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Fragen und Antworten

Offensive in Idlib: Steht die letzte und blutigste Schlacht des Syrienkrieges bevor?

Die Truppen von Syriens Machthaber Baschar al Assad sammeln sich in der Provinz Idlib im Nordwesten des Landes. Die Furcht vor einer Gewalteskalation wächst - doch es gibt auch Hoffnungen auf ein baldiges Ende des Krieges.

Eine Familie flüchtet nach russischen Luftangriffen in der Region Idlib im Nordwesten Syriens

Eine Familie flüchtet nach russischen Luftangriffen in der Region Idlib im Nordwesten Syriens

AFP

Sieben Jahre (Bürger-)Krieg, über 400.000 Tote, Millionen Vertriebene - und nahezu täglich kommen aus Syrien neue Schreckensmeldungen. Jetzt steht in der nordwestlichen Provinz Idlib offenbar eine neue Schlacht bevor - sie könnte die blutigste Operation des Krieges werden. Aber auch die entscheidende und damit letzte.

Worum geht es in Idlib?

Idlib ist eine Großstadt im Nordwesten Syriens, rund 50 Kilometer von Aleppo entfernt. Einst lebten dort mehr als 160.000 Menschen, die gesamte Region hatte zu Friedenszeiten fast zwei Millionen Einwohner. Inzwischen sollen dort fast drei Millionen Menschen leben, darunter auch hunderttausende Vertriebene aus anderen Landesteilen.

Idlib gilt als die letzte Rebellenregion in Syrien - islamistische und dschihadistische Kämpfer, unter anderem die terroristische al-Nusra-Front, kontrollieren das Gebiet. Mittlerweile hat die syrische Regierung eine große Zahl an Soldaten und Kriegsgerät am Rande der Provinz zusammengezogen. Beobachter gehen davon aus, dass eine Offensive der Regierungstruppen mit Unterstützung der iranischen und russischen Armee unmittelbar bevorsteht. Am Dienstag hatten russische Kampfflugzeuge zum ersten Mal seit gut drei Wochen Ziele in Idlib bombardiert. Laut Menschenrechtlern sollen die Bombardements eine Bodenoffensive vorbereiten. Bei den Angriffen seien mindestens zwölf Zivilisten getötet worden. Kremlsprecher Dmitri Peskow sprach davon, dass sich in der Provinz "das nächste Terroristennest gebildet" habe. "Wir wissen, dass die syrischen Streitkräfte sich darauf vorbereiten, das Problem zu lösen", sagte er der Agentur Interfax zufolge. Ein Datum für die Offensive nannte er nicht. 

Was wären die Folgen einer Offensive?

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan warnte vor einem Vorrücken der syrischen Regierungstruppen. Es könnte zu einem "Massaker" führen, sagte er laut Zeitung "Hürryiet". Die Warnung könnte auch aus Eigeninteresse erfolgt sein. Da die Aufständischen in der Region Idlib keine Ausweichmöglichkeit innerhalb Syriens haben, drohen erbittert Kämpfe - und womöglich eine Massenflucht in die benachbarte Türkei oder weiter nach Europa. Erdogan hoffe nun auf ein "positives Ergebnis" des Gipfeltreffens mit dem Iran und Russland in Teheran. Vor allem die Zusammenarbeit mit Russland sei "jetzt sehr wichtig". Die Türkei verstärkte nach Angaben der Nachrichtenagentur Anadolu ihre Militärpräsenz in der Grenzregion erheblich.

Was sagen die Vereinten Nationen zur möglichen Schlacht um Idlib?

Der UN-Sicherheitsrat will sich noch in dieser Woche mit der erwarteten Offensive auf die Rebellenhochburg Idlib in Syrien befassen. Ein entsprechendes Treffen sei für Freitag angesetzt, sagte US-Botschafterin Nikki Haley, deren Land im September die monatlich rotierende Präsidentschaft des Gremiums innehat, vor Journalisten in New York. "Idlib ist ernst", sagte Haley. "Das ist eine tragische Situation." 

