HOME

FDP-Parteitag in Nürnberg: Bum-Bum-Brüderle

Die Umverteilungspläne, die Rot-Grün schmieden, dopen den FDP-Spitzenkandidaten Rainer Brüderle - endlich kann er wieder so tun, als stünden die Russen vor der Tür.

Eine Analyse von Lutz Kinkel

Eines muss man Rainer Brüderle lassen - er beschickt die liberalen Stammtische der Republik so gut wie kein anderer. Gefühlt alle 30 Sekunden hat er in seiner Rede auf dem FDP-Parteitag in Nürnberg einen Schenkelklopfer rausgehauen. Als akkustische Untermalung sind nur zwei Sounds denkbar: das scheppernde Zusammenstoßen von zwei randvollen Bierkrügen, oder eben - ufftäääh, ufftääh, ufftähh.

Eine kleine Auswahl der Zitate:

"Für mich ist er der Graf Dracula der deutschen Mitte."
(über Jürgen Trittin, Spitzenkandidat der Grünen)

"Claudia Roth ist die betroffenheitspolitische Sprecherin der Grünen."
(über Grünen-Parteichefin Roth)

"Eine Anleitung zum Unglücklichsein"
(über das Wahlprogramm der Grünen)

"Das riecht nach Mittelalter - ohne Wasserspülung"
(über die Gesellschaftspolitik der Grünen)

"Er sagte, er sei eine arme Sau. Das ist nicht meine Wortwahl. Aber die Analyse ist richtig."
(über den Auftritt von SPD-Parteichef Sigmar Gabriel beim Grünen-Parteitag)

"Steinbrück ist zum sozialistischen Zauberlehrling geworden"
(über den SPD-Spitzenkandidaten Peer Steinbrück)

"Wer morgens aufsteht und zum Sozialamt geht, wird in Pampers gewickelt. Wer morgens zur Arbeit geht, kommt abends gedeckelt nach Hause."
(über rot-grüne Steuerpläne)

"Ökosozialistische Hirnspinnerei"
"Das sind die Abkassierparteien"
(über Rot-Grün)

Ähnlichkeiten mit Oskar Lafontaine

... und so weiter und so fort. Und nach jeder dieser Parolen lauscht Brüderle mit schelmischen Lächeln seiner Wirkung nach. Und nach jeder dieser Parolen lachen viele Delegierte im Saal. Weil sie wissen: Brüderle gibt dem Affen nicht nur Zucker. Er versenkt ihn in Zucker. Das ist die Funktionsweise einer Büttenrede, deshalb ist sie nur mit Humor zu nehmen.

Andererseits freuen sich die Delegierten auch, weil Brüderle ihnen sagt, was sie dem Volk am Wahlstand eintrichtern sollen. Was sich auf FDP-Postkarten drucken lässt. Womit sie von beschämter Defensive auf krachende Offensive umschalten können. Brüderle ist mit dieser Fähigkeit dem ehemaligen Linken-Parteichef Oskar Lafontaine nicht unähnlich. Auch er kann bei öffentlichen Auftritten jede Misere einfach wegdröhnen. Die Liberalen liegen in der jüngsten bundesweiten Umfrage bei vier Prozent.

Für Brüderle, das macht seine Rede deutlich, sind die Steuerpläne von Rot-Grün ein Geschenk. Sie erlauben es ihm, die FDP wieder auf einen uralten Kurs einzuschwören, als Klientelpartei des Mittelstands. Als Hüterin der freien, nicht unbedingt sozialen Marktwirtschaft. Als Watchdog der Union, der aufpasst, dass der Koalitionspartner nicht zu weit nach links abdriftet. Es ist genau diese Positionierung, mit der Brüderle, 67, vor Jahrzehnten politisch sozialisiert wurde. Zu den Zeiten des Kalten Kriegs, als sich noch mit der Angst vor den Russen Politik machen ließ. Brüderles Russen sind Rot-Grün, die er immerfort "sozialistischer" Umtriebe bezichtigt. Und da reicht es, wenn die FDP dagegen hält. Ein "Bollwerk" ist, um es mit Bürderle zu sagen, der aus dem Wortschatz des Kalten Kriegers schöpft.

Als hätte es die Boygroup nie gegeben

Es ist, als wäre die Revolution der Boygroup - Philipp Rösler, Daniel Bahr, Christian Lindner - nur ein buntes Zwischenspiel gewesen. Als wäre der "mitfühlende Liberalismus" zwar ein paar Meter gelaufen, dann aber mit dem Kopf gegen eine Mauer gestoßen. Es ist, als hätten Lindner, Wolfgang Kubicki und andere nie eine neue sozialliberale Koalition im Bund angedacht. Die FDP kehrt mit Brüderle wieder in die 80er Jahre zurück, in die Ära Kohl. Selbst Guido Westerwelle war da noch nicht der tonangebende Mann. Zurück in die Zukunft, jetzt. Das ist Brüderles Credo in Nürnberg.

Das Thema Mindeslohn, über das sie die Delegierten am Vortag so hitzig gestritten haben, streift Brüderle nur indirekt, mit einer Bemerkung zur Diskussionskultur der Partei. Es soll sich auch keiner täuschen lassen: Dies ist nicht der große politische Schwenk der Partei, sondern nur eine kleine Reparaturmaßnahme, die signalisieren soll, dass die FDP die kleinen Leute nicht völlig vergessen hat. Aber sie stehen natürlich nicht im Fokus der Brüderle-Rede. Seine Adressaten sind: der Mittelstand. Die Wirtschaft. Und der Staat, der sparen und die Bürgerrechte achten soll. Brüderle kündigt für die kommende Legislaturperiode an, den Soli abzuschaffen. Die Vorratsdatenspeicherung, so wie sie sich CDU und SPD vorstellen, nicht zuzulassen. In Europa jedes Finanzierungsinstrument, das Schulden vergemeinschaftet ("Zinssozialismus"), zu verhindern.

An den Feinden wachsen

Eine Partei im Passiv. Brüderle im Kampfmodus. Er kann wieder genug Feinde aufzählen, an denen die Liberalen wachsen können. Eigene Gesellschaftsentwürfe sind bei dieser Art Wahlkampf nicht nötig. Hier haben die Liberalen von Kanzlerin Angela Merkel gelernt. Wer sich zu genau festlegt, macht sich angreifbar. Wer hingegen inhaltlich schwammig bleibt, gewinnt taktischen Spielraum. Bum-Bum-Brüderle will ihn nutzen. Und womöglich geht sein Kalkül auf. Die Liberalen, das sind die letzten freien Radikalen auf dem politischen Markt, das "Upgrade der CDU", wie es Bürderle formuliert. Es ist kein moderner, aber ein vertrauter Sound.