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Vormarsch der IS-Miliz Die neuen Allianzen im Nahen Osten


Die Wucht des Islamischen Staats wirbelt das Freund-Feind-Denken im Nahen Osten durcheinander: Der Iran schließt eine Allianz mit den USA nicht aus. Und könnte vielleicht Baschar al Assad helfen?
Von Niels Kruse

Im Nahen Osten gilt seit langer Zeit: Jeder gegen jeden und alle gegen Israel. Auf den jüdischen Staat als Feindbild konnten sich die meisten arabischen Länder bislang einigen, selbst wenn sie sich gegenseitig nicht ausstehen konnten oder können, wie etwa Iran und Saudi-Arabien. Die Nischen, in denen sich die beiden großen Vertreter der wichtigsten islamischen Strömungen eingerichtet hatten, sind in den letzten Jahren unbequemer geworden – vor allem mit Beginn des Arabischen Frühlings. Seitdem aber die Dschihadisten des (sunnitischen) "Islamischen Staats" die Macht in Teilen Syriens und dem Irak an sich gerissen haben, ist die Unbequemlichkeit einer Panik gewichen, die längst über die Region hinauswirkt.

Beispiel USA

Die Vereinigten Staaten haben mit dem Sturz von Saddam Hussein im Irak eine Dauerkrise ausgelöst und mit "ihrem" Mann in Bagdad", Nuri al Maliki, einen Präsidenten unterstützt, der auf das sensible Gleichgewicht von Schiiten (60 Prozent der Bevölkerung) und Sunniten (35 Prozent der Bevölkerung) wenig Rücksicht genommen hat. Die Folge ist ein so gut wie zerfallender Staat, in dem sich der IS breitmachen konnte. Vom Westen im Allgemeinen und den USA im Besonderen, wird nun erwartet, dass sie die Islamisten wieder verjagen.

Nur wie? Bislang fliegt die US-Air-Force Luftangriffe auf die Dschihadisten-Kämpfer. Das alleine wird die Steinzeit-Islamisten kaum stoppen, zumal Washington den Einsatz von Bodentruppen bereits ausgeschlossen hat. Soll man so eine Armee bekämpfen, der es weder an Motivation noch an Geld fehlt und die es sich gleich auf dem Gebiet von zwei Staaten breitgemacht hat? US-Präsident Barack Obama wird in wenigen Tagen seinen Aktionsplan vorstellen, bei dem es vor allem um eine internationale Zusammenarbeit gehen wird.

Stand jetzt sind die vermutlich effektivsten Partner auch die abwegigsten: das Assad-Regime und die Iraner – bislang Erzfeinde der USA. Beide Seiten haben bereits angeboten, im Kampf gegen die IS mitzuhelfen. Syrien, beziehungsweise dass, was davon übrig ist, möchte als Partner einbezogen werden, stößt mit diesem Wunsch aber in Washington auf Widerstand, weil dort Baschar al Assad als unerwünschte Person gilt. Nichtsdestotrotz haben die Luftstreitkräfte beider Nationen am Wochenende Stellung der Terrormiliz bombardiert – die einen im Westen, die anderen im Nordosten Syriens, abgesprochen aber seien die Angriffe nicht, heißt es offiziell.

Beispiel Iran

Der Iran steht bei den USA seit mehr als 30 Jahren ganz oben auf der Liste des Bösen. Seit ein, zwei Jahren sendet die Regierung in Teheran Zeichen der Entspannung Richtung Westen, die dort auf wohlwollende Skepsis stoßen. Die unglaubliche Brutalität der Dschihadisten aber scheint die beiden Erzfeinde USA und Iran zusammenzurücken. Zumindest die Mullahs schließen nicht einmal mehr eine Kooperation mit den USA aus – Worte, die vor wenigen Monaten noch undenkbar waren. Die USA aber haben sich bislang nicht zu dem Angebot geäußert, aber strategisch könnte diese Allianz interessant werden: Die Amerikaner fliegen weiterhin Luftangriffe, Truppen der (schiitischen) Iraner kämpfen am Boden mit den (sunnitischen) Extremisten.

Beispiel Arabische Liga

Auch die traditionell uneinige Arabische Liga will den Terror der Dschihadisten-Gruppe bekämpfen. Wie genau, bleibt aber vage. Von den Außenministern der Mitgliedstaaten ist nur zu hören, dass sie notwendige Maßnahmen gegen terroristische Gruppen wie den IS ergreifen wollen, wie der Vorsitzende, Nabil al Arabi, nach einem Treffen wolkig sagte. Die US-Luftangriffe im Nordirak etwa wurden nicht begrüßt, Alternativen aber auch nicht benannt.

Die Wucht der Terrormiliz des Islamischen Staats bringt das über jahrzehnte gepflegte Freund-Feind-Denken im Nahen Osten durcheinander. Plötzlich könnten sich Allianzen bilden, die vor wenigen Monaten noch undenkbar schienen - und vermutlich sind einige auch nötig, um überhaupt eine Chance gegen die Extremisten zu haben.


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