Die Vereinten Nationen warnten vor der größten humanitären Katastrophe im 21. Jahrhundert. Die Welt dürfe nicht "schlafwandlerisch" in diese Krise gehen, sagte UN-Nothilfekoordinator Mark Lowcock angesichts der geschätzten rund drei Millionen Zivilisten (davon etwa eine Million Kinder) in der Provinz im Nordwesten des Bürgerkriegslandes.

Wie verhält sich die Bundesregierung?

Außenminister Heiko Maas (SPD) kommt in Ankara am Mittwoch unter anderem mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan zusammen. Bei dem Regierungsgespräch wird es auch um Syrien gehen.  Die Türkei wünscht sich die Hilfe der Bundesregierung kurz vor der Offensive gegen die letzte Rebellenhochburg Idlib nahe der türkischen Grenze. Maas sagte noch vor seiner Abreise: "Wir werden alles dafür tun, um eine humanitäre Katastrophe in Idlib zu verhindern." 

Welche Rolle spielen die USA?

Angesichts des befürchteten Angriffs der syrischen Armee und ihrer Verbündeten auf die Rebellenhochburg Idlib haben die USA eine scharfe Warnung an das Assad-Regime gerichtet. Falls die syrischen Truppen erneut Chemiewaffen einsetzen sollten, würden die USA und ihre Verbündeten darauf schnell und "in angemessener Weise" reagieren, erklärte eine Sprecherin von US-Präsident Donald Trump. Man beobachte die Situation genau. Das russische Verteidigungsministerium hatte allerdings Rebellen schon mehrmals vorgeworfen, Chemiewaffenangriffe vorgetäuscht zu haben.

Steht das Ende des Syrienkrieges bevor?

In der Tat haben Syriens Regierungstruppen, unterstützt von Russland und Iran, zuletzt wichtige Gebiete eingenommen. So die lange umkämpfte Region Ost-Ghuta bei Damaskus mit zerstörten Städten wie Harasta und Duma. Auch die Provinz Daraa im Süden, wo der Aufstand 2011 begann, brachte Assad wieder unter Kontrolle. Idlib ist die letzte Bastion der Aufständischen.

Assad betont immer neu, dass er jeden Winkel des Landes wieder unter seine Herrschaft bringen will. Wenn nötig, mit aller Gewalt. Echter Frieden zeichnet sich nach über sieben Jahren Gewalt und Leid nicht ab, von einem Ausgleich zwischen den verfeindeten Parteien ist gar nicht zu reden. Russische Offiziere kommentierten: "Überleben ist besser als der Tod, ein schlechter Friede ist besser als Krieg."

Können die Geflüchteten bald in ihre Heimat zurückkehren?

Bislang sind, so berichten die UN, nur wenige Tausend Flüchtlinge aus dem Ausland heimgekehrt. Syrien ist berüchtigt für die Folterkeller der Sicherheitsdienste. Menschenrechtler beklagen, Zehntausende seien in Gefängnissen verschwunden. Sie befürchten, viele davon könnten zu Tode gefoltert worden sein. Wer immer im Verdacht steht, mit der Opposition sympathisiert zu haben, muss auch als Heimkehrer mit Verhaftung und einem solchen Schicksal rechnen. 

Weil Syriens Militär nach vielen Jahren Krieg ausgelaugt ist, droht jungen Männern auch die Zwangsrekrutierung. Mehr als 50.000 seien seit April in eroberten Gebieten eingezogen worden, meldete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. 

Eine Schätzung der Weltbank von 2017 besagt, dass fast ein Drittel aller Häuser Syriens beschädigt oder völlig zerstört ist, die Wirtschaft liegt am Boden. Insgesamt keine guten Voraussetzungen für eine baldige Rückkehr der Menschen - und noch kann von Frieden in Syrien ohnehin keine Rede sein.

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wue mit Material von DPA und AFP