwer. "In einem Punkt ist mir Putin übrigens ganz ähnlich", schrieb er einmal aus dem Arbeitslager, "auch sein Handeln wird allein von persönlichen Grundsätzen bestimmt. Ich musste erwachsen werden. Er aber sieht nur das Spiel um die Macht. Menschen kommen darin nur als Figuren vor."

Liebäugeln mit dem Ministerpräsidentenposten

Putin, der im Jahr 2000 gewählte Präsident? Ach, ein KGB-Mann mit KGB-Seele, er gefiel ihm damals nicht besonders, hielt ihn für einen Verschwörungstheoretiker, der überall nur Risiken und Feinde sieht. Aber es schien ihm, als würde auch Putin nach den russischen Regeln spielen: Nach acht Jahren an der Macht mit all ihren Möglichkeiten, wohl auch finanziellen, würde er 2008 einen - schwachen - Nachfolger bestimmen, mehr oder weniger demokratisch. Dann könnte ein neuer, starker Ministerpräsident das Land voranbringen, mehr oder weniger demokratisch.

Das war Chodorkowskis Plan: "Ich konnte mir vorstellen, Ministerpräsident zu werden." So wären sie in gewisser Weise sogar Partner gewesen, der Oligarch und der Präsident. Voneinander abhängig und einander ebenbürtig. Es war sein größter Fehler. Noch heute verflucht er sich dafür. "Was ich nicht verstand: Putin hat weder eine Strategie für Russland noch eine Exit-Strategie für sich selbst. Was ich nicht verstehen wollte: Putin denkt höchstens ein Jahr voraus, es geht allein um die Macht."

Sie haben Steuerprobleme

Angeblich hat er sich die Fernsehaufzeichnung nie angesehen, jenen Moment, als sie am 19. Februar 2003 im Katharinensaal des Kreml einander den Krieg erklärten. Chodorkowski referierte über Korruption. Man erwartete die üblichen Lippenbekenntnisse. Doch er zückte Statistiken, sprach von zwielichtigen Deals auf Regierungsebene, entlarvte Korruption als Herrschaftsinstrument. Es sollte ein politischer Befreiungsschlag sein, der Beginn einer Revolution von oben, und vielleicht hatten ihm Gewährsleute im Kreml signalisiert, dass Putin ihn unterstützen werde.

Scheinbar verunsichert saß der zunächst da, dann konterte er eisig: Jukos habe Steuerprobleme. Man müsse fragen, warum die entstanden seien. Danach war es nur noch eine Frage der Zeit. Geschäftspartner wurden verhaftet, andere flohen ins Ausland. Doch Chodorkowski machte unmissverständlich klar: Er würde das Land nicht verlassen.´Er hatte keine Alternative, er wusste es immer. Was wäre er außerhalb Russlands? Doch nur ein in Ungnade gefallener Oligarch im Exil.

Der Sieger ließ keine Gnade walten

Ein "Flüchtling", wie er sagt, verachtet und so schnell vergessen. Er rechnete aus, dass er zwei, höchstens vier Jahre im Gefängnis verbringen müsse. "Aber dafür hätte ich eine Tribüne. Das ganze Land müsste mich anhören." Der Sieger aber, er ließ keine Gnade walten. Am frühen Morgen des 25. Oktober 2003 wurde Michail Chodorkowski auf dem Flughafen von Nowosibirsk vom Geheimdienst FSB in seinem gemieteten Jet verhaftet. Man legte ihm Handschellen an und bat ihn durchaus höflich mitzukommen.

18 Anwälte verteidigten ihn in zwei langjährigen Prozessen wegen angeblicher Steuerhinterziehung in Milliardenhöhe sowie wegen Diebstahls von Millionen Tonnen Öl. Mit Würde ertrug er das Theater, wie ein Schwerverbrecher in einem Käfig vorgeführt. Und jeder wusste, dass die beiden Urteile dem Richter eines Moskauer Amtsgerichts diktiert wurden: Erst neun, im zweiten Verfahren dreizehneinhalb Jahre Arbeitslager, bereits verbüßte Haft wurde angerechnet.

Chodorkowski sah sich nie als Oligarch. Eher als Geschäftsmann. Heute nennt er sich Politiker

Chodorkowski sah sich nie als Oligarch. Eher als Geschäftsmann. Heute nennt er sich Politiker

Die Vollendung von Putins Machergreifung

In einer faktischen Enteignung wurde sein Ölkonzern Jukos letztlich Putins langjährigem Vizestabschef zugeschlagen, dem ehemaligen KGB-Offizier Igor Setschin. Heute ist er als Vorstandsvorsitzender von Rosneft der nach Putin wohl mächtigste Mann im Land.

So kann man es sehen: Mit Chodorkowskis Verhaftung vollendete sich Putins Machtergreifung. Es begann der zweite große russische Raubzug, ein weiterer Betrug an den Menschen: Mit der "Re-Nationalisierung" sicherten sich nun die neuen Herrscher im Kreml die Kontrolle über Russlands Ressourcen. Mit ihnen stiegen Gefolgsleute zu neuen Milliardären auf. Es entstand: die Kreml GmbH.

Im Lager verlernt man Freiheit

Sein erstes Lager: JaG 14/10 in Krasnokamensk an der chinesischen Grenze, Sibiriens eiskalter Osten. Hier lebte er mit 100 Mann in einer Baracke, arbeitete als Packer; später wurde er nach Segescha nahe der finnischen Grenze verlegt. Er trat viermal in den Hungerstreik, um Erleichterungen für andere verhaftete Jukos- Manager zu erreichen. Zugleich verschaffte er sich mit diesem kalkulierten Einsatz seines Lebens einen gewissen Respekt im Lager. Er begann, furchtlos in einem ständigen inneren Widerstand zu leben. Aber immer blieb es seine größte Angst: Wenige Jahre nur im Lager, und man verlernt die Freiheit.

Zugleich wusste er, dass ihm eine Weisung aus dem Kreml eine gewisse Sicherheit gab: Weder er noch seine Familie durften physisch misshandelt werden.

Es war ein Zufall, dass die Weichen für Chodorkowskis spektakuläre Freilassung dann ausgerechnet im Sammelsurium des Mauermuseums am Berliner Checkpoint Charlie gestellt wurden. Hier wirkt Alexandra Hildebrandt, die rührige Witwe des ehemaligen DDR-Fluchthelfers Rainer Hildebrandt. Im Sommer 2010 erreichte sie ein Anruf, so berichtet sie, ein Mitarbeiter der PR-Agentur Burson-Marsteller war dran. Zufällig sei man auf sie gestoßen. Die Firma gehört zu den großen Playern im Geschäft mit Krisenkommunikation.

Krisenberater boxten ihn raus

Sie war beauftragt, bei der EU auf Chodorkowski aufmerksam zu machen, und sollte auch in Deutschland politische Entscheidungsträger ansprechen. Zu diesem Zeitpunkt war die Operation Freiheit ins Stocken geraten. Mehrere Versuche waren gescheitert, einen Unterhändler zu finden. Es heißt, auch Henry Kissinger habe abgesagt.

Jetzt, im Sommer 2010, baten die PR-Leute Alexandra Hildebrandt um Hilfe. Sie trat mit Chodorkowskis Anwälten in Kontakt, eröffnete eine Ausstellung über ihn, sprach Abgeordnete an. Für ihre Aufwendungen erhielt sie nach eigenen Angaben eine Spende von 150.000 Euro. Und hoffte, dass man sich später noch großzügiger zeigen könnte. Freiheit, weiß Alexandra Hildebrandt, hat durchaus einen Preis.

Chodorkowski (l.) und sein ehemaliger Gefährte Lebedew vor dem Moskauer Amtsgericht 2009

Chodorkowski (l.) und sein ehemaliger Gefährte Lebedew vor dem Moskauer Amtsgericht 2009

Diskrete Gespräche in Moskau

Auf ihre Vermittlung schrieb Chodorkowskis Mutter Ende 2010 einen Brief mit der Bitte um Unterstützung an Angela Merkel. Diesen Brief soll die Kanzlerin Putin während dessen Besuchs in Berlin im November 2010 gezeigt haben. Hildebrandt bat auch den ehemaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher um Hilfe. Nach langem Zögern begann er, mögliche Bedingungen für eine Begnadigung Chodorkowskis aus humanitären Gründen zu sondieren.

Auf Merkels Vermittlung empfing ihn Putin 2011 zu einem ersten diskreten Gespräch in Moskau, ein Jahr später kam es auf dem Berliner Flughafen Tegel zu einem zweiten kurzen Treffen. Putin sagte nichts zu. Aber er ließ den geheimen Gesprächskanal offen. Genscher schien es, als müsse Putin den richtigen Zeitpunkt abwarten. Im Sommer 2013 reiste Genscher erneut nach Moskau. Dort musste er sich einen Vortrag des russischen Generalstaatsanwalts anhören.

Seine Entlassung? Eine PR-Maßnahme?

Denn damals wurde ein dritter Gerichtsprozess gegen Chodorkowski vorbereitet. Es schien, als wolle - oder müsse - sich Putin alle Optionen offenhalten. Möglicherweise gab dann ein letzter, persönlicher Brief Genschers an Putin den Ausschlag. Es mag Putins taktisches Kalkül vor den Olympischen Spielen in Sotschi gewesen sein - eine PR-Maßnahme also; es mag Mitleid mit einer sterbenskranken Mutter gewesen sein - eine humanitäre Geste; aber es war auch eine Demonstration der Macht: Mit seiner Entscheidung setzte sich Putin wohl auch über interne Kritiker hinweg. Über jene Männer aus dem Sicherheitsapparat, denen mittlerweile auch Putin zu schwach erscheint.

Und dann ging es rasend schnell. Wie nebenbei erklärte Putin auf seiner Jahrespressekonferenz am 19. Dezember 2013, dass Chodorkowski bald freikomme. Am frühen Morgen des 20. Dezember klopfte man gegen 2.30 Uhr an seine Zellentür. Glück gehabt, verdammtes Glück gehabt. Wer weiß, sagt er knapp.

Alles ist möglich - und nichts

Der graue See in Zürich, die niedrigen Decken, das winzige Fenster. Michail Chodorkowski will nach Hause. Seine Heimkehr wäre eine Hoffnung für sein Land. Für ein Land, in dem jederzeit alles möglich ist. Und nichts.

